the dark knight (christopher nolan, usa 2008)

Veröffentlicht: Juli 30, 2008 in Film
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Normalerweise versuche ich mich von Zahlen ja nicht beeindrucken zu lassen, aber im Falle von Nolans Fortsetzung seiner 2005 mit BATMAN BEGINS begonnenen Filmserie möchte man ihnen eine gewisse Relevanz nicht absprechen. Während andere schwindende Zuschauerzahlen beklagen, hat Warner mit THE DARK KNIGHT mächtig abgeräumt. Man könnte kritisch einwenden, dass die Zuschauer, die für den Film gezahlt haben, ihn zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht kannten, ihre bloße Präsenz also noch nichts über die Qualität dessen Films aussagt, noch nicht einmal darüber, ob ihnen der Film denn dann auch gefallen hat. Die absurd hohen Wertungen in der IMDb sprechen aber eine deutliche Sprache …

Aber der Reihe nach: Anders als BATMAN BEGINS ist THE DARK KNIGHT kein Film, der sich schon durch seinen Vordergrund aufdrängt: Die braun getünchte Düsternis des Vorgängers ist einem Blaugrau gewichen, dass man fast schon als naturalistisch bezeichnen möchte. Tatsächlich erinnert nur noch die Anwesenheit Batmans selbst daran, dass dies hier ein Comicverfilmung ist, ansonsten ist es Nolan und Goyer gelungen, alle im Vorgänger noch vorhandenen Reste von Fantastik zu kappen und THE DARK KNIGHT als realistische Großstadt-Crime-Oper erscheinen zu lassen. Damit gewinnt der Film Plausibilität, Relevanz und Glaubwürdigkeit, gleichzeitig opfert er aber auch den für einen solchen Eventfilm nicht ganz unwichtigen Aspekt der Überwältigung. Es gibt keine bahnbrechenden Effekte, keine sich aufdrängenden Gimmicks, kein sich unauslöschlich einbrennendes Bild. Selbst der Titelheld wird beinahe an den Rand des Films gedrängt. Vielleicht ein Vorteil, denn Oberflächenreize nutzen sich in der Regel schnell ab: Nolans Interesse gilt nicht der Filmisierung von Comicbildern, sondern der Geschichte, er zielt auf Substanz, nur ist die eben nicht immer bei Erstsichtung zu erkennen und entsprechend zu würdigen. Und dann: Die Geschichte um den dunklen Rächer im Fledermauskostüm mag geschickt aktualisiert worden sein – THE DARK KNIGHT thematisiert die Frage, wie man einem Verbrecher begegnet, der kein rationales Ziel verfolgt, dessen Handlungen auf keinem logisch aufgebauten Wertesystem fußen, der also nicht erpress- und einschüchterbar ist – aber letztlich ist es doch immer die gleiche Geschichte um das Recht, das man nicht ohne Verluste einfordern kann, um die Ambivalenz des Vigilanten, der das Gute will und dabei unweigerlich das Böse schafft, um das Heldentum, das sich nicht immer in der großen Tat, sondern oft in der Verweigerung einer solchen zeigt. Versteht man THE DARK KNIGHT als Reaktion auf gegenwärtige reale Bedrohungen, so stellt sich zudem die Frage, ob man diese nicht unterschätzt, wenn man ihnen unterstellt, ihnen ginge es nur darum, „die Welt brennen sehen“ zu wollen. Selbst die Psychose des Jokers wird hergeleitet: Sein Amoklauf ist letztlich die Rache für in der Kindheit erlittene Misshandlungen, Ausdruck eines aus den Fugen geratenen Moralempfindens.

Dass THE DARK KNIGHT von den Fans auf Gedeih und Verderb zum modernen Klassiker hochgepusht werden soll, wird nirgends so offensichtlich wie in der Würdigung, die Heath Ledger für die Darstellung des Jokers erfährt. Sein trauriges Schicksal, das ihn auf Ewig mit dem grinsenden Psychopathen mit dem Clownsgesicht verbinden wird, lässt einen unweigerlich an Brandon Lee denken (sogar das Make-Up erinnert an THE CROW), und das verleiht jeder Sekunde seiner Präsenz den Ruch von Legende. Seine Leistung ist gut, aber bestimmt nicht der Geniestreich, als der sie ausgerufen wird – vieles erledigt die einmalig effektive Maske für ihn. Das wird auch daran deutlich, dass Nolan die Ausbrüche des Jokers mit einem texaschainsawmassakeresken Quietschen auf der Tonspur unterlegt, um die unberechenbare Bedrohung zu suggerieren, die Ledgers Joker leider vermissen lässt. Das sich immens schnell abnutzende Schmatzen und Lippenlecken hat er sich wohl von Kinski abgeschaut, sein Gehabe zwischen geckenhafter Clownerie und rasendem Choleriker diversen anderen Kinopsychopathen: Der Gary Oldman der Neunzigerjahre fällt einem dabei etwa ein. Das führt mich zu dem Schauspieler, der vielleicht das unbemerkt schlagende Herz des Films ist. In seiner Leistung zeigt sich zum einen, welchen Wandel ein Schauspieler vollziehen kann, zum anderen, dass große Leistungen auch (und vor allem) in vermeintlich kleinen, unspektakulären Rollen möglich sind. Dem hinter seiner Brille und dem ausgefransten Schnurrbart unscheinbar dreinblickenden Lt. James Gordon verleiht er eine Menschlichkeit und eine Größe, die solchen Figuren für gewöhnlich nicht einmal annähernd zukommt. Im Schatten der großen tragischen Figuren des Films – Batman, Joker, Harvey Dent – ist er derjenige, an dem sich die inneren Kämpfe des Gesetzeshüters am nachdrücklichsten zeigen, gerade weil er die große Geste vermeidet.

Ich möchte es diesem Film hoch anrechnen, dass er mich fragend aus dem Saal entlassen hat, mir die Möglichkeit gegeben hat, an ihm zu zweifeln, anstatt mich mit seiner Finanzkraft zu überrollen. Wenn ich etwas mit Sicherheit weiß, dann dass THE DARK KNIGHT mehr als andere Filme die Möglichkeit offenbart, mit weiteren Sichtungen zu wachsen, sich zu entfalten. Für den Moment muss ich aber eingestehen, dass ich nicht weiß, was all die Menschen, die diesen Film schon jetzt zum Film des Jahres oder gar zum besten Film aller Zeiten küren, in ihm gesehen haben, das mir so komplett entgangen ist.

Kommentare
  1. Funk, erinnert die Maske nicht vor allem an Conrad Veidt in The man who laughs?

    Feiner Text. Zur letzten Frage eine Hypothese: Ist es nicht Symptom einer Filmindustrie, die sich zwischen Event-Kino und Feel-Good-Movie bewegt, daß der Zuschauer nicht mehr vorrangig den Inhalt des Filmes bewertet, sondern sein Gefühl bei etwas Großem dabeigewesen zu sein?

  2. funkhundd sagt:

    Zu Conrad Veidt: THE MAN WHO LAUGHS kenne ich noch nicht (wohl aber natürlich Veidts berühmte Fratze aus diesem Film). Der Verweis gefällt mir, vor allem, weil sich mit diesem eine schöne Querverbindung zu De Palmas THE BLACK DAHLIA schlagen lässt, in dem nicht nur Aaron Eckhart in einer ganz ähnlichen Rolle wie in THE DARK KNIGHT agiert, sondern auch weil Armond White den in seiner Kritik anführt.

    Deine Hypothese scheint mir stichhaltig, dennoch wirft sie eine Frage auf: WAS verursacht denn jenes Gefühl? Ist es etwas, das dem Film inhärent ist, oder etwas, das nur mit seiner Vermarktung zu tun hat? Diese Frage scheint mir aber kaum beantwortbar zu sein: Ist es ersteres, dann weiß ich eben nicht, wo es in THE DARK KNIGHT zu veorten ist, ist es letzteres, dann müsste ein solcher Erfolg ja leichter wiederholbar sein.

    Vielleicht liegt mein Problem mit dem DARK KNIGHT auch bei mir: Batman war noch nie so mein Held und außer mit BATMAN BEGINS habe ich mich mit allen Verfilmungen schwer getan.

  3. [Hypothesenmodus] Das Gefühl zu vermitteln, bei etwas Wichtigem dabeizusein, ist sicherlich Teil der Marketingstrategie. Die allein reicht nicht aus, ein gewisser Anknüpfungspunkt an die Lebens- und Wunschwelt des Publikums ist bestimmt notwendig.
    Mittlerweile denke ich fast, daß die Filmstudios nur genug Kohle in ein Projekt mit Schauwerten packen und anschließend mit dem finanziellen Aufwand prahlen müssen, um Leute ins Kino zu ziehen. Das ist das Pendant zur Hochphase Hollywoodschen Starkinos. Der Star ist mittlerweile das Bild selbst – das CGI-aufgemöbelte Bild. Da scheint das Publikum ganz dem Marxschen Geldfetisch aufzusitzen. Wow, man läßt uns an diesem Reichtum (per Ansicht des Filmes) partizipieren. Noch ein weiterer Punkt stützt dies. Unter den Top 25 der weltweit erfolgreichsten Filme (sprich: mit den meisten Einnahmen) gibt es genau einen Film, Titanic, der etwas mit der Realität zu tun hat. Alles andere sind Filme in puren Phantasiewelten. Purple Rose, ick hör Dir trapsen. [/Hypothesenmodus]

    Auch wenn Batman nicht Dein Held ist (ich spare mir die Frage, wer dann), probiere doch mal Miller bahnbrechenden Comic The Dark Knight Returns. Ich hatte gehofft, daß Nolans Film darauf beruht. Leider Fehlanzeige.

  4. funkhundd sagt:

    Mir fällt es aber schwer, das von dir Gesagte – das ich nur zu gern unterschreiben würde – auf THE DARK KNIGHT anzuwenden, weil der Film m. E. gar nicht in dem Maße mit Schauwerten um sich schmeißt, wie andere Filme das tun. Das ist ja dann auch das, was mich gleichermaßen enttäuscht wie für ihn eingenommen hat. Hier scheint es mir dann doch tatsächlich die groß aufgezogenen Marketingkampagne zu sein, die eben das Glück hat, sich auf eine Popkulturikone wie Batman stützen zu können.

    Deine Aussage mit der Realität finde ich problematisch: Klar, E. T., LORD OF THE RINGS etc. sind Fantasieprodukte. Dass sie erfolgreich waren, liegt aber natürlich dennoch daran, dass sie etwas mit der Realität zu tun haben – auch wenn sie die nicht direkt thematisieren. Im gegenzug könnte man sagen, dass TITANIC wahrscheinlich weniger deshalb erfolgreich war, weil er sich einer berühmten Katastrophe widmete, sondern weil er eine Liebesutopie aufstellte.

    Und ja, von Miller sollte ich wahrscheinlich tatsächlich mal noch ein paar Sachen nachholen.

  5. kalvingross sagt:

    Die Batman Vermarktung kennt echt keine Grenzen! Rechzeitig zum Kinostart wird dem Fan eine Batman Card mit vielen Motiven aus dem aktuellen Film, aber auch aus früheren oder aus Batman Comics angeboten. Die sogenannte PAYANGO Prepaid Visa Card gibt es ab nächster Woche.
    Davon kann man halten was man will, sieht aber echt super aus, besonders die Karte mit Joker drauf.

  6. tschill sagt:

    Es ergab sich, daß ich doch noch am Bohei um The Dark Knight partizipieren durfte. Nach Ansicht des Filmes erschließt sich mir der Trubel darum noch weniger. Dein „Thriller mit Batman“ trifft es vielleicht am ehesten.
    Wobei ich beim Part „…alle im Vorgänger noch vorhandenen Reste von Fantastik zu kappen und THE DARK KNIGHT als realistische Großstadt-Crime-Oper erscheinen zu lassen…“ doch widersprechen möchte. The Joker legt als Einzelperson eine omnipotente Voraussicht und Allmacht an den Tag, die an die frühen Ausflüge des Kriminalgenres ins Reich der Phantastik (Les Vampires, Die Filme aus der Dr. Mabuse Reihe) verweisen.

    • funkhundd sagt:

      Dass diese Wurzeln und Verweise noch da sind, würde ich nicht bestreiten wollen. Die Figuren selbst sind allesamt pure Phantastik. Aber diese wird nicht mehr zelebriert wie bei Burton oder Schumacher, sondern ganz nüchtern inszeniert als wäre sie ein Faktum. Sie braucht die Anführungsstriche nicht mehr.

  7. […] wie THERE WILL BE BLOOD oder HELLBOY II seinen Zorn spüren. Dass Christopher Nolans Nihilo-Werk THE DARK KNIGHT nur wenig Zustimmung von ihm erfahren würde, war von daher eigentlich abzusehen. Die Schärfe, mit […]

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