12 angry men (sidney lumet, usa 1957)

Veröffentlicht: August 1, 2008 in Film
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Zwölf Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zwölf Männer mit unterschiedlichen Berufen, unterschiedlicher sozialer Herkunft, unterschiedlichen Alters. Zwölf Männer, die außer ihrem Geschlecht nichts miteinander gemein haben. Zwölf Männer, die sich unter anderen Umständen nie begegnet wären und die sich nie wieder begegnen werden. Und doch müssen sie an diesem einen Tag in diesem kleinen Raum zusammen sitzen und gemeinsam Einigkeit erzielen. Sie müssen ihre Vorurteile, ihre persönliche Pädisposition ablegen und in diesem Akt gleichzeitig ihre Identität finden. Sie müssen sich positionieren, eigenen Eitelkeiten und Neigungen abschwören und sich ganz in den Dienst einer Sache stellen, die in diesem Moment an diesem Ort die einzig wichtige ist. Die Welt da draußen existiert nicht mehr – und sie wird zugrunde gehen, wenn diese zwölf Männer die falsche Entscheidung treffen. Diese zwölf Männer müssen eine Entscheidung über Leben und Tod treffen.

12 ANGRY MEN ist ein Film radikaler Verdichtung. 90 Minuten lang ist der Zuschauer mit den zwölf Männern in einem kleinen Raum gefangen, dessen Wände im Verlauf der Spielzeit immer enger zusammenzurücken scheinen – Lumets beispiellose Bildregie erzielt diesen Effekt mit dem graduellen Wechsel von Linsen kurzer zu Linsen langer Brennweite und der kontinuierlichen Absenkung der Perspektive –, auf dem die drückende Hitze lastet, bevor sie sich in einem heftigen Wolkenbruch entlädt. Ganze drei Minuten entkommt der Zuschauer dieser Enge: während der kurzen Exposition und einer Szene in der angrenzenden Toilette. 12 ANGRY MEN ist ein Film über die Pflicht, die Ketten, die sie uns auferlegt, aber auch über die Befreiung, die sie uns bringen kann: Es geht nicht darum, was die Männer wollen, ob ihnen ihre Situation gefällt, nicht darum, wie sie die Situation so beeinflussen können, dass sie den für sie besten Ausgang nimmt. Es geht um einen vollkommen fremden Menschen, der zwar nicht körperlich anwesend, aber dennoch immer präsent ist (man beachte die kongenial eingesetzte Überblendung vom Gesicht des Angeklagten hin zum Beratungsraum der Geschworenen), den Raum noch enger macht als er es ohnehin schon ist. Diesen Menschen dürfen die zwölf Männer weder vergessen, noch darf seine Präsenz sie zu sehr beeinflussen. Sie sind nicht dazu da, ihm einen Gefallen zu tun, dennoch sind sie ihm vollkommen verpflichtet, verschwindet für die Zeit ihres Aufenthalts alles, was sonst noch existiert. Nur in der totalen Hingabe, die auch Selbstaufgabe bedeutet, können sie frei werden.

12 ANGRY MEN ist ein amerikanischer, ein politischer Film. Er ist ebenso mahnend wie feierlich. Er sagt, dass das System, auf dem dieses Land fußt, nur so gut ist, wie die Menschen, die es bevölkern. Es bildet lediglich den Rahmen, der mit Inhalt gefüllt, den Boden, der bestellt werden will. Dieses System will gelebt und geliebt werden. Es braucht Aufopferung, Hingabe, Opferbereitschaft und Pflichtbewusstsein, weil es sich sonst in ein Monster verwandelt. Es muss von allem Menschlichen befreit werden, um menschlich sein zu können. In jeder Sekunde. Das System ist total: Es existiert ganz, immer, überall, in jeder Faser – oder es existiert gar nicht. Aber das System braucht Vertrauen: Es gibt keine Gewissheit, dass es funktioniert. Es belohnt uns nicht, außer durch seine Existenz. Der Maßstab für den Glauben, das Vertrauen, das man in das System steckt, ist einzig und allein das eigene Handeln: 12 ANGRY MEN ist auch ein kantischer Film, der uns daran erinnert, dass wir uns manchmal verneinen müssen, um Mensch zu bleiben.

Aber 12 ANGRY MEN ist auch ein Film über die Ungewissheit: Es geht nicht um die Wahrheit. Die zwölf Männer wissen nicht, ob sie die richtige, die „wahre“ Entscheidung getroffen haben. Aber sie wissen am Ende, dass sie keine andere Entscheidung treffen konnten. 12 ANGRY MEN erzählt auch von der „Reinigung“ unserer Wahrnehmung. Davon, dass es keine unverrückbaren Fakten gibt, dass jedes Faktum durch menschliche Wahrnehmung verunreinigt ist. Der Mensch will nicht wissen, er will glauben. Das belegt Lumet, indem er uns beschwindelt: Die 41 Sekunden, die auf der Stoppuhr von Juror # 2 verrinnen, entsprechen etwa 30 realen Sekunden. Aber wir glauben dem Film. Wir wollen nicht wissen, dass man uns belogen hat. Wir wollen glauben, weil es uns von der Verantwortung befreit. Aber nur mündige Bürger können das System tragen. 12 ANGRY MEN erzählt auch vom Prozess dieses Mündig-Werdens. Er berichtet von einer Geburt. Denn das System muss immer wieder neu auf die Welt gebracht werden.

12 ANGRY MEN ist ein totaler Film. Er ist richtig, in jeder Sekunde. Und er ist menschlich, weil er stets sachlich bleibt. Am Ende gehen die zwölf Männer auseinander. Jeder seinen eigenen Weg, zurück in sein eigenes Leben. An diesem Tag haben sie bewiesen, dass sie Menschen sind, weil sie sich selbst vergessen haben. Zusammen haben sie die Welt am Leben gehalten. Für diese Stunden waren sie die einzigen Menschen, allein. Jetzt trennen sich ihre Wege für immer. Niemand wird sich an sie erinnern, schon morgen ist ihre Tat vergessen. Sie nehmen nichts mit und dennoch haben sie etwas gewonnen. „What’s your name?“, fragt Juror # 9 Juror # 8 als sie das Gerichtsgebäude verlassen. „Davis.“ – „Mine name’s McCardlle.“, antwortet Juror # 9. „Well, so long.“ – „So long.”

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