Eskalofrío (Spanien 2008 )
Regie: Isidro Ortiz

Der Schüler Santi (Junio Valverde) leidet unter einer Sonnenallergie und zieht deshalb mit seiner Mutter in ein kleines Pyrenäendorf, auf das schon früh am Tag die Schatten der Berge fallen. Neben dem Misstrauen, mit dem die Dörfler den Neuen begegnen, macht Santi noch etwas anderes zu schaffen: Nachts hört er ein Poltern auf dem Dachboden. Und den im Wald gefundenen ausgeweideten Schafen folgt bald auch ein menschliches Opfer. Irgendetwas treibt im Wald sein blutiges Unwesen – und Santi steht schließlich sogar unter Mordverdacht …

ESKALOFRÌO besticht vor allem durch sein stimmungsvolles Pyrenäensetting, das dem Film viele schöne Aufnahmen beschert und für unheimliche Atmosphäre sorgt. Auch die Idee, ein verwildertes Mädchen als „Monster“ zu bescheren, darf durchaus als originell bezeichnet werden. Leider stehen dem Erfolg des Films einige Mängel im Weg: Das Drehbuch ist lückenhaft und gönnt sich ein paar Ungereimtheiten. So scheint die Sonnenallergie eine etwas sehr extravagante Beigabe, wenn man bedenkt, dass dieser keine weitere Funktion zukommt, als den Ortswechsel und das Außenseitertum Santis zu begründen – für den weiteren Verlauf der Handlung spielt sie keine Rolle. Und auch die Figur des Mädchens ist schlampig konstruiert und letzlich unglaubwürdig: Sie müsste viel länger in der Wildnis gelebt haben, als es der Film vorgibt, um diesen Grad der Degenerierung zu erreichen. Und was wohl noch schwerer wiegt: Ortiz versagt völlig dabei, sein Monster auch als Opfer zu zeigen, dem Empathie gebührt. Das Ende deutet durchaus an, dass dies das Ziel des Regisseurs war, aber seine Versuche wirken zaghaft und bleiben letztlich erfolglos. Als Horrorfilm für zwischendurch ist ESKALOFRÌO dennoch zu empfehlen. Und origineller als das 112. Remake eines US-Horrorfilms ist er allemal.

The Strangers (USA 2008 )
Regie: Bryan Bertino

Es war alles anders geplant: Nach dem erfolgreichen Heiratsantrag auf der Hochzeitsfeier des Freundes wollte James (Scott Speedman) seine Kristen (Liv Tyler) zu einer romantischen Nacht im familieneigenen Ferienhaus entführen, von wo aus am nächsten Morgen eine gemeinsame Reise angetreten werden sollte. Stattdessen hat Kristen den Antrag abgelehnt und die eh schon angespannte Stimmung wird auf die Spitze getrieben als einige unbekannte Vermummte beginnen, ihr böses Spiel mit dem Pärchen zu treiben …

Vor zwei Jahren lief auf dem Festival ein französischer Horrorfilm namens ILS, zu deutsch: THEM, der zumindest als Inspirationsquelle gedient haben dürfte, wenn man THE STRANGERS nicht gar als Remake begreifen muss. Doch Bertino nimmt sich einige Freiheiten mit dem Ausgangsmaterial, die seinem Film leider nicht immer zum Vorteil gereichen. Wo die Bedrohung in ILS lange Zeit immateriell blieb und sich erst spät in der Gestalt von marodierenden Armutskindern manifestierte, rückt Bertino seine menschlichen Buhmänner schon relativ schnell ins Bild und nimmt damit früh die Spannung raus. Die unheimlichen Masken, die Tatsache, dass man nie die Gesichter der Peiniger sieht, fängt dies nicht vollkommen auf. Auch wenn Bertino einige sehr beunruhigende Bilder gelingen, die mehr als einmal an Carpenters HALLOWEEN erinnern, läuft THE STRANGERS irgendwann ins Leere. Leider mindert dies auch die Wirkung, die Bertinos Auflösung haben könnte, die eine weiteren wesentlichen Unterschied zu ILS ausmacht. Jener verschenkte mit aufgesetzt wirkender und reaktionärer Sozialkritik Punkte. THE STRANGERS bleibt demgegenüber offener: Wer die Mörder sind, was ihr Motiv ist, darüber darf spekuliert werden, weil es nur wenige Anhaltspunkte gibt. Unter anderen Umständen absolut wünschenswert, aber nachdem sich THE STRANGERS aufreizend lang in Wiederholungen des Immergleichen ergangen hat, hätte man sich doch einen Knalleffekt zum Schluss gewünscht (das angeklebt wirkende und vollkommen überflüssige – aber verzeihliche – shock ending gilt nicht). Streckenweise ist Bertino wirklich ein effektiver Schocker gelungen, der auch ohne große Splattereien äußerst unangenehm ist. Eigentlich wäre nur ein wenig Feintuning nötig gewesen, um aus einen richtig großen Horrorfilm vorzulegen. Das macht sein Versagen aber umso ärgerlicher.

JCVD (Frankreich/Belgien/Luxemburg 2008 )
Regie: Mabrouk El Mechri

Ein Abstecher in seine Heimatstadt führt den Filmstar Jean-Claude Van Damme (Jean-Claude Van Damme) in die Filiale einer Postbank, die just in diesem Moment von drei Verbrechern überfallen wird. Diese nutzen die sich bietende Chance und lassen den Schauspieler nach außen als Drahtzieher des Coups erscheinen. Als hätte der freundliche Van Damme nicht genug Probleme, nachdem er den Kampf um das Sorgerecht seiner Tochter verloren hat …

Vielleicht basiert die Idee für JCVD auf dem vor ein paar Jahren erschienenen NARCO: Schon in jenem spielte Van Damme sich selbst und trat als Muse eines hoffnungslosen Karatekünstlers auf. Aber auch so hatte der belgische Schauspieler mit seinen letzten Werken (u. a. die ausgezeichneten WAKE OF DEATH und UNTIL DEATH) angedeutet, dass er einen zweiten Frühling erleben könnte. Diese Hoffnung bestätigt sich nun mit JCVD. El Mechris begeht zum Glück nicht den Fehler, sich auf den selbstreflexiven Aspekt des Films zu kaprizieren und ihn mit In-Jokes zu überladen. JCVD begnügt sich nicht mit dem Gimmick, dass die Muscles from Brussels sich selbst spielen. Vielmehr hat El Mechri eine bewegende Tragikkomödie gedreht, die die Schattenseiten des Daseins als Actionstar thematisiert und geeignet ist, den gegenwärtigen Stand des Actionkinos und dessen Ruf, der irgendwo zwischen der Einschätzung als hirnloser Unterhaltung und Gewaltverherrlichung pendeln dürfte, zu reflektieren. Van Damme liefert eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab, angesichts derer auch einige formale Fehler verzeihlich sind. El Mechri greift nämlich mit beiden Händen in die technische Wunderkiste der Postproduction und nicht immer kommt das, was er da herauszieht, dem Film zugute. So ist JCVD etwa in ein schmutziges Braungrün gehüllt, dessen Funktion sich nicht ganz erschließt. Eine etwas naturalistischere Umsetzung hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden. Letztlich ist JCVD aber viel zu originell, ungewöhnlich und intelligent und hält mit einem langen, direkt in die Kamera gesprochenen Monolog Van Dammes einen wunderschönen, geradezu magischen Moment bereit. Zusammen mit KUNSTEN A TENKE NEGATIVT der bisher beste Film des Festivals.

Lady Blood (Frankreich 2008 )
Regie: Jan-Marc Vincent

Dieses verspätete Sequel des 18 Jahre alten BABY BLOOD ist wohl ohne Übertreibungen einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe. Schon nach fünf Minuten habe ich aus Gründen des Selbstschutzes das Hirn ausgeschaltet und mich ganz der miserablen Fotografie hingegeben. Die Settings sind von erlesener Hässlichkeit und Charaktere werfen gern fette Schlagschatten an die mit Festbeleuchtung ausgeleuchteten Wände. Gefährliche Mafiosi fahren im Kleinwagen durch die Gegend und eine noble Nacktbar sieht aus, als habe man sie in einer Schanghaier Hafenklause eingerichtet. Absoluter Bodensatz, nahezu unansehbar und viel zu öde, um irgendwelche Meriten als Baddie zu haben.

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Kommentare
  1. Viel Zustimmung zu The Strangers. Habe den Film mit einem nicht-geekigem Publikum gesehen, daß die häufigen Wiederholungen, ein oft genannter Kritikpunkt, mit Gekrietsche auf gleichbleibendem Niveau bedachte. Also effektiv war der Film. Mochte besonders den Aufbau – die emotionale Destabilisierung des Zuschauers durch den Anfang fand ich sehr gelungen.

    Würde neben Halloween noch TCM als Referenzpunkt anfügen. Besonders die Authentizitätsstrategien und das Arbeiten mit einer markanten Tonspur, das imho weit über das vielfach kritisierte Anbrüllen hinausgeht, hat mich an Hoopers Film erinnert.
    Wirklich schade, daß Bertinos Film nur so wenig von einem rundum gelungenen Werk trennt.

    P.S.: Joanna Newsoms *Sprout and the bean* hat doch wohl den diesjährigen Preis *Am besten der Szene angepaßtes Lied* verdient. Should we go outside? Should we go … outside …

  2. Der Außenseiter sagt:

    Aber Funk,

    Du warst anscheinend nie in Belgien. Das „Braungrün“, dessen Funktion sich Dir bei J.C.V.D. nicht erschließt, verweist auf eines der versifftesten Länder Europas. Belgische Städte sind oftmals so trist, vermüllt und erinnern an Ostblock-Kulisse, dass El Mechris Filterwahl schon sehr gallig-treffend ein Viertel in Brüssel „zur Geltung bringt“. 😉

    War wirklich ein tolles Seherlebnis. Der Film ist hervorragend.

    • funkhundd sagt:

      Hi Aussie,

      ganz im Gegenteil, ich war schon sehr oft in Belgien und kann nur sagen, dass ich das Land sehr ins Herz geschlossen habe. Es stimmt schon, dass es dort etwas schmuddelig ist – ich bezeichne es immer als „marode“, aber der Farbstich, den El Mechri gewählt hat, ist für mich filmisch schon viel zu vorbelastet, als dass ich ihn bloß als adäaquate filmische Entsprechung zu belgischer Tristesse begreifen konnte. Möglicherweise ist die Lösung aber tatsächlich so einfach. Die DVD liegt hier auch seit ein paar Wochen rum, vielleicht bringt die Zweitsichtung ja eine neue Erkenntnis.

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