fantasy filmfest 2008: 5. tag

Veröffentlicht: August 25, 2008 in Film, Veranstaltungen
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Summer Scars (Großbritannien 2007)
Regie: Julian Richards

Eine Gruppe von pubertierenden Jugendlichen um den hitzköpfigen Bingo (Cieran Jones) und den freundlichen Paul (Jonathan Jones) begegnet im Wald einem erwachsenen Fremden. Dieser stellt sich als Peter (Kevin Howarth) vor und zeigt reges Interesse an den Spielen der Jugendlichen. Als es Streitereien zwischen den Jungs gibt, kippt allerdings die Stimmung und der zwar etwas merkwürdige, aber doch freundliche Peter zeigt plötzlich sein wahres Gesicht …

Julian Richards‘ Werk als heterogen zu bezeichnen, ist fast noch geschmeichelt. Dem famosen und mit viel Lob bedachten DARKLANDS ließ er den uninspirierten Krimi SILENT CRY folgen und nach dem visionären THE LAST HORROR MOVIE (und einem mir unbekannten Film namens MESSIAH) kommt nun mit SUMMER SCARS ein Werk, das zwar keineswegs schlecht ist, aber dennoch kaum für offene Münder sorgen wird. Eng verwandt mit Rob Reiners STAND BY ME – in beiden geht es um Jugendliche, die ihre kindliche Unschuld verlieren – mutet SUMMER SCARS an wie das kleine Fernsehspiel. Das ist durchaus spannend, routiniert inszeniert und glaubwürdig gespielt, bietet darüber hinaus aber nur wenig. Wenn man über einen Film sagt, er sei „unaufgeregt“ ist das ja eigentlich ein Lob: In diesem Fall hätte es aber ruhig etwas mehr sein dürfen. Seiner eigenen Logik folgend müsste der nächste Richards-Film eigentlich wieder ein Knaller werden …


Dance of the Dead (USA 2008 )
Regie: Gregg Bishop

Aus Unlust und dem Bedürfnis, dem Diskurs auszuweichen, habe ich mir statt des Pflichtfilms WALTZ WITH BASHIR diesen 1.923ten Zombie-Funsplatter-Teeniefilm angesehen, an den sich schon nächstes Jahr kein Mensch mehr erinnern wird, der aber auch nicht ganz so schlimm ist, wie man das eigentlich erwarten durfte. Die Darsteller sind ebenso sympathisch wie ihre Charaktere, allzu hohle Zoten und beifallheischende In-Joke- und Zitatorgien vermeidet Bishop über weite Strecken, dafür sind Kameraarbeit und Schnitt aber eine absolute Katastrophe. Über ein paar gute Ideen verfügt DANCE OF THE DEAD zwar, aber machen wir uns nix vor: Was er betreibt, ist ist reine Bedürfnisbefriedigung. Bishops Film ist das filmische Äquivalent zum Snickers: Es schmeckt (ab und zu), aber man käme nicht auf die Idee, sich davon ernähren zu wollen, auch wenn die Werbung suggeriert, dass das möglich sei. Der frenetische Applaus des Publikums wirft aber die Frage auf, ob sich jemand über diese Tatsache im Klaren ist.

Lat den rätte komma in (Schweden 2008 )
Regie: Tomas Alfredson

Schweden in den frühen Achtzigerjahren: Der 12-jährige Oskar (Kare Hedebrand) wird in der Schule gemobbt, Freunde hat er keine und so muss er die langen dunklen schwedischen Wintertage ganz allein verbringen. Bis ihm EIi (Line Leandersson) begegnet, ein gleichaltriges Mädchen aus der Nachbarwohnung. Eine Freundschaft entsteht zwischen den beiden, weil auch Eli das Gefühl der Einsamkeit nur allzu gut kennt: Sie ist nämlich ein Vampir …

LAT DEN RÄTTE KOMMA IN verdankt Kathryn Bigelows modernem Vampirfilmklassiker NEAR DARK einige Vorarbeit: Auch in Alfredsons Film wird viel Gewicht auf eine elegische Stimmung gelegt, die das vampirische „Lebensgefühl“ widerspiegelt. Dies erreicht Alfredson neben der großartigen Fotografie, die viele einprägsame Bilder der Leere und Dunkelheit malt, vor allem durch einen Verzicht auf einen gängigen Plot. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN erzählt viele kleine Geschichten in seinen knapp zwei Stunden, auf ein bequemes narratives Korsett verzichtet er aber. So läuft sein Film still und gleichmäßig vor sich hin, erweckt den Eindruck, Zeit und Raum seien ausgeschaltet und es könne ewig so weitergehen. Besonders interessant ist – wie könnte es anders sein – die Figur der Eli: Jene muss ein Leben zwischen Kindheit und Geschlechtsreife und somit in der Asexualität leben, was der Film immer wieder explizit thematisiert. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN wirkt dadurch noch über sein Ende hinaus: Denn wir als Zuschauer sehen all die Probleme, die auf die Freundschaft zwischen Oskar und Eli zukommen. Oskar wird älter werden und Eli ihre Opfer beschaffen, damit diese den Vampirvirus nicht weiter verbreiten muss, Eli wird jedoch immer in ihrem geschlechtslosen 12 Jahre alten Körper gefangen bleiben. Es klingt wie eine hohle Phrase, aber in diesem Fall trifft sie ausnahmsweise zu: LAT DEN RÄTTE KOMMA IN ist ein leiser Film, der dafür umso nachhaltiger wirkt. Eine Tragödie, ein Melodram, eine schwarze Komödie, ein Horror-, ja vielleicht sogar ein Endzeitfilm: All das ist LAT DEN RÄTTE KOMMA IN. Und immer trifft er den richtigen Ton. Bis hierhin der beste Film des Festivals.

Überraschung, Überraschung: Ein Podcast zum LAT DEN RÄTTE KOMMA In findet sich hier.


Downloading Nancy (USA 2008 )
Regie: Johan Renck

Die 15 Jahre alte Ehe zwischen Nancy (Maria Bello) und Albert (Rufus Sewell) hat längst den Charakter eines Nichtangriffspakts: Liebe und Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden, eine Tatsache, die die psychisch labile Nancy geradwegs in die Katastrophe treibt. Diese wurde in ihrer Kindheit misshandelt und assoziiert Lustgewinn seither mit körperlichem Schmerz, den sie sich holt, indem sie sich Schnittwunden zuführt. Im Internet lernt sie den geschiedenen Louis (Jason Patric) kennen, mit dem sie eine Zweckbindung eingeht: Er soll sie aus ihrem tristen, hoffnungslosen Leben befreien. Doch Louis verliebt sich in die verwundbare Frau …

DOWNLOADING NANCY umweht wie den französischen MARTYRS der Ruch des Skandals: Auf dem Sundance-Festival sorgte Rencks Film für Aufruhr, die Befürchtung, dass er es gerade darauf angelegt habe, bleibt aber zum Glück unbegründet. Exploitativ wird DOWNLOADING NANCY nie, immer hält er die Distanz, nie missbraucht er seine Hauptfigur für billige Effekte. Natürlich hat es immer auch etwas von Elendstourismus, sich auf Spielfilmlänge dem Leiden eines Menschen auszusetzen, dennoch berührt DOWNLOADING NANCY im Inneren, kapriziert sich nicht auf vordergründige Schocks. Er zeichnet das Poträt dreier innerlich vollkommen zerstörter Charaktere, denen es aus eigener Kraft nicht mehr gelingt, ihrem Leben eine Wendung zu geben. „It’s what you feel, not who you are!“ sagt die Psychotherapeutin zu Nancy, als diese empört ist über deren schlagwortartige Notizen. Dass sie nicht mehr in der Lage ist, diese Trennlinie zu ziehen, stürzt Nancy in die Katastrophe. Und Louis, der sich in die zerstörte Nancy verliebt, bringt nicht die Kraft auf, sie von ihrem Wunsch abzubringen. In Christopher Doyles Bildern voller Tristesse und Mittelmaß beobachtet man den unausweichliche Niedergang und ist entsetzt über so viel emotionale Deprivation. Renck erzählt seine Geschichte als Mosaik aus zahlreichen Rückblenden und Zeitsprüngen, das zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber dennoch alles sagt. Was Renck außerdem hoch angerechnet werden muss, ist dass er es vermeidet, seine Geschichte zum kulturpessimistischen Hieb gegen das Internet zu nutzen. Die Verantwortung tragen in DOWNLOADING NANCY die Menschen ganz allein.

Kommentare
  1. […] Anderen hat der Film offensichtlich auch gefallen. […]

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