Archiv für August, 2008

Summer Scars (Großbritannien 2007)
Regie: Julian Richards

Eine Gruppe von pubertierenden Jugendlichen um den hitzköpfigen Bingo (Cieran Jones) und den freundlichen Paul (Jonathan Jones) begegnet im Wald einem erwachsenen Fremden. Dieser stellt sich als Peter (Kevin Howarth) vor und zeigt reges Interesse an den Spielen der Jugendlichen. Als es Streitereien zwischen den Jungs gibt, kippt allerdings die Stimmung und der zwar etwas merkwürdige, aber doch freundliche Peter zeigt plötzlich sein wahres Gesicht …

Julian Richards‘ Werk als heterogen zu bezeichnen, ist fast noch geschmeichelt. Dem famosen und mit viel Lob bedachten DARKLANDS ließ er den uninspirierten Krimi SILENT CRY folgen und nach dem visionären THE LAST HORROR MOVIE (und einem mir unbekannten Film namens MESSIAH) kommt nun mit SUMMER SCARS ein Werk, das zwar keineswegs schlecht ist, aber dennoch kaum für offene Münder sorgen wird. Eng verwandt mit Rob Reiners STAND BY ME – in beiden geht es um Jugendliche, die ihre kindliche Unschuld verlieren – mutet SUMMER SCARS an wie das kleine Fernsehspiel. Das ist durchaus spannend, routiniert inszeniert und glaubwürdig gespielt, bietet darüber hinaus aber nur wenig. Wenn man über einen Film sagt, er sei „unaufgeregt“ ist das ja eigentlich ein Lob: In diesem Fall hätte es aber ruhig etwas mehr sein dürfen. Seiner eigenen Logik folgend müsste der nächste Richards-Film eigentlich wieder ein Knaller werden …


Dance of the Dead (USA 2008 )
Regie: Gregg Bishop

Aus Unlust und dem Bedürfnis, dem Diskurs auszuweichen, habe ich mir statt des Pflichtfilms WALTZ WITH BASHIR diesen 1.923ten Zombie-Funsplatter-Teeniefilm angesehen, an den sich schon nächstes Jahr kein Mensch mehr erinnern wird, der aber auch nicht ganz so schlimm ist, wie man das eigentlich erwarten durfte. Die Darsteller sind ebenso sympathisch wie ihre Charaktere, allzu hohle Zoten und beifallheischende In-Joke- und Zitatorgien vermeidet Bishop über weite Strecken, dafür sind Kameraarbeit und Schnitt aber eine absolute Katastrophe. Über ein paar gute Ideen verfügt DANCE OF THE DEAD zwar, aber machen wir uns nix vor: Was er betreibt, ist ist reine Bedürfnisbefriedigung. Bishops Film ist das filmische Äquivalent zum Snickers: Es schmeckt (ab und zu), aber man käme nicht auf die Idee, sich davon ernähren zu wollen, auch wenn die Werbung suggeriert, dass das möglich sei. Der frenetische Applaus des Publikums wirft aber die Frage auf, ob sich jemand über diese Tatsache im Klaren ist.

Lat den rätte komma in (Schweden 2008 )
Regie: Tomas Alfredson

Schweden in den frühen Achtzigerjahren: Der 12-jährige Oskar (Kare Hedebrand) wird in der Schule gemobbt, Freunde hat er keine und so muss er die langen dunklen schwedischen Wintertage ganz allein verbringen. Bis ihm EIi (Line Leandersson) begegnet, ein gleichaltriges Mädchen aus der Nachbarwohnung. Eine Freundschaft entsteht zwischen den beiden, weil auch Eli das Gefühl der Einsamkeit nur allzu gut kennt: Sie ist nämlich ein Vampir …

LAT DEN RÄTTE KOMMA IN verdankt Kathryn Bigelows modernem Vampirfilmklassiker NEAR DARK einige Vorarbeit: Auch in Alfredsons Film wird viel Gewicht auf eine elegische Stimmung gelegt, die das vampirische „Lebensgefühl“ widerspiegelt. Dies erreicht Alfredson neben der großartigen Fotografie, die viele einprägsame Bilder der Leere und Dunkelheit malt, vor allem durch einen Verzicht auf einen gängigen Plot. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN erzählt viele kleine Geschichten in seinen knapp zwei Stunden, auf ein bequemes narratives Korsett verzichtet er aber. So läuft sein Film still und gleichmäßig vor sich hin, erweckt den Eindruck, Zeit und Raum seien ausgeschaltet und es könne ewig so weitergehen. Besonders interessant ist – wie könnte es anders sein – die Figur der Eli: Jene muss ein Leben zwischen Kindheit und Geschlechtsreife und somit in der Asexualität leben, was der Film immer wieder explizit thematisiert. LAT DEN RÄTTE KOMMA IN wirkt dadurch noch über sein Ende hinaus: Denn wir als Zuschauer sehen all die Probleme, die auf die Freundschaft zwischen Oskar und Eli zukommen. Oskar wird älter werden und Eli ihre Opfer beschaffen, damit diese den Vampirvirus nicht weiter verbreiten muss, Eli wird jedoch immer in ihrem geschlechtslosen 12 Jahre alten Körper gefangen bleiben. Es klingt wie eine hohle Phrase, aber in diesem Fall trifft sie ausnahmsweise zu: LAT DEN RÄTTE KOMMA IN ist ein leiser Film, der dafür umso nachhaltiger wirkt. Eine Tragödie, ein Melodram, eine schwarze Komödie, ein Horror-, ja vielleicht sogar ein Endzeitfilm: All das ist LAT DEN RÄTTE KOMMA IN. Und immer trifft er den richtigen Ton. Bis hierhin der beste Film des Festivals.

Überraschung, Überraschung: Ein Podcast zum LAT DEN RÄTTE KOMMA In findet sich hier.


Downloading Nancy (USA 2008 )
Regie: Johan Renck

Die 15 Jahre alte Ehe zwischen Nancy (Maria Bello) und Albert (Rufus Sewell) hat längst den Charakter eines Nichtangriffspakts: Liebe und Leidenschaft gibt es nicht zwischen den beiden, eine Tatsache, die die psychisch labile Nancy geradwegs in die Katastrophe treibt. Diese wurde in ihrer Kindheit misshandelt und assoziiert Lustgewinn seither mit körperlichem Schmerz, den sie sich holt, indem sie sich Schnittwunden zuführt. Im Internet lernt sie den geschiedenen Louis (Jason Patric) kennen, mit dem sie eine Zweckbindung eingeht: Er soll sie aus ihrem tristen, hoffnungslosen Leben befreien. Doch Louis verliebt sich in die verwundbare Frau …

DOWNLOADING NANCY umweht wie den französischen MARTYRS der Ruch des Skandals: Auf dem Sundance-Festival sorgte Rencks Film für Aufruhr, die Befürchtung, dass er es gerade darauf angelegt habe, bleibt aber zum Glück unbegründet. Exploitativ wird DOWNLOADING NANCY nie, immer hält er die Distanz, nie missbraucht er seine Hauptfigur für billige Effekte. Natürlich hat es immer auch etwas von Elendstourismus, sich auf Spielfilmlänge dem Leiden eines Menschen auszusetzen, dennoch berührt DOWNLOADING NANCY im Inneren, kapriziert sich nicht auf vordergründige Schocks. Er zeichnet das Poträt dreier innerlich vollkommen zerstörter Charaktere, denen es aus eigener Kraft nicht mehr gelingt, ihrem Leben eine Wendung zu geben. „It’s what you feel, not who you are!“ sagt die Psychotherapeutin zu Nancy, als diese empört ist über deren schlagwortartige Notizen. Dass sie nicht mehr in der Lage ist, diese Trennlinie zu ziehen, stürzt Nancy in die Katastrophe. Und Louis, der sich in die zerstörte Nancy verliebt, bringt nicht die Kraft auf, sie von ihrem Wunsch abzubringen. In Christopher Doyles Bildern voller Tristesse und Mittelmaß beobachtet man den unausweichliche Niedergang und ist entsetzt über so viel emotionale Deprivation. Renck erzählt seine Geschichte als Mosaik aus zahlreichen Rückblenden und Zeitsprüngen, das zwar nicht alle Fragen beantwortet, aber dennoch alles sagt. Was Renck außerdem hoch angerechnet werden muss, ist dass er es vermeidet, seine Geschichte zum kulturpessimistischen Hieb gegen das Internet zu nutzen. Die Verantwortung tragen in DOWNLOADING NANCY die Menschen ganz allein.

FFF-Podcast Nr. 4

Veröffentlicht: August 25, 2008 in Uncategorized

Mit einem Tag Verspätung findet sich hier der 4. F.LM-Podcast zum Fantasy Filmfest. Gegenstand unserer Besprechung ist diesmal Bryan Bertinos gemeiner THE STRANGERS. In Bälde erscheint auch der 5. Podcast, ich verrate aber noch nicht, welchen Film wir uns dafür vorgeknöpft haben.

Eskalofrío (Spanien 2008 )
Regie: Isidro Ortiz

Der Schüler Santi (Junio Valverde) leidet unter einer Sonnenallergie und zieht deshalb mit seiner Mutter in ein kleines Pyrenäendorf, auf das schon früh am Tag die Schatten der Berge fallen. Neben dem Misstrauen, mit dem die Dörfler den Neuen begegnen, macht Santi noch etwas anderes zu schaffen: Nachts hört er ein Poltern auf dem Dachboden. Und den im Wald gefundenen ausgeweideten Schafen folgt bald auch ein menschliches Opfer. Irgendetwas treibt im Wald sein blutiges Unwesen – und Santi steht schließlich sogar unter Mordverdacht …

ESKALOFRÌO besticht vor allem durch sein stimmungsvolles Pyrenäensetting, das dem Film viele schöne Aufnahmen beschert und für unheimliche Atmosphäre sorgt. Auch die Idee, ein verwildertes Mädchen als „Monster“ zu bescheren, darf durchaus als originell bezeichnet werden. Leider stehen dem Erfolg des Films einige Mängel im Weg: Das Drehbuch ist lückenhaft und gönnt sich ein paar Ungereimtheiten. So scheint die Sonnenallergie eine etwas sehr extravagante Beigabe, wenn man bedenkt, dass dieser keine weitere Funktion zukommt, als den Ortswechsel und das Außenseitertum Santis zu begründen – für den weiteren Verlauf der Handlung spielt sie keine Rolle. Und auch die Figur des Mädchens ist schlampig konstruiert und letzlich unglaubwürdig: Sie müsste viel länger in der Wildnis gelebt haben, als es der Film vorgibt, um diesen Grad der Degenerierung zu erreichen. Und was wohl noch schwerer wiegt: Ortiz versagt völlig dabei, sein Monster auch als Opfer zu zeigen, dem Empathie gebührt. Das Ende deutet durchaus an, dass dies das Ziel des Regisseurs war, aber seine Versuche wirken zaghaft und bleiben letztlich erfolglos. Als Horrorfilm für zwischendurch ist ESKALOFRÌO dennoch zu empfehlen. Und origineller als das 112. Remake eines US-Horrorfilms ist er allemal.

The Strangers (USA 2008 )
Regie: Bryan Bertino

Es war alles anders geplant: Nach dem erfolgreichen Heiratsantrag auf der Hochzeitsfeier des Freundes wollte James (Scott Speedman) seine Kristen (Liv Tyler) zu einer romantischen Nacht im familieneigenen Ferienhaus entführen, von wo aus am nächsten Morgen eine gemeinsame Reise angetreten werden sollte. Stattdessen hat Kristen den Antrag abgelehnt und die eh schon angespannte Stimmung wird auf die Spitze getrieben als einige unbekannte Vermummte beginnen, ihr böses Spiel mit dem Pärchen zu treiben …

Vor zwei Jahren lief auf dem Festival ein französischer Horrorfilm namens ILS, zu deutsch: THEM, der zumindest als Inspirationsquelle gedient haben dürfte, wenn man THE STRANGERS nicht gar als Remake begreifen muss. Doch Bertino nimmt sich einige Freiheiten mit dem Ausgangsmaterial, die seinem Film leider nicht immer zum Vorteil gereichen. Wo die Bedrohung in ILS lange Zeit immateriell blieb und sich erst spät in der Gestalt von marodierenden Armutskindern manifestierte, rückt Bertino seine menschlichen Buhmänner schon relativ schnell ins Bild und nimmt damit früh die Spannung raus. Die unheimlichen Masken, die Tatsache, dass man nie die Gesichter der Peiniger sieht, fängt dies nicht vollkommen auf. Auch wenn Bertino einige sehr beunruhigende Bilder gelingen, die mehr als einmal an Carpenters HALLOWEEN erinnern, läuft THE STRANGERS irgendwann ins Leere. Leider mindert dies auch die Wirkung, die Bertinos Auflösung haben könnte, die eine weiteren wesentlichen Unterschied zu ILS ausmacht. Jener verschenkte mit aufgesetzt wirkender und reaktionärer Sozialkritik Punkte. THE STRANGERS bleibt demgegenüber offener: Wer die Mörder sind, was ihr Motiv ist, darüber darf spekuliert werden, weil es nur wenige Anhaltspunkte gibt. Unter anderen Umständen absolut wünschenswert, aber nachdem sich THE STRANGERS aufreizend lang in Wiederholungen des Immergleichen ergangen hat, hätte man sich doch einen Knalleffekt zum Schluss gewünscht (das angeklebt wirkende und vollkommen überflüssige – aber verzeihliche – shock ending gilt nicht). Streckenweise ist Bertino wirklich ein effektiver Schocker gelungen, der auch ohne große Splattereien äußerst unangenehm ist. Eigentlich wäre nur ein wenig Feintuning nötig gewesen, um aus einen richtig großen Horrorfilm vorzulegen. Das macht sein Versagen aber umso ärgerlicher.

JCVD (Frankreich/Belgien/Luxemburg 2008 )
Regie: Mabrouk El Mechri

Ein Abstecher in seine Heimatstadt führt den Filmstar Jean-Claude Van Damme (Jean-Claude Van Damme) in die Filiale einer Postbank, die just in diesem Moment von drei Verbrechern überfallen wird. Diese nutzen die sich bietende Chance und lassen den Schauspieler nach außen als Drahtzieher des Coups erscheinen. Als hätte der freundliche Van Damme nicht genug Probleme, nachdem er den Kampf um das Sorgerecht seiner Tochter verloren hat …

Vielleicht basiert die Idee für JCVD auf dem vor ein paar Jahren erschienenen NARCO: Schon in jenem spielte Van Damme sich selbst und trat als Muse eines hoffnungslosen Karatekünstlers auf. Aber auch so hatte der belgische Schauspieler mit seinen letzten Werken (u. a. die ausgezeichneten WAKE OF DEATH und UNTIL DEATH) angedeutet, dass er einen zweiten Frühling erleben könnte. Diese Hoffnung bestätigt sich nun mit JCVD. El Mechris begeht zum Glück nicht den Fehler, sich auf den selbstreflexiven Aspekt des Films zu kaprizieren und ihn mit In-Jokes zu überladen. JCVD begnügt sich nicht mit dem Gimmick, dass die Muscles from Brussels sich selbst spielen. Vielmehr hat El Mechri eine bewegende Tragikkomödie gedreht, die die Schattenseiten des Daseins als Actionstar thematisiert und geeignet ist, den gegenwärtigen Stand des Actionkinos und dessen Ruf, der irgendwo zwischen der Einschätzung als hirnloser Unterhaltung und Gewaltverherrlichung pendeln dürfte, zu reflektieren. Van Damme liefert eine beeindruckende schauspielerische Leistung ab, angesichts derer auch einige formale Fehler verzeihlich sind. El Mechri greift nämlich mit beiden Händen in die technische Wunderkiste der Postproduction und nicht immer kommt das, was er da herauszieht, dem Film zugute. So ist JCVD etwa in ein schmutziges Braungrün gehüllt, dessen Funktion sich nicht ganz erschließt. Eine etwas naturalistischere Umsetzung hätte dem Film besser zu Gesicht gestanden. Letztlich ist JCVD aber viel zu originell, ungewöhnlich und intelligent und hält mit einem langen, direkt in die Kamera gesprochenen Monolog Van Dammes einen wunderschönen, geradezu magischen Moment bereit. Zusammen mit KUNSTEN A TENKE NEGATIVT der bisher beste Film des Festivals.

Lady Blood (Frankreich 2008 )
Regie: Jan-Marc Vincent

Dieses verspätete Sequel des 18 Jahre alten BABY BLOOD ist wohl ohne Übertreibungen einer der schlechtesten Filme, die ich je gesehen habe. Schon nach fünf Minuten habe ich aus Gründen des Selbstschutzes das Hirn ausgeschaltet und mich ganz der miserablen Fotografie hingegeben. Die Settings sind von erlesener Hässlichkeit und Charaktere werfen gern fette Schlagschatten an die mit Festbeleuchtung ausgeleuchteten Wände. Gefährliche Mafiosi fahren im Kleinwagen durch die Gegend und eine noble Nacktbar sieht aus, als habe man sie in einer Schanghaier Hafenklause eingerichtet. Absoluter Bodensatz, nahezu unansehbar und viel zu öde, um irgendwelche Meriten als Baddie zu haben.

ein kleiner nachtrag …

Veröffentlicht: August 24, 2008 in Uncategorized

Zum ach so garstigen neuen Frankoschocker MARTYRS gibt es auf F.LM einen Podcast, an dem auch ich beteiligt bin. Wahrscheinlich sind wir der lebende Beweis dafür, dass die vermeintliche Kontroverse gar keine ist, denn wir sind uns alle über die mäßige Qualität des Films einig – und kollabiert sind wir auch nicht. Hier klicken.

A Nyomozó (Ungarn 2008 )
Regie: Attila Galambos

Der ungarische Pathologe Tibor (Zsolt Anger) lebt ein ereignisloses Leben: Ohne Freunde ist seine einzige Kontaktperson seine Mutter, die allerdings mit Knochenmarkskrebs im Krankenhaus und im Sterben liegt. Eine schwedische Stiftung soll die Operation finanzieren, lehnt aber aufgrund der Mittellosigkeit Tibors ab. Da kommt ihm ein merkwürdiger Mann, der sich „Zyklop“ nennt und Tibor einen Auftragsmord anbietet, gerade recht. Doch am Tag nach dem kaltblütig ausgeführten Mord hat Tibor einen Brief des Toten im Briefkasten und in diesem stellt er sich als verschollener Halbbruder vor. Tibor gerät in den Blick der Polizei und muss nun auf eigene Faust ermitteln …

Galambos gelingt mit A NYOZÒ ein wunderbar lakonischer Film Noir, der durch seinen ungewöhnlichen Helden und die ebenso fahle wie beschwingte Atmosphäre besticht. Tibor ist ein Antiheld wie er im Buche steht: Als Sonderling, der mit dem Tod besser vertraut ist als mit Menschen, lebt er sein ereignisloses Leben bis eben genannter Mordfall und die Kellnerin Edit (Judit Rezes) Abwechslung bringen. Dann wächst Tibor schließlich über sich hinaus, wäscht nicht nur seinen Namen rein, sondern kriegt auch die Frau, an der er am Schluss seine in jahrelanger Routine perfektionierten Schminkkünste ausprobieren darf. A NYOZÒ ist einer dieser Filme, für die man aufs Fantasy Filmfest geht: Ein leiser, kleiner, unspektakulärer Film, den man unter anderen Umständen niemals gesehen hätte, den man nun aber nicht mehr missen möchte. Schön.


Hvordan vi slipper af med de andre (Dänemark 2007)
Regie: Anders Ronnow Klarlund

Während die braven Bürger Dänemarks im Sommerurlaub weilen, räumt die Regierung das Land ordentlich auf: Weil man herausgefunden hat, dass ein Großteil der Steuereinnahmen zugunsten sozialer Abgaben an Arbeitslose, Behinderte, Drogenabhängige und Kriminelle verpulvert wird, die im Gegenzug keinen produktiven Beitrag leisten, werden alle solchermaßen „Verdächtigen“ in Schulen zusammengepfercht und nach einer kurzen Befragung über ihre Rolle in der Gesellschaft exekutiert. Unter den neuen Kandidaten befindet sich auch Sidse (Louise Mieritz), eine Widerstandskämpferin. Und was niemand weiß: Sie arbeitete vorher für die andere Seite …

In dieser bitteren Groteske zeichnet Klarlund nicht weniger als den Untergang der westlichen Sozialstaaten. Um diese weiter finanzieren zu können, müssen nun nämlich gerade jene Menschen weichen, die sie am dringendsten benötigen, sie aber nach Ansicht der Regierung nicht mehr verdienen. HVORDAN VI SLIPPER … der im Titel die Frage stellt „Wie werden wir die anderen los?“ zeigt, was passiert, wenn das typische BILD-Zeitungs-Genörgel über „Sozialschmarotzer“ reale Konsequenzen nach sich zöge. Nun muss jeder beweisen, dass er ein guter Bürger ist: Ein nahezu unmögliches Verfahren, wie die Opfer erfahren müssen. HVORDAN VI SLIPPER … wurde vom Filmfest-Katalog wieder einmal als grelle Komödie beworben, was m. E. einer krassen Fehleinschätzung gleichkommt. Das Lachen bleibt schnell im Halse stecken, das Gezeigte nimmt die Züge einer gleichermaßen absurden wie beängstigend umsetzbaren Dystopie an, die eher erschütternd anzusehen ist. Das ganze Ausmaß der Aktionen der europäischen Staaten – es wird erwähnt, dass auch andere Länder dem dänischen Vorbild folgen und Internierungslager zur Aussortierung „Asozialer“ betreiben – wird am Schluss deutlich, wenn dänische Flüchtlinge nach Afrika fliehen, das innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal nach CHILDREN OF MEN als Hoffnung und Neuanfang fungiert – eine Idee, die auch der mit afrikanischer Volksmusik durchsetzte Soundtrack repräsentiert. HVORDAN VI SLIPPER … ist ausgezeichnet und eignet sich gut für ein Double Feature mit dem norwegischen KUNSTEN A TENKE NEGATIVT, der ebenso die Schrecken der Leistungsgesellschaften porträtiert und so etwas wie die Vorstufe zu Klarlunds Film darstellt.


Jack Brooks: Monster Slayer (Kanada 2007)
Regie: Jon Knautz

Klempner Jack (Trevor Matthews) hat ein Problem: Seitdem er als Kind hilflos mitansehen musste, wie seine Familie von einem Monster ermordet wurde, leidet er unter unkontrollierbaren Aggressionen, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringen. Als sein Abendschullehrer, Professor Crowley (Robert Englund), aber einem uralten Fluch zum Opfer fällt und sich in ein gefräßiges Monstrum verwandelt, beschließt Jack, sich seinen Ängste zu stellen und den Kampf zu suchen …

Knautz drehte mit JACK BROOK: MONSTER SLAYER einen unschuldig-oldschooligen Horrortrashfilm, der mit seinem liebenswürdig gezeichneten Protagonisten zu punkten versteht. Eigentlich ist Knautz‘ Film ein ausgesprochener Genrebastard, der Action-, Fantasy- und Splatterelemente vereint und in das dramaturgische Gewand einer „Origin Story“ hüllt, das man vor allem durch zahlreiche Comicverfilmungen kennen gelernt hat. Somit ist der Titel etwas irreführend: Denn der titelgebende „Monster Slayer“ wird Jack erst zum Schluss des Films, der dann auch gleich das Sequel ankündigt, das ich ausgesprochen gern sehen würde. Von anderen vergleichbaren Filmen hebt sich JACK BROOKS: MONSTER SLAYER ausgesprochen positiv ab, weil er sich nicht in hysterischem Übereifer in hohlen Zoten und unmotiviertem Gesplatter verliert, sondern sich Zeit für den Aufbau und die Entwicklung seiner Gags lässt. Hinzu kommen die sympathischen Darsteller und die herrlich altmodischen Effekte. Billige CGI sucht man vergebens, dazu wird die Tradition des Mannes im Gummianzug auf sehr liebenswerte Art und Weise wiederbelebt. Die DVD ist schon gekauft.


Martyrs (Frankreich/Kanada 2008 )
Regie: Pascal Laugier

Der kleinen Lucie gelingt die Flucht: Mehrere Tage wurde sie in einem baufälligen Fabrikgebäude gefangen gehalten und gequält. 15 Jahre später hat sie ihre Peiniger gemeinsam mit ihrer Freundin Anna ausfindig gemacht und richtet ein Blutbad an. Aber ihr Martyrium ist noch nicht beendet …

MARTYRS wurde von der Festivalleitung mit großen Worten angekündigt, die eigentlich nicht mehr nötig waren. In Cannes bekam MARTYRS, der für das französische Kabelfernsehen produziert wurde, den Ruf des Skandalfilms weg, der nun mit kolportierten Geschichten über kollabierte Zuschauer und Verbotsforderungen unterfüttert und bestätigt werden sollte. Nein, MARTYRS sei mitnichten ein affirmativer Splatterspaß, sondern the real deal, große Kunst, Ende und Anfang des Kinos gleichermaßen. Nach den 90 Minuten MARTYRS muss da jeodch Entwarnung gegeben und Einiges relativiert werden: Laugiers Film ist ein eiskalt kalkulierter Schocker, dessen revolutionärer Zug wohl sein soll, dass er sich gar nicht mehr die Mühe macht, seine breit ausgewalzten Bilder von Schmerz und Pein in einen breiteren narrativen Kontext einzubinden. Wer sich in seinem Interesse für das Horrorgenre aber auch einmal jenseits des Tellerrands umgesehen hat, wird wissen, dass das längst nichts Neues mehr ist (dass MARTYRS am Schluss an eine gemäßigte Version des berüchtigten Foltersegments aus der GUINEA PIG-Reihe erinnert, spricht Bände). Aber Laugier hat mit MARTYRS natürlich den Kniff gefunden, mit dem er den Schabernack zu legitimieren sucht: Schließlich geht es hier ja um das Martyrium und das soll mit den Protagonistinnen eben auch der Zuschauer durchleiden. Warum, wird am Ende auch erklärt, doch mutet diese Erklärung angesichts des auf Provokation gebügelten Rests doch etwas halbgar an. Das Problem an MARTYRS ist sicherlich, dass er seiner geschliffenen Form keinerlei Inhalt, keinerlei Relevanz entgegenzusetzen hat. Im Gegenteil: Nach 60 Minuten gibt es eine harte Zäsur, kippt der Film mit der Einführung einer hinter der Folter steckenden Geheimorganisation aus alternden Bonzen in reaktionären Kintopp um, der die ersten beiden Drittel des Films nahezu ad absurdum führt, bevor es die schicke Pointe am Schluss gibt, die MARTYRS zum schönen Päckchen schnürt. Letztlich ist dieser Film kein visonäres Stück Filmkunst, sondern konventionell erzähltes Genrekino, dass wohl nur Unbedarfte so zu treffen vermag, wie es die Gerüchteküche berichtet. Dass die französische Kultusministerin die verhängte 18er-Freigabe zugunsten einer Freigabe ab 16 gekippt hat, spricht Bände hinsichtlich seines angeblich verstörenden Gehalts. Nichts wird so heiß gegessen wie es auf den Tisch kommt; das gilt auch für diesen Film, den man sich genau einmal anschauen sollte, um festzustellen, dass die „neue Härte“ des Horrorfilms auf dem besten Wege ist, zum alten Hut zu werden.


My Name is Bruce (USA 2007)
Regie: Bruce Campbell

Das kleine ehemalige Goldgräberstädtchen Gold Lick wird von einem alten chinesischen Dämon namens Guandi heimgesucht, der die Seelen der einst in einer Mine verschütteten chinesischen Arbeiter rächen will und sich daran macht, die Bevölkerung zu dezimieren. Doch der junge Jeff weiß Rat: Er ist riesiger Bruce-Campbell-Fan und als solcher der Meinung, sein Idol könne helfen. Kurzerhand entführt er den abgewrackten Filmstar. Doch der ist der Meinung, alles sei nur ein Spiel …

Man muss gar nicht viel schreiben über MY NAME IS BRUCE: Der Film ist eine One-Man-Show Campbells, der sich selbst als eine Realversion seines Helden Ash aus der EVIL DEAD-Reihe spielt. Campbell ist großmäulig und unverschämt, aber vor allem unglaublich feige. Seine Karriere ist ein Witz, der sich in schundigen Produktionen wie der bulgarischen Koproduktion der „Cave Alien“-Sequels perpetuiert. Statt einer Villa in Beverly Hills lebt der Held in einem winzigen Trailer irgendwo im Nichts, sein Auto ist eine Schrottlaube, die Exfrau will mehr Geld, die Schränke sind gefüllt mit halb ausgetrunkenen Schnapsflaschen. Außer ihm selbst hält niemand etwas von ihm: Als „unwiderstehlicher“ Aufreißer bekommt er eine Abfuhr nach der anderen. MY NAME IS BRUCE stellt seinen Helden und den Kult um diesen ganz ins Zentrum eines mit In-Jokes und Referenzen gespickten Films, der sonst natürlich arg unausgegoren ist. Aber das ist eigentlich auch egal, denn die Sprüche und Gags sitzen und dürften all jene, die sich wünschten, Campbell häufiger zu sehen, zufriedenstellen. Der liefert eine absolute Glanzvorstellung ab und der Spaß, den die Beteiligten offenkundig hatten, überträgt sich ohne Reibungsverlust auf den Zuschauer. Eine runde Sache, in der Ted Raimi in drei Rollen auftritt.

Kunsten a tenke negativt (Norwegen 2006)
Regie: Bard Breien

Geirr (Fridtjov Saheim) ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und impotent, schaut den ganzen Tag Kriegsfilme, säuft, kifft und tut auch sonst alles, die Ehe zu Ingvild (Kirstin Eline Torhaug) zu zerstören. In ihrer Verzweiflung lädt diese die populäre Psychologin Tori (Kjersti Holmen) und ihre aus Behinderten bestehende Selbsthilfegruppe ein. Die Bestsellerautorin vertritt eine Therapie des positiven Denkens, die bei Geirr aber nicht nur ins Leere zielt, sondern geradezu nach hinten losgeht …

Das war mal dringend nötig: Ein Film, der dem Friede-Freude-Eierkuchen-Denken, PC- und Selbsthilfe-Irrsinn beherzt ins Gesicht spuckt. Aber es geht in KUNST A TENKE NEGATIVT nicht ums plumpe Dampfablassen, sondern darum, allen Ballast abzuwerfen, um endlich bei Null anfangen zu können. Toris Therapie verfolgt ein anderes Ziel: Sie dient mitnichten der Genesung ihrer Schützlinge, sondern letztlich vor allem dazu, diese möglichst schnell wieder zu produktiven Mitgliedern der Leistungsgesellschaft zu machen oder aber sie wenigstens ruhigzustellen, damit sie anderen nicht länger zur Last fallen. Ihre Methode ist nicht Konfrontation, sondern Verdrängung. An dem Zyniker Geirr muss dies aber abprallen, denn der weiß, dass man auch die Kunst des negativen Denkens beherrschen muss, um glücklich werden zu können, dass es mit der Forderung, alle Sorgen zu vergessen, nicht getan ist. Breiens Film steht ganz in der Tradition skandinavischer Filme wie etwa ADAMS AEBLER, geht sein Thema wie sein Protagonist sehr direkt und ohne Furcht an, bleibt bei dieser Direktheit aber stets glaubwürdig und vor allem menschlich. Wenn Geirr die Initiative ergreift und mit sehr eigenen Methoden die Herausforderung annimmt, seinen Leidensgenossen ihre Lebensfreude und Würde zurückzugeben, dann erinnert das nicht wenig an einen anderen großen humanistischen Filmklassiker, Formans ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST, mit dem Unterschied, dass Geirr kein Außenstehender ist, sondern selbst um seine Ehe und sein Leben kämpfen muss, und seine Patienten keine pathologischen Fälle, sondern „normale“ Menschen sind, denen das Leben übel mitgespielt hat. Die größte Stärke des Films ist sicherlich, dass Regisseur Breien es komplett vermeidet, auf die Tränendrüse zu drücken und auf den billigen Affekt abzuzielen. Wer in KUNSTEN A TENKE NEGATIVT die tabubrechende Radaukomödie gesehen hat (und das sind nicht wenige, wenn man nach den deplatzierten Lachern des leider wieder einmal indisponierten FFF-Publikums geht), dem wird entgehen, dass Breien die Sorgen, Nöte und Ängste seiner Protagonisten sehr Ernst nimmt und sie nicht zu Lachobjekten degradiert. Nur gelingt ihm dies eben nicht durch pietätvolle Dezenz, sondern gerade dadurch, dass er jede Scham und Angst, die den Dialog mit Behinderten oft belasten, über Bord wirft. KUNSTEN A TENKE NEGATIVT ist ein Film, der nötig war. Dass er nicht nur als Diskursanstoß, sondern auch als Film auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, ist keine kleine Leistung. Groß.


Blind (Niederlande/Belgien/Bulgarien 2007)
Regie: Tamar van den Dop

Irgenwann im 19. Jahrhundert: Der Junge Ruben (Joren Seldeslachts) ist blind und lebt mit seiner kranken Mutter zusammen, in einem viel zu großen Haus. Um ihren depressiven Sohn zu beschäftigen stellt die Mutter das Mädchen Marie (Halina Reijn) als Vorleserin ein, ein Albino-Mädchen, das von zahlreiche Narben gezeichnet ist. Zwischen den beiden entsteht eine fragile Liebesbeziehung, die jedoch bald auf eine schwere Probe gestellt wird: Eine Operation soll Ruben das Augenlicht zurückgeben …

Angelehnt an das Märchen „Die Schneekönigin“ von Hans-Christian Andersen erzählt van den Dop eine tragische Liebesgeschichte in kalten, aber wunderschönen Bildern. BLIND ist ein sehr poetischer Film, der ohne jedes Gimmick auskommt, und dem es gelingt, eine über die gesamte Spielzeit konsistente Stimmung zu erzeugen. In BLIND sitzt jedes Bild, jeder Ton am rechten Platz. Nichts an BLIND ist kalkuliert, jede Szene erfüllt einen Zweck im Gesamtzusammenhang des Films, besitzt aber gleichzeitig genug Kraft, auch für sich allein bestehen zu können. Beeindruckend ist BLINDs geschlossene formale Gestaltung, die von einer unterkühlten Farbdramaturgie, wunderschönen Bildkompositionen und einem elegischen Score bestimmt wird. Wenn man einzelne Szenen hervorheben möchte – was eigentlich unmöglich ist –, so sind jene zu nennen, in denen Ruben die Welt mit neuer Sehkraft ausgestattet erkundet: eine Welt, die nicht nur schön erscheint, und eine kurze sinnliche Szene, in der sich Ruben und Marie durch einen dünnen Vorhang hindurch betasten. BLIND ist ein Ausnahmefilm, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Umso schöner, dass er trotzdem gedreht wurde.


Outlander (USA 2008 )
Regie: Howard McCain

Im Norwegen der Eisenzeit landet ein Raumschiff. An Bord befindet sich Kainan (James Caviezel), letzter Überlebender einer außerirdischen Spezies. Er ist auf der Jagd nach dem Mörder seiner Familie: einer drachenartigen Kreatur namens Moorwen. Die Wikinger, die ihn gefangen nehmen, sind zuerst skeptisch, doch nach der ersten Begegnung mit dem Monster, müssen sie einsehen, dass der Fremde vielleicht ihre einzige Hoffnung ist …

Großbudgetierter und aufwändig produzierter Fantasy-Blödsinn, der aber durchweg Spaß macht und dessen einziger nennenswerter Fehlgriff es ist, dass er sich manchesmal ein wenig zu ernst nimmt. Mit zwei Stunden Laufzeit ist OUTLANDER etwas zu lang geraten und viele Szenen werden ausgespielt, obwohl doch sowieso nur bekannte Klischees aufbereitet werden und Andeutungen gereicht hätten. Aber ich will nicht meckern, hatte durchaus Spaß an diesem Film, der mit einem schön designten Monster aufwarten kann und sich in dem Minisubgenre des Wikinger-Crossovers, bestehend aus THE 13TH WARRIOR und PATHFINDER, mit Leichtigkeit an die Spitze setzt.

The Midnight Meat Train (USA 2008 )
Regie: Ryuhei Kitamura

Der Fotograf Leon (Bradley Cooper) kommt bei seinem Versuch, das Leben in der Großstadt einzufangen einem Serienmörder (Vinnie Jones) auf die Schliche. Dieser sucht sich seine Opfer in einem Nachtzug, in dem der gelernte Metzger sie anschließend fachgerecht filettiert, um sie einer unbekannten Bestimmung zuzuführen. Leon muss erfahren, dass seine Stadt ein düsteres Geheimnis hat …

Nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clive Barker drehte Kitamura sein US-Debüt, dass sich nahtlos in sein Werk einfügt. Das bedeutet, dass auch dieser Film wieder über ausgesprochen filigrane Kamera- und Effektarbeit verfügt, auf der inhaltlichen Ebene aber leider zu wünschen übrig lässt. Das kristallisiert sich umso stärker heraus, als Barkers Vorlage eigentlich nur Stoff für einen Kurzfilm bietet und Einiges hinzugedichtet werden musste, um den Stoff auf Spielfilmlänge zu bringen. Dazu wurde eben die Geschichte um den Fotografen eingewoben, die eine reflexive Ebene etabliert und somit eine Lesart ermöglicht, die das Versagen Kitamuras zu erklären dient: Der Fotograf Leon ist nämlich unfähig, seine Vision in Bilder umzusetzen. Jedenfalls lehnt ihn die Ausstellerin Susan Hoff (Brooke Shields) mit diesem Vorwurf ab: Er müsse näher ran an sein Motiv. Und tatsächlich: Als der ehrgeizige Leon jegliche Angst abwirft und auch in Situationen äußerster Gefahr noch „draufhält“, gelingt es ihm, das zu zeigen, was er will. Und so begibt er sich auf die Spur des Killers und damit eben in genau jene Szenen, die Kitamura wohl eigentlich gereizt haben, nämlich jene, die eben im titelgebenden Zug spielen und auf Barkers Geschichte basieren. Hier lässt Kitamura die Kamera über glänzende Metallflächen gleiten, filmt Spiegelbilder in Scheiben, Augen und Blutlachen, arbeitet mit Zeitlupe und Beschleunigung, spielt mit dem Schärferegler und ist sichtlich in seinem Element. Dieser Kreativität gegenüber stehen die Füllszenen um Leons Beziehungsprobleme und Karriereambitionen, die nach Schreibschule riechen, und ein Handlungsstrang, der letzlich nur halbherzig verfolgt wird. Insgesamt ist THE MIDNIGHT MEAT TRAIN durchaus sehenswert und wohl als Kitamuras bisher stärkster Film zu sehen. Allerdings besteht ein Teil seiner Stärke eben daraus, dass er sein Versagen offen thematisiert.

Ein Podcast zum Film findet sich hier.

Eden Lake (Großbritannien 2008 )
Regie: James Watkins

Das Großstadtpärchen Steve und Jenny, eine Kindergärtnerin, fahren für ein Wochenende zum Zelten an den idyllischen Eden Lake, der bald einem Bauprojekt weichen soll. Die Gelegenheit möchte Steve nutzen, seiner Partnerin einen Heiratsantrag zu machen. Doch dazu kommt es nicht, denn am Ziel angekommen machen die beiden Bekanntschaft mit einer Gruppe aufmüpfiger Jugendlicher: Die ersten verbalen Beleidigungen weichen schon bald handfesten Übergriffen, die Situation eskaliert und Steve und Jenny müssen schließlich um nicht weniger als ihr Leben kämpfen …

Großspurig als brutaler Schocker angekündigt entpuppt sich EDEN LAKE leider schon bald als technisch versiert inszeniertes Affektkino, das in Erfüllung seiner Mission, dem Zuschauer kräftig zuzusetzen, leider vergisst, seine Prämisse – Großstädter im Kampf gegen gewaltgeile Prekariatskinder – auch nur annähernd mit Substanz zu unterfüttern. Die Kinder sind eben Asoziale asozialer Herkunft, die als Butzemänner herhalten müssen, um den verweichlichten Zivilisationsmenschen zu zeigen, was eine Harke ist. Die genretypische „Wendung“ – die Großstädter müssen auf die Stufe ihrer Peiniger hinabsteigen, um sie zu besiegen, und dabei erkennen, dass sie ihre animalischen Triebe bisher lediglich besser zu verschleiern wussten – vermeidet EDEN LAKE, gönnt seinen Zusehern somit nicht die mit bitterer Selbsterkenntnis verbundene und damit schmerzliche Katharsis, stärkt aber mit dieser Verweigerung gleichzeitig den Glauben daran, dass das Böse doch irgendwo „da draußen“ und damit „beim Anderen“ liegt. Der zeitgenössischer Technikskepsis und Zivilisationskritik verpflichtete Verweis auf Handyvideos und andere Schweinereien, die Jugendliche heute so treiben, darf dabei natürlich nicht fehlen. Wenn EDEN LAKE dann doch einmal andeutet, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht so leicht zu ziehen sind – etwa wenn Steves Verhalten im Konflikt mit den Kids andeutet, dass ihm deren Verhalten gar nicht so fremd ist, wie er den Anschein vermitteln möcht –, dann wirkt das fast wie ein Zufall, so wenig scheint Regisseur Watkins daran interessiert, irgendetwas jenseits des nackten Thrills zu vermitteln. Doch auch hier liefert EDEN LAKE eigentlich nichts, was man nicht schon gesehen hätte. Und so sehen die Protagonisten dann nach einer Stunde aus, als hätten sie nach dem Schlammcatchen eine ordentliche Blutdusche genommen, um sich für den Rest des Films, in dem Jenny unter anderem in einen mit kotigem Schlamm gefüllten Müllcontainer steigen darf, in Stimmung zu bringen. EDEN LAKE versagt trotz einer ansprechend gestalteten Oberfläche leider auf ganzer Linie, taugt weder als ernst zu nehmender Diskussionsbeitrag noch als Horrorfilm, weil er sklavisch an den Regeln klebt und nie die nötige Souveränität ausstrahlt, der gegenüber man als Zuschauer die Waffen strecken und sich ergeben würde. Die Ekeleffekte sind stets vorhersehbar und immer dem größtmöglichen Effekt geschuldet. Ähnliches gilt für die finale Pointe – und selbst jener Twist ist nichts, worüber man nach Hause schreiben möchte. Als Zuschauer sollte man da einfach die unausgesprochene Warnung an Steve und Jenny beherzigen und sich vom Eden Lake fernhalten …

PS Wie schon im letzten Jahr, als mich BLACK SHEEP „begeisterte“, haben die Festivalmacher es wieder einmal geschafft, ein unterdurchschnittliches Werk zum Eröffnungsfilm zu machen; eine Tradition, von der man sich ruhig mal wieder trennen dürfte: Der letzte gute Opener war meines Wissens AMERICAN PSYCHO und der liegt nun bereits ein knappes Jahrzehnt hinter uns.

PPS Der Podcast zum Film kann hier angehört werden.