Archiv für August, 2008

ein kleiner nachtrag …

Veröffentlicht: August 24, 2008 in Uncategorized

Zum ach so garstigen neuen Frankoschocker MARTYRS gibt es auf F.LM einen Podcast, an dem auch ich beteiligt bin. Wahrscheinlich sind wir der lebende Beweis dafür, dass die vermeintliche Kontroverse gar keine ist, denn wir sind uns alle über die mäßige Qualität des Films einig – und kollabiert sind wir auch nicht. Hier klicken.

A Nyomozó (Ungarn 2008 )
Regie: Attila Galambos

Der ungarische Pathologe Tibor (Zsolt Anger) lebt ein ereignisloses Leben: Ohne Freunde ist seine einzige Kontaktperson seine Mutter, die allerdings mit Knochenmarkskrebs im Krankenhaus und im Sterben liegt. Eine schwedische Stiftung soll die Operation finanzieren, lehnt aber aufgrund der Mittellosigkeit Tibors ab. Da kommt ihm ein merkwürdiger Mann, der sich „Zyklop“ nennt und Tibor einen Auftragsmord anbietet, gerade recht. Doch am Tag nach dem kaltblütig ausgeführten Mord hat Tibor einen Brief des Toten im Briefkasten und in diesem stellt er sich als verschollener Halbbruder vor. Tibor gerät in den Blick der Polizei und muss nun auf eigene Faust ermitteln …

Galambos gelingt mit A NYOZÒ ein wunderbar lakonischer Film Noir, der durch seinen ungewöhnlichen Helden und die ebenso fahle wie beschwingte Atmosphäre besticht. Tibor ist ein Antiheld wie er im Buche steht: Als Sonderling, der mit dem Tod besser vertraut ist als mit Menschen, lebt er sein ereignisloses Leben bis eben genannter Mordfall und die Kellnerin Edit (Judit Rezes) Abwechslung bringen. Dann wächst Tibor schließlich über sich hinaus, wäscht nicht nur seinen Namen rein, sondern kriegt auch die Frau, an der er am Schluss seine in jahrelanger Routine perfektionierten Schminkkünste ausprobieren darf. A NYOZÒ ist einer dieser Filme, für die man aufs Fantasy Filmfest geht: Ein leiser, kleiner, unspektakulärer Film, den man unter anderen Umständen niemals gesehen hätte, den man nun aber nicht mehr missen möchte. Schön.


Hvordan vi slipper af med de andre (Dänemark 2007)
Regie: Anders Ronnow Klarlund

Während die braven Bürger Dänemarks im Sommerurlaub weilen, räumt die Regierung das Land ordentlich auf: Weil man herausgefunden hat, dass ein Großteil der Steuereinnahmen zugunsten sozialer Abgaben an Arbeitslose, Behinderte, Drogenabhängige und Kriminelle verpulvert wird, die im Gegenzug keinen produktiven Beitrag leisten, werden alle solchermaßen „Verdächtigen“ in Schulen zusammengepfercht und nach einer kurzen Befragung über ihre Rolle in der Gesellschaft exekutiert. Unter den neuen Kandidaten befindet sich auch Sidse (Louise Mieritz), eine Widerstandskämpferin. Und was niemand weiß: Sie arbeitete vorher für die andere Seite …

In dieser bitteren Groteske zeichnet Klarlund nicht weniger als den Untergang der westlichen Sozialstaaten. Um diese weiter finanzieren zu können, müssen nun nämlich gerade jene Menschen weichen, die sie am dringendsten benötigen, sie aber nach Ansicht der Regierung nicht mehr verdienen. HVORDAN VI SLIPPER … der im Titel die Frage stellt „Wie werden wir die anderen los?“ zeigt, was passiert, wenn das typische BILD-Zeitungs-Genörgel über „Sozialschmarotzer“ reale Konsequenzen nach sich zöge. Nun muss jeder beweisen, dass er ein guter Bürger ist: Ein nahezu unmögliches Verfahren, wie die Opfer erfahren müssen. HVORDAN VI SLIPPER … wurde vom Filmfest-Katalog wieder einmal als grelle Komödie beworben, was m. E. einer krassen Fehleinschätzung gleichkommt. Das Lachen bleibt schnell im Halse stecken, das Gezeigte nimmt die Züge einer gleichermaßen absurden wie beängstigend umsetzbaren Dystopie an, die eher erschütternd anzusehen ist. Das ganze Ausmaß der Aktionen der europäischen Staaten – es wird erwähnt, dass auch andere Länder dem dänischen Vorbild folgen und Internierungslager zur Aussortierung „Asozialer“ betreiben – wird am Schluss deutlich, wenn dänische Flüchtlinge nach Afrika fliehen, das innerhalb weniger Jahre zum zweiten Mal nach CHILDREN OF MEN als Hoffnung und Neuanfang fungiert – eine Idee, die auch der mit afrikanischer Volksmusik durchsetzte Soundtrack repräsentiert. HVORDAN VI SLIPPER … ist ausgezeichnet und eignet sich gut für ein Double Feature mit dem norwegischen KUNSTEN A TENKE NEGATIVT, der ebenso die Schrecken der Leistungsgesellschaften porträtiert und so etwas wie die Vorstufe zu Klarlunds Film darstellt.


Jack Brooks: Monster Slayer (Kanada 2007)
Regie: Jon Knautz

Klempner Jack (Trevor Matthews) hat ein Problem: Seitdem er als Kind hilflos mitansehen musste, wie seine Familie von einem Monster ermordet wurde, leidet er unter unkontrollierbaren Aggressionen, die ihn immer wieder in Schwierigkeiten bringen. Als sein Abendschullehrer, Professor Crowley (Robert Englund), aber einem uralten Fluch zum Opfer fällt und sich in ein gefräßiges Monstrum verwandelt, beschließt Jack, sich seinen Ängste zu stellen und den Kampf zu suchen …

Knautz drehte mit JACK BROOK: MONSTER SLAYER einen unschuldig-oldschooligen Horrortrashfilm, der mit seinem liebenswürdig gezeichneten Protagonisten zu punkten versteht. Eigentlich ist Knautz‘ Film ein ausgesprochener Genrebastard, der Action-, Fantasy- und Splatterelemente vereint und in das dramaturgische Gewand einer „Origin Story“ hüllt, das man vor allem durch zahlreiche Comicverfilmungen kennen gelernt hat. Somit ist der Titel etwas irreführend: Denn der titelgebende „Monster Slayer“ wird Jack erst zum Schluss des Films, der dann auch gleich das Sequel ankündigt, das ich ausgesprochen gern sehen würde. Von anderen vergleichbaren Filmen hebt sich JACK BROOKS: MONSTER SLAYER ausgesprochen positiv ab, weil er sich nicht in hysterischem Übereifer in hohlen Zoten und unmotiviertem Gesplatter verliert, sondern sich Zeit für den Aufbau und die Entwicklung seiner Gags lässt. Hinzu kommen die sympathischen Darsteller und die herrlich altmodischen Effekte. Billige CGI sucht man vergebens, dazu wird die Tradition des Mannes im Gummianzug auf sehr liebenswerte Art und Weise wiederbelebt. Die DVD ist schon gekauft.


Martyrs (Frankreich/Kanada 2008 )
Regie: Pascal Laugier

Der kleinen Lucie gelingt die Flucht: Mehrere Tage wurde sie in einem baufälligen Fabrikgebäude gefangen gehalten und gequält. 15 Jahre später hat sie ihre Peiniger gemeinsam mit ihrer Freundin Anna ausfindig gemacht und richtet ein Blutbad an. Aber ihr Martyrium ist noch nicht beendet …

MARTYRS wurde von der Festivalleitung mit großen Worten angekündigt, die eigentlich nicht mehr nötig waren. In Cannes bekam MARTYRS, der für das französische Kabelfernsehen produziert wurde, den Ruf des Skandalfilms weg, der nun mit kolportierten Geschichten über kollabierte Zuschauer und Verbotsforderungen unterfüttert und bestätigt werden sollte. Nein, MARTYRS sei mitnichten ein affirmativer Splatterspaß, sondern the real deal, große Kunst, Ende und Anfang des Kinos gleichermaßen. Nach den 90 Minuten MARTYRS muss da jeodch Entwarnung gegeben und Einiges relativiert werden: Laugiers Film ist ein eiskalt kalkulierter Schocker, dessen revolutionärer Zug wohl sein soll, dass er sich gar nicht mehr die Mühe macht, seine breit ausgewalzten Bilder von Schmerz und Pein in einen breiteren narrativen Kontext einzubinden. Wer sich in seinem Interesse für das Horrorgenre aber auch einmal jenseits des Tellerrands umgesehen hat, wird wissen, dass das längst nichts Neues mehr ist (dass MARTYRS am Schluss an eine gemäßigte Version des berüchtigten Foltersegments aus der GUINEA PIG-Reihe erinnert, spricht Bände). Aber Laugier hat mit MARTYRS natürlich den Kniff gefunden, mit dem er den Schabernack zu legitimieren sucht: Schließlich geht es hier ja um das Martyrium und das soll mit den Protagonistinnen eben auch der Zuschauer durchleiden. Warum, wird am Ende auch erklärt, doch mutet diese Erklärung angesichts des auf Provokation gebügelten Rests doch etwas halbgar an. Das Problem an MARTYRS ist sicherlich, dass er seiner geschliffenen Form keinerlei Inhalt, keinerlei Relevanz entgegenzusetzen hat. Im Gegenteil: Nach 60 Minuten gibt es eine harte Zäsur, kippt der Film mit der Einführung einer hinter der Folter steckenden Geheimorganisation aus alternden Bonzen in reaktionären Kintopp um, der die ersten beiden Drittel des Films nahezu ad absurdum führt, bevor es die schicke Pointe am Schluss gibt, die MARTYRS zum schönen Päckchen schnürt. Letztlich ist dieser Film kein visonäres Stück Filmkunst, sondern konventionell erzähltes Genrekino, dass wohl nur Unbedarfte so zu treffen vermag, wie es die Gerüchteküche berichtet. Dass die französische Kultusministerin die verhängte 18er-Freigabe zugunsten einer Freigabe ab 16 gekippt hat, spricht Bände hinsichtlich seines angeblich verstörenden Gehalts. Nichts wird so heiß gegessen wie es auf den Tisch kommt; das gilt auch für diesen Film, den man sich genau einmal anschauen sollte, um festzustellen, dass die „neue Härte“ des Horrorfilms auf dem besten Wege ist, zum alten Hut zu werden.


My Name is Bruce (USA 2007)
Regie: Bruce Campbell

Das kleine ehemalige Goldgräberstädtchen Gold Lick wird von einem alten chinesischen Dämon namens Guandi heimgesucht, der die Seelen der einst in einer Mine verschütteten chinesischen Arbeiter rächen will und sich daran macht, die Bevölkerung zu dezimieren. Doch der junge Jeff weiß Rat: Er ist riesiger Bruce-Campbell-Fan und als solcher der Meinung, sein Idol könne helfen. Kurzerhand entführt er den abgewrackten Filmstar. Doch der ist der Meinung, alles sei nur ein Spiel …

Man muss gar nicht viel schreiben über MY NAME IS BRUCE: Der Film ist eine One-Man-Show Campbells, der sich selbst als eine Realversion seines Helden Ash aus der EVIL DEAD-Reihe spielt. Campbell ist großmäulig und unverschämt, aber vor allem unglaublich feige. Seine Karriere ist ein Witz, der sich in schundigen Produktionen wie der bulgarischen Koproduktion der „Cave Alien“-Sequels perpetuiert. Statt einer Villa in Beverly Hills lebt der Held in einem winzigen Trailer irgendwo im Nichts, sein Auto ist eine Schrottlaube, die Exfrau will mehr Geld, die Schränke sind gefüllt mit halb ausgetrunkenen Schnapsflaschen. Außer ihm selbst hält niemand etwas von ihm: Als „unwiderstehlicher“ Aufreißer bekommt er eine Abfuhr nach der anderen. MY NAME IS BRUCE stellt seinen Helden und den Kult um diesen ganz ins Zentrum eines mit In-Jokes und Referenzen gespickten Films, der sonst natürlich arg unausgegoren ist. Aber das ist eigentlich auch egal, denn die Sprüche und Gags sitzen und dürften all jene, die sich wünschten, Campbell häufiger zu sehen, zufriedenstellen. Der liefert eine absolute Glanzvorstellung ab und der Spaß, den die Beteiligten offenkundig hatten, überträgt sich ohne Reibungsverlust auf den Zuschauer. Eine runde Sache, in der Ted Raimi in drei Rollen auftritt.

Kunsten a tenke negativt (Norwegen 2006)
Regie: Bard Breien

Geirr (Fridtjov Saheim) ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt und impotent, schaut den ganzen Tag Kriegsfilme, säuft, kifft und tut auch sonst alles, die Ehe zu Ingvild (Kirstin Eline Torhaug) zu zerstören. In ihrer Verzweiflung lädt diese die populäre Psychologin Tori (Kjersti Holmen) und ihre aus Behinderten bestehende Selbsthilfegruppe ein. Die Bestsellerautorin vertritt eine Therapie des positiven Denkens, die bei Geirr aber nicht nur ins Leere zielt, sondern geradezu nach hinten losgeht …

Das war mal dringend nötig: Ein Film, der dem Friede-Freude-Eierkuchen-Denken, PC- und Selbsthilfe-Irrsinn beherzt ins Gesicht spuckt. Aber es geht in KUNST A TENKE NEGATIVT nicht ums plumpe Dampfablassen, sondern darum, allen Ballast abzuwerfen, um endlich bei Null anfangen zu können. Toris Therapie verfolgt ein anderes Ziel: Sie dient mitnichten der Genesung ihrer Schützlinge, sondern letztlich vor allem dazu, diese möglichst schnell wieder zu produktiven Mitgliedern der Leistungsgesellschaft zu machen oder aber sie wenigstens ruhigzustellen, damit sie anderen nicht länger zur Last fallen. Ihre Methode ist nicht Konfrontation, sondern Verdrängung. An dem Zyniker Geirr muss dies aber abprallen, denn der weiß, dass man auch die Kunst des negativen Denkens beherrschen muss, um glücklich werden zu können, dass es mit der Forderung, alle Sorgen zu vergessen, nicht getan ist. Breiens Film steht ganz in der Tradition skandinavischer Filme wie etwa ADAMS AEBLER, geht sein Thema wie sein Protagonist sehr direkt und ohne Furcht an, bleibt bei dieser Direktheit aber stets glaubwürdig und vor allem menschlich. Wenn Geirr die Initiative ergreift und mit sehr eigenen Methoden die Herausforderung annimmt, seinen Leidensgenossen ihre Lebensfreude und Würde zurückzugeben, dann erinnert das nicht wenig an einen anderen großen humanistischen Filmklassiker, Formans ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST, mit dem Unterschied, dass Geirr kein Außenstehender ist, sondern selbst um seine Ehe und sein Leben kämpfen muss, und seine Patienten keine pathologischen Fälle, sondern „normale“ Menschen sind, denen das Leben übel mitgespielt hat. Die größte Stärke des Films ist sicherlich, dass Regisseur Breien es komplett vermeidet, auf die Tränendrüse zu drücken und auf den billigen Affekt abzuzielen. Wer in KUNSTEN A TENKE NEGATIVT die tabubrechende Radaukomödie gesehen hat (und das sind nicht wenige, wenn man nach den deplatzierten Lachern des leider wieder einmal indisponierten FFF-Publikums geht), dem wird entgehen, dass Breien die Sorgen, Nöte und Ängste seiner Protagonisten sehr Ernst nimmt und sie nicht zu Lachobjekten degradiert. Nur gelingt ihm dies eben nicht durch pietätvolle Dezenz, sondern gerade dadurch, dass er jede Scham und Angst, die den Dialog mit Behinderten oft belasten, über Bord wirft. KUNSTEN A TENKE NEGATIVT ist ein Film, der nötig war. Dass er nicht nur als Diskursanstoß, sondern auch als Film auf ganzer Linie zu überzeugen weiß, ist keine kleine Leistung. Groß.


Blind (Niederlande/Belgien/Bulgarien 2007)
Regie: Tamar van den Dop

Irgenwann im 19. Jahrhundert: Der Junge Ruben (Joren Seldeslachts) ist blind und lebt mit seiner kranken Mutter zusammen, in einem viel zu großen Haus. Um ihren depressiven Sohn zu beschäftigen stellt die Mutter das Mädchen Marie (Halina Reijn) als Vorleserin ein, ein Albino-Mädchen, das von zahlreiche Narben gezeichnet ist. Zwischen den beiden entsteht eine fragile Liebesbeziehung, die jedoch bald auf eine schwere Probe gestellt wird: Eine Operation soll Ruben das Augenlicht zurückgeben …

Angelehnt an das Märchen „Die Schneekönigin“ von Hans-Christian Andersen erzählt van den Dop eine tragische Liebesgeschichte in kalten, aber wunderschönen Bildern. BLIND ist ein sehr poetischer Film, der ohne jedes Gimmick auskommt, und dem es gelingt, eine über die gesamte Spielzeit konsistente Stimmung zu erzeugen. In BLIND sitzt jedes Bild, jeder Ton am rechten Platz. Nichts an BLIND ist kalkuliert, jede Szene erfüllt einen Zweck im Gesamtzusammenhang des Films, besitzt aber gleichzeitig genug Kraft, auch für sich allein bestehen zu können. Beeindruckend ist BLINDs geschlossene formale Gestaltung, die von einer unterkühlten Farbdramaturgie, wunderschönen Bildkompositionen und einem elegischen Score bestimmt wird. Wenn man einzelne Szenen hervorheben möchte – was eigentlich unmöglich ist –, so sind jene zu nennen, in denen Ruben die Welt mit neuer Sehkraft ausgestattet erkundet: eine Welt, die nicht nur schön erscheint, und eine kurze sinnliche Szene, in der sich Ruben und Marie durch einen dünnen Vorhang hindurch betasten. BLIND ist ein Ausnahmefilm, den es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Umso schöner, dass er trotzdem gedreht wurde.


Outlander (USA 2008 )
Regie: Howard McCain

Im Norwegen der Eisenzeit landet ein Raumschiff. An Bord befindet sich Kainan (James Caviezel), letzter Überlebender einer außerirdischen Spezies. Er ist auf der Jagd nach dem Mörder seiner Familie: einer drachenartigen Kreatur namens Moorwen. Die Wikinger, die ihn gefangen nehmen, sind zuerst skeptisch, doch nach der ersten Begegnung mit dem Monster, müssen sie einsehen, dass der Fremde vielleicht ihre einzige Hoffnung ist …

Großbudgetierter und aufwändig produzierter Fantasy-Blödsinn, der aber durchweg Spaß macht und dessen einziger nennenswerter Fehlgriff es ist, dass er sich manchesmal ein wenig zu ernst nimmt. Mit zwei Stunden Laufzeit ist OUTLANDER etwas zu lang geraten und viele Szenen werden ausgespielt, obwohl doch sowieso nur bekannte Klischees aufbereitet werden und Andeutungen gereicht hätten. Aber ich will nicht meckern, hatte durchaus Spaß an diesem Film, der mit einem schön designten Monster aufwarten kann und sich in dem Minisubgenre des Wikinger-Crossovers, bestehend aus THE 13TH WARRIOR und PATHFINDER, mit Leichtigkeit an die Spitze setzt.

The Midnight Meat Train (USA 2008 )
Regie: Ryuhei Kitamura

Der Fotograf Leon (Bradley Cooper) kommt bei seinem Versuch, das Leben in der Großstadt einzufangen einem Serienmörder (Vinnie Jones) auf die Schliche. Dieser sucht sich seine Opfer in einem Nachtzug, in dem der gelernte Metzger sie anschließend fachgerecht filettiert, um sie einer unbekannten Bestimmung zuzuführen. Leon muss erfahren, dass seine Stadt ein düsteres Geheimnis hat …

Nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Clive Barker drehte Kitamura sein US-Debüt, dass sich nahtlos in sein Werk einfügt. Das bedeutet, dass auch dieser Film wieder über ausgesprochen filigrane Kamera- und Effektarbeit verfügt, auf der inhaltlichen Ebene aber leider zu wünschen übrig lässt. Das kristallisiert sich umso stärker heraus, als Barkers Vorlage eigentlich nur Stoff für einen Kurzfilm bietet und Einiges hinzugedichtet werden musste, um den Stoff auf Spielfilmlänge zu bringen. Dazu wurde eben die Geschichte um den Fotografen eingewoben, die eine reflexive Ebene etabliert und somit eine Lesart ermöglicht, die das Versagen Kitamuras zu erklären dient: Der Fotograf Leon ist nämlich unfähig, seine Vision in Bilder umzusetzen. Jedenfalls lehnt ihn die Ausstellerin Susan Hoff (Brooke Shields) mit diesem Vorwurf ab: Er müsse näher ran an sein Motiv. Und tatsächlich: Als der ehrgeizige Leon jegliche Angst abwirft und auch in Situationen äußerster Gefahr noch „draufhält“, gelingt es ihm, das zu zeigen, was er will. Und so begibt er sich auf die Spur des Killers und damit eben in genau jene Szenen, die Kitamura wohl eigentlich gereizt haben, nämlich jene, die eben im titelgebenden Zug spielen und auf Barkers Geschichte basieren. Hier lässt Kitamura die Kamera über glänzende Metallflächen gleiten, filmt Spiegelbilder in Scheiben, Augen und Blutlachen, arbeitet mit Zeitlupe und Beschleunigung, spielt mit dem Schärferegler und ist sichtlich in seinem Element. Dieser Kreativität gegenüber stehen die Füllszenen um Leons Beziehungsprobleme und Karriereambitionen, die nach Schreibschule riechen, und ein Handlungsstrang, der letzlich nur halbherzig verfolgt wird. Insgesamt ist THE MIDNIGHT MEAT TRAIN durchaus sehenswert und wohl als Kitamuras bisher stärkster Film zu sehen. Allerdings besteht ein Teil seiner Stärke eben daraus, dass er sein Versagen offen thematisiert.

Ein Podcast zum Film findet sich hier.

Eden Lake (Großbritannien 2008 )
Regie: James Watkins

Das Großstadtpärchen Steve und Jenny, eine Kindergärtnerin, fahren für ein Wochenende zum Zelten an den idyllischen Eden Lake, der bald einem Bauprojekt weichen soll. Die Gelegenheit möchte Steve nutzen, seiner Partnerin einen Heiratsantrag zu machen. Doch dazu kommt es nicht, denn am Ziel angekommen machen die beiden Bekanntschaft mit einer Gruppe aufmüpfiger Jugendlicher: Die ersten verbalen Beleidigungen weichen schon bald handfesten Übergriffen, die Situation eskaliert und Steve und Jenny müssen schließlich um nicht weniger als ihr Leben kämpfen …

Großspurig als brutaler Schocker angekündigt entpuppt sich EDEN LAKE leider schon bald als technisch versiert inszeniertes Affektkino, das in Erfüllung seiner Mission, dem Zuschauer kräftig zuzusetzen, leider vergisst, seine Prämisse – Großstädter im Kampf gegen gewaltgeile Prekariatskinder – auch nur annähernd mit Substanz zu unterfüttern. Die Kinder sind eben Asoziale asozialer Herkunft, die als Butzemänner herhalten müssen, um den verweichlichten Zivilisationsmenschen zu zeigen, was eine Harke ist. Die genretypische „Wendung“ – die Großstädter müssen auf die Stufe ihrer Peiniger hinabsteigen, um sie zu besiegen, und dabei erkennen, dass sie ihre animalischen Triebe bisher lediglich besser zu verschleiern wussten – vermeidet EDEN LAKE, gönnt seinen Zusehern somit nicht die mit bitterer Selbsterkenntnis verbundene und damit schmerzliche Katharsis, stärkt aber mit dieser Verweigerung gleichzeitig den Glauben daran, dass das Böse doch irgendwo „da draußen“ und damit „beim Anderen“ liegt. Der zeitgenössischer Technikskepsis und Zivilisationskritik verpflichtete Verweis auf Handyvideos und andere Schweinereien, die Jugendliche heute so treiben, darf dabei natürlich nicht fehlen. Wenn EDEN LAKE dann doch einmal andeutet, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht so leicht zu ziehen sind – etwa wenn Steves Verhalten im Konflikt mit den Kids andeutet, dass ihm deren Verhalten gar nicht so fremd ist, wie er den Anschein vermitteln möcht –, dann wirkt das fast wie ein Zufall, so wenig scheint Regisseur Watkins daran interessiert, irgendetwas jenseits des nackten Thrills zu vermitteln. Doch auch hier liefert EDEN LAKE eigentlich nichts, was man nicht schon gesehen hätte. Und so sehen die Protagonisten dann nach einer Stunde aus, als hätten sie nach dem Schlammcatchen eine ordentliche Blutdusche genommen, um sich für den Rest des Films, in dem Jenny unter anderem in einen mit kotigem Schlamm gefüllten Müllcontainer steigen darf, in Stimmung zu bringen. EDEN LAKE versagt trotz einer ansprechend gestalteten Oberfläche leider auf ganzer Linie, taugt weder als ernst zu nehmender Diskussionsbeitrag noch als Horrorfilm, weil er sklavisch an den Regeln klebt und nie die nötige Souveränität ausstrahlt, der gegenüber man als Zuschauer die Waffen strecken und sich ergeben würde. Die Ekeleffekte sind stets vorhersehbar und immer dem größtmöglichen Effekt geschuldet. Ähnliches gilt für die finale Pointe – und selbst jener Twist ist nichts, worüber man nach Hause schreiben möchte. Als Zuschauer sollte man da einfach die unausgesprochene Warnung an Steve und Jenny beherzigen und sich vom Eden Lake fernhalten …

PS Wie schon im letzten Jahr, als mich BLACK SHEEP „begeisterte“, haben die Festivalmacher es wieder einmal geschafft, ein unterdurchschnittliches Werk zum Eröffnungsfilm zu machen; eine Tradition, von der man sich ruhig mal wieder trennen dürfte: Der letzte gute Opener war meines Wissens AMERICAN PSYCHO und der liegt nun bereits ein knappes Jahrzehnt hinter uns.

PPS Der Podcast zum Film kann hier angehört werden.

dvd-regal vol. 8

Veröffentlicht: August 20, 2008 in Uncategorized

5 minute warning

Veröffentlicht: August 20, 2008 in Über mich, Film, Veranstaltungen

In wenigen Stunden beginnt für mich das diesjährige Fantasy Filmfest in Köln mit dem Eröffnungsfilm EDEN LAKE, über den ihr morgen im Idealfall sowohl etwas lesen als auch hören könnt: Ich versuche trotz akutem Zeitmangel noch einen Text zu schreiben, außerdem werden wir heute abend einen Podcast für F.LM aufnehmen, den ihr dann morgen anhören könnt. Der zweite Film des heutigen Tages, der japanische SASORI (das Remake eines alten Siebzigerjahre-Exploiters), wird vorraussichtlich der Unlust für das betreffende Genre und unserem redaktionellen Pflichtbewusstsein zum Opfer fallen. Ich werde definitv zu jedem Film etwas schreiben, zusätzlich gibt es jeden Tag einen neuen Podcast-Beitrag, der sich ausführlich einem Film widmen wird. Der eben noch vor Festivalbeginn gesichtete neue De-Palma-Film REDACTED muss indes leider auf seine Aufarbeitung warten. Um diesen ebenso interessanten wie tückischen Beitrag zum Irak-Krieg richtig würdigen zu können, bedarf es dringend einer weiteren Sichtung.

Harold (John Cho) und Kumar (Kal Penn) fliegen nach Amsterdam. Weil Kumar unbedingt noch an Bord des Flugzeugs seine selbst gebaute rauchlose Bong ausprobieren muss, die ein Passagier für eine Bombe hält, landen die beiden als vermeintlichen Köpfe einer nordkoreanisch-afghanischen Al-Qaeda-Zelle in Guantanamo …

Der Vorgänger, HAROLD & KUMAR GO TO WHITE CASTLE, an den das Sequel direkt anschließt, konnte sich aus der Masse von Kiffer- und Slackerkomödien positiv hervorheben, indem er seine Protagonisten zumindest ansatzweise mit Persönlichkeit ausstattete und nicht als bloße Vehikel für abjekten Klamauk fungieren ließ. Das Sequel baut auf dieser Stärke auf und schafft es so, seinen abstrusen Plot tatsächlich glaubwürdig erscheinen zu lassen. Das liegt aber auch daran, dass Hurwitz und Schlossberger dem Zuschauer ein Schnippchen schlagen: Das, womit der Titel lockt, der Blick hinter die Kulissen von Guantanamo Bay, wird relativ schnell abgehakt. Man fühlt sich als Zuschauer vielleicht etwas geneppt, andererseits vermeiden die Regisseure eben so die Gefahr, jegliche Anbindung an die Realität zu verlieren und wiederholen damit genau das, was WHITE CASTLE ausgezeichnet hatte. Wie jener ist ESCAPE FROM GUNATANAMO BAY ein Roadmovie: Harold und Kumar müssen von Kuba nach Texas reisen, weil ein dort lebender Bekannter enge Kontakte zur Regierung pflegt und ihnen somit helfen kann, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Auf dem Weg begegnen die beiden wandelnden Klischees, die allesamt zunächst enttarnt und aufgehoben, manchmal auch wieder bestätigt werden: Der Trailer des White-Trash-Ehepaares aus den Südstaaten sieht von innen aus wie eine Designerwohnung, beide sind hoch gebildet, im Keller lebt aber dennoch ein degeneriertes Kind, weil die beiden Bruder und Schwester sind; die schweren Schraubenschlüssel und Hämmer, die die Schwarzen im Ghetto zur Hand nehmen, als Harold und Kumar einen Hydranten gerammt und die Straße geflutet haben, sind mitnichten Waffen, sondern tatsächlich zur Reparatur gedacht; Präsident Bush sitzt in seinem Spielzimmer in Texas und raucht Gras, das er nur deswegen nicht legalisiert, weil ihm sein Daddy sonst Ärger machen würde; der einzige der dem Klischee voll und ganz entspricht ist Neil Patrick „Doogie Howser“ Harris: Er lebt ein Leben auf der Überholspur garniert mit Sex und Drogen und übermenschlichen Fähigkeiten. Das ist auch deshalb witzig, weil alle Akteure überzeugend agieren und das Drehbuch wie erwähnt einen großen Bogen um allzu hohle Kapriolen macht – selbst, wenn es heftig unter die Gürtellinie zielt. Wie sein Vorgänger eine gelungene Komödie, die vielleicht gerade wegen ihrer Stärken etwas zwischen den Stühlen sitzt.

Ashtray (Shawn Williams) wird von seiner Mutter zu seinem Vater nach South Central geschickt, weil sein dort lebender Vater ihm beibringen soll, ein Mann zu werden. Das Leben in der „Hood“ bietet aber viele Sackgassen und falsche Abzweigungen auf diesem Weg, vor allem, weil Ashtrays bester Freund Loc Dog (Marlon Wayans) ein Gangbanger ist, wie er im Buche steht …

Die Wayans-Brüder liefern mit DON’T BE A MENACE eine Parodie im Stile der ZAZ-Komödien ab, die sich inhaltlich vor allem an BOYZ N THE HOOD und MENACE II SOCIETY orientiert. Wie auch in den ähnlich gelagerten Wayans-Werken – die Blaxploitation-Verarsche I’M GONNA GET YOU SUCKA! und die SCARY-MOVIE-Filme sind zu nennen – schwankt die Qualität der Pointen erheblich zwischen geschickter, cleverer Parodie und plumpem Klamauk. Die surreale Qualität eines AIRPLANE! erreichen die Wayans-Brüder eigentlich nie, ihre Filme bleiben stets den engen Grenzen des Debilhumors verpflichtet. Im vorliegenden Fall stellt sich zudem das Problem, dass das parodierte Genre schon vorher durch Klischees und Überzeichnungen geprägt war, dem durch die Hebung auf eine Metaebene nur wenig Neues hinzugefügt wird. Dennoch stellt DON’T BE A MENACE wie m. E. der zu Unrecht verpönte SCARY MOVIE einen der gelungeneren Vertreter eines eh problematischen Subgenres dar. Viele der Gags zünden einfach: Die an BOYZ N THE HOOD angelehnte einleitende Erklärung, dass jeder zehnte schwarze Jugendliche in seinem Leben mindestens einen „Growing-up-in-the-Hood“-Film durchsitzen müsse und jeder fünfte davon noch im Kino erschossen würde, legt die Messlatte für Späteres schon recht hoch, weitere Volltreffer beinhalten den Vater, der jünger ist als sein Sohn, die Erklärung des love interests Dashiki, ihr Name sei „suaheli for ‚doggystyle'“, oder der frisch aus der Haft entlassene Toothpick, der seine Knastgewohnheiten nicht ablegen kann und weiterhin alles mit Zigaretten bezahlen will. Leider gibt es auch allzu vordergründige Zoten (die breakdancende Oma) und vor allem das krasse Overacting von Marlon Wayans benötigt mehrere Sichtungen, bis man es witzig finden kann. Viele neue Erkenntnisse ringen die Wayans-Brüder dem Hood-Film nicht ab. Die wichtigste – das Ghetto ist nicht (nur) der Ort als der er im Film gezeichnet wird – hatte man vielleicht schon vorher, die andere – man solle den Klischees ruhig mit dem ihnen zukommenden Humor begegnen – ist aber auch schon nicht verkehrt in der Rezeption eines Filmgenres (und eines gesellschaftlichen Problems), die zwischen den Paradigmen „rassistische Ressentiments“ und „übertriebene Political Correctness“ neutralisiert zu sein scheint.

murda muzik (lawrence page, usa 2004)

Veröffentlicht: August 20, 2008 in Film
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Fresh (Big Noyd) lebt in den Queensbridge Housing Projects, wo es wenig Hoffnung auf ein besseres Leben gibt. Mit Drogengeschäften hofft er, sich den Ausweg zu erkaufen, doch der Konflikt mit rivalisierenden Banden fordert immer wieder Tote. Als Fresh von seinen Kumpels Havoc und P (= Mobb Deep) die Chance erhält, auf einer ihrer Platten zu rappen, will Fresh aus dem Drogenverkauf aussteigen …

Direct-to-DVD-Hip-Hop-Filme haben einen einzigen Zweck: Sie fungieren als Promotion für die Platten ihrer Protagonisten und als deren Selbstdarstellungsplattform – was in einem traditionell sehr visuell geprägten Genre wie Hip-Hop nicht unwichtig ist. Diese Filme mit normalen filmischen Maßstäben zu messen, scheint von daher sinnlos und vor allem unfair. Formal ist MURDA MUZIK nämlich eine Zumutung: Dramaturgie, Schauspielerleistung, Bildkomposition und Ton sind allesamt unterdurchschnittlich bis miserabel und lediglich Alibi für den Soundtrack. Im Gegensatz zum ungleich peinlicheren, unfreiwillig komischen KILLA SEASON von Cam`Ron ist MURDA MUZIK aber kein Versager auf ganzer Linie, was zum einen an der marginal besseren technischen Umsetzung liegt, vor allem aber daran, dass man nicht den Eindruck hat, Zeuge der Ghettofantasien eines 14-jährigen weißen Vorstadtkindes zu sein, was einen halbwegs unironischen Zugang ermöglicht. Klar, gemessen an den Vorbildern ist MURDA MUZIK ein Offenbarungseid. Der Versuch, sich mittels eines Voice-Overs in der ideellen Nähe eines Scorsese zu platzieren, muss scheitern, vor allem, wenn jegliche echte Reflexion über das Gezeigte ausbleibt und lediglich als Plotkatalysator fungiert. Dennoch: Die Bilder aus den Housing Projects schaffen einen Eindruck vom Alltag in einem US-amerikanischen Ghetto, wie auch der Rest des Films – gerade wegen seiner Verfehlungen – relativ „authentisch“ wirkt. Mit am interessantesten sind dann auch die Szenen, in denen man die Kamera einfach mal mitlaufen ließ: Mobb Deeps Grillparty, Big Noyd im Studio, P bei einem Videoshooting. Was diese Szenen spannend macht, ist jedoch weniger die Erfüllung eines rein voyeuristischen Fanboy-Bedürfnisses, sondern der Kontrast, der zwischen den vom Film und den Lyrics evozierten Bildern entsteht. Wenn P als Voice-over-Kommentator in gewohnter Rapper-Diktion über eine Party spricht („shit was wild“) und man dazu die unspektakulär-harmlosen Bilder von Männern in einer Bar sieht, vermag das doch einige misconceptions über das ach so glamouröse Leben eines Rappers aufzulösen, das nicht zuletzt von Videoclips suggeriert wird. Diese Authentizität (die von mir natürlich auch nur vermutet, aber nicht bewiesen werden kann) macht aus MURDA MUZIK dann auch so etwas wie das afroamerikanische Pendant zu Doku-Soaps á la DIE FUSSBROICHS: Wenn man den in ihrem restringierten Code parlierenden Protagonisten so zuhört, erkennt man aber relativ schnell, das Realitätsnähe im Film nur bedingt wünschenswert ist, meist vor allem Fremdscham hervorruft. Als Fan der Musik ein ernüchterndes Erlebnis, aber deswegen nicht minder faszinierend. Neben den genannten Mobb Deep und Big Noyd sind außerdem Nas und Cormega in winzigen Rollen zu sehen.

black caesar (larry cohen, usa 1973)

Veröffentlicht: August 20, 2008 in Film
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Harlem in den Fünfzigern: Schon als Jugendlicher verdient sich Tommy Gibbs ein paar Dollar mit krummen Geschäften. Als er jedoch an den korrupten Polizisten McKinney (Art Lund) gerät, landet er erst mit gebrochenem Bein im Krankenhaus und anschließend im Knast. Nach 12 Jahren kehrt Tommy als erwachsener Mann (Fred Williamson) mit großen Plänen zurück: Diese sollen ihn nicht nur zum Paten von Harlem machen, sondern auch das Ende von McKinney bringen …

Larry Cohens zweiter Film nach BONE (zu dem ich hier etwas geschrieben habe) teilt mit diesem die schwarze, ambivalent gezeichnete Hauptfigur, lässt sich aber sonst recht eindeutig im Blaxploitation-Genre verorten, während der Vorgänger satirische und surreale Züge aufwies. In BLACK CAESAR erzählt Cohen die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Gangsters und nimmt sich somit eines Sujets an, dessen epischem Gehalt er in knapp 90 Minuten kaum gerecht werden kann. BLACK CAESAR (dem Cohen noch das Sequel HELL UP IN HARLEM folgen ließ, bevor er sich mit IT’S ALIVE dem Horrorfilm zuwandte) funktioniert daher auch weniger als lückenlose „Dokumentation“ einer Karriere wie etwa Scorseses GOOD FELLAS, Scotts AMERICAN GANGSTER oder De Palmas SCARFACE, sondern als Ansammlung von Schnappschüssen, die nicht immer ausgewogen ist. Mehr als für den Crimefilm-Aspekt scheint Cohen sich für die psychologische Seite seiner Geschichte interessiert zu haben: Szenen wie jene, in der Tommy mit seinem ihm unbekannten Vater konfrontiert wird, oder die, in der er seine Geliebte kennen lernt (er zwingt sie, eine Musikerin, die Musikuntermalung zu einem von ihm durchgeführten Auftragsmord zu liefern), bleiben im Gedächtnis, weil sie einen starken Kontrast zu den gängigen Plotelementen bildet, mit denen BLACK CAESAR sonst arbeitet. Das kann, muss man man aber nicht als Schwäche betrachten: Stärker als andere Blaxploiter akzentuiert Cohen nämlich die Arbitrarität seiner Geschichte. Tommy ist einer von vielen, die versuchen, ihren Weg nach oben zu machen und dabei zwangsläufig stolpern. Bezeichnend für diese Lesart ist das Finale, in dem der schwer verwundete Tommy nach seinem Triumph über McKinney von Straßenkindern erschlagen und beraubt wird (wie das Sequel mit diesem Faktum umgeht, würde mich mal interessieren). So bleibt die Hauptfigur von BLACK CAESAR trotz aller Psychologisierungen notgedrungen undurchsichtig, sein Erfolg ist weniger auf sein Planungsgeschick zurückzuführen, als vielmehr auf seine Rücksichtslosigkeit und Todessehnsucht – ein starker Kontrast zu den Empowerment-Märchen des Blaxploitation-Kinos, an das hier vor allem James Browns famoser Soundtrack erinnert. Von popkulturellen Paraphernalia, die das Blaxploitation-Genre sonst durchziehen, ist BLACK CAESAR fast gänzlich befreit: Bunte Anzüge und lustige Hüte sucht man vergeblich, die Dialoge sind ebenfalls von berückender Sachlichkeit und auch die Bilder, die New-York-Experte Cohen aus Harlem mitgebracht hat, unterstreichen diesen Eindruck. Der Blaxploitation-Film steht recht häufig in der Kritik, letztlich weiße Vorurteile zu präsentieren und das Ghetto als exotische Parallelwelt zu zeichnen, der sich das überwiegend weiße Publikum im Kinosaal endlich gefahrlos nähern kann, um seine Neugier zu stillen. Eine Ikone wie der kongenial benannte Shaft spiegelte letztlich vor allem die weiße Hausfrauenfantasie (und Männerangst) des gut bestückten schwarzen Sexprotzes wider und konnte nur über Umwege – nämlich Verleugnung – zum „echten“ afroamerikanischen Helden werden. Cohen zeigt mit BLACK CAESAR über weite Strecken wie man solche Untiefen vermeiden kann und legt somit einen der ehrlichsten Blaxploiter überhaupt vor.