the invisible man (james whale, usa 1933)

Veröffentlicht: September 4, 2008 in Film
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Griffin (Claude Rains) hat ein Serum erfunden, das ihn unsichtbar werden lässt. Weil er aber noch nicht weiß, wie er die Wirkung rückgängig machen kann, versteckt er sich in dem kleinen Ort Iping, dessen Bewohner er mit seinem unberechenbaren und soziopathischen Verhalten aber schon bald in Angst und Schrecken versetzt. Sein Unsichtbarkeitsserum hat nämlich eine unangenehme Nebenwirkung: Es macht seinen Benutzer wahnsinnig. Und so verliert sich Griffin bald schon in irrwitzigen Weltherrschaftsfantasien …

Nach einem Roman von H. G. Wells drehte James FRANKENSTEIN Whale THE INVISIBLE MAN, dessen Effekte auch heute noch zu gefallen wissen und natürlich das Herzstück des Films sind. Whale legt trotz seiner bescheidenen Mittel schon die Grundlage, auf der etwa Carpenter (MEMOIRS OF AN INVISIBLE MAN) oder Verhoeven (HOLLOW MAN) dank der Möglichkeiten moderner Effekttechnologie nur noch aufbauen mussten. Wenn Griffin hier erzählt, dass aufgenommene Nahrung in ihm bis zur Verdauung sichtbar bleibt, ist das die entscheidende Inspiration für Carpenter, genau dies zu zeigen. Gleiches gilt für Griffins Erläuterung, er erscheine im Nebel als „bubble“, in Bezug auf Verhoevens HOLLOW MAN. Und selbst im Ton scheint er die beiden genannten Filme zu vereinen, scheinen diese wie spielfilmlange Ausprägungen seiner schon im Original angelegten Potenzen: Griffins Konflikt mit den einfältigen Dorfbewohnern beschert dem Film zu Beginn zahlreiche burlesk anmutende Szenen, die das komische Potenzial des Stoffes ausspielen, das wohl auch Carpenter gesehen hat. Griffins immer häufiger auch in die Tat ungesetzten Wahnvorstellungen hingegen antizipieren die grimmige Misanthropie von Verhoevens Film. Angesichts dieser beiden stimmungsmäßig kaum unter einen Hut zu bringenden Nachfolger mutet es umso rätselhafter an, dass THE INVISIBLE MAN wie aus einem Guss wirkt, seine beiden Gesichter sich perfekt ergänzen, anstatt sich gegenseitig zu aufzuheben. Eine Erklärung bietet vielleicht der (seit GODS & MONSTERS nicht mehr besonders originelle) Rückgriff auf Whales Person: Im (komischen) Zusammenprall des irren Intellektuellen mit dem piefigen Spießertum streicht Whale einen Konflikt heraus, der ihm, einem homosexuellen Filmemacher, wahrscheinlich nicht ganz unbekannt war. Es ist bezeichnend für Whales Weltbild und seinen Humor, dass er diesen Konflikt jedoch nicht dazu nutzt, Rache zu üben, sondern stattdessen Selbstironie und -kritik einfließen lässt. Seine gebildeten Protagonisten sitzen in ihren mondänen Lesezimmern und Salons, während das einfache Volk sich in seinen eigenen vier Wänden schikanieren und angreifen lassen muss. Ja, die Sympathien des Films liegen durchaus bei den einfältigen Proletariern aus Iping, die letztlich die Opfer der Spiele der Gebildeten sind. Die Tragik, die Griffins Figur umweht, bleibt so ungreifbar wie er selbst, echtes Mitleid mit ihm kann der Zuschauer kaum aufbringen. Auch am Schluss, wenn er auf dem Sterbebett wieder sichtbar wird, stellt das zwar eine finale Versöhnung mit dem Charakter dar, seine vorher vollbrachten Schandtaten kann das aber nicht rückgängig machen. DIe Katharsis bleibt aus, doch Rains‘ Griffin muss in seiner Verortung zwischen den Polen „Held“ und „Schurke“ als eine der faszinierendsten Figuren des populären Films betrachtet werden. Vergleichbares Lob kann man dem ganzen Film aussprechen: THE INVISIBLE MAN ist einer der stärksten Monster- bzw. Horrorfilme der Universal. Das Design seines Titelhelden ist unvergesslich und bemerkenswert effektiv in seiner Einfachheit, ein Geniestreich, der längst tief im kollektiven Bildergedächtnis verankert ist, auch dann, wenn man Whales Film nie gesehen hat.

Kommentare
  1. Funk, originell oder nicht, Du hast jedenfalls sehr prägnant die Herangehensweise von Whales herausgearbeitet. Auf Gods and Monsters kann man eh nicht häufig genug hinweisen, ist der Film doch viel zu unbekannt.

  2. funkhundd sagt:

    Vielen Dank, Critic, solches Lob geht runter wie Öl. Und GODS & MONSTERS muss ich eigentlich dringend mal auffrischen: Ist schon Jahre her, dass ich den gesehen habe. Brendan Fraser sollte sich den vielleicht auch noch einmal im Double Feature mit THE PASSION OF DARKLY NOON zu Gemüte führen, um zu erkennen, dass man mit Loones-Tunes-Filmen und Mumiensequels auf Dauer nicht glücklich wird …

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