gone with the wind (victor fleming, usa 1939)

Veröffentlicht: September 9, 2008 in Film
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Es ist wohl nahezu unmöglich, irgendetwas Neues über GONE WITH THE WIND zu sagen. Vielleicht habe ich mich auch deshalb jahrelang darum gedrückt, mich diesem kanonisierten „Meilenstein der Filmgeschichte“ zu nähern, den ich in meiner Kindheit immer mal wieder szenenweise gesehen habe, wenn er im Fernsehen lief und meine Mutter zu Tränen der Rührung hinriss. Als ultimativen (und darüber hinaus ideologisch fragwürdigen) Schmachtfetzen hatte ich ihn abgespeichert und -geurteilt. Und ich denke, dass ihn Millionen Menschen auch immer nur als Schmachzfetzen gesehen haben, als affirmatives Rührstück. Umso erstaunter war ich, als ich jetzt anlässlich der längst überfälligen Sichtung feststellen musste, dass GONE WITH THE WIND viel weniger von einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung erzählt, als vielmehr von zwei Menschen, die mit großer Leidenschaft liebesunfähig sind; dass GONE WITH THE WIND ein Film ist, der die Hoffnungen seiner Zuschauer immer wieder enttäuscht und der bei aller Opulenz und Pracht doch beinahe kalt wirkt – auch wenn die Flammen durch Atlanta lodern.

Man muss es so deutlich sagen: Es gibt wohl wenige Filmheldinnen, die unsympathischer sind als Vivien Leighs Scarlett O’Hara. Auch wenn Fleming kaum einen Zweifel daran lässt, dass Scarlett als Produkt ihrer Zeit gesehen werden muss, fungiert das doch nie als Entschuldigung für ihre zahlreichen Verfehlungen, ihre Arroganz und Selbstsucht und ihre Unfähigkeit, die Verantwortung für ihre Fehler zu übernehmen. Es sind tückischerweise aber auch diese Charaktermängel, die sie dazu befähigen, sich in einer von Männern bestimmten Welt zu behaupten. Scarlett O’Hara gilt als emanzipierte Heldin, als Vorarbeiterin des freien Unternehmertums und des Kapitalismus – auch dies kann man nicht nur positiv bewerten: weder innerhalb des Films noch aus heutiger Sicht. So verfolgt man über beinahe vier Stunden den Weg einer Person, die beständig das Gegenteil von dem tut, was man ihr raten möchte. Und der Weg ist für den Zuschauer daher fast ebenso aufwühlend und entbehrungsreich wie für die Protagonistin. Am Schluss bekommt man die Katharsis inform der unsterblichen Worte Rhett Butlers (auf Clark Gable komme ich gleich noch zu sprechen) als er seiner Scarlett den Laufpass gibt: „And frankly my dear, I don’t give a damn!“ Auch wenn sie nicht begreifen will, dass dieser Mann nicht zurückkommen wird, ist dieser Moment eine Erlösung.

Aber Victor Fleming serviert die Geschichte dieser Frau ja nicht als böse Psychostudie, sondern als großes Epos in strahlenden Farben, großen Gesten und Worten und starken Bildern. Natürlich ist GONE WITH THE WIND auch ein Historien- und Monumentalfilm, ein pathetischer Abgesang auf eine stolze, ruhm- und traditionsreiche Zeit, eine Zeit, in der die Sklaven die Arbeit verrichteten, während sich ihre Besitzer in pompösen Gewändern ein Stelldichein auf Empfängen und Bällen gaben. Als Geschichte einer dem Untergang geweihten Welt ähnelt er Viscontis IL GATTOPARDO, aber anders als Prinz Don Fabrizio Salina erlangen Flemings Protagonisten nie dessen Einsicht in die Notwendigkeit des Wandels. Die Trauer und Wehmut von GONE WITH THE WIND sind echt. Einer expliziten Behandlung der Sklaventhematik entzieht sich Fleming, muss er sich entziehen. Nur hier und da vernnimmt man leise kritische Töne. Als Tearjerker betrachtet, ist GONE WITH THE WIND durchaus problematisch. Erst in der reflektierten Betrachtung tritt die Ironie hervor, die sich aus dem Zusammenprall der pompösen Inszenierung, der Theatralik der Handlung und der Tatsache ergibt, dass dies die Geschichte einer absolut hassenswerten Person ist.

Es bedurfte einer uneingeschränkt sympathischen männlichen Hauptfigur und eines ebensolchen Hauptdarstellers, um GONE WITH THE WIND zu dem Erfolg zu machen, der er ist. So rückt Clark Gable als Rhett Butler wenn schon nicht in den erzählerischen, so doch in den emotionalen Fokus des Films. Und er ist es auch, dem man sich als Zuschauer anvertrauen muss, wenn man nicht im Sog der Erzählung untergehen will. Er ist es, der Distanz zum Geschehen ermöglicht: Schon in seiner ersten großen Szene isoliert er sich vor der versammelten männlichen Partygesellschaft als er die Niederlage im anstehenden Bürgerkrieg prognostiziert. Rhett Butler ist der Urtyp des hustlers: Er ist der Mann, der immer das tut, was er tun muss, ohne dabei emotionale Bindungen einzugehen. Während Scarlett und ihre Familie immer wieder für den gemeinsamen cause – die Unterstützung der eigenen Armee – arbeiten, bleibt Butler nur sich selbst verpflichtet. Das entlastet ihn moralisch gegenüber Scarlett, gibt ihm das Recht, am Ende so zu handeln, wie er es tut.

GONE WITH THE WIND ist ein Film, über den man immer noch endlos reden kann, obwohl doch schon fast alles gesagt worden ist. Vor allem ist es aber ein Film, den man im doppelten Wortsinn gesehen haben muss, weil alle Worte gegenüber der Erfahrung verpuffen. GONE WITH THE WIND ist seiner Länge zum Trotz durchaus leicht zu sehen. Aber dann macht man etwas falsch: Man muss sich an ihm reiben, sich ihm aussetzen, ihn durchleiden und ihn immer wieder hinterfragen. Dann ist er ganz einfach großartig.

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