the front page (billy wilder, usa 1974)

Veröffentlicht: September 9, 2008 in Film
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Chicago in den 1920er-Jahren: Der Starreporter des Examiners Hildebrand „Hildy“ Johnson (Jack Lemmon) hat die Schnauze voll vom Zeitungswesen. Auch sein Chef, der gerissene Walter Burns (Walter Matthau), kann ihn nicht halten, weil auf Hildy eine neue Liebe, die Sängerin Peggy (Susan Sarandon), und ein neuer Job in der Werbeagentur seines zukünftigen Schwiegervaters warten. Doch Hildy ist ein geborener Journalist und deswegen müssen seine Zukunftspläne kurzfristig aufgeschoben werden als ihm der zu Unrecht zum Tod verurteilte Earl Williams (Austin Pendleton) in die Hände fällt …

Billy Wilder, der alte Zyniker. Die Credits werden vom Rattern und Klappern der Druckpresse begleitet, am Ende steht die Titelseite des Examiners, die von der bevorstehenden Exekution des vermeintlichen Polizistenmörders Earl Williams berichtet. Der Maschinenlärm geht nahtlos über in das eifrige Hämmern der Gefängnisangestellten, die im Innenhof den Galgen errichten. Presse und Exekutive, sie gehen Hand in Hand und deswegen gibt es im Gerichtsgebäude auch einen Raum nur für Journalisten. In diesem Raum versammeln sich die Berufskollegen von Hildy, um ihrer Arbeit nachzugehen. Das sieht so aus, dass sie Karten spielen, Schnaps trinken und dann und wann zum Telefon greifen, um eine erfundene Meldung in die Sprechmuschel zu bellen. Jeder vielleicht einmal vorhandene Idealismus ist längst der kompletten Gleichgültigkeit gewichen, die vollmundigen Artikel sind reiner Selbstzweck. Und auch für das Schicksal Earl Williams‘ interessiert sich keiner. Hauptsache, er baumelt pünktlich am Galgen. Aber die Presse ist nicht die alleinige Zielscheibe für Wilders böse Kritik, denn auch der Staatsapparat, verkörpert von Sheriff Hartman (Vincent Gardenia) und dem Bürgermeister (Harold Gould) wird aufs Korn genommen. Denn wie so oft sind mit Williams‘ Hinrichtung politische Interessen verknüpft. Wahlen stehen an und eine sauber durchgeführte Exekution wäre die perfekte Werbung für den Bürgermeister. So wird dann schon einmal eine von offizieller Stelle geforderte Aufschiebung ignoriert und der Bote auf Kosten der Stadt ins Bordell geschickt.

Es ist an Hildy und Walter diesen Skandal aufzudecken. Hildy von neuem Eifer beseelt wittert die große Geschichte, um seinen Abgang zu versüßen. Beiden geht es nicht um die Gerechtigkeit. Dass beide das Richtige tun, ist letztlich der Tatsache geschuldet, dass sie sich davon den größten Effekt versprechen. Was könnte mehr Leser binden als die Unschuld eines Mörders zu belegen und gleichzeitig die führenden Persönlichkeiten der Stadt zweifelhafter Machenschaften zu bezichtigen?

Wilder frischt mit THE FRONT PAGE eine Kritik auf, die er schon in seinem ACE IN THE HOLE einmal formulierte (den ich dringend noch sehen muss). Auch stilistisch orientiert sich Wilder an Bewährtem (man denke etwa an ONE, TWO, THREE! oder THE FORTUNE COOKIE): Fast der gesamte Film spielt in einem Raum, in dem gleich mehrere Handlungsfäden zusammenlaufen und sich verdichten. Geschliffene Dialogzeilen werden mit hoher Frequenz „abgeschossen“, sodass THE FRONT PAGE beinahe wie ein Actionfilm anmutet. So findet Wilder nicht nur die perfekte Form für sein Thema – Presse und Geschwindigkeit sind schließlich kaum voneinander zu trennende Begriffe -, er dramatisiert seine Vorgänge zusätzlich, indem er alles andere komplett ausblendet: In diesem Raum, an diesem Tag wird über das Schicksal eines Unschuldigen entschieden – aber mit ihm zusammen über das Schicksal der ganzen Welt. Wilders Kunst besteht darin, das Große im Kleinen zu verpacken, das hat er mit seinem Protagonisten Hildy gemeinsam. Seine Botschaften drängen sich nicht auf, überdecken nie die eigentliche Narration, sondern entfalten sich in dieser und durch sie. 

Wer es noch nicht wusste: Wie eigentlich alles von Billy Wilder ist auch THE FRONT PAGE uneingeschränkt zu empfehlen.

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