miami blues (george armitage, usa 1990)

Veröffentlicht: September 10, 2008 in Film
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Frederick J. Frenger jr. (Alec Baldwin) ist ein Schwerverbrecher und kaum ist er in Miami angekommen, da hat er schon den ersten Mann getötet. Wenig später trifft er die naive Prostituierte Susie (Jennifer Jason Leigh), die er an sich bindet, als er erkennt, wie leicht sie zu manipulieren ist. Als Frenger von dem Polizisten Hoke Moseley (Fred Ward) bedrängt wird, überwältigt er diesen, raubt ihm Waffe und Dienstmarke und beginnt als Polizist getarnt eine Reihe von Raubüberfällen und Raubmorden. Doch Moseley ist ihm bald schon wieder auf der Spur …

George Armitage ist ein Phantom. Leider. Als Regisseur brachte er es seit 1971 auf nur sieben Filme (einer davon nur fürs Fernsehen), sein letzter, THE BIG BOUNCE, datiert auf das Jahr 2004. Seine beiden bekanntesten Werke sind dieser hier und der 1997 entstandene und nicht minder grandiose GROSSE POINT BLANK. Während letztgenannter dem Mitte der Neunzigerjahre losgetretenen Zitatekino Rechnung trägt, ohne freilich in dessen unproduktiven Niederungen zu versinken, orientiert er sich mit MIAMI BLUES, die Verfilmung eines Romans von Charles Willeford, stärker am Film Noir. Sein Hoke Moseley ist ein später Nachfahre von Sam Spade und Phillip Marlowe, vergammelt, erfolglos und mit einer Zahnprothese ausgestattet, die ihm während des Films gleich mehrfach abhanden kommt. Was ihn von seinen berühmten Kollegen unterscheidet: Er scheint weniger in tune mit seiner Umwelt. Zwar ist er wie sie ein Einzelgänger, aber es gelingt ihm nicht, sich mit dieser Rolle zu arrangieren. Moseley ist so ungeeignet für die Rolle des heldenhaften Ermittlers, dass er einen Gutteil des Films bewusstlos in einem Krankenhausbett verbringen muss. Eine sympathische, aber nichtsdestotrotz tragische Figur. Ihm gegenüber steht Frenger: Ein Prolet, der das Verbrechen von Kindesbeinen an aufgesogen hat, ein brutaler Gewaltverbrecher, der in seinen eigenen Verhaltensmustern gefangen und unfähig ist, aus diesen auszubrechen. Aber er ist nicht nur schlecht: „Er hat mich nie geschlagen.“ wird Susie am Ende über ihn sagen und tatsächlich ist seine Beziehung zu der kindlichen Prostituierten eine überaus ungewöhnliche: Will Frenger Susie wirklich nur ausnutzen? Es macht manchmal den Eindruck, aber dann wieder scheint Frenger zu dieser Unbarmherzigkeit nicht in der Lage zu sein. Auch hier ist er ein Gefangener seiner Prägung. Mehr noch als die eigentliche Krimihandlung steht diese Beziehung im Vordergrund von Armitages Film, der in seinen Momenten der Intimität eine entwaffnende Unmittelbarkeit hat, die er durch den Einsatz der Handkamera und die Distanz aufbrechende Close-Ups erreicht. Wie sein Titel andeutet, ist MIAMI BLUES ein lakonischer Film: Traurig, ja, aber immer mit einem lachenden Auge.

Es müsste jetzt noch über die Leistung von Alec Baldwin gesprochen werden, über die Art, mit er seinen Frenger aus einer Bierflasche trinken lässt, darüber, wie er am Tisch sein Essen abschirmt, darüber wie ähnlich sich sein Frenger und Wards Moseley im Kern sind. Und natürlich über Susie und ihre Träume. Darüber, wie ihre Augen leuchten, wenn sie Frenger von ihrem Burgerbuden-Traum berichtet, darüber wie dieses Leuchten plötzlich bricht, als sie merkt, dass ihr Geliebter ihre Träume nicht teilen kann, wie sie sich in dem Bruchteil einer Sekunde von all ihren Hoffnungen verabschiedet, weil sie ihn nicht verlieren, nicht als Dummchen vor ihm dastehen will. Auch sie ist eine Gefangene. Über all das müsste ich hier noch sprechen, aber es würde nur von dem ablenken, was über diesen Film als einziges unbedingt gesagt werden muss: MIAMI BLUES ist großartig, rätselhaft, vielschichtig und wunderschön. Und leider vollkommen unterschätzt. Unbedingt ansehen!

Kommentare
  1. Ghijath Naddaf sagt:

    Ausserdem sollte endlich mal einer die anderen Willeford Moseley Romane verfilmen.
    Mein absoluter Lieblingsautor.

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