the man in the white suit (alexander mackendrick, großbritannien 1951)

Veröffentlicht: September 15, 2008 in Film
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Der Chemiker Sidney Stratton (Sir Alec Guinness) nutzt seine Anstellung in einer großen Weberei dazu, mit neuen synthetischen Fasern zu experimentieren. Seine meist erfolglosen, aber dafür kostenintensiven Versuche haben ihm bisher aber nicht mehr als eine Entlassung nach der anderen beschert. Das ändert sich als herauskommt, woran Stratton arbeitet: eine Faser, die unzerstörbar und schmutzabweisend ist. Doch die große Euphorie über die neue Erfindung weicht bald der Angst: Die Faser auf den Markt zu bringen, käme einem wirtschaftlichen Selbstmord gleich …

Science-Fiction, Komödie, Sozialdrama: Welchem Genre gehört THE MAN IN THE WHITE SUIT an? Die Antwort kann nur lauten: allen dreien. Es ist vor allem diese meisterliche Verwebung vollkommen unterschiedlicher Ebenen, die Mackendricks wunderschönen kleinen Film auszeichnet. Das Science-Fiction-Element – die Erschaffung einer neuen Faser – mutete wahrscheinlich damals noch halbwegs utopisch an, der industrielle Wandel, den sie verkörpert – weg vom „einfachen“ Handwerk hin zu den Möglichkeiten, die sich durch den Rückgriff auf neue wissenschaftliche Erkenntnisse aus Technik, Chemie, Biologie und Genetik ergeben –  war jedoch bereits in vollem Gange. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist auch ein Nachkriegs- und als solcher ein Umbruchsfilm: Das Schwarzweiß fängt den ganzen Dreck ein, den die Fabriken in die Luft blasen, die Settings werden von hässlichen, funktionalen Backsteinbauten bestimmt, denen als Kontrast die mondänen Raucher- und Arbeitszimmer der Oberklasse gegenübergestellt werden. In den Figurenkonstellationen zeichnet sich eine fest gefügte Zweiklassengesellschaft aus Arbeitern und Industriellen ab, die Stratton jedoch gehörig durcheinanderwirbelt. Aber Mackendrick ist letztlich viel zu realistisch, um seine Geschichte zur idealistischen Utopie zu verzeichnen: Am Ende von THE MAN IN THE WHITE SUIT steht doch die traurig-nüchterne Erkenntnis, dass es in dieser Welt schwer ist für den Einzelnen, die Dinge zu verändern. Wenn man den Menschen an den Geldbeutel geht, solidarisieren sie sich sofort mit den Unterdrückern. So muss Stratton, der mit seiner Erfindung doch nur Gutes tun wollte, erkennen, dass er genau jene Leute gegen sich aufgebracht hat, denen er sich doch zugehörig fühlte: die Arbeiter. Am Ende steht er (buchstäblich) mit leeren Händen dar, während seine Niederlage sowohl von den Vertretern des Großkapitals als auch vom „kleinen Mann“ belacht wird. Dieses Dilemma führt aus Mackendricks Film direkt in die Orientierungslosigkeit der Postmoderne. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist trotz seines hohen Alters fast immer noch so aktuell wie zu seiner Entstehungszeit, man bedenke nur die gegenwärtigen Diskussionen um den Ölpreis und alternative Energien. „Altmodisch“ ist Mackendricks Film aber auch, jedoch in ausschließlich positivem Sinne: Sein Film ist wunderbar rund und ebenmäßig, der Fluss der Ereignisse wird nie durch einzelne herausstechende Nummern zerrissen. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist kein Film, der einen dazu veranlasst, einzelne Szenen nachzuerzählen, weil er eben vor allem als Gesamtwerk in Erinnerung bleibt. Kein Film, der sich aufdrängt, aber einer, dessen Weisheit und Schönheit sich dafür mit mehreren Sichtungen immer weiter entfalten, da bin ich mir sehr sicher. Mackendricks Werk ist recht überschaubar: 13 Filme drehte er zwischen 1949 und 1967. THE MAN IN THE WHITE SUIT ist erst sein zweiter, was angesichts seiner Qualität und Reife kaum fassbar ist. Vier Jahre später ließ Mackendrick den Klassiker THE LADYKILLERS folgen, der ihm den Weg nach Hollywood ebnete, wo er 1957 SWEET SMELL OF SUCCESS mit Tony Curtis und Burt Lancaster realisierte, den ich schon einige Zeit im Regal stehen habe und jetzt bestimmt bald nachlegen werde.

Kommentare
  1. […] zu denen eben auch THE LAVENDER HILL MOB zu zählen ist. Wie auch in den ähnlich gelagerten THE MAN IN THE WHITE SUIT oder THE LADYKILLERS stehen im Mittelpunkt die Versuche eines oder mehrerer Protagonisten, aus der […]

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