the lavender hill mob (charles crichton, großbritannien 1951)

Veröffentlicht: September 25, 2008 in Film
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Henry Holland (Alec Guinness) verrichtet seit 20 Jahren gewissenhaft und routiniert seinen Job – er bewacht den Transport von Goldbarren zur britischen Landesbank -, ohne dabei einmal negativ aufgefallen zu sein. Er ist der Prototyp des Durchschnittsbürgers und sein Chef sagt von ihm, er habe weder Fantasie noch Ehrgeiz. Aber er irrt: Denn hinter der braven bürgerlichen Fassade steckt ein kriminelles Mastermind, das all die Jahre auf einen geeigneten Moment gewartet hat, zuzuschlagen. Und der Moment ist gekommen, als Holland den Kunsthandwerker Alfred Pendlebury (Stanley Holloway) kennen lernt, der Eiffelturm-Modelle aus Blei gießt …

Die Ealing Studios aus dem gleichnamigen Londoner Stadtteil machten sich in den späten Vierziger- bis in die mittleren Fünfzigerjahre einen Namen mit einigen im Arbeitermilieu angesiedelten Komödien, den Ealing Comedies, zu denen eben auch THE LAVENDER HILL MOB zu zählen ist. Wie auch in den ähnlich gelagerten THE MAN IN THE WHITE SUIT oder THE LADYKILLERS stehen im Mittelpunkt die Versuche eines oder mehrerer Protagonisten, aus der Masse des Mittelmaßes auszubrechen, der sie eigentlich unverdienterweise zugehörig sind. Aber ihr (Klassen)Kampf ist weder von Zorn noch von Selbstmitleid geprägt: Holland und Pendlebury verrichten ihren Coup mit der fleißigen Disziplin, die sie auch für ihre Arbeit aufbringen, beweisen aber dabei einen Einfallsreichtum, eine Risikobereitschaft und Flexibilität, die ihnen ihre Vorgesetzten niemals zutrauen würden. Es geht in THE LAVENDER HILL MOB genauso wenig um die Beute wie es in THE MAN WITH THE WHITE SUIT um den Anzug geht: Letztlich wichtig ist die Energie, die freigesetzt wird, wenn die Otto-Normalverbraucher ihre Pläne schmieden und in die Tat umsetzen oder sie sich vollkommmen in ihrer Arbeit verlieren. Diesen Kontrast zwischen dem lähmenden Alltag und dem Rausch des Abenteuers arbeitet Crichton – seine letzte Regiearbeit war A FISH CALLED WANDA – mit tatkräftiger Unterstützung von Alec Guinness meisterlich heraus. Auf der Straße verschwindet Guinness‘ Holland geradezu im nicht enden wollenden Strom der working men, aber sobald der Entschluss gefasst ist, zuzuschlagen, blitzt es gefährlich aus seinen Augen, ist der einst unscheinbare Mann kaum noch wiederzuerkennen. Am eindrücklichsten entäußert sich das Rauschhafte ihrer neuen kriminellen Tätigkeit in der wunderbaren Eiffelturm-Sequenz: Holland und Pendlebury müssen eine Gruppe von englischen Schülerinnen aufhalten, nur befinden sich diese bereits im Fahrstuhl nach unten. Für die beiden Gauner bleibt nur die Wendeltreppe. Eine denkbar ungewöhnliche Verfolgungsjagd entbrennt, in der das zu verfolgende Objekt gar nicht mehr so wichtig scheint. Das Bild dreht sich wortwörtlich um die beiden Protagonisten, zieht den Zuschauer gleich mit in diesen Wirbel. THE LAVENDER HILL MOB zelebriert das Recht des kleinen Mannes auf das große Abenteuer, preist seinen Mut, alles aufs Spiel zu setzen für den einen Moment, in dem plötzlich alles Sinn zu ergeben scheint, in dem er aufgeht. Das Bemerkenswerte an Crichtons Film ist, dass er diese Botschaft ohne falsches Pathos oder aufdringliche Emphasen schafft, er zwar große menschliche Wärme ausstrahlt, aber dennoch stets angenehm britisch-nüchtern und reserviert bleibt. Man sollte sich nämlich auch keine falschen Hoffnungen machen: Nach dem großen Abenteuer schlägt die Realität irgendwann wieder zu und legt einem die Fesseln an. Der Ausbruch ist nur von kurzer Dauer. Aber das Lächeln, das Holland am Ende auf dem Gesicht trägt, hält ewig.

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