running scared (wayne kramer, usa/deutschland 2006)

Veröffentlicht: September 27, 2008 in Film
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Joey Gazelle (Paul Walker) arbeitet für den Gangster Tommy Perello (Johnny Messner). Bei einem Überfall auf ein paar Drogendealer gibt es einen Schusswechsel, bei dem sich die vermeintliche Konkurrenz als Undercover-Cops entpuppen. Sehr ärgerlich, weil Polizistenmördern selten ein rosiges Schicksal blüht. Joey erhält daher den Auftrag, die Mordwaffen verschwinden zu lassen, was ihm auch gelingt, allerdings nicht so, wie er sich das gedacht hat: Der kleine Oleg (Cameron Bright), bester Freund seines Ziehsohnes Nicky und Misshandlungsopfer, klaut die Pistole, um damit seinen Peiniger zu erschießen. So macht sich Joey auf die Suche nach der Waffe, die gleichzeitig auch eine Suche nach Oleg ist, der von einer Gefahr in die nächste tappt …

Erst die Endcredits rücken das vorige Geschehene in Perspektive: In düsteren Bildern wird die Nähe der Handlung zu populären Märchen hergestellt. Leider sucht man diese Nähe während des Films vergeblich, weil Wayne Kramer ganz den Möglichkeiten der intensified continuity und dem fragwürdigen Charme des Schmutzes und der Gewalt erliegt, er mit dem Hammer inszeniert, wo eine elegante Federführung notwendig gewesen wäre. So unterscheidet sich RUNNING SCARED leider nur wenig von anderen modernen Krawallbrüdern, die das stilistische und inhaltliche Repertoire des Actionfilms auf markige Sprüche, coole Typen und überzogene Gewalttaten reduzieren und die Möglichkeiten des Genres somit noch nicht einmal ansatzweise ausschöpfen. Die Figuren in RUNNING SCARED sind zwar als Typen angelegt, was zwar ihre schreckliche Eindimensionalität entschuldigt, nicht aber, dass sie dem Zuschauer schon nach kurzer Laufzeit vollkommen egal sind. Die Hatz nach der Waffe, die auf eine Laufzeit von zwei Stunden aufgebläht sowieso nur leidlich spannend ist, wird so zur echten Belastungsprobe für das Sitzfleisch. Dennoch lässt sich Kramers Film hier und da Positives abgewinnen, was – wen wundert es – vor allem der Ästhetik des Films zuzurechnen ist. Gerade in der rasanten Exposition gibt es ein paar schöne Einfälle und Effekte zu beobachten, mit denen Kramer dann aber so inflationär umgeht, dass sie sich schnell abnutzen und man froh ist, wenn RUNNING SCARED wieder etwas bodenständiger wird. Das Programm des Films ist klar: Die Welt des Verbrechens unterscheidet sich aus der Perspektive eines Kindes nicht von  der Welt der Märchen, in denen der böse Wolf hinter jedem Baum lauert und kinderfressende Hexen sich gierig die Lippen lecken. In RUNNING SCARED wird diese Allegorie aber auf die denkbar platteste Weise abgehandelt und bietet lediglich den Vorwand für abgeschmackte Klischees. Nun muss ich einschränkend und abschließend sagen, dass Kramers Film ist für mich nicht die Katastrophe ist, die mir manche Freunde prophezeit haben – die Szene mit den beiden Pädophilen etwa fand ich mit am gelungensten, weil Kramer hier tatsächlich einmal so etwas wie Subtilität walten lässt und sich nicht kreischend im Dreck suhlt (vielleicht durfte er auch einfach nicht) -, die Neuerfindung des Kinos, die Kollege Tarantino vom Cover aus beschreit und damit erneute Belege für seinen angeschlagenen Geisteszustand liefert, ist RUNNING SCARED aber ganz gewiss nicht – Gott bewahre, wenn dem so wäre. So bleibt letztlich nur eine Frage: Was hat Kramer, der doch vor ein paar Jahren mit THE COOLER immerhin einen wenn schon nicht wirklich guten, so doch immerhin recht sympathischen Film gedreht hat, dazu bewogen, RUNNING SCARED zu drehen, der doch ein recht typischer Vertreter des neumodischen Proletenkinos und damit das komplette Gegenteil von THE COOLER ist? Vielleicht muss man einfach Tarantino sein, um seine Brillanz zu erfassen. Ohne mich.

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Kommentare
  1. Der Außenseiter sagt:

    „die Szene mit den beiden Pädophilen etwa fand ich mit am gelungensten, weil Kramer hier tatsächlich einmal so etwas wie Subtilität walten lässt“

    Ihr Funktionieren ist ja gerade deshalb so perfide, weil man als Zuschauer eingewickelt werden soll, das Abtreten der Pädophilen zu begrüßen. Kramer nutzt die szenische Subtilität zur Manipulation. Handwerklich gut gemacht, inhaltlich schlimmer als Riefenstahls Politnaivität.

  2. funkhundd sagt:

    Dem will ich gar nicht widersprechen. Ich habe das beim Sehen aber gar nicht so stark empfunden, vielleicht auch, weil ich wusste, was kommen würde. Ich hatte nach dem, was ich gehört hatte, eine viel stärkere „Stimmungsmache“ erwartet. So erschien mir die Exekution eigentlich fast eher als Zäsur, weil die Päderasten ja im Vergleich zu den anderen Verbrechern des Films weniger „eindrucksvoll“ in Erscheinung treten. Will sagen: Ihre Verbrechen werden angedeutet, aber nicht gezeigt, was auf der einen Seite natürlich logisch ist, auf der anderen aber eben einen Kontrast zum Rest des Films darstellt.

  3. Der Außenseiter sagt:

    Ja, Du hast Recht. Wahrscheinlich hat mich eben dieses Kalkül, die Pädophilen-Szene auf einmal mit „inszenatorischem Fingerspitzengefühl“ zu inszenieren, so verärgert. Damit kam ich mir vom Regisseur doppelt verarscht vor.

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