Archiv für September, 2008

Henry Holland (Alec Guinness) verrichtet seit 20 Jahren gewissenhaft und routiniert seinen Job – er bewacht den Transport von Goldbarren zur britischen Landesbank -, ohne dabei einmal negativ aufgefallen zu sein. Er ist der Prototyp des Durchschnittsbürgers und sein Chef sagt von ihm, er habe weder Fantasie noch Ehrgeiz. Aber er irrt: Denn hinter der braven bürgerlichen Fassade steckt ein kriminelles Mastermind, das all die Jahre auf einen geeigneten Moment gewartet hat, zuzuschlagen. Und der Moment ist gekommen, als Holland den Kunsthandwerker Alfred Pendlebury (Stanley Holloway) kennen lernt, der Eiffelturm-Modelle aus Blei gießt …

Die Ealing Studios aus dem gleichnamigen Londoner Stadtteil machten sich in den späten Vierziger- bis in die mittleren Fünfzigerjahre einen Namen mit einigen im Arbeitermilieu angesiedelten Komödien, den Ealing Comedies, zu denen eben auch THE LAVENDER HILL MOB zu zählen ist. Wie auch in den ähnlich gelagerten THE MAN IN THE WHITE SUIT oder THE LADYKILLERS stehen im Mittelpunkt die Versuche eines oder mehrerer Protagonisten, aus der Masse des Mittelmaßes auszubrechen, der sie eigentlich unverdienterweise zugehörig sind. Aber ihr (Klassen)Kampf ist weder von Zorn noch von Selbstmitleid geprägt: Holland und Pendlebury verrichten ihren Coup mit der fleißigen Disziplin, die sie auch für ihre Arbeit aufbringen, beweisen aber dabei einen Einfallsreichtum, eine Risikobereitschaft und Flexibilität, die ihnen ihre Vorgesetzten niemals zutrauen würden. Es geht in THE LAVENDER HILL MOB genauso wenig um die Beute wie es in THE MAN WITH THE WHITE SUIT um den Anzug geht: Letztlich wichtig ist die Energie, die freigesetzt wird, wenn die Otto-Normalverbraucher ihre Pläne schmieden und in die Tat umsetzen oder sie sich vollkommmen in ihrer Arbeit verlieren. Diesen Kontrast zwischen dem lähmenden Alltag und dem Rausch des Abenteuers arbeitet Crichton – seine letzte Regiearbeit war A FISH CALLED WANDA – mit tatkräftiger Unterstützung von Alec Guinness meisterlich heraus. Auf der Straße verschwindet Guinness‘ Holland geradezu im nicht enden wollenden Strom der working men, aber sobald der Entschluss gefasst ist, zuzuschlagen, blitzt es gefährlich aus seinen Augen, ist der einst unscheinbare Mann kaum noch wiederzuerkennen. Am eindrücklichsten entäußert sich das Rauschhafte ihrer neuen kriminellen Tätigkeit in der wunderbaren Eiffelturm-Sequenz: Holland und Pendlebury müssen eine Gruppe von englischen Schülerinnen aufhalten, nur befinden sich diese bereits im Fahrstuhl nach unten. Für die beiden Gauner bleibt nur die Wendeltreppe. Eine denkbar ungewöhnliche Verfolgungsjagd entbrennt, in der das zu verfolgende Objekt gar nicht mehr so wichtig scheint. Das Bild dreht sich wortwörtlich um die beiden Protagonisten, zieht den Zuschauer gleich mit in diesen Wirbel. THE LAVENDER HILL MOB zelebriert das Recht des kleinen Mannes auf das große Abenteuer, preist seinen Mut, alles aufs Spiel zu setzen für den einen Moment, in dem plötzlich alles Sinn zu ergeben scheint, in dem er aufgeht. Das Bemerkenswerte an Crichtons Film ist, dass er diese Botschaft ohne falsches Pathos oder aufdringliche Emphasen schafft, er zwar große menschliche Wärme ausstrahlt, aber dennoch stets angenehm britisch-nüchtern und reserviert bleibt. Man sollte sich nämlich auch keine falschen Hoffnungen machen: Nach dem großen Abenteuer schlägt die Realität irgendwann wieder zu und legt einem die Fesseln an. Der Ausbruch ist nur von kurzer Dauer. Aber das Lächeln, das Holland am Ende auf dem Gesicht trägt, hält ewig.

Durch Zufall wird Privatedetektiv wider Willen Nick Charles (William Powell) in einen neuen Fall hereingezogen: Eigentlich wollte er etwas Geld auf der Rennbahn verwetten, stattdessen wird er zur Lösung eines Mords an einem Jockey herangezogen. DIeser sollte eigentlich gegen die Wettmafia aussagen, sodass zumindest das Motiv klar scheint.  Wenig später gibt es die nächste Leiche im Büro des Glücksspiel-Paten Stephens: ein Doppelmord?

Der vierte Teil der THIN MAN-Reihe gewinnt, weil er als erster Teil der Reihe seine Verfasstheit als Sequel mitsamt der inhärenten Beschränkungen akzeptiert. Die Krimihandlung wird so konsequent wie in keinem der Vorgänger verfolgt, zum ersten Mal werden alle für die Lösung des Whodunits relevanten Fakten offen ausgebreitet. Paradoxerweise gelingt es Van Dyke gleichzeitig besser als im direkten Vorgänger, die Beziehung zwischen Nick und Nora wieder mehr in den Fokus zu rücken. Der Wortwitz sprüht und Myrna Loy hat einige wunderbare Szenen abbekommen, so z. B. jene, als sie ihren wenig begeisterten Nick beim Besuch eines Wrestling-Matches vor lauter Eifer in den Schwitzkasten nimmt oder sich beim auf der Matte liegenden Catcher persönlich verabschiedet mit dem Wunsch, dass dieser sich doch aus seiner misslichen Lage befreien können möge, worauf der bärtige Koloss brav antwortet: „Thank you, Mam.“ Außerdem wird Nicks Vaterschaft für ein paar kleine amüsante Anekdötchen genutzt: So sieht sich Nick auf dem Karussell dem Spott der anderen Kinder ausgesetzt, weil er sich weigert auf einem bereitstehenden Holzdrachen Platz zu nehmen. Das kann der Gentleman natürlich nicht auf sich sitzen lassen, was dann Anlass für eine von Powell gewohnt subtil umgesetzte Darbietung ist. Es gibt viele solcher kleinen Episoden, die SHADOW vielleicht etwas beliebig machen, ihm aber auch zu großer Kurzweil verhelfen. Es passiert einfach immer etwas: Schön auch die gewaltige Kneipenschlägerei, die Hund Asta verursacht, als sie dem schwer beladenen Kellner zwischen die Beine läuft. Auch wenn es also kleinere Kurskorrekturen gibt, im Grunde ist sich Van Dyke treu geblieben. Am Ende, wenn Nick alle Verdächtigen um sich versammelt, um in einer Demonstration seines Scharfsinns den Täter zu entlarven, fühlt man sich sofort wieder zu Hause. Ein schöner, leichter Film, der mir etwas besser gefallen hat als der dritte Teil.

the condemned (scott wiper, usa 2007)

Veröffentlicht: September 24, 2008 in Film
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Der Fernsehproduzent Ian Breckel (Robert Mammone) will mit seiner neuesten, direkt live ins Web übertragenen Show alle Zuschauerrekorde sprengen: Auf einer kleinen Insel im indischen Ozean setzt er zehn hochgradig gefährliche Schwerverbrecher aus, die er aus den Todeszellen dieser Welt freigekauft hat. Einer dieser Todgeweihten soll nach Ablauf von 30 Stunden die Freiheit geschenkt bekommen, aber nur, wenn es ihm gelingt, als letzter Überlebender übrig zu bleiben. Die Show entwickelt sich tatsächlich zum Erfolg, aber nicht alle sind begeistert …

Inhaltlich erinnert THE CONDEMNED zunächst an eine Mischung aus CON AIR (die bunte Ansammlung brutaler Gewaltverbrecher) und BATTLE ROYALE (Setting und Plot), die sich aber im Verlauf ihrer Spieldauer immer mehr vom bloßen Actioner in ein medienkritisches Drama verwandelt. Zu Beginn spielt Regisseur Wiper ganz das zynisch-widersprüchliche Potenzial seines Films aus: Wir schauen einem Spektakel zu, dass innerhalb des Films als verbrecherisch und inhuman verurteilt wird, und machen uns somit mitschuldig. In der ersten halben Stunde lebt THE CONDEMNED ausschließlich von dieser an Deodatos CANNIBAL HOLOCAUST erinnernden Provokation, die er aber immer mitreflektiert. Danach beginnt Wiper aber den Fokus seiner Betrachtungen auszuweiten: Das Gerangel auf der Insel gerät zunehmend in den Hintergrund – nicht zuletzt, weil die Kandidaten das Spiel nicht mehr so spielen, wie es der Erfinder im Sinne hatte – während die Ränder des Geschehens ins Blickfeld treten: Der „Held“ des Films, der Amerikaner Conrad (Wrestler „Stone Cold“ Steve Austin), erhält eine Vergangenheit samt einer ihn suchenden Ehefrau; eine toughe Reporterin schickt sich an, Breckel und seine menschenverachtende Show bloßzustellen; das FBI interessiert sich plötzlich ebenfalls für die Sendung und in Breckels Team bahnt sich eine Meuterei an. Diese Handlungserweiterung verwässert zwar das skandalöse Potenzial von THE CONDEMNED, sorgt aber auf der anderen aber für die emotionale Involvierung des Zuschauers, der hier eben nicht nur irgendwelchen Comicfiguren zusieht, sondern zunehmends gewahr wird, es mit Menschen zu tun zu haben. Wipers Film ist nicht immer stilsicher und auch nicht immer besonders clever: Seinen Tiefpunkt erreicht er, wenn er die Reporterin nach dem vermeintlichen Ende der Show eine flammende Rede auf den Humanismus halten lässt und dazu die bedröppelten Gesichter der Zuschauer einfängt, die eben noch mitgegröhlt haben. Trotzdem gelingt ihm die Gratwanderung zwischen Medienkritik und Scheinheiligkeit ganz gut und vielleicht ist es sogar sein ausgesprochener Clou, dass er das Terrain des „Gewaltfilms“ nach turbulentem und brutalem Auftakt mehr und mehr verlässt.

dvd-regal vol. 13

Veröffentlicht: September 22, 2008 in Film

Die Errungenschaften der vergangenen Woche: 

der joker (peter patzak, deutschland 1987)

Veröffentlicht: September 22, 2008 in Film
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Jan Bogdan (Peter Maffay) ist ein Cop in Hamburg, das von einer Mordserie erschüttert wird. Hinter dieser verbirgt sich der Killer Mr. Proper (Michael York), der wiederum im Auftrag eines Unbekannten handelt, der sich nur durch ein zurückgelassenes Pik-As am Tatort zu erkennen gibt. Bogdan, vom harten Großstadtleben voller Gewalt und Drogen vollkommen desillusioniert, fällt schließlich einem Bombenattentat zum Opfer. Im Rollstuhl sitzend, getrieben vom Gedanken an Rache, macht er sich auf die Suche nach dem „As“ …

Der überkandidelte Jingle von Marketing-Film (viele, viele bunte Sternchen, Explosionen, ein Bergpanorama und ein mächtiger Adler geben sich die Klinke in die Hand) heizt ganz gut ein für die kommenden 90 Minuten, in denen man kaum Zeit hat, das Gebotene zu verarbeiten. Der Film legt auch gleich gut los, versetzt den Zuschauer mit dem reibeisernen Adult Rock von Maffay- und Rainbow-Tastenapache Tony Carey in die richtige Stimmung, bevor der kleinwüchsige Hauptdarsteller zum ersten Mal auf- und arschtritt und das gewandet in eine Jacke, die die textilen Geschmacklosigkeiten, die ein Steven Seagal in seinem Werk spazierenzutragen pflegt, zu Musterbeispielen in Sachen Stil, Eleganz und weltmännischem Understatement erhebt. Regisseur Patzak bemüht sich redlich, es den amerikanischen Vorbildern seiner Zeit gleichzutun: Das Hamburg aus DER JOKER ist ein Moloch, in dem sich das Verbrechen eingenistet und Polizisten wie Bogdan zu innerlich ausgehöhlten Söldnern gemacht hat. Alles ist kaputt und dreckig – sogar S-Bahn-Züge sind verqualmt – und wer tot ist, ist allemal besser dran. Die Botschaft kommt an, auch wenn Hamburg nicht L. A. ist und Maffay nicht Stallone. Ersteres sieht mit seinen verräucherten Butzenscheiben-Eckkneipen und den Bier-Leuchtreklamen zwar schmuddelig, aber dann auch wieder sehr gemütlich aus, letzterer bestimmt mit seiner Art des Antischauspiels den ganzen Film: Wenn Bogdan redet, tut er das immer in derselben tonlosen Art, mit immer derselben dramatischen Pause in der Mitte des Satzes. Seine Dialogzeilen sollen deep sein, offenbaren aber nur die vollkommene Leere, die sich in ihm bereits breitgemacht hat. Dass der gesamte Film aufgrund seiner vielen internationalen Schauspieler komplett deutsch nachsynchronisiert wurde, verstärkt den dissoziativen Effekt noch: Es gibt keinerlei Bindung zwischen Bogdan und seinen Worten. Er definiert sich nur über Symbole: die Rockermähne und den Dreitagebart, die Cowboystiefel und die Lederjacke, das Muskelshirt und die Adler-Halskette, später dann durch den Spezialrollstuhl. Das ist charakteristisch für den ganzen Film, der sehr bemüht ist, den großen Vorbildern nachzueifern, dabei aber nur Chiffren produziert, flache Folien, die eine ihnen zugedachte Bestimmung zu erfüllen haben. Der Killer Mr. Proper ist weniger Handlungs- als vielmehr Strukturelement und auch bei Bogdans Chef Axel Baumgartner (Armin Müller-Stahl) vermutet man bei jedem seiner Auftritte, dass er sich als entkörperlichte Holgrafie entpuppt. Der Oberschurke ist ein gewissenloser Unternehmer (Elliott Gould), der lediglich seine Pfründe sichern will und somit programmatisch für ein Jahrzehnt ist, in dem alle Welt dem Zauber des Mammons erlegen war. So ist DER JOKER gerade wegen seiner vielen Fehler und Schwächen ein letzten Endes sehr gelungener Vertreter des Achtzigerjahre-Kinos, für das er geradezu symptomatisch scheint. Die Leere und Oberflächligkeit des Jahrzehnts bringt Patzak gerade deshalb auf den Punkt, weil er selbst ihr Opfer ist.

Natürlich kann man sich an DER JOKER auch köstlich delektieren: Maffay verwandelt jede Szene, in der er agiert, in eine Zirkusveranstaltung, und dass um ihn herum Schauspielgrößen wie Müller-Stahl, Gould, York oder auch Veteranen wie Werner Pochath und Marquard Bohm agieren, macht Patzaks Film noch absurder als er ohnehin schon ist. Ein in jeder Hinsicht bemerkenswerter Vertreter des bundesdeutschen Actionfilms.

Kurz vor dem ersten Geburtstag ihres gemeinsamen Sprösslings werden Nick und Nora Charles (William Powell & Myrna Loy) nach Long Island gerufen, wo der Großindustrielle McFay (C. Aubrey Smith) um sein Leben bangt. Ein sinistrer Charakter namens Church (Sheldon Leonard) will den Tod des alten Herrn vorausgesehen haben und macht sich so nicht ganz unverdächtig als McFay tatsächlich tot ist …

Der dritte Teil der THIN MAN-Reihe setzt den im zweiten Teil eingeschlagenen Weg konsequent fort: Das Ehepaar Charles rückt als prägendes Element weiter in den Hintergrund und macht Platz für den Krimiplot, der dafür wendungsreicher und komplizierter ist. ANOTHER THIN MAN – der Titel lässt sich nicht nur selbstreflexiv auf die Reihe anwenden, sondern auch auf das neue Familienmitglied, was einer ähnlichen Verzerrung des Ursprungstitels gleichkommt wie die seinerzeitige Benennung des zweiten FRANKENSTEIN-Films (der THIN MAN des Originals war ja nicht Nick Charles, sondern das Mordopfer) – wirkt mit seinem großen Personeninventar und den vielen Schauplatzwechseln deutlich größer als seine Vorgänger, leider aber auch generischer. Die Spitzen, die sich Nick und Nora gegenseitig zuwerfen, sind zahmer geworden und muten gezwungen an, der Alkoholkonsum wurde extrem zurückgefahren und das Kind – eigentlich willkommener Anlass, die Familiendynamik auszubauen – ist nicht mehr als ein Gimmick, das wie Hund Asta für gelegentliche Lacher sorgen darf. Schade, denn der Konflikt zwischen Nicks Jetset-Lifestyle und der neuen Verantwortung hätte eigentlich Potenzial für eine Rückbesinnung auf den ersten Teil geboten, das hier leider aber nicht richtig genutzt wird. Man verstehe mich nicht falsch: ANOTHER THIN MAN ist sehr vergnüglich und speziell für Whodunit-Freunde ein gefundenes Fressen; gemessen an THE THIN MAN, der nicht nur originell war, sondern dabei auch noch urkomisch, ist er aber leider doch eher mittelprächtig. Wenn man William Powell und Myrna Loy aber mal in Aktion gesehen hat, weiß man, das das immer noch eine ganze Menge ist.

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Veröffentlicht: September 17, 2008 in Zum Lesen

The Uncanny X-Men: The Dark Phoenix Saga

Die „Dark Phoenix Saga“ (1980) stellt innerhalb der X-Men-Reihe ein einschneidendes Kapitel dar, das die ambivalente Rolle ihrer Helden auf die Spitze treibt und und auch als vage Vorlage für die bislang dreiteilige Filmreihe diente. Die sich über sechs Heftausgaben erstreckende Geschichte befasst sich mit der langsamen Verwandlung der telepathisch begabten Jean Grey in die Planeten zerstörende Urgewalt namens Dark Phoenix, die eine zunehmende Gefahr für das gesamte Universum darstellt. Die Angst der Menschen, die die Mutanten der X-Men nicht nur als Heilsbringer, sondern auch als Bedrohung betrachten, findet in der Gestalt von Dark Phoenix seine deutlichste Ausprägung. Zwar geht am Ende alles gut aus, wie es sich für ein Comic-Serial gehört, doch wirft die Dark Phoenix Saga dunkle Schatten in die Zukunft: Jean Grey bleibt ein unkalkulierbarer Risikofaktor, was sowohl ihre Liebeseziehung zu Cyclops schwer belastet als auch eine Bedrohung für die Existenz der X-Men als Heldenteam darstellt. Vergleicht man die Narration der Hefte mit der der ungleich aufwändiger gestalteten Graphic Novels, die in den letzten Jahren immer mehr Popularität erlangten, fällt vor allem ihre Naivität auf. Gleichzeitig erkennt man in der „Dark Phoenix Saga“ noch eine andere, überholte Comictradition, die sich sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch festmachen lässt: Entgegen moderneren Comics und Graphic Novels, die verstärkt Bilder sprechen lassen, eine stärker expressionistische Richtung einschlagen, wird in der „Dark Phoenix Saga“ unheimlich viel gesprochen und erklärt. Handlung obsiegt über Charakterisierung, die in den anspruchsvolleren Comic-Erzählungen die Oberhand hat und die Dynamik bestimmt. So wirkt die „Dark Phoenix Saga“ trotz ihrer Dramatik oft naiv und unbeholfen, muss man als Leser von Bild und Text abstrahieren, um die existenzielle Schwere des Stoffes herauszufiltern.  Näheres über die „Dark Phoenix Saga“ kann man auf der schönen Wikipedia-Seite erfahren.


Wolverine Origin

Wolverine ist einer der populärsten amerikanischen Comic-Superhelden. Sein Geschichte wurde in den vergangenen 30 Jahren immer stärker ausgebaut, seine ihm gewidmete Heftserie brach den Charakter aus dem Kontext der X-Men-Reihe heraus und näherte ihn solchen zweifelhaften „Helden“ wie dem Punisher an. In der sechsteiligen Reihe „Origin“ wird Wolverine gleichzeitig mystifiziert als auch entmystifiziert: Seine Wurzeln werden in das 19. Jahrhundert verlegt, in denen er unter dem Namen James als schwer kranker Sohn des reichen Gutsbesitzers Howlett aufwächst. Als es zu einem Konflikt zwischen dem Bediensteten Thomas Logan (einem Ebenbild des erwachsenen Wolverine) und seinem Vater kommt, geht eine Transformation mit James vor sich: Krallen wachsen aus seinen Knöcheln und wie ein wildes Tier entledigt er sich des Aggressors. Danach bleibt ihm nur die Flucht: Mit seinem „Kindermädchen“ Rose verschlägt es ihn in ein Bergarbeiterdorf, wo sich der Vorarbeiter Smitty seiner annimmt. Doch das Tier in ihm lässt sich nicht unterdrücken: Und so zieht James nachts mit den Wölfen durch die Wälder …

In nostalgisch vergilbten Brauntönen erzählt „Origin“ die Genesis des Helden Wolverine, die zumindest mich mit meiner eher marginalen Kenntnis überraschte. Der Cyborg und Vietnamveteran, als der sich Wolverine in den späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahren entpuppte, wird nur zur letzten Entwicklungsstufe eines auf eine über hundertjährige Geschichte zurückblickenden Tiermenschen marginalisiert und letztlich – so paradox das klingen mag – wieder vermenschlicht. Der ultimative badass Wolverine erwächst aus seinem genauen Gegenteil: Einem schwächlichen Jungen, der keinerlei Macht über seinen Körper hat und auf fremde Hilfe angewiesen ist. „Origin“ betreibt eine konsequente Psychologisierung, die sich in ihrer Form kaum stärker von der Strategie der „Dark Phoenix Saga“ unterscheiden könnte. In seiner Breite und seinem Andeutungsreichtum macht „Origin“ sehr deutlich, dass letztlich jede gute Superheldengeschichte eine Ursprungsgeschichte ist. In diesen Erzählungen sind die Superheldencomics ihre mythischen Wurzeln am nächsten.


Superman for all Seasons

Eine weitere Ursprungsgeschichte, deren unschätzbarer Verdienst es ist, dem wohl berühmtesten Superhelden der Comicgeschichte neues Leben einzuhauchen und zu vermenschlichen. Clark Kent ist hier nicht der smarte Junge vom Land, sondern ein ungeschlachter und auch ein bisschen einfältiger Bauernjunge. Aber es ist gerade diese Einfalt, die ihn zum größten Helden überhaupt prädestiniert: Man könnte sagen, dass dieser Junge gar nicht in der Lage ist, anders als gut zu handeln. Es gibt keinen durchgehenden Handlungsstrang in „Superman for all Seasons“, vielmehr kurze Episoden, die die wichtigsten Aspekte der bereits bekannten Geschichte schlaglichtartig beleuchten und neu formulieren. Auch die Perspektiven wechseln: Als Erzähler fungieren die Kents, Lois Lane und Lana Lang und in ihren Beobachtungen und Zuschreibungen entbergen sich die verschiedenen Diskurse, denen Superman bisher unterworfen wurde. Am auffälligsten ist der grafische Stil der vierteiligen Reihe: In pastellenen Tönen und in ausgesprochen klaren Bildern wird der ehemalige Stählerne zu einer Verkörperung der Unschuld verklärt, tritt die Verwurzelung dieser Figur im Mythenschatz der Americana deutlich hervor. In seiner Zeichnung des Lebens in den Weiten von Kansas hat sich Bryan Singer für seinen SUPERMAN RETURNS eindeutig  von diesem Comic inspirieren lassen, die Güte und Menschlichkeit von „Superman for all Seasons“ hat er aber nicht einfangen können.