men of war (perry lang, usa 1994)

Veröffentlicht: Oktober 9, 2008 in Film
Schlagwörter:, , , ,

Der schwedischstämmige Söldner Nick Gunnar (Dolph Lundgren) wird mit seiner Truppe (u. a. Tom Harvey, Tiny Lister, Tom Wright und Anthony John Denison) beauftragt, die Bevölkerung einer kleinen Südseeinsel davon zu überzeugen, einem Wirtschaftsunternehmen die Abbaurechte für das im Überfluss vorhandene Guano abzutreten. Doch die Einwohner weigern sich trotz schlagkräftiger Argumente – und bringen nach und nach auch die Söldner auf ihre Seite, denen angesichts der paradiesischen Zustände auf der Insel Zweifel an der Richtigkeit ihres Treibens kommen. Doch Nicks Auftraggeber wollen nicht von ihrem Vorhaben ablassen und greifen an …

MEN OF WAR ist ein bemerkenswerter Film, dessen Existenz einem Wunder gleicht. Das Drehbuch stammt unter anderem von John Sayles, der sein außergewöhnliches Können schon mehrfach unter Beweis gestellt hat: Stellvertretend sei hier nur sein in Deutschland sträflichst vernachlässigter LONE STAR genannt, der ihm auch den hochverdienten Drehbuch-Oscar einbrachte. Seine Handschrift wird in MEN OF WAR besonders in der Zeichnung der Inselbewohner sichtbar, die sich wohltuend vom zu Tode gerittenen Klischee der „edlen Wilden“ abheben und keinesfalls als weltfremde Eingeborene erscheinen. In der Gegenüberstellung von ihnen und den Sendboten des Kapitalismus, den Söldnern, entwickelt Lang das zentrale Thema des Films. In MEN OF WAR geht es um den Unterschied zwischen modernen und archaischen Kriegern, wird das Kriegerdasein als seelischer Zustand gekennzeichnet und die Instrumentalisierung desselben als Merkmal des Kapitalismus enttarnt und abgelehnt. Für Nick gibt es am Ende nur einen Ausweg: Er muss sein Leben als Außenseiter in der modernen Welt aufgeben und dahin gehen, wo es einen Platz für seinesgleichen gibt. Das mag sich naiv anhören und in vielerlei Hinsicht bedient MEN OF WAR diese Naivität der Weltenflucht auch. In Bildern wie aus dem TUI-Werbespot malt er das Inselidyll, das sich aber bei genauem Hinsehen gar nicht so sehr von unserer Welt unterscheidet, mit der einen gravierenden Ausnahme: Seine Bewohner brauchen kein Geld, sie haben alles, was sie zum Leben brauchen. Über weite Strecken ist MEN OF WAR eher Zivilisations- und Sozialdrama als Actionfilm und wenn er dann doch einmal die Genremechanismen bedient – etwa in der Schurkenfigur des Keefer, einem abtrünnigen Kompagnon Nicks –, dann will das nicht recht zum Rest passen. Erst gegen Ende, wenn der Film in seinen spektakulär-brutalen 20-minütigen Showdown mündet, erfüllt er die Erwartungen desjenigen Zuschauers, der bei Cover und Titel nicht zuerst an Anspruch und Originalität gedacht hat. MEN OF WAR ist nicht eben ein runder Film, wohl aber einer, dessen Komplexität mit einer Sichtung kaum zu fassen ist. Hinzu kommen noch die atemberaubende Breitwand-Fotografie und ein sehr feiner Humor, der kaum etwas mit den Oneliner-Orgien anderer Ballerfilme zu tun hat. Ein Beispiel? „We have a legend. It tells of a man who comes far from the oceans and save us from great danger.“ „Really?“ „No, but I’m working on it.“ Eine Schande, dass dieser Film niemals die Anerkennung erhalten wird, die ihm eigentlich zusteht.

Advertisements
Kommentare
  1. Thomas Hemsley sagt:

    Das hört sich ja wirklich interessant an: ich muss zugeben, ich habe Dolph auch irgendwann aus den Augen verloren, was mir bei ihm eigentlich aber auch eher leid tut als bei VanDamme. Vor ein paar Jahren hab ich nochmal SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO angeguckt, und fand, dass der Film und gerade auch Dolph mir sehr gefallen hat. Und das er auch eine Art Renaissance, vor allem auch als Regisseur, erfährt ist nicht an mir vorbei gegangen: abgesehen von den Vorschusslorbeeren durch dich und Vern, interessiert mich gerade UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION auch wegen ihm, ich fand ihn nämlich im Ersten gut.
    Hattest du eigentlich zwischendurch eine Phase (des Erwachsenwerdens/Prätentiöswerden?), in der du dich ein bisschen von der Action distanziert hast? Ich schon, und auch heute fehlt mir der unmittelbare Zugang des Teenagers, den ein Film vor allem rocken muss. An deinen Kritiken gefällt mir, wie schon gesagt diese Fähigkeit, dich von den Filmen undistanziert ergreifen zu lassen, dich in sie hineinzufühlen, das alles aber auch intellektuell zu durchdenken – ich glaube bei mir setzt das Intellektuelle zu früh ein – womit ich nicht meine, dass ich ein Intellektueller bin, wie käme ich in einer Welt, in der es Seeßlen gibt, dazu;-) – oh Mann, irgendwann musst du in einem der Antwortkommentare schreiben, dass ich nicht soviel faseln soll – ich weiss schon gar nicht mehr, wo ich überall meinen Senf dazu gegeben habe;-)
    Wo war ich: ach ja, Dolph. Das Doofe ist, der DVD-Player steht in Beates Zimmer, und sie will DVDs mit Schauspielern, die sie nicht ausstehen kann, nicht in ihrem Zimmer haben, sie ist da sehr extrem:-)) Gott sei Dank mag sie Stallone. Arníe und Van Damme hasst sie. Dolph fand sie ganz gut, vielleicht hab ich da also Chancen;-)
    Grüsse aus Kölle

    • Oliver sagt:

      Ich habe auch viele Filme von Dolph nicht gesehen. Sein Werk aus den mittleren bis späten Neunzigern ist mir weitestgehend unbekannt. Habe ihn dann erst mit THE MECHANIK wiederentdeckt.

      Zu der Phasenfrage: Die kann ich dir gar nicht so beantworten. Eine Zeitlang habe ich wahrscheinlich überwiegend die „alten“ Action-Klassiker geschaut, obwohl ich dann durch die Actiongülle-Reihe damals in der Splatting Image auch irgendwann auf die Sachen von Pepin und Merhi aufmerksam geworden bin. Und die standen ja zum Glück in jeder Videothek rum. Es gab aber definitiv eine Zeit, in der ich Actionfilme als reinen Eskapismus eingeordnet und sein tieferliegendes Potenzial unterschätzt oder sogar übersehen habe. Der Wandel setzte dann vor allem mit der Arbeit am Himmelhunde-Blog ein.

      Wie du meiner Filmauswahl hier unschwer entnehmen kannst, fühle ich mich auf dem Terrain zwischen Exploitation, Trash, Horrorfilm – Genrekino generell – und Klassikern sehr wohl. Neuer Kram interessiert mich abseits dieser Bereiche fast gar nicht (und ich habe weder Zeit fürs Kino noch den Bedarf, mir irgendwelchen aktuellen Blockbusterkäse auf DVD zu kaufen, wenn es immer noch so viele alte Sachen gibt, die ich nicht kenne) genauso wenig wie das typische „Intellektuellen“-Kino (brrr. fürchterlicher Begriff). Ich brauche schon so eine Art Genrezugang; wahrscheinlich komme ich deswegen auch mit der Nouvelle Vague und Godard zurecht.

      Der Teenager-Zugang fehlt mir auch manchmal. Aber dann denke ich wieder an die zahlreichen Filme, die ich damals gar nicht zu schätzen wusste. Sachen wie THE DRIVER von Walter Hill, einer der tollsten Actionfilme überhaupt, aber eben einer, der gar nicht auf diese unvermittelte Art und Weise „rockt“. Und dann bin ich ganz froh darüber, Filme heute differenzierter sehen zu können.

      • Thomas Hemsley sagt:

        „Filme heute differenzierter sehen…“ – d.h. du bist froh, dass heute nicht nur dein Bauch und deine Eier, sondern auch dein Hirn stimuliert wird?;)
        Ich sehe das durchaus ähnlich: man findet vielleicht nicht mehr alles toll, was man früher toll fand, aber das was man dann toll findet, findet man auf mehreren Ebenen und viel tiefer toll (Subtext und Metaebenen quasi). Für mich hat das alles ja erst so 89/90 angefangen mit dem Filme geil finden, und es war immer mit „über Filme lesen“ verbunden – natürlich nicht Seeßlen;-) Aber die ganzen Film-und Videomagazine die es so gab (erinnerst du dich noch an Videoplay und Kinohit etc.?), und ich hab also dementsprechend auch andere Dinge für wichtig erachtet als nur Stars (Filmmusik war sehr wichtig, aber auch Stuntkoordinatoren und Regisseure).
        Ich will also keinesfalls sagen, dass die intellektuelle Ebene (nicht „Intellektuellen“-Kino;-) nicht wichtig ist, ich habe nur das Gefühl, dass diese bei dir etwas später dazukommt (ich meine das als Kompliment); wenn sie aber kommt, dann aber auch bei Filmen, die viele nicht so betrachten (auch wieder ein Kompliment).
        Ich schiebe alles auf DIE HARD 3 und GOLDENEYE – zwei eskapistische Actionfilme, bei denen ich beim Gespräch im McDonalds danach Dinge kritisiert, die ich glaub ich vorher noch nie bei Actionfilmen bemängelt habe: Vorher waren die wichtigen Kriterien: Schauspieler (Sly super; Van Damme scheisse – trotzdem einige seiner Filme gut gefunden), Stunts, Effekte, Explosionen (ich bin ein filmischer Pyromane) solche Sachen eben – was jetzt nicht bedeuten soll, dass ich nur Action geguckt habe;-) Jetzt kamen plötzlich Kriterien wie Dialoge und so dazu, ich weiss noch, dass ich diese in GOLDENEYE doof fand.
        Bei THE DRIVER muss ich zugeben, dass ich da glaub ich ein bisschen gedöst habe, was aber vielleicht auch was mit Übernächtigung zu tun hatte – Walter Hill fand ich aber damals schon gut, zugegebenermaßen eher wegen RED HEAT und 48 HOURS, aber dennoch…das tolle an ihm ist, ist, dass er eine perfekte Einstiegsdroge ist: Man erkennt auch als relativ anspruchsloser Actionfan Ähnlichkeiten zwischen RED HEAT und ANOTHER 48 HOURS (um mal einen Film zu nehmen, der weniger kanonfähig ist), sieht seinen Namen in den Credits von ZUM TEUFEL MIT DEN KOHLEN (wie du meinem Pryor-Text entnehmen kannst, war der mir wichtig;-) – Komödien sind meine größere Leidenschaft – und Schwuppdiwupp ist man über THE GETAWAY bei Peckinpah. Ich schätze du hast ähnliche äähhhmmm Lernerlebnisse.

      • Oliver sagt:

        Ich bin der Überzeugung, dass man Filme „falsch“ sieht, wenn man die unmittelbare Emotion überspringt und gleich zur Interpretation übergeht. Film ist zuallererst eine emotionale Erfahrung und die Wirkung, die die Bilder in einem auslösen ist der Schlüssel zu aller Exegese, die danach noch folgt. Das ist wohl auch der Grund, warum ich eben über Actionfilme schreibe: Das sind die Filme, die mich am stärksten bewegen, in die ich mich aam tiefsten einfühlen und deswegen auch reindenken kann.

        Die Kriterien, die du da anhand von DIE HARD 3 und GOLDENEYE aufzählst (bzw. nur eins: doofe Dialoge), sind ja rein technische. Doofe Dialoge sind nicht per se ein Ausschlusskriterium. Ein Film kann schlecht montiert sein und gerade dadurch Wirkung erzielen. Es ist natürlich trotzdem wichtig, die Gemachtheit von Film mit in die Betrachtung einzubeziehen, einfach um zu verstehen wie was wirkt und warum.

        Walter Hill ist eigentlich ein Actionregisseur für Fortgeschrittene, weil viele seiner Filme Actionkino zweiter Ordnung sind: Sie reflektieren Mechanismen des Genres, legen quasi den Quellcode frei, indem sie alles Fleisch von den Knochen zerren, bis nur noch die nackte Struktur da ist. Bei Walter Hill gibt es ja eher selten den totalen Exzess. THE DRIVER ist ja beinahe statisch, dafür, dass er ein Autoverfolgungsjagden-Film ist. Das Auto bewegt sich, aber darin herrscht der Stillstand.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s