barfly (barbet schroeder, usa 1987)

Veröffentlicht: Oktober 12, 2008 in Film
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Henry Chinaski (Mickey Rourke) ist Säufer aus Passion und Poet. Tag für Tag hängt er in den Spelunken von
L. A. zwischen anderen Nachtschattengewächsen und gesellschaftlichen Randexistenzen herum und lässt sich volllaufen, der Höhepunkt eines jeden Abends ist die Schlägerei mit dem fiesen Kneipenbesitzer Eddie (Frank Stallone). Als Henry die Alkoholikerin Wanda (Faye Dunaway) kennen lernt und die Herausgeberin einer Literaturzeitschrift ihn „entdeckt“, kommt Abwechslung in sein Leben …

Mit der Produktionsfirma Cannon verbindet man in erster Linie Actionreißer der Marke MISSING IN ACTION oder AMERICAN FIGHTER, dabei hatten Menahem Golan und Yoram Globus durchaus Größeres im Sinn. Neben den Mainstream-Kassenmagneten wollten sie große Kunst produzieren, nahmen Polanski, Cassavetes, Godard und andere renommierte Filmemacher unter Vertrag, die dem unabhängigen Studio Prestige einbringen sollten. Die Geschichte ist bekannt: Aus den großen Plänen wurde nix, Missmanagement, groteske Fehleinschätzungen und das eigene Image standen dem Erfolg letztlich im Weg. Dass es durchaus auch anders hätte kommen können, wird unter anderem an BARFLY offensichtlich, einem ebenso ungewöhnlichen und mutigen wie künstlerisch anspruchsvollem Film, inszeniert vom vielseitigen Weltenbummler Barbet Schroeder. BARFLY, nach einem Drehbuch vom Urvater der Gossenpoeten Charles Bukowski inszeniert, verweigert sich der typischen Dramaturgie vom unaufhaltsamen Abstieg, zelebriert vielmehr die alternative Lebensphilosophie seines Protagonisten, ohne jedoch zu beschönigen, und hat mich damit bei der Erstsichtung mit Freund Funxton, einem langjährigen Verehrer des Films, vollkommen auf dem falschen Fuß erwischt. BARFLY, das ist neben der aufopferungsvollen Darstellung des damals gerade 31-jährigen Mickey Rourkes – den man, auf dem kurzen Zenith seiner Popularität, kaum wiedererkennt – vor allem die wunderbare Fotografie von Robby Müller, der das neonglimmende Nachtleben abseits der schicken kalifornischen Flaniermeilen in Bilder schimmligen Triumphes hüllt und der heimelige Score voll mit knarzig-verrauchtem Bar-Blues und Jazz. Eine kurze Flucht aus dem Dreck gibt es gegen Ende, wenn die Redakteurin Tully Sorenson (Alice Krige) versucht, „ihre“ Entdeckung in einem Anflug messianischen Übereifers zu retten, Henry die Freuden des Reichtums und der Sicherheit schmackhaft zu machen. Das ist nichts für Henry, dessen Lebensphilosophie lautet, dass jeder nüchtern sein kann, es zum Säufer aber Ausdauer, einer gewissen Disziplin bedarf. Schroeder gelingt es in BARFLY – der sich über die Zukunft Henrys und Wandas keinen Illusionen hingibt – die Utopie in der Dystopie zu finden. Es ist letztlich egal, wie kaputt und versifft man ist, solange man das Leben lebt, das man leben will und dabei noch Mitstreiter und Freunde hat. Aber wenn man die Entscheidung über dieses Leben getroffen hat, muss man es auch mit allen Konsequenzen leben: leere Geldbörse, aufgeschlagene Fingerknöchel und eine ausgesprochen übersichtliche Lebensperspektive eingeschlossen. BARFLY ist – das ist das Herausfordernde an diesem Film – auf eine beinahe romantische Art und Weise behaglich. Dem Dahingleiten seiner Protagonisten im immerwährenden Rauschzustand könnte man noch lang über das Ende des Films hinaus zuschauen. Vielleicht ist es gut, dass sich die Tür zum Golden Horn, Henrys Lieblingskneipe, nach 95 Minuten wieder schließt und dem Zuschauer den Blick verwehrt, auf das, was dann noch kommt. Es würde wohl zu großer Leidensfähigkeit bedürfen, der Geschichte bis zum Ende zu folgen. Aber Henry weiß ja, worauf er sich eingelassen hat. Sein Leben ist eben nicht für jeden.

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