kinjite: forbidden subjects (j. lee thompson, usa 1989)

Veröffentlicht: Oktober 29, 2008 in Film
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L. A.: Sittenpolizist Lieutenant Crowe (Charles Bronson) hat es auf den Zuhälter Duke (Juan Fernandez) abgesehen, der minderjährige Mädchen auf den Strich schickt. Der Job zerrt an Crowes Nerven und belastet auch das Verhältnis zu seiner pubertierenden Tochter, deren sexuellen Reifeprozess er mit einer gewissen Angst verfolgt.

Tokio: Der Geschäftsmann Hada (James Pax) ist erfolgreich, hat eine Gattin und zwei heranwachsende Töchter, doch nach Feierabend verschlägt es ihn immer wieder zu Hostessen und Prostituierten, bei denen er seine überbordenden sexuellen Fantasien auslebt. Als er von seinem Unternehmen nach L. A. transferiert wird, lässt ihn eine seiner Fantasien an die  Tochter Crowes  geraten, die aber mit dem Schrecken davonkommt. Und dann fällt Hadas Tochter in die Hände von Duke …  

Was für ein Film! KINJITE ist weit gehend als vernachlässigbares, reaktionär-schundiges Machwerk verschrieen, als Beispiel für die Niederungen, in die es Bronson im Spätherbst seiner Karriere verschlagen hatte. Insofern geht man natürlich vorbelastet in den Film, der sich sowohl mit der amerikanischen Angst vor der „Gelben Gefahr“ als auch mit Kinderprostitution beschäftigt und somit schon vorab eine Steilvorlage für eine wohlfeil formulierte Ideologiekritik gibt. Regisseur Thompson scheint zunächst tatsächlich alle vorgefertigten Vorurteile zu bestätigen: Die Auftaktsequenz suhlt sich in softpornösem Chic und schließt damit, dass Crowe einem Freier, der sich gerade an einer Minderjährigen vergriffen hat, einen Dildo anal einführt, als dieser nicht einmal den Hauch von Reue zeigt.  Schon die nächste Szene jedoch reflektiert das soeben erneut bestätigte Rächerimage Bronsons: Zu Hause angekommen, wischt er sich angewidert die Hände ab und beklagt sich bei seiner Gattin über den Job, der ihn Tag für Tag mit dem widerlichsten Abschaum konfrontiert. Man kommt kaum umhin, Crowes Reaktion auf seinen Job auf Bronson zu übertragen, der selbst einer der größten Kritiker der Filme war, in denen er auftrat. Diese dialektische Strategie von These und Antithese verfolgt KINJITE bis zum Ende mit äußerster Konsequenz. Das beginnt schon beim ungewohnt komplexen Handlungsaufbau, der beinahe epische Ausmaße annimmt, und setzt sich in der Dramaturgie fort: Auf jede aufwiegelnde, das Bedürfnis nach Triebabfuhr befriedigende und den Reaktionismus schürende Szene folgt eine, die den Fokus erweitert, Kontext hinzufügt und den Zuschauer so vor die Wand seiner eigenen perfiden Bedürfnisse laufen lässt. Wird Hada zunächst scheinbar exemplarisch für „den Japaner“ als sexgeil diffamiert, wird ihm nicht nur ein besonnenerer Gegenpart in Form seines Arbeitskollegen entgegen gestellt, sondern auch die übermäßige Verklemmtheit des Westens, die auf einem durch das Christentum hervorgerufenen Schuldkomplex beruht, und keineswegs als wünschenswertere Alternative fungiert. Spricht Crowe in einer Szene die Gedanken des amerikanischen Durchschnittsbürgers aus, als er eine Gruppe von Japanern beschimpft, weil diese sein Land überlaufen hätten und sich den herrschenden Normen nicht anpassen wollten, so entschuldigt sich sein Partner peinlich berührt von den Ausfällen Crowes bei ihnen. Die abstoßendste Gewalt geht eigentlich immer von Crowe aus: Denkwürdig die Szene, in der er Duke dazu zwingt, seine teure Armbanduhr zu fressen und anschließend dessen Auto anzündet; denkwürdig jene Szene, in der er eine von Dukes ehemaligen Kinderprostituierten um Hilfe bittet und jene ihm diese zunächst verweigert, weil der Zuhälter sie immer gut behandelt habe; denkwürdig das Finale, als Hada, der Crowes Tochter im Suff im Bus zwischen die Beine gelangt hatte, und der unwissende Crowe zusammengeführt werden, die Rache aber ausbleibt. Natürlich ist KINJITE alles andere als liberal und auch von dem im Titel mitgeführten Anspruch, verbotene Tabus des Westens anzusprechen, ein gutes Stück entfernt; er ist und bleibt eben auch seinem Genre verpflichtet. Dennoch stellt er einen ausgesprochen schillernden Vertreteter desselben dar, bietet provokante und herausfordernde Unterhaltung, die es einem keinesfalls leicht macht. So sollte es sein.

Kommentare
  1. […] US-Crimefilm mit Japan- bzw. Yakuza-Bezug, dem auch etwa Frankenheimers THE CHALLENGE, Thompsons KINJITE, Ridley Scotts BLACK RAIN oder aber Actionfilme wie Lesters SHOWDOWN IN LITTLE TOKYO oder aber INTO […]

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