above the law (andrew davis, usa 1988)

Veröffentlicht: Oktober 31, 2008 in Film
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Ha! Seit Jahren verfolge ich das Schaffen des Gesamtkunstwerks Steven Seagal mit einigem Interesse, jetzt habe ich mich zum ersten Mal seit der Erstbegegnung vor wahrscheinlich über zehn Jahren wieder an sein Debüt herangewagt. Es war eine gute, wenn auch unbewusste Entscheidung, damit so lang zu warten, denn mit den DTV-Gurken des vergangenen Jahrzehnts im Hinterkopf entpuppt sich ABOVE THE LAW als mittelschwerer Kulturschock. Der aufgedunsene, unbewegliche Mops mit den verfetteten Gesichtszügen, der sich für jede noch so nichtige Szene doubeln lassen muss, erscheint hier gertenschlank und geht trotz seines Alters von 37 Jahren beinahe noch als jugendlich durch. Nachdem ich mich an den Anblick gewöhnt hatte, musste ich aber schnell feststellen, dass das äußere Erscheinungsbild des Stars auch das Einzige ist, was den Film aus seinem kompakten Werk herausfallen lässt: Es ist erstaunlich, wie vollständig entwickelt Seagals Filmpersona hier schon ist, wie sehr er auch als Debütant schon an seinem eigenen Mythos arbeitete. Mehr noch: ABOVE THE LAW muss man vor dem Hintergrund der Selbstmythologisierung Seagals schon beinahe als Biopic betrachten. Der Film beginnt mit einer von Seagal aus dem Off erzählten Montage, die seinen Lebenweg/den seines alter egos Nico Toscani von der Kindheit bis in die Gegenwart nachzeichnet und die dazu authentisches Fotomaterial einbindet, die Grenzen zwischen Fiktion und Realität somit schon in den ersten Sekunden von Seagals Karriere vollkommen verwischt. Es ist alles schon da: die familiäre Bindung zur Mafia, die kindliche Kampfsportbegeisterung, die schließlich zum entsprechenden Studium in Fernost führt, die Rekrutierung durch die CIA, schließlich die Zeit in Vietnam und Kambodscha, die in einer kurzen Episode auch die Grundlage für das in zukünftigen Filmen immer wieder thematisierte Misstrauen in das CIA und andere Staatsorgane bildet. Auf den ersten Blick ist diese Kritik (die sich in den Filmen des folgenden Jahrzehnts zur handfesten Paranoia auswachsen sollte) recht typisch für einen Actionfilm der Achtzigerjahre. Schon John Rambo hatte ja eher mit den eigenen korrupten Leuten zu kämpfen als mit dem vorgeblichen Feind. Was Seagals Kritik aber von der aus einem Ohnmachtsgefühl rührenden Wutrede des Kleinen Mannes gegen „Die da oben“ unterscheidet, ist das Seagal selbst nicht dieser „Kleine Mann“ ist. Er verfügt über Insiderwissen, er ist nicht verraten worden, sondern war vielmehr selbst an diesen Verrat beteiligt. Sein Feldzug gegen die Korruption und Amoral der Geheimdienste ist somit zu einem nicht unerheblichen Teil persönlich motiviert. Doch das greift auch die Substanz seiner Kritik an, die weniger Ausdruck einer Moral, sondern eher Mittel zur Selbstinszenierung und -erhöhung ist.

Diese Eitelkeit ist in ABOVE THE LAW förmlich greifbar, wird durch Seagals schon angesprochenes Aussehen noch unterstrichen, das ihm hier den Ruch des nicht mehr ganz jugendlichen Gernegroßes verleiht. Das Posertum äußert sich nicht nur in dem sich deutlich lichtenden Haar, das wenig überzeugend kaschiert ist, sondern vor allem in dem zwischen bemüht eloquenten und verkrampft lässig changierenden Ton, der angestrengten Deepness, die Seagal verkörpern möchte, dabei aber an seinem nur mäßigem Schauspieltalent scheitert. Man nimmt ihm den Elitesoldaten, der die Machenschaften der Geheimdienste mühelos aufdeckt, alle Feinde mit brachialer Rücksichtslosigkeit aus dem Weg räumt und dann auch noch zum Kronzeugen avanciert, einfach nicht ab. Auf die Seagal-Filme trifft somit genau das zu, was allen anderen Actionern immer von Leuten nachgesagt wird (zumeist von solchen, die die weit zurückreichenden Tradition des Genres nicht kennen): dass sie unfreiwillig komisch seien, ihre Stars Hohlbirnen ohne Talent. Ein Norris ist wahrscheinlich ein limitierterer Schauspieler gewesen als Seagal, aber er wusste um seine beschränkten Mittel. Seagal demontiert sich selbst, ohne es zu merken. Was ihn und seine Filme, zumindest bis Mitte der 90er-Jahre, rettet, das sind seine spektakulär-unspektakulär anzuschauende Kampfkunst, mit der er seinen Gegenern niemals auch nur den Hauch einer Chance lässt, die Over-the-Top-Gewaltdarstellungen und die meist souveräne Regie. ABOVE THE LAW wurde von Andrew Davis mit demselben sachlich-unterkühlten Understatement inszeniert, das er schon CODE OF SILENCE angedeihen ließ. Seagals erster kommt daher ruppig und groß, ohne sich allzu sehr um seine Set Pieces zu wickeln. Ein solider, rauher Copfilm, trotz seines streitbaren Hauptdarstellers.

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Kommentare
  1. […] OF SILENCE. Tatsächlich spricht einiges für die Nominierung des letzteren: Davis – der mit ABOVE THE LAW und UNDER SIEGE sowohl für Seagals Debüt als auch für seine kommerzielle Sternstunde […]

  2. […] und routinierte Regie, mit der sich Davis für spätere Großtaten empfahl (CODE OF SILENCE, ABOVE THE LAW, THE FUGITIVE, UNDER SIEGE), sowie das beträchtliche Geschick bei der Schaffung einer […]

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