Archiv für Oktober, 2008

In Nigeria tobt der Bürgerkrieg. Die rebellischen islamischen Folani des Nordens haben unter der Führung von General Yakubu den amtierenden Präsidenten Azuka, einen Vertreter der christlichen Ibo, gestürzt und beginnen mit der ethnischen Säuberung. In Gefahr befindet sich auch die Ärztin Lena Kendricks (Monica Bellucci), die in einer kleinen Mission mit zwei Nonnen und einem Priester versucht, der wachsenden Zahl der Verwundeten Herr zu werden. Als die feindlichen Rebellen näher rücken, sendet sie einen Hilferuf. Lieutenant A. K. Waters (Bruce Willis) wird mit seinen Männern geschickt, um die Ärztin und ihre Helfer ins benachbarte Kamerun zu schaffen. Doch die Ärztin will ihre Patienten auf keinen Fall zurück lassen. Also trifft Waters eine folgenreiche Entscheidung …

Fuqua hatte sich für einige seiner bisherigen Sünden (der nichtssagende THE REPLACEMENT KILLERS und der blöde TRAINING DAY) mit dem famosen SHOOTER rehabilitieren können, einem der besten großbudgetierten Actionfilme der letzten Jahre, der auch den Auslöser dafür darstellte, mich diesem bisher von mir links liegen gelassenen Kriegsfilm zu widmen. Diese Nachsicht ist belohnt worden, denn auch wenn TEARS OF THE SUN keinesfalls unproblematisch und noch weniger perfekt ist, so bietet er dem Genrefreund doch genug Stoff, in den man sich verbeißen kann und erzeugt zeitweise einen Druck, der schon beachtlich ist. Fuqua versteht seinen Film als Antikriegsfilm und konzentriert sich somit zunächst nicht auf reißerische Actionszenen, sondern eine Darstellung des vorherrschenden Leids. Seine Vorgehensweise ist durchaus diskussionswürdig, bezieht er sich doch einen realen Konflikt aus den Sechziger- und Siebzigerjahren den er jedoch kurzerhand in die Gegenwart verlegt und sich somit relativ angreifbar für einen Vorwurf der Geschichtsklitterung und Instrumentalisierung realen Leids macht. TEARS OF THE SUN ist ein Unterhaltungsfilm, der den Massenmord eines Teils der nigerianischen Bevölkerung hier zu dramatischen Zwecken benutzt und in kräftigen Bildern (als pittoresker Drehort diente Hawaii) inszeniert. Dieser Zweispalt lässt sich nicht auflösen: Man muss damit umgehen, es als Mittel des Filmes akzeptieren oder aber abschalten. Zum Glück gibt es noch eine weitere Ebene in TEARS OF THE SUN, die einem die Entscheidung zugunsten des Films erleichtert. Diese hebt das Geschehen von einer historischen auf eine höhere Ebene, auf der die Figuren existenzielle moralische Fragen verhandeln, deren gegensätzlichsten Positionen durch Waters auf der einen und die Ärztin Kendricks auf der anderen vertreten werden. Steht letztere für einen bedingungslosen Humanismus, verkörpert der Soldat einen pragmatischeren, utilitaristischen Ansatz. Im Verlauf des Filmes nähern sich beide Pole natürlich an: Der Soldat muss erkennen, dass es eine Moral und Wahrheit jenseits der Befehle des Vorgesetzten gibt, eine Verpflichtung auch gegenüber Menschen, die nicht den amerikanischen Pass bei sich tragen, die Ärztin, dass mit jeder Entscheidung auch Beschränkungen einhergehen. Mit den Rechten gehen auch Pflichten einher. Dass diese alte Debatte in TEARS OF THE SUN überzeugend geführt wird, ist vor allem Bruce Willis zu verdanken, der als eiskalt kalkulierender Rationalist eine seiner besten Leistungen abliefert. Wenn seine Überzeugungen plötzlich zu wanken beginnen, ist das für ihn selbst die größte Überraschung. Willis verzichtet auf große pathetische Gesten und Fuqua verfällt im Gegenzug niemals dem Klischee, seinen Soldaten zum vollkommenen Moralisten zu machen: Sein Waters bleibt immer Soldat, der Wandel vollzieht sich innerhalb eines glaubwürdigen Rahmens. Demgegenüber muss Monica Bellucci versagen, aber was soll sie auch machen mit dieser Rolle, die ihr ewiges Rollenklischee der heiligen Hure zum xten Mal auffrischt? In ihren Szenen verfällt der Film in die Niederungen des Gesinnungskinos, das am schlimmsten durch das ärgerliche Finale verkörpert wird, in das all das Pathos und der Kitsch gepackt werden, die man vorher so gut umschifft hatte. Bis dahin sind es aber 130 packende, streitbare, spannende und fordernde Minuten, die nicht verschwendet sind. TEARS OF THE SUN bietet reichlich Möglichkeit zur Anschlusskommunikation, das sollte man nicht geringschätzen. SHOOTER bleibt aber unerreicht.

Bei der Kinoauswertung ist er mangels Lust an mir vorbeigegangen, bei der Erstsichtung auf DVD war ich promilletechnisch schon jenseits von gut und böse und musste vorzeitig abbrechen. Vielleicht mehr als Pech? Ein schlechtes Omen, eine Warnung der Götter, diese Rückkehr Spielbergs zu seinem 20 Jahre brachliegenden Franchise links liegen zu lassen? Ich kann nicht sagen, dass ich Indiana Jones vermisst habe in diesen 20 Jahren. Ich mochte die ersten drei Filme, mag sie immer noch, aber sie stellten für mich immer einen abgeschlossenen Korpus dar, wohl auch deshalb, weil die Trilogie mit INDIANA JONES AND THE LAST CRUSADE auf dem qualitativen Höhepunkt ihr Ende fand. Indiana Jones, das war für mich ein Relikt der Achtzigerjahre, Repräsentant einer Art von Kino, wie sie damals gut und richtig war, wie sie aber auch nur zur damaligen Zeit zu solcher Blüte reifen konnte. Diese weise Einschätzung treffe ich jetzt natürlich von einem sicheren Standpunkt aus: Ich habe den vierten Teil gesehen, er hat mich maßlos enttäuscht, ja, teilweise sogar schockiert, und macht es mir relativ leicht, rückblickend oberschlau zu erklären, warum das ja eigentlich von vornherein zu erwarten war. Aber von vorn.

Spielberg steht mit CRYSTAL SKULL zunächst einmal vor der schwierigen Aufgabe, seinen Protagonisten 20 Jahre älter machen zu müssen und ihn damit auch aus den Dreißiger- in die Fünfzigerjahre zu verfrachten. Ihm gelingt das zunächst auf gewohnt beiläufig-spielerische Art und Weise: Während die Credits laufen, sieht man ein paar Jugendliche in ihrem schicken Automobil zu klassischem Rock ’n‘ Roll durch die Prärie heizen. Im Folgenden bekommt Indiana Jones es mit Kommunisten zu tun, anstatt mit Nazis, Ausgangspunkt der neuen Schatzsuche ist das Roswell-Alien, er entgeht nur knapp einer Atombombenexplosion, weil er sich dummerweise mitten im Testgebiet aufhält, und der Halbstarke Marlon-Brando-Verschnitt auf dem Motorrad (Shia LaBeouf) entpuppt sich als sein Sohn. Man könnte meinen, dass Spielberg das alte Erfolgsrezept der Reihe beibehält, aber dem ist nicht so. Statt in einem pulpigen Paralleluniversum der Groschenhefte und Serials befinden wir uns in dieser neuesten Folge der Reihe in einer durch popkulturelle Verweise geprägten Hyperrealität. Damit verrät Spielberg jedoch genau das, was die alten Filme so liebenswert machte: Ihre Trivialität und Naivität, mit der die Filme eine unprätentiöse Selbstgenügsamkeit ausstrahlten, weicht dem postmodernen Zitatespiel und gibt CRYSTAL SKULL damit der Beliebigkeit preis.

Wo früher Lockerheit und Leichtigkeit walteten, regiert nun der Krampf. INDIANA JONES AND THE KINGDOM OF THE CRYSTAL SKULL ist wie Malen nach Zahlen, der zwanghafte Versuch, es nochmal so hinzkriegen wie damals. Doch dieses Kleben an der Formel unterminiert genau das, was Spielberg wohl in erster Instanz im Sinn hatte. Die Aneinanderreihung von Set Pieces, Schauplätzen und Verfolgungsjagden war zwar schon immer das dramaturgische Prinzip der Serie, aber damals schien sie als organisch gewachsen. Es war auch dem Charakter des Indiana Jones geschuldet, dass er von einer gefährlichen Situation in die nächste stolperte: In diesem neuesten Teil wird der Archäologe geradezu zur Randfigur degradiert, zum Erfüllungsgehilfen der Effekte. Während LAST CRUSADE mit der Einführung der Vaterfigur ein genialer Schachzug gelang, der schon in den Vorgängern angelegte Konflikte auf die Spitze trieb und erlöste, ist die Einführung des Sohnes und die Wiederbegegnung mit dem alten Gspusi Marion (Karen Allen) reines Nostalgiegeplänkel, das den Film letztlich kein Stück weiter bringt. Aber es geht hier auch nicht um Menschen: Die Effekte sind so inflationär eingesetzt, dass CRYSTAL SKULL teilweise zum Zeichentrickfilm verkommt. Niemals erreicht er den Zauber der Vorgänger, die ja auch gerade davon lebten, dass manche Effekttechnik noch nicht ganz ausgereift war, weil sie sich eben als Hommage auf ein Genre verstanden, dass selbst mit den Grenzen des Machbaren zu kämpfen hatte. im neuesten Spielberg-Film scheinen sie reiner Selbstzweck, Bombast, um den Hintergrund aufzupeppen, weil im Vordergrund nichts passiert.

Doch nicht alles ist schlecht an CRYSTAL SKULL: Die ersten zwanzig Minuten machen Hoffnung, kulminieren in einem grandiosen Moment, wenn sich Indys Silhouette vor dem gigantischen Atompilz abzeichnet und es ist durchaus beeindruckend, wie Spielberg inszenatorisch auf die Tube drückt, einen steten Flow erzeugt, der über 120 Minuten kaum abreißt. Aber das allein reicht eben noch nicht: Eine Achterbahnfahrt ist eben nur dann wirklich aufregend, wenn man dabei ist und fühlt, wie einem der Magen in die Kehle und das Herz in die Hose rutscht. CRYSTAL SKULL ist vor lauter formalem Dauerfeuer inhaltlich leider vollkommen leer und damit in etwa so spannend als würde man anderen beim Achterbahnfahren zusehen

Vietnam: Bei einem Einsatz der Spezialeinheit „Cobra Force“ wird diese komplett zerschlagen, nur ihr Anführer, der eisenharte Sergeant Michael Ransom (Reb Brown), überlebt und landet schwer verletzt bei einigen vietnamesischen Bauern, die ihn gesund pflegen. Weil die bösen Russen ihm auf den Fersen sind, versucht er auch seine Wohltäter in Sicherheit zu bringen. Das misslingt. Ransom schwört Rache …

An STRIKE COMMANDO zeigt sich ganz gut, was ich eben über den Niedergang des Italokinos sagte. Bruno Mattei war immer in vorderster Front dabei, wenn es darum ging, erfolgreiche amerikanische Konzepte zu verwursten, Stil, Herz oder gar Geist waren da meist eher zweit- und drittrangig. STRIKE COMMANDO – zu deutsch COBRA FORCE – ist ein nur halbherzig getarntes Rip-off von Cosmatos‘ RAMBO: FIRST BLOOD PART 2, der teilweise einstellungsgleich kopiert, dessen Klasse aber nicht einmal annähernd erreicht wird, und erreicht in diesem Versagen doch wieder eine ganz eigene Größe. Es ist schon beeindruckend, wie viele vollkommen Schwachsinnigkeiten hier aneinandergereiht werden: Das beginnt schon bei der Wahl des Hauptdarstellers. Reb Brown ist gar nicht mal ein so schlechter Schauspieler, als harter Hund, als der er aufgrund seiner stattlichen Figur immer wieder besetzt wurde, ist er aber so überzeugend wie eine Packung Löffelbiskuits. Wenn er sein knuffiges Bärchengesicht zu hasserfüllten Grimasse verzerrt, möchte man ihm am liebsten den Kopf tätscheln. Seine stärkste Szene hat er dann auch, wenn er einem sterbenden vietnamesischen Kind Lügenmärchen über Disneyland erzählt. Die Hingabe mit der er, tränenüberströmt und vor Rotz triefend, von Popcorn-, Honigflüssen und Gratisschokolade berichtet, legt den Schluss nahe, dass er das wirklich geglaubt hat. Das Panoptikum setzt sich in der erstklassigen Synchro fort, die einen mit markigen One-Linern á la „Die Cobra Force existiert nicht mehr. Jeder von ihnen war ein Held!“ versorgt und zudem Lacher damit erntet, dass jeder Sprecher den Nachnamen der Hauptfigur konsequent falsch ausspricht: Die sagen alle „Ramsom“. STRIKE COMMANDO ist ein nie versiegender Quell der Freude, vollends beknackt und dumm, aber durchaus mit Schauwerten ausgestattet. Richtig toll ist jedoch das Ende: Wenn man sich die Erschießung des Oberbösen Colonel Radek (Christopher Connelly) mit der Einzelbildschaltung ansieht, wird man eine handfeste Überraschung erleben, die einem diesen herrlichen Film für immer ans Herz schweißt. Ganz, ganz groß!

Die USA in nicht allzu ferner Zukunft: Paco Queruak (Daniel Greene), eine zum Töten ausgebildete Kampfmaschine, hat vom fiesen Kapitalisten Turner (John Saxon) den Auftrag, den Reverend Arthur Mosley (Franco Fantasia) umzubringen, der es sich mit einigen emsigen Helfern zur Aufgabe gemacht hat, die von Umweltverschmutzung arg gebeutelte Welt wieder auf Vordermann zu bringen. Doch Paco versagt, Mosley überlebt. Die Kampfmaschine flieht sich in die Weiten Arizonas und landet dort in der Truckerkneipe von Linda (Janet Agren). Doch die Killer seines Auftraggebers sind ihm schon auf den Fersen …

Mitte der Achtzigerjahre ging es mit dem einst blühenden italienischen Kino schon steil bergab. Doch mit VENDETTA DAL FUTURO, der auf deutsch den malerischen Titel PACO – KAMPFMASCHINE DES TODES abbekommen hat, gelang Regieroutinier Sergio Martino nochmal ein richtiger Knaller, bei dem einfach alles stimmt und dem vollkommen zurecht die Ehre einer Kinoverwertung zuteil wurde. Der Film begleitet mich seit ca. Mitte der Neunzigerjahre, seitdem habe ich ihn etliche Male gesehen und kann voller Überzeugung behaupten: Er hat es einfach voll drauf, verliert auch nach der xten Sichtung nix von seinem schmierigen Charme und seiner prolligen Attitüde, die von Martino jedoch – für diese Zeit nicht mehr ganz selbstverständlich – in ein ausgesprochen schmuckes Gewand gekleidet wurde. VENDETTA DAL FUTURO erstrahlt in herrlichem Breitwandformat, hat eine wunderbare deutsche Synchronisation abbekommen und geizt nicht mit Schauwerten. Die Wüstenkulisse entführt in die Blütezeit des Westerns, der tolle Score von Claudio Simonetti zitiert Camerons TERMINATOR, der inhaltlich Pate stand, und schafft Endzeitstimmung und wenn sich dann Oberschmierlappen und Frontalasi George Eastman als Trucker Wort- und Faustgefechte mit Holzklotz Greene leistet, vibriert die Leinwand respektive Mattscheibe vor Testosteron. Nach 90 immens kurzweiligen Minuten findet der Film dann ein angemessen tragisches und prophetisches Ende: „The age of the cyborg had begun.“ heißt es da. Das stimmt, aber das italienische Kino durfte leider nicht mehr mitmachen. Und Claudio Cassinelli, der bei den Dreharbeiten in einem bizarren Hubschrauberunfall sein Leben ließ, auch nicht. Aber er hat ein würdiges Erbe hinterlassen: VENDETTA DAL FUTURO wird die Zeiten überdauern, wenn auch nur in den Herzen echter Feinschmecker. Eine DVD dieses Prachtwerks ist übrigens längst überfällig!

Traumhaft – was sich für mich zunächst einmal darin niedergeschlagen hat, dass ich drei Anläufe brauchte, um den Film zu Ende zu sehen, weil ich zweimal vorzeitig entschlummert bin. KIND HEARTS AND CORONETS ist ein im positiven Sinne seltsamer Film, der seine Geschichte mit unaufgeregter Distanz und Enthobenheit erzählt und den Zuschauer lange im Unklaren lässt, was er mit ihm im Schilde führt. Protagonist und Erzähler ist der Duke of Chalfort Louis Mazzini (Dennis Price), ein Mörder, der zu Beginn des Films seelenruhig auf seine Hinrichtung wartet und dabei seine Memoiren verfasst, die dann in einer Rückblende mit Voice-over versehen den Film ausmachen. Der distinguierte, eloquente und wie der ganze Film souverän über dem Geschehen schwebende Mazzini ist ein mehrfacher Mörder: Seine Mutter, eine zukünftige Duchess, wurde von ihrer Familie, den D’Ascoynes, vertrieben, weil sie einen italienischen Sänger heiratete. Der Versuch dem Sohn, einem legitimen Erben des Duke-Titels, zu seinem Recht zu verhelfen, wurde von der Familie unnachgiebig abgeschmettert, die Mutter ins Grab getrieben. Mazzini schwor Rache. Und so mordete er sich durch die D’Ascoynes, um selbst irgendwann den Titel des Dukes zu erlangen. Der größte Clou des Filmes ist listigerweise, dass sein vermeintlicher Clou keiner ist: Alec Guinness spielt alle D’Ascoynes, männliche wie weibliche Familienmitglieder unterschiedlichen Alters, ohne dass er oder Regisseur Hamer eine große Sache daraus machen würden. So selbstverständlich geht man mit dieser Mehrfachrolle um, mit so viel understatement und Eleganz erfüllt Guinness die verschiedenen Charaktere, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte. Gerade im Vergleich mit anderen Filmen, in denen Schauspieler mehrere Rollen ausfüllten, zeigt sich die Kunst sowohl Guinness‘ wie Hamers: Anstatt sich zu verkleiden und zu overacten, finden beide die Unterschiede zwischen den Figuren gerade in kleinen Details. So stellt sich Guinness nie über seine Charaktere, sondern lässt diese über ihn bestimmen. Diese Selbstverständlichkeit zieht sich durch den ganzen Film, der seine haarsträubende Geschichte mit aufreizender Ruhe erzählt. Es ist Dennis Price – dem Alkohol und der Spielsucht verfallen, landete er zum Ende seiner Karriere bei Jess Franco, bevor er knapp 60-jährig an einer Leberzirrhose starb – der dem Film den Stempel aufdrückt, die kühle Überlegenheit, mit der er seine grandiosen Monologe spricht und auch humorvolle Spitzen noch wie mathematische Formeln klingen lässt. Damit findet Hamer genau die richtige Form, die Abgebrühtheit seines Killers transparent zu machen – und inspirierte damit vielleicht sogar Kubrick, der sich für A CLOCKWORK ORANGE einer ganz ähnlichen Strategie bediente. Dass sich KIND HEARTS AND CORONETS sogar noch einen echten Twist fürs Ende reserviert, ist dann sowas wie der Karamelkern im Schokoladeneis, die Überraschung, mit der man nun wirklich nicht mehr gerechnet hat, die finale Kulmination des ohnehin schon unbeschreiblichen Genusses. KIND HEARTS AND CORONETS lohnt die Wiederentdeckung.

heinz strunk: die zunge europas

Veröffentlicht: Oktober 22, 2008 in Zum Lesen

In einem Interview anlässlich der Veröffentlichung seines Zweitwerks „Die Zunge Europas“ sagte Strunk, dass ihm dieses durchaus weniger leicht aus der Feder geflossen sei als noch der Erstling „Fleisch ist mein Gemüse“, mit dem ihm ein Überraschungsbestseller gelungen war. Leider merkt man dem Buch diese Schwierigkeiten vom Start weg an. Statt einer Handlung gibt es einen langen inneren Monolog des Protagonisten Markus Erdmann, eines Gagschreibers, der versucht, ein „normales“ Leben zu führen. Wie schon dem Tanzmusiker aus dem Vorgänger stehen ihm dabei aber immer wieder die eigene Unterdurchschnittlichkeit und die daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplexe sowie ein diffuser Weltschmerz gepaart mit einer nicht zu geringen Dosis Zynismus und Menschenhass im Weg. Dass die großen Geschichten alle bereits erzählt sind, ist ein verbrauchter Allgemeinplatz, doch wenn dem nicht so wäre, so fungierte „Die Zunge Europas“ als beredter Beleg für diese These. Selten habe ich ein heterogeneres Buch gelesen, das zwischen immens witzigen und gelungenen Episoden und abgedroschenen, ziellosen Lästereien hin und her pendelt, ohne seine eigene Richtung zu kennen. In dieser zerrissenen Form spiegelt sich nur unschwer erkennbar der Charakter seines Protagonisten wider: Man kann Strunk gewiss nicht vorwerfen, sein Handwerk nicht zu verstehen. Aber am Ende wünscht man sich doch, er habe etwas mehr zu erzählen gehabt. Schade drum.

dvd-regal vol. 18

Veröffentlicht: Oktober 22, 2008 in Film

Der Kaufrausch der vergangenen Wochen ist mit dieser DVD, die mich heute aus den USA erreicht hat, erstmal abgeschlossen.