Archiv für Oktober, 2008

Die USA in nicht allzu ferner Zukunft: Paco Queruak (Daniel Greene), eine zum Töten ausgebildete Kampfmaschine, hat vom fiesen Kapitalisten Turner (John Saxon) den Auftrag, den Reverend Arthur Mosley (Franco Fantasia) umzubringen, der es sich mit einigen emsigen Helfern zur Aufgabe gemacht hat, die von Umweltverschmutzung arg gebeutelte Welt wieder auf Vordermann zu bringen. Doch Paco versagt, Mosley überlebt. Die Kampfmaschine flieht sich in die Weiten Arizonas und landet dort in der Truckerkneipe von Linda (Janet Agren). Doch die Killer seines Auftraggebers sind ihm schon auf den Fersen …

Mitte der Achtzigerjahre ging es mit dem einst blühenden italienischen Kino schon steil bergab. Doch mit VENDETTA DAL FUTURO, der auf deutsch den malerischen Titel PACO – KAMPFMASCHINE DES TODES abbekommen hat, gelang Regieroutinier Sergio Martino nochmal ein richtiger Knaller, bei dem einfach alles stimmt und dem vollkommen zurecht die Ehre einer Kinoverwertung zuteil wurde. Der Film begleitet mich seit ca. Mitte der Neunzigerjahre, seitdem habe ich ihn etliche Male gesehen und kann voller Überzeugung behaupten: Er hat es einfach voll drauf, verliert auch nach der xten Sichtung nix von seinem schmierigen Charme und seiner prolligen Attitüde, die von Martino jedoch – für diese Zeit nicht mehr ganz selbstverständlich – in ein ausgesprochen schmuckes Gewand gekleidet wurde. VENDETTA DAL FUTURO erstrahlt in herrlichem Breitwandformat, hat eine wunderbare deutsche Synchronisation abbekommen und geizt nicht mit Schauwerten. Die Wüstenkulisse entführt in die Blütezeit des Westerns, der tolle Score von Claudio Simonetti zitiert Camerons TERMINATOR, der inhaltlich Pate stand, und schafft Endzeitstimmung und wenn sich dann Oberschmierlappen und Frontalasi George Eastman als Trucker Wort- und Faustgefechte mit Holzklotz Greene leistet, vibriert die Leinwand respektive Mattscheibe vor Testosteron. Nach 90 immens kurzweiligen Minuten findet der Film dann ein angemessen tragisches und prophetisches Ende: „The age of the cyborg had begun.“ heißt es da. Das stimmt, aber das italienische Kino durfte leider nicht mehr mitmachen. Und Claudio Cassinelli, der bei den Dreharbeiten in einem bizarren Hubschrauberunfall sein Leben ließ, auch nicht. Aber er hat ein würdiges Erbe hinterlassen: VENDETTA DAL FUTURO wird die Zeiten überdauern, wenn auch nur in den Herzen echter Feinschmecker. Eine DVD dieses Prachtwerks ist übrigens längst überfällig!

Traumhaft – was sich für mich zunächst einmal darin niedergeschlagen hat, dass ich drei Anläufe brauchte, um den Film zu Ende zu sehen, weil ich zweimal vorzeitig entschlummert bin. KIND HEARTS AND CORONETS ist ein im positiven Sinne seltsamer Film, der seine Geschichte mit unaufgeregter Distanz und Enthobenheit erzählt und den Zuschauer lange im Unklaren lässt, was er mit ihm im Schilde führt. Protagonist und Erzähler ist der Duke of Chalfort Louis Mazzini (Dennis Price), ein Mörder, der zu Beginn des Films seelenruhig auf seine Hinrichtung wartet und dabei seine Memoiren verfasst, die dann in einer Rückblende mit Voice-over versehen den Film ausmachen. Der distinguierte, eloquente und wie der ganze Film souverän über dem Geschehen schwebende Mazzini ist ein mehrfacher Mörder: Seine Mutter, eine zukünftige Duchess, wurde von ihrer Familie, den D’Ascoynes, vertrieben, weil sie einen italienischen Sänger heiratete. Der Versuch dem Sohn, einem legitimen Erben des Duke-Titels, zu seinem Recht zu verhelfen, wurde von der Familie unnachgiebig abgeschmettert, die Mutter ins Grab getrieben. Mazzini schwor Rache. Und so mordete er sich durch die D’Ascoynes, um selbst irgendwann den Titel des Dukes zu erlangen. Der größte Clou des Filmes ist listigerweise, dass sein vermeintlicher Clou keiner ist: Alec Guinness spielt alle D’Ascoynes, männliche wie weibliche Familienmitglieder unterschiedlichen Alters, ohne dass er oder Regisseur Hamer eine große Sache daraus machen würden. So selbstverständlich geht man mit dieser Mehrfachrolle um, mit so viel understatement und Eleganz erfüllt Guinness die verschiedenen Charaktere, dass man sich kaum vorstellen kann, dass es auch anders sein könnte. Gerade im Vergleich mit anderen Filmen, in denen Schauspieler mehrere Rollen ausfüllten, zeigt sich die Kunst sowohl Guinness‘ wie Hamers: Anstatt sich zu verkleiden und zu overacten, finden beide die Unterschiede zwischen den Figuren gerade in kleinen Details. So stellt sich Guinness nie über seine Charaktere, sondern lässt diese über ihn bestimmen. Diese Selbstverständlichkeit zieht sich durch den ganzen Film, der seine haarsträubende Geschichte mit aufreizender Ruhe erzählt. Es ist Dennis Price – dem Alkohol und der Spielsucht verfallen, landete er zum Ende seiner Karriere bei Jess Franco, bevor er knapp 60-jährig an einer Leberzirrhose starb – der dem Film den Stempel aufdrückt, die kühle Überlegenheit, mit der er seine grandiosen Monologe spricht und auch humorvolle Spitzen noch wie mathematische Formeln klingen lässt. Damit findet Hamer genau die richtige Form, die Abgebrühtheit seines Killers transparent zu machen – und inspirierte damit vielleicht sogar Kubrick, der sich für A CLOCKWORK ORANGE einer ganz ähnlichen Strategie bediente. Dass sich KIND HEARTS AND CORONETS sogar noch einen echten Twist fürs Ende reserviert, ist dann sowas wie der Karamelkern im Schokoladeneis, die Überraschung, mit der man nun wirklich nicht mehr gerechnet hat, die finale Kulmination des ohnehin schon unbeschreiblichen Genusses. KIND HEARTS AND CORONETS lohnt die Wiederentdeckung.

heinz strunk: die zunge europas

Veröffentlicht: Oktober 22, 2008 in Zum Lesen

In einem Interview anlässlich der Veröffentlichung seines Zweitwerks „Die Zunge Europas“ sagte Strunk, dass ihm dieses durchaus weniger leicht aus der Feder geflossen sei als noch der Erstling „Fleisch ist mein Gemüse“, mit dem ihm ein Überraschungsbestseller gelungen war. Leider merkt man dem Buch diese Schwierigkeiten vom Start weg an. Statt einer Handlung gibt es einen langen inneren Monolog des Protagonisten Markus Erdmann, eines Gagschreibers, der versucht, ein „normales“ Leben zu führen. Wie schon dem Tanzmusiker aus dem Vorgänger stehen ihm dabei aber immer wieder die eigene Unterdurchschnittlichkeit und die daraus resultierenden Minderwertigkeitskomplexe sowie ein diffuser Weltschmerz gepaart mit einer nicht zu geringen Dosis Zynismus und Menschenhass im Weg. Dass die großen Geschichten alle bereits erzählt sind, ist ein verbrauchter Allgemeinplatz, doch wenn dem nicht so wäre, so fungierte „Die Zunge Europas“ als beredter Beleg für diese These. Selten habe ich ein heterogeneres Buch gelesen, das zwischen immens witzigen und gelungenen Episoden und abgedroschenen, ziellosen Lästereien hin und her pendelt, ohne seine eigene Richtung zu kennen. In dieser zerrissenen Form spiegelt sich nur unschwer erkennbar der Charakter seines Protagonisten wider: Man kann Strunk gewiss nicht vorwerfen, sein Handwerk nicht zu verstehen. Aber am Ende wünscht man sich doch, er habe etwas mehr zu erzählen gehabt. Schade drum.

dvd-regal vol. 18

Veröffentlicht: Oktober 22, 2008 in Film

Der Kaufrausch der vergangenen Wochen ist mit dieser DVD, die mich heute aus den USA erreicht hat, erstmal abgeschlossen.

Bei einem von Cop Eddie Cusack (Chuck Norris) geleiteten Einsatz, mit dem sie der kolumbischen Drogenmafia eine empfindliche Niederlage beibringen wollen, werden die Polizisten von drei Killern der italienischen Konkurrenz um die Früchte der Arbeit gebracht. Das Blutbad ist die Initialzündung für einen blutigen Krieg zwischen den Familien, den Cusack mit aller Macht zu einem Ende bringen will. Leider ist er dabei auf sich allein gestellt: Seine Kollegen versagen ihm die Hilfe, weil Cusack sich gegen einen der ihren, den überforderten Cragie (Ralph Foody) gewendet hat …

Die Gelehrten streiten angeregt darüber, welcher Film des bärtigen Karatechampions der beste ist. Auch wenn ich meine, dass man weder die ersten beiden MISSING IN ACTIONTeile noch INVASION U.S.A. außer Acht lassen sollte, verteilen sich die Stimmen wohl recht paritätisch auf LONE WOLF MCQUADE und eben Andrew Davis‘ CODE OF SILENCE. Tatsächlich spricht einiges für die Nominierung des letzteren: Davis – der mit ABOVE THE LAW und UNDER SIEGE sowohl für Seagals Debüt als auch für seine kommerzielle Sternstunde verantwortlich ist – gelang ein sehr straighter Copfilm, der fast gänzlich ohne die sonst genretypischen Übertreibungen auskommt und seine Geschichte mit dem nötigen Ernst erzählt. Der Film kreist dabei um die dem Copfilm zugrunde liegende Erkenntnis, dass Cops und Gangster letztlich nichts anderes sind als zwei Ausprägungen ein und derselben Sache. Diese Verwandtschaft äußert sich im titelgebenden Verschwiegenheitscode: Wer gegen diesen verstößt, muss mit Repressalien rechnen. Es bedarf eines Mannes wie Cusack, mit der falschen Loyalität zu brechen. Die Ein-Mann-Armee hat eiserne Prinzipien, die er für niemanden beugt, auch nicht für seine Polizeikameraden und wenn dies zur Folge hat, dass er sich dem Feind im Alleingang stellen muss. Dies entspricht der Filmpersona Norris – dem außerhalb jeglicher Gemeinschaft stehenden Lone Wolf, dem Eigenbrötler, der letztlich nur sich und seinen Idealen verpflichtet ist – schon beinahe idealtypisch. Obwohl Davis also einen echten Norris-Film gedreht hat, erklimmt CODE OF SILENCE erst zum Finale die Gipfel des Absurden, die man von seinem Hauptdarsteller sonst gewohnt ist: Mit einem ferngesteuerten Panzer tritt Cusack einer ganzen Horde von bad guys gegenüber, die er ohne mit der Wimper zu zucken beseitigt. Die Kamera rückt den Moment der Konfrontation in ein ikonisches Licht, der Rauch wabert um den Helden, der sich vor dem gleißenden Licht nur als Silhouette abzeichnet, bevor ein wahres Inferno losbricht. CODE OF SILENCE ist kein Film, der zu großen Vorträgen und interpretatorischem Überschwang einlädt. Wie Cusack ist er sich selbst genug. Der Kenner wird wissen, was das wert ist.

Der Cop Jack Murphy (Charles Bronson) ist dem Suff verfallen, seit seine Frau ihn verlassen hat, um in einem Stripclub zu tanzen. Diese Disposition macht sich die Psychopathin Joan Freeman (Carrie Snodgress) zunutze, die noch eine alte Rechnung mit dem Bullen zu begleichen hat. Sie bringt Murphys Gattin um und schiebt dem Ahnungslosen den Mord in die Schuhe. Der hat keine Fürsprecher unter seinen Kollegen und landet schnell im Knast. An ihn gekettet ist die Autoknackerin Arabella (Kathleen Wilhoite), die vorher schon Bekanntschaft mit Murphy gemacht hat und nur wenig gut auf ihn zu sprechen ist. Gemeinsam gelingt ihnen die Flucht …

MURPHY’S LAW ist einer der zahlreichen Filme, die Bronson in den Achtzigern mit der Cannon realisierte. Die sechste Zusammenarbeit mit Thompson (es sollten noch drei weitere gemeinsame Filme folgen) ist ganz dem Versuch verpflichtet, den durch die DEATH WISH-Filme auf den eiskalten Rächer abonnierten Hauptdarsteller zu vermenschlichen – mit gemischtem Erfolg. Mit der Paarung der beiden gegensätzlichen Hauptfiguren – der alte Cop auf der einen, die kleinkriminelle jugendliche Schnodderschnauze auf der anderen – nähert sich Thompson dem Buddy-Film an und lockert das immer wieder gewohnt ruppige Geschehen mit komischen oder gar romantischen Szenen auf. Der Versuch ist löblich und steht symptomatisch für eine Entwicklung, an deren Ende in den Neunzigerjahren der familienfreundliche Actionfilm stand. Doch für die Protagonisten des Actionfilms der Achtziger kam dieser Versuch zu spät und scheiterte wohl auch daran, dass finanzielle Mittel und kreatives Geschick fehlten. J. Lee Thompson kurbelte MURPHY’S LAW zwar überaus routiniert, aber eben auch etwas uninspiriert hinunter. Eine richtige Linie hat sein Film nicht, letztlich bleiben sowohl der eher Bronson-typische Strang um die Rächerin als auch der komische Buddy-Part unterentwickelt. Schade, weil beide immenses Potenzial mitbringen. Die weibliche Psychopathin – von Carrie THE FURY Snodgress ausgesprochen überzeugend und furchteinflößend dargestellt – ist eine interessante Neuerung in der Schurkengalerie des Actionfilms und hätte durchaus etwas mehr Charakterisierung und Background verdient, die Beziehung Murphys zu Arabella bleibt formelhaft und wird zu keinem befriedigenden Ende geführt. Man merkt dem Film an, dass den Beteiligten der letzte Wille und wohl auch der Mut fehlten, um den eingeschlagenen Weg bis zum Ende zu gehen. So mutet der ultrabrutale Showdown beinahe wie eine Kapitulation vor der Konvention an. Dennoch ist MURPHY’S LAW sehenswert und sticht aus dem sehr einheitlichen Bronson-Cannon-Kanon keineswegs negativ heraus. Die Fotografie pendelt gekonnt zwischen Eighties-Neon und Sleaze, die Gewalt kommt unvermittelt und hart und hat mit dem modernen Gewaltfetischismus des Torture Porns nix zu tun. Eigentlich war ich nach der Sichtung eher enttäuscht – aus meiner Jugend hatte ich den Film in ungemein guter Erinnerung –, aber je länger ich jetzt darüber schreibe, umso mehr geht mir wieder das Herz auf. They don’t make ‚em like this anymore …

the mist (frank darabont, usa 2007)

Veröffentlicht: Oktober 21, 2008 in Film
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Über diesen Film hatte ich hier schon einmal geschrieben – und dem auch heute nur wenig hinzuzufügen. Es ist mir vollkommen schleierhaft, warum diesem ausgezeichneten Horrorfilm so wenig Aufmerksamkeit zuteil wurde, er stattdessen meist mit Phrasen aus dem Handbuch der Filmkritik – Plotholes, schlechte Schauspielerleistungen und Effekte etc. – abgefertigt wurde. Ja, vielleicht erlaubt er sich hier und da eine Abkürzung, eine dramatische Vereinfachung: Aber das ist ja auch ein Film und nicht das Leben. Und es ist eben Sinn und Zweck von jeder Dichtung, die Komplexität des Lebens einzudampfen und zu verdichten. Das gelingt Darabont perfekt: Ich sehe in THE MIST ein starkes Bild, die Grundlage für einen guten Horrorfilm. Der Nebel ist die perfekte Projektionsfläche, Substitut für die Leinwand selbst, hinter die wir nie gelangen, so sehr wir uns auch anstrengen, durch die Vorbilder mit einer Bedeutung aufgeladen, die sich bis in diesen Film fortsetzt. THE MIST ist ein Musterbeispiel für gelungenes Drama: Einheit von Zeit, Raum und Handlung sind gegeben, Darabont entfaltet seine Geschichte mit unaufhaltsamer Konsequenz vor unseren Augen als wären wir live dabei. THE MIST ist auch ein Kommentar zum gegenwärtigen Status quo unseres hübschen Planeten: Der Kampf zwischen der oftmals unbequemen Vernunft und religiöser Schicksalsgläubigkeit tobt mit erschreckender Vehemenz, das Draußen wird mehr denn je als Bedrohung emfunden. Und wir alle sind wie die Protagonisten dieses Films gefangen, umgeben von Luxusgütern, aber auch unseren Feinden, Menschen, die wir nicht verstehen, mit denen wir aber leben müssen. THE MIST ist aber kein abgebrühtes Thesenkino, sondern ausgesprochen emotional. Er stimmt gleichermaßen traurig, macht wütend und lehrt uns das Fürchten: meist vor unseren Mitmenschen. Die Hölle, das sind die anderen, weiß auch Darabont, und dieser Zynismus lässt ihn sich beim Ende vielleicht etwas versteigen. Dennoch habe ich lange nicht mehr ein solch erschütterndes Finale gesehen. THE MIST geht durch Mark und Bein und hält auch dann noch vor, wenn die Sicht längst wieder klar ist. Ist sie das?

Der frankokanadische Cop Louis Burke (Jean-Claude Van Damme) empfiehlt sich mit der Überwältigung des Seriemörders Sandman (Patrick Kilpatrick) bei der amerikanischen Polizei für einen Sonderauftrag: Er soll undercover in einen Knast eingeschleust werden, in dem Häftlinge unter mysteriösen Umständen ums Leben kommen. Burke willigt ein und hat in der Folge alle Hände voll zu tun, sich die Schwerverbrecher vom Leib zu halten. Als der Sandman eingeliefert wird, spitzt sich die Situation für Burke dramatisch zu …

Hätte ich nicht ein paar Tage zuvor Fullers SHOCK CORRIDOR gesehen, mir bliebe hier kaum mehr übrig, als darüber zu referieren, wie blöd dieser Van-Damme-Klopper ist. Das Drehbuch von David S. Goyer mag interessante Ansätze bieten, mit denen Sarafian jedoch rein gar nix anzufangen weiß und den Zuschauer über weite Strecken mit einem bierernst vorgetragenen, aber vollkommen belanglosen Plot zu langweilt. Erst am Ende kommt ein bisschen Stimmung auf, wenn es einen Aufstand unter den Gefangenen gibt und die Muscles from Brussels zum Finalkampf gegen den hünenhaften Serienmörder antreten. Im direkten Vergleich mit Fullers Film, in dem ein Journalist in einer Nervenheilanstalt gegen den übergreifenden Wahnsinn ankämpft, mutiert dieser hohle B-Film zur sexualpsychologisch aufgeladenen Posse, in der ein hübscher Jungspund sich die vom jahrelangen Knastaufenthalt geradezu heißgelaufenen Verehrer vom Knackarsch halten muss. Über die kaum noch als latent zu bezeichnende Homophilie des Actionfilms ist an verschiedenen Orten schon geschrieben worden, doch die alberne Freude, mit der diese angeblich revolutionäre Erkenntnis da vorgetragen wird, enttarnt eigentlich nur die Homophobie derer, die solches überrascht beobachten. Natürlich ist der Actionfilm homophil, wie sollte er es anders sein? Wo Männerbünde geschlossen werden und Frauen allerhöchstens Zaungäste sind, da muss die gleichgeschlechtliche Liebe (de)florieren. Auch wenn es in DEATH WARRANT erstaunlicherweise keine obligatorische Duschszene gibt, sind die Konnotationen dieses Knastfilms völlig offenkundig – und deswegen schon kaum noch als Konnotationen zu bezeichnen. Van Damme, geschniegelt und gebügelt und wie frisch aus dem Solarium, trägt seine Karottenjeans bis unter die Brustmuskeln, das eng anliegende Jeanshemd stets ordentlich in die Hose gesteckt. Wenn man ihn demütigen will, wird er nackt ins „Loch“ geschmissen – überhaupt dürfte es wenig Actiondarsteller geben, die mehr Nacktszenen als der Belgier aufzuweisen haben – und natürlich haben alle Mitgefangenen nur das Eine im Sinn, auch wenn das nur selten ausgesprochen wird. Wie in SHOCK CORRIDOR wartet draußen die Liebste – in diesem Fall Burkes Kontaktperson, die mauerblümchenhafte Polizistin Amanda (Cynthia Gibb) –, die dann auch die erste Chance ergreift, Burke für sich zu erobern, als sie die Gelegenheit hat. Solchermaßen annektiert muss der Kanadier den Hass der Verschmähten auf sich ziehen. Am Ende kommt er noch einmal ungeschoren davon, weil er sich mit dem Sieg gegen den Sandman (der ihn mit den Worten lockt: „Come to Papa!“) den Respekt der Häftlinge erwirbt. Der „fish“ hat seine Überlegenheit demonstriert, als Frischfleisch kommt er nicht mehr in Frage, er ist das Alpha-Männchen, das selbst entscheiden darf. Und so schließt er noch im Gefängnishof seine Amanda in die Arme. Es darf dennoch vermutet werden, dass sich der deutsche Titel MIT STÄHLERNER FAUST nicht auf die folgende Liebesnacht bezieht.

Ohne Worte.

zweitsichtung

Veröffentlicht: Oktober 19, 2008 in Film