the happening (m. night shyamalan, usa 2008)

Veröffentlicht: November 3, 2008 in Film
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Wenn ein Film mit traditionellen Credits beginnt, dann ist das ein Zeichen. Die Credits zu Anfang eines Films sind ja nahezu vollständig verschwunden, was wohl vor allem der Absicht geschuldet ist, den Zuschauer gleich vom Start weg in den Film zu ziehen. Aber noch mehr: Die Credits sind ja ein ganz untrüglicher Hinweis auf die Gemachtheit des Films, auf eine Künstlichkeit, die dem Wunsch nach Authentizität und Realismus entgegen steht. Wenn THE HAPPENING sich also erst mehrere Minuten Zeit nimmt, vor einem Wolkenpanorama und zur Musik von James Newton Howard die Credits ablaufen zu lassen, dann ist das auch ein Statement, das den Zuschauer auf das Kommende vorbereiten und ihn einstimmen soll. THE HAPPENING ist – das ist das Hauptmissverständnis, mit dem dieser Film zu kämpfen hatte – kein Suspense-Film, kein Thriller, kein Horrorfilm, sondern in erster Linie ein Filmfilm, ein Essay über die Möglichkeiten filmischer Sinnstiftung und -erzeugung und erst dann auch einer über das menschliche Bedürfnis nach Kausalität. Und wo sollte sich dieses Bedürfnis deutlicher abzeichnen als in der Dichtung und damit auch im Film? Aber wie erzählt man über den Verlust von Sinn?

THE HAPPENING arbeitet mit Zeichen: das Rauschen der Blätter, das Säuseln des Windes, die Augen Zooey Deschanels, die an den Wasserspiegel am Fuße eines Brunnenschachtes erinnern, der Ring Elliotts (Mark Wahlberg), der seine Farbe – angeblich je nach Gemütszustand seines Trägers – verändert, der Hot Dog des merkwürdigen Gärtners, die Tränen von Alma am Tag ihrer Hochzeit. Diese Zeichen werden immer wieder mit Bedeutung aufgeladen, einer Bedeutung, die sich jedoch ebenfalls immer wieder als hochgradig arbiträr herausstellt. Hat der Ring Recht, weil er den Gemütszustand der kleinen Jess vorhersagt, oder reagiert Jess ihrerseits nur richtig auf den Ring, weil sie weiß, welche Stimmung dieser ihr zuschreibt? Wie die Farbe des Rings mit seinem Träger in Verbindung steht, bleibt ebenso unklar wie die Ursache für das plötzliche Sterben der Menschen. Sind wirklich die Pflanzen dafür verantwortlich, die immer wieder bedeutungsvoll im Wind rauschen? (Dieses Bild ist aus zwei Gründen der größte Kniff Shyamalans: 1. Das Wiegen der Baumwipfel ist ja gar keine Handlung, sondern selbst wieder nur Wirkung, der hier allerdings Ursachencharakter zugeschrieben wird. Aber niemand hinterfragt das im Film. 2. Das geheimnisvolle Rauschen der Baumwipfel ist kulturhistorisch betrachtet ein Zeichen, das für uns lesbar ist. „Das Rauschen im Walde“ ist nicht nur ein geflügeltes Wort, es ist auch filmisch vorbelastet. Wann immer wir es im Horrorfilm sehen oder hören, denken wir nicht an Wind, sondern an Unheil.) Mit der Ungewissheit, die daraus entsteht, dass wir zwischen zwei getrennten Phänomenen keine Verbindung herstellen können, können wir, Technokraten, Empiriker, Mystiker, die wir allesamt das Bedürfnis haben, unsere Umwelt zu verstehen, nicht leben. Shyamalan, der in SIGNS einer sehr religiösen Ausdeutung von Kausalität erlegen war, zeigt in THE HAPPENING sehr eindringlich, wie verzweifelt unsere Versuche, die Welt um uns herum mit Sinn aufzuladen, eigentlich sind. Wir können uns mit den Mitteln der Wissenschaft zwar an einer Interpretation versuchen, das schützt uns aber nicht vor dem vermaledeiten Induktionsproblem: Wenn morgen die Sonne nicht aufgeht, dann ist das kein „Fehler“ der Welt, sondern einer unserer Berechnungen. Im Zweifelsfall war unser Datenmaterial nicht ausreichend.

Über THE HAPPENING ist viel Spott und Hohn ausgeschüttet worden. In erster Linie wohl von solchen Zuschauern, die von Shyamalan immer wieder THE SIXTH SENSE erwarten – den sie auch schon nicht verstanden haben. Die Schauspieler würden overacten, das Geschehen sei theatralisch, die „Botschaft“ aufgesetzt (in Wahrheit gibt es gar keine): Diese Vorwürfe greifen nur dann, wenn man THE HAPPENING als den Erzählfilm missversteht, der er nicht ist. THE HAPPENING ist zu allererst ein ausgesprochen experimenteller Film, der neue Formen erprobt, das Unsagbare sichtbar zu machen. Wenn er von etwas erzählt, dann davon, dass die größte Katastrophe, die den Menschen ereilen kann, der Verlust von Sinn ist.

Kommentare
  1. lukas sagt:

    Schöner Text zu einem tollen Film, ich verstehe das Kritikergeblöke da auch wieder mal gar nicht und freue mich sehr, dass Shyamalan weiterhin weit weg ist vom Qualitätskino.
    Was ich an dem Film auch ganz großartig finde (und jetzt ineine ganz andere Richtung führt), ist Shyamalans irgendwie rührende Form von nicht unbedingt Puritanismus (das wäre ja konventionell christlich), sondern Verklemmtheit, eine Verklemmtheit allerdings, die nicht unbedingt, oder zumindest nicht ganz offensichtlich, nur die Rückseite von irgendwelchen verdrängten Obsessionen ist. Die „Untreue“ der Frau besteht im Film ja tatsächlich lediglich darin, dass sie mit einem anderen Mann einen Nachtisch (!) gegesen hat. Und bei Shyamalan ist irgendwie klar, dass dieser Nachtisch eben tatsächlich nur ein Nachtisch ist und nicht für irgendetwas anderes steht, weder symbolisch noch sonst irgendwie.
    Genau wie er es in Lady in the Lake geschafft hat, noch die letzte sexuelle Konnotation aus einem Szenario zu verbannen, das ja nun wirklich eigentlich nach solchen schreit wie kein zweites. Irgendwie zeigt sich für mich gerade darin weniger bloße Naiviät (obwohl die natürlich auch) als eine doch letzten Endes moralische Position: Weg mit wirklich allen doppelten Böden, weg mit aller Ironie, wenn schon Idealismus, dann richtig, ohne Netz und doppelten Boden.

  2. funkhundd sagt:

    Danke für deinen Kommentar!

    Ja, du sprichst da in der Tat einen sehr interessanten Aspekt an, bringst das „Befremdliche“, das auch ich beim Ansehen von THE HAPPENING verspürt habe, aber nicht richtig benennen konnte, sehr schön auf den Punkt.

    Die kindliche Naivität, die ja auch im Spiel der Schauspieler durchscheint, ist wohl das, was viele Kritiker nicht verstanden, als albern und gespreizt verstanden haben, was aber THE HAPPENING in Wahrheit als absolut eigenständiges Werk markiert.

    In Shyamalans Filmen entdecken die Menschen die Welt um sie herum ja fast immer neu. Erst durch die kindliche Perspektive kommen sie zu einer tieferen Erkenntnis ihrer Umwelt. Das abgeklärte Durchblickertum, das gerade in Bloggerkreisen kultiviert wird, muss sich an so etwas wahrscheinlich stoßen.

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