death wish (michael winner, usa 1974)

Veröffentlicht: November 4, 2008 in Film
Schlagwörter:, , , ,

death_wishSo richtig positiv will sich auch nach 35 Jahren noch niemand zu diesem Film äußern. Zwar wird nicht mehr mit der Verachtung auf ihn eingeprügelt, die er zum Zeitpunkt seines Erscheinens auf sich gezogen hat, dennoch merkt man den meisten Texten zum Film an, dass ihre Autoren befürchten, sich an ihm die Finger zu verbrennen. Nur, dass er gut gemacht sei, das räumt auch Roger Ebert in seinem zwischen Ratlosigkeit, Furcht und Unverständnis pendelnden Review an: Ratlosigkeit darüber, was ihm dieser Film sagen will, Furcht davor, dass Winners dystopisches Szenario vom Zusammenbruch einer liberal-zivilisierten Fassade mehr Wahrheit beinhalten könnte als ihm lieb ist, Unverständnis darüber, dass da ein Film daherkommt, der eine klare Aussage verweigert. Tatsächlich: DEATH WISH ist ein böser, ein hinterlistiger, ein gefährlicher Film. Aber er ist unfassbar gut, in dem, was er macht.

Winner geht es zunächst darum, alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um den Zuschauer auf seine Seite zu ziehen, sie in dieselbe Stimmung zu versetzen, in der auch sein Protagonist alle Zwänge abwirft und zum Gewaltverbrecher wird. Schon die Eingangsmontage ist reine Stimmungsmache im Wortsinn. Das Ehepaar Kersey im Urlaub auf Hawaii, Idylle. Sie will Sex, nein, Liebe, jetzt sofort am Strand. Er will lieber ins Hotel, denn: „We’re too civilized.“ Noch ein paar Bilder vom harmonischen Beisammensein, dann ein Schnitt, der Titel „Death Wish“ wird zu einem in blutrotes Licht getauchten Bild vom winterlichen New York eingeblendet, untermalt von einem eiskalt schneidenden Ton von Herbie Hancocks eklektischem Score. Es ist noch nichts passiert, aber es zieht sich einem sofort alles zusammen. Das hier wird nicht gut ausgehen. Zurück in New York wird man mit der Verbrechensstatistik konfrontiert, ein Kollege aus dem Architekturbüro Kerseys sagt, das Einzige, was helfe, seien Konzentrationslager für das Gesindel. So geht es weiter, der brutale Überfall auf Kerseys Familie ist ein Schlag in die Magengrube (und erinnert mit seinen Unbehagen auslösenden verkanteten Kamerawinkeln an eine ähnliche Sequenz in Kubricks A CLOCKWORK ORANGE) und auch im Folgenden lässt der Druck auf den Zuschauer genauso wenig nach wie auf Kersey. Winner gelingt dabei das Kunststück, dass DEATH WISH trotz aller Manipulation niemals an Authentizität einbüßt. Sein New York ist ein rein fiktiver Ort, aber wir glauben ihm. Wir lassen uns von ihm verführen.

Erst nach einer Stunde, wenn Kersey auf den Straßen New Yorks aufräumt und sich die Perspektive aufzieht, sich DEATH WISH vom Psychogramm des Zusammenbruchs in einen Krimi verwandelt, der sich mehr auf den Polizisten Ochoa konzentriert, wird dem Zuschauer vorgeführt, mit wem er sich da zuvor verbündet hatte: mit einem Amokläufer, einem vermeintlichen Liberalen, der seine Ohnmacht schließlich gegen den Nervenkitzel des Gottspielens tauscht. Kersey ist kein eiskalter Killer, er ist im Gegenteil der heißgelaufene Mörder, dem man den Adrenalinschub, die innere Spannung vor jeder Tat ansieht. Aber Winner interessiert sich nicht für den Thrill des Katz-und-Maus-Spiels zwischen Polizist und Verbrecher. Das wird ganz besonders am Ende deutlich, wenn eine – in welche Richtung auch immer – zufrieden stellende Auflösung ausgespart wird. Der Film endet zwar, aber Kerseys Geschichte geht weiter. Weder werden unsere Wünsche nach der Absolution des Killers wirklich bedient, noch die nach dem Sieg der Moral, die den Film entlasten könnte.

DEATH WISH überfordert mit seiner enormen Dichte, verlangt dem Zuschauer volle Konzentration und Standhaftigkeit ab, weil er ihm keine vorgekaute Botschaft vorsetzt, ihm keine „Moral von der Geschicht“ an die Hand gibt. Dass ihm eine Glorifizierung von Zero Tolerance und Selbsthustiz zugeschrieben wird, liegt vor allem daran, dass wir uns mit Kersey identifizieren können und allein das schon einen Tabubruch darstellt. Tatsächlich ist das Bedürfnis nach Rache von einem emotionalen Standpunkt aus vollkommen nachvollziehbar. Es sind die gesellschaftlichen Zwänge, die uns davon abhalten, diesem Bedürfnis nachzugeben. Doch wehe, wenn der Druck einmal zu groß wird …

Advertisements
Kommentare
  1. […] das jedoch im Abgleich mit seinem Vorgänger zu einigen Erkenntnissen verhilft. Was vielen bei DEATH WISH entgangen ist: Kerseys ursprüngliches Rachebdeürfnis bleibt ja unerfüllt, weil er den Mördern […]

  2. […] Jahre wieder prägen, war eine Neuauflage des Urvaters des urbanen Rachefilms, Michael Winners DEATH WISH, eigentlich nur eine Frage der Zeit. DEATH SENTENCE wird jedoch nicht als Remake des […]

  3. […] Romanautor Brian Garfield wollte nach vielen für ihn enttäuschend verlaufenen Verfilmungen (u. a. DEATH WISH) endlich einmal einen seiner Romane selbst für den Film adaptieren, Ronald Neame sagte eigentlich […]

  4. […] EXTREME JUSTICE durchaus einen ernstzunehmenden, späten Beitrag zum in den Siebzigerjahren mit DEATH WISH etablierten Subgenre des Selbstjustizfilms dar. Dass Lester mit seinem Film über die […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s