les vacances de monsieur hulot (jacques tati, frankreich 1953)

Veröffentlicht: November 10, 2008 in Film
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les20vacances20de20monsieur20hulot1Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie oft sich zwischen Filmsichtungen Verbindungen ergeben, die man nie beabsichtigt hatte. Als ich am vergangenen Sonntag diesen – meinen ersten – Film von Jacques Tati in den DVD-Player legte, hatte ich alles Mögliche erwartet, aber keinesfalls, dass dieser einen schönen Gegenentwurf zu Manfred Stelzers SUPERSTAU abgeben würde. Tatsächlich ergänzen sich beide Filme ideal, ergeben beide zusammen einen aussagekräftgen Essay zum Thema „Ferien heute und vor fünfzig Jahren“. Zunächst, und das ist das eigentlich Erstaunliche, unterscheiden sich beide gar nicht so sehr voneinander: Tati zeigt genauso wie Stelzer, wie sich Menschen unabhängig voneinander in Bewegung setzen, um zu ihrem Urlaubsort zu gelangen, dabei ganz unterscheidliche Methoden bevorzugen und ihre Umgebung arg in Mitleidenschaft ziehen. Tatis Monsieur Hulot erinnert mit seinem winzigen klapprigen Automobil, mit dem er für alle anderen Verkehrsteilnehmer eher ein Hindernis darstellt, nicht wenig an die Ossi-Familie Pippig aus SUPERSTAU und ihren Trabi. Der Unterschied zum SUPERSTAU liegt natürlich ebenfalls auf der Hand: Dessen Protagonisten erreichen ihren Urlaubsort erst nach Ende der Spielzeit (man kann sich lebhaft vorstellen, wie sie den verbleibenden Rest vom Urlaub umso energischer „genießen“ werden, wissend, dass ihnen bei der Rückfahrt dasselbe noch einmal blüht), während sich die Anreise für die Charaktere von LES VACANCES DE MONSIEUR HULOT ungleich entspannter und unkomplizierter gestaltet. Diese Entspannung charakterisiert dann auch den ganzen Film: In Saint-Marc-Sur-Mer angekommen, ergehen sich alle im Müßiggang, faulenzen am Strand, gehen spazieren, essen im Hotel oder treiben ein wenig Sport, bevor sie sich abends zum Kartenspielen wieder im Hotel versammeln. Eine einschläfernde Ruhe bestimmt Tatis Film, die an einen heißen Sommernachmittag erinnert: Man liegt dösend im Schatten, aus der Ferne dringen das Geschrei von Kindern und das Rauschen des Meeres ans Ohr (überhaupt wird Tatis Film mindestens ebenso sehr von seinem Sounddesign wie von seinen Bildern geprägt). Doch mit zunehmender Spieldauer wird die ewige Wiederkehr des Gleichen beengend, fühlt man sich auch als Zuschauer in ein Korsett geschnürt, das einem mehr und mehr den Atem raubt. Man wünscht sich einen Ausbruch, einen Knall, etwas, dass die Lethargie beendet. Doch für Aufregung sorgt allein Hulot selbst, dessen vergnüglichen Missgeschicke jedoch immer wieder den Unmut der Erholungswütigen hervorrufen, die ihn in seine Schranken verweisen wollen, auf dass ihre Erholung nicht gestört werde. Freilich erlaubt es die gesellschaftliche Etikette es nicht, diesem Unmut mit letzter Konsequenz Ausdruck zu verschaffen, sodass sich am Ende des Urlaubs doch alle wieder freundlich voneinander verabschieden und sich für das kommende Jahr am selben Ort verabreden. Und siehe da: Plötzlich mutet einem das Bild, das LES VACANCE DE MONSIEUR HULOT vom Urlaub vermittelt, gar nicht mehr so überkommen und fremd an. Wenn man aus der Rolle fällt, wird man aber immer noch genauso kritisch beäugt von den Spießern, die es besser wissen. Auch heute noch, im Zeitalter der mit „Events“ vollgestopften All-inclusive-Reisen, auf die Monsieur Hulot mit seinen von den anderen Urlaubern empört aufgenommenen Jazz-Orgien und dem Feuerwerk am Ende schon einen Ausblick ermöglicht. Man muss einfach das Gemüt des Hulot haben: sein Ding durchziehen und so tun als sei alles ganz normal.

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