the russians are coming! the russians are coming! (norman jewison, usa 1966)

Veröffentlicht: November 10, 2008 in Film
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Es gibt ein gutes Beispiel aus dem Alltag, um zubeschreiben, was Niklas Luhmann mit dem Begriff der „Kontingenz“ meinte – und wie der Mensch im Allgemeinen mit diesem eigentlich unlösbaren Problem umgeht. Angenommen, wir machen einen Waldspaziergang und uns kommt ein Fremder entgegen: Wie verhalten wir uns? Sofern der Fremde keine merkwürdigen Verhaltensweisen an den Tag legt, keine Waffe zückt oder mit Gebrüll auf uns zustürmt, werden wir davon ausgehen, dass es sich um einen Spaziergänger handelt. Denselben Schluss wird unser Gegenüber ziehen, da wir uns ebenfalls nicht ungewöhnlich verhalten. Wir werden einander passieren, uns vielleicht sogar begrüßen, bevor wir beide wieder allein sind. Dieser alltäglichen Angelegenheit liegen jedoch relativ komplexe Vorgänge zugrunde. Die Kontingenz, die Unendlichkeit der Möglichkeiten, besteht in diesem Fall darin, dass wir nicht wissen können, ob unser Gegenüber unser Vertrauen rechtfertigt: Er könnte ein Mörder sein, ein Dieb, jemand, dem wir uns besser nicht nähern sollten. Wir beschließen jedoch, davon auszugehen, dass er ein normaler Passant ist, der uns nichts tun wird. Wir betreiben Komplexitätsreduktion, schließen gewisse Möglichkeiten anhand unserer Erfahrungen aus, um unsere Freiheit zu bewahren und handlungsfähig zu bleiben.

russiansarecoming1In THE RUSSIANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING! wird Komplexität dadurch reduziert, dass das Gegenüber eindeutig zuordenbar ist und an diese Zuordnung wiederum bestimmte Verhaltenweisen geknüpft sind. Doch gerade daraus erwachsen neue, gravierende Probleme: Vor einer kleinen Insel vor Neuengland strandet ein russisches U-Boot, weil dessen Kapitän unbedingt einen Blick auf das große Amerika werfen möchte. Unter Führung des vernünftigen Leutnant Rozanov (Alan Arkin) geht eine Gruppe russischer Soldaten an Land, um auf der Insel ein Boot zu finden, mit dem sie ihr U-Boot befreien können. Die Ankunft des Feindes bleibt natürlich nicht unbemerkt und so entsteht bald schon eine Panik unter den Inselbewohnern, die eine Invasion befürchten. Die Verbindung zum obigen Beispiel ist klar: Das Gegenüber ist für die Amerikaner als Russe und somit als Feind zu identifizieren. Dieser Identifizierung folgen die entsprechenden Handlungen: Alle Kräfte werden mobilisiert, um sich dem Feind entgegenzustellen und eine Eroberung zu verhindern – notfalls mit Gewalt. Andererseits beeinflusst das Wissen, als Feind wahrgenommen zu werden, wiederum auch das Verhalten der Russen und sorgt so überhaupt erst für das gefährliche Missverständnis. So eskaliert die Situation schließlich, bis es am Schluss zur offenen Konfrontation am Hafenbecken kommt. In Wahrheit liegt beiden Seiten nichts ferner als ein Kampf: Die Russen wollen so schnell wie möglich wieder weg, die Inselbewohner wollen nicht zu Opfern eines russischen Überfalls werden – genauso wenig wie zu Mördern. So eskaliert die Situtaion letztlich nicht aufgrund einer tatsächlichen Gefahr, sondern aufgrund einer fehlgeleiteten Komplexitätsreduktion.

Norman Jewisons Film ist ein schönes Beispiel filmischer Entspannungspolitik, das einem Jahrzehnt der Paranoia folgte, ein Plädoyer für den Humanismus und die Völkerverständigung mit den Mitteln der Komödie. Trotz seines pädagogischen Anspruchs verliert THE RUSSIANS ARE COMING! THE RUSSIANS ARE COMING! nie seine beinahe musikalische Leichtfüßigkeit und seinen Humor, der sich in prächtigen Bildkompositionen und dank famoser Schauspeilleistungen zu voller Blüte entfalten kann. Alan Arkin brilliert als Rozanov und dürfte Sacha Baron Cohen als Inspirationsquelle für seinen Borat gedient haben: Speziell in Sprachmelodie und Phrasierung lässt sich der Einfluss kaum überhören. Carl Reiner ist wiederum perfekt als hitchcockscher Durchschnittamerikaner und Held wider Willen. John Philipp Law und Andrea Dromm sind für das romantische Element zuständig, das den Gedanken der Völkerverbindung auf die Spitze treibt: Law ist mit seinen himmelblauen Augen einfach perfekt für den Part des vom eigenen System eingeengten, träumerischen russischen Jünglings. Kurzum: Ein wunderbarer, urkomischer und herrlich anzuschauender Film, der die Idiotie des Kalten Krieges perfekt abbildet und zwei Stunden tolle, intelligente Unterhaltung bietet.

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