rambo (sylvester stallone, usa/deutschland 2008)

Veröffentlicht: November 14, 2008 in Film
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Zweitsichtung. Kurz nach der Pressevorführung im Januar dieses Jahres schrieb ich diesen Text, den ich heute – das liegt in der Natur der Sache – so nicht mehr schreiben würde. Schon meine damalige Einstiegsbehauptung hat sich ja als falsch erwiesen: RAMBO wurde zwar nicht ausgesprochen wohlwollend, aber immerhin keineswegs so negativ und voreingenommen bewertet, wie ich das prophezeit hatte. Meinen Schlusssatz würde ich hingegen jederzeit wieder so formulieren, weil auch meine gestrige Sichtung micht nicht von der Überzeugung abbringen konnte, dass es sich bei RAMBO um einen landmark-Film handelt, ein Werk, dass sein Genre wenn schon nicht beenden, so doch nachhaltig verändern wird. Er wendet sich von dem leeren, nur der Oberfläche und der Ironie verpflichteten Bewegungskino ab, ohne jedoch auf die Verlockungen der Nostalgie hereinzufallen: RAMBO ist kein Retrofilm und der reaktionären Provokation des Achtzigerkinos setzt er hoffnungslosen Nihilismus entgegen, der sich kaum instrumentalisieren lässt.

poster-ramboDer politische Gehalt des Films wurde m. E. weitestgehend überschätzt: Dieser RAMBO wirkt inhaltlich beinahe zeitlos und diffus, der ihm zugrunde liegend reale Konflikt ist uns so fremd wie die Landschaft, die Glen McPherson immer wieder in den Nebel des Mythos hüllt. RAMBO lässt sich nur dann als Kommentar zum Problem des (US-amerikanischen) Interventionalismus lesen, wenn man gewichtigere Element ausblendet oder übersieht und anderen dagegen ein Übermaß an Bedeutung beimisst. Eher repräsentiert er eine gewisse Stimmung der Perspektivlosigkeit. Staatliche Instanzen sind jedenfalls auffallend abwesend – vielleicht möchte man gerade daraus eine Aussage ableiten. Auch deshalb wirkt RAMBO dramaturgisch extrem aufgeräumt; trotz all dem Chaos, das er abbildet: Der Staat hatte die Zustände in den Vorgängern ja immer nur verkompliziert. Dieses Aufgeräumte beginnt beim Titel (nach dem den Protagonisten noch verdeckenden FIRST BLOOD kam schon RAMBO: FIRST BLOOD PART II, dem folgte immerhin noch RAMBO III, nun der vollkommen bereinigte RAMBO), setzt sich bei der Plotline fort, die sich fast auf die Bewegung seiner Figuren reduzieren lässt und endet eben bei John Rambo, gegen den die älteren Inkarnationen – etwa jene aus dem dritten Teil – beinahe schon geschwätzig anmuten. Dieser John Rambo äußert sich nur widerwillig, wiederholt autistisch, dass die bei ihm um Hilfe suchenden Missionare „nach Hause“ gehen sollen, dass seit seiner Zeit in den USA eine „lange Zeit“ vergangen sei, eine „lange Zeit“, in der er seinen Vater nicht gesehen hat, eine „lange Zeit“, die er im Dschungel verbracht hat. Dieser John Rambo ist so solipsistisch und einsilbig, dass der im ersten Teil evozierte Frankenstein-Vergleich ganz neue Evidenz erhält: John Rambo ist ein Monster. Und sein klangloses „Go home“ lässt sich dann auch weniger als Empfehlung oder Warnung als vielmehr als Wunsch interpretieren. E.T. wollte nach Hause telefonieren, John Rambo will nach Hause. Aber: „Gotta have a reason to do that.“

Monströs ist auch der dieses Monster umgebende Film, der das Tötungshandwerk in nie gekanntem Ausmaß zelebriert. RAMBO, das ist der berühmte WILD BUNCH-Showdown auf Spielfilmlänge minus Tragik. Es gibt keine Charaktere, deren Tod man betrauern könnte, ja noch nicht einmal solche, deren Morde man als Heldentaten bejubeln wollte. Da ist nur die nackte Konfrontation mit Gewalt und Zerstörung. RAMBO ist sehr viel zwiespältiger und kontroverser als man zunächst glauben möchte und sein verstörendes Potenzial liegt längst nicht nur in seiner grafischen Drastik. Es liegt viel mehr darin, dass John Rambo nicht sein Gewissen entdeckt, das ihm sagt, dass es richtig ist, den Unschuldigen zu helfen, sondern vielmehr erkennt, dass er keinen Grund zum Töten, sondern nur noch einen Anlass braucht. Das hört sich so an: „When you’re pushed, killing is as easy as breathing.“ Und in der Vergangenheit hat er nicht für sein Land getötet, sondern nur für sich. Soldaten snd Mörder. RAMBO übererfüllt die einstige Forderung Trautmans an seinen Schützling „to come full circle“, er ist ein Film über das Fallenlassen jeglicher Zweifel, über die Kapitulation vor dem eigenen Schicksal. Und so kann John Rambo, von den letzten Fesseln der Zivilisation befreit, endgültig zu dem Kriegsgott werden (man beachte die Einstellung zum Schluss, in der Rambo auf einer Anhöhe stehend auf das Schlachtfeld zu seinen Füßen blickt), von dem Trautman in den Vorgängern voller Ehrfurcht sprach und den er mit militärischer Dispziplin in Ketten schlug, um ihn zu beherrschen. Hier, im absoluten Chaos, in der Abwesenheit jeder Vernunft ist Rambo endlich zu Hause angekommen. Dass er dann am Schluss wirklich nach Hause geht, ist nur noch die bildliche Konkretion dessen, was eh schon klar ist. Und der „full circle“ schließt sich mit Rambos Ankunft in Arizona auch im Hinblick auf den Auftakt der Serie vor fast 30 Jahren. Man darf gespannt sein wie es weiter geht. Man kann sich ein normales Leben für diesen Mann nicht mehr vorstellen. Für ein Prequel ist es wohl allerdings für Stallone zu spät.

Kommentare
  1. malexan sagt:

    Eine gesellschaftliche Reflexion auf Rambo siehe auch hier:

    http://jaquesjuergen.wordpress.com/?page_id=107&preview=true

  2. […] der Achtzigerjahre hin zu den das Alter ihres Darstellers reflektierenden ROCKY BALBOA und JOHN RAMBO. Rath ist der alternde, müde gewordene Profi, der vom Mordgeschäft genug hat und endlich in […]

  3. […] nicht für die höchsten Weihen reicht, die meinetwegen THE MECHANIK, WAKE OF DEATH, UNTIL DEATH, RAMBO, UNDISPUTED 2 oder IN HELL zukommen, liegt an der schon angesprochenen formalen Profillosigkeit […]

  4. […] – mit seiner „full circle“-Frage an Rambo richtet (siehe auch meine Texte zu RAMBO und THE ROOKIE), findet in UNIVERSAL SOLDIER: REGENERATION Widerhall in den Worten des […]

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