there will be blood (paul thomas anderson, usa 2007)

Veröffentlicht: November 15, 2008 in Film
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there_will_be_blood_posterPaul Thomas Andersons Film merkt man den Willen seines Machers, ein großes Epos in der Tradition von Leones C’ERA UNA VOLTA IL WEST, ONCE UPON A TIME IN AMERICA oder Coppolas THE GODFATHER vorzulegen, in jeder Sekunde an. In den Bildern schlägt er die Brücke vom Western und Pionier- hin zum Gangsterfilm, die Musik untermauert die Bedeutungsschwere der Bilder, suggeriert dramatische Vorgänge, wo Anderson jedoch immer eine klinische Distanz walten lässt. Daniel Day-Lewis‘ Anwesenheit spricht ebenfalls eine deutliche Sprache: Alle Jubeljahre kommt er aus seinem selbst auferlegten Exil, wenn irgendwo Filmgeschichte geschrieben, das filmsehende Volk bereichert und aufgeklärt werden soll, eine gewichtige Rolle in einem wichtigen Projekt besetzt werden will. Anderson erzählt die Geschichte von Daniel Plainview, der im Jahre 1898 ganz allein in der Wüste auf eine Silberader stößt, sich dabei das Bein bricht und fortan mit beelzebubianischem Hinken und einem engelsgleich dreinblickenden Ziehsohn durch den Film stakst. Er ist der Urvater des US-amerikanischen Kapitalismus, reist auf der Suche nach Erdölquellen durch die Vereinigten Staaten und kauft den ahnungslosen Siedlern das kostbare Land zu Spottpreisen ab. Sein ärgster Gegner soll ein fanatischer Gottesmann werden, Eli Sunday (Paul Dano), der sich bei seinen Predigten in religiöse Raserei redet und dem Treiben des Geschäftsmanns mit Argwohn begegnet: Etwas das ohne Gottes Segen geschieht, kann nicht gut sein. Am Ende erliegt auch er dem Lockruf des Geldes und beschert dem teuflischen Plainview damit den späten Triumph, der den Film beendet.

Das Problem des Films ist nicht in erster Linie die wohlfeile, aber letztlich verkommene Kapitalismuskritik, mit der er dem in den letzten Jahren immer noch nicht aus der Mode gekommenen Antiamerikanismus das Wort redet und verkennt, dass es ohne solche vermeintlich gewissenlosen Geldhaie wie Plainview auch seinen Film nicht gäbe. Es ist vielmehr die unerträgliche Verachtung, mit der Anderson auf seine Protagonisten hinabschaut und sie für seine eitlen Zwecke missbraucht. Weder Plainview noch Sunday haben irgendwelche positiven Eigenschaften, werden als ruchlose Dämonen gezeichnet, die jederzeit bereit sind, den Preis für den Aufbau ihres Landes mit Blut zu bezahlen. Und wenn dieses Bild dann doch einmal leichte Risse bekommt, dann ist das dem Rückgriff auf absolute Charakterisierungsklischees zu verdanken: Sunday und Plainview sind einfach nicht richtig lieb gehabt worden.

Sich einer solch unproduktiven Selbstgeißelung hinzugeben, ist eine Qual, da ändert auch die herausragende Fotografie und der schon erwähnte expressive Score nichts. Aus THERE WILL BE BLOOD nimmt man nichts mit, nicht einen beflügelnde Idee, nicht einen erhebenden Gedanken. Stattdessen fühlt man sich, als sei man zweieinhalb Stunden lang mit klebrigem Öl übergossen worden. Ätzend – und bezeichnend, dass sowas heute überall als große Filmkunst gepriesen wird.

Kommentare
  1. Funxton sagt:

    Hi Funky,
    dein Text zu „There Will Be Blood“ hat mir sehr gut gefallen, auch wenn meine Konklusion, wie ja bereis andernorts formuliert, „etwas“ different ausfällt. Daher hier mein kleiner Pingeleinwand gegen das verallgemeinernde ‚man‘ gegen Ende, welcher, laut deinem Text, kategorisch nichts mitzunehmen vermag aus Andersons Film.
    Zumindest meine Person bildet da eine empirisch nachweisbare Ausnahme, ich hatte nämlich in der Folgenacht zu „TWBB“ einen der intensivsten Filmträume der letzten Jahre. Dieser Traum war sogar so eindrucksvoll, dass ich mich sogar jetzt noch deutlich daran erinnern kann. Das spricht irgendwie schon für ein – wie auch immer geartetes – impressives Potenzial, wie ich meine.

    LG,
    Frank

  2. funkhundd sagt:

    Hi Funx,
    ja, das „man“ ist in solchen Texten ein etwas unredliches Stilmittel, um sich selbst etwas zu „verstecken“ bzw. abzusichern. Gerade Verrisse, die ich nicht besonders gern schreibe, sind anfällig dafür, auch wenn ich das eigentlich immer zu vermeiden suche.

    Mir haben einzelne Elemente des Films auch gefallen (etwa die Thematisierung von Sprache) und ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Film einen verfolgen kann: Gerade seine Bilder sind ja von einer ziemlichen Eindringlichkeit geprägt. Aber das gelingt auch Filmen, die weniger – ich sage das jetzt mal so – aufgeblasen sind. Ich habe mich über weite Strecken jedenfalls wirklich geärgert über THERE WILL BE BLOOD. Aber das hast du ja gelesen. 🙂

  3. […] dieser basis nimmt er jeden Film in die Verantwortung. Zuletzt mussten weithin anerkannte Filme wie THERE WILL BE BLOOD oder HELLBOY II seinen Zorn spüren. Dass Christopher Nolans Nihilo-Werk THE DARK KNIGHT nur wenig […]

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