hangmen (j. christian ingvordsen, usa 1987)

Veröffentlicht: November 21, 2008 in Film
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Rob Greene (Rick Washburn), ein CIA-Mann kurz vor dem Ausstieg, erfährt von einer Terroreinheit innerhalb seiner „Firma“, die von dem sinistren Connelly geleitet wird. Sein Vorgesetzter Andrews rät ihm, die Information geheimzuhalten und sich zu verstecken, doch natürlich sind ihm Connellys Vollstrecker längst auf den Fersen und wollen sich an Robs Sohn Danny (Keith Bogart) vergreifen. Dieser kann jedoch fliehen und Kontakt mit Dog Thompson und Bone Conn aufnehmen, zwei alten Armykumpels seines Vaters. Im Verbund mit diesem kommt es schließlich zum großen Showdown in einer alten Fabrik, bei dem die Schurken ihren letzten Trumpf aus dem Ärmel ziehen: Dannys Freundin Lisa (Sandra Bullock) …

Als HANGMEN in den späten Achtziger-/frühen Neunzigerjahren mal in einer radikal gekürzten Fassung auf RTL lief, überschlug sich die damals noch in den Kinderschuhen steckende TV Spielfilm förmlich vor Lob. Meine jugendliche Sichtung des Films war dann an den geschürten Erwartungen gemessen ein wenig ernüchternd: Irgendwie war dieser Film so ganz anders als die Actionfilme der Cannon oder die Filme, die ich etwa von Stallone kannte. Aber erklären, was HANGMEN so anders machte, konnte ich natürlich nicht. Ich spürte nur: Irgendwas war komisch an diesem Film, der so kalt und abweisend wirkte, ja geradezu körperliches Unwohlsein verursachte.

Schnitt, ca. 20 Jahre später. So ganz vergessen habe ich HANGMEN nie. Zu sehr war mir die Diskrepanz zwischen meinen Erwartungen und dem Seherlebnis im Gedächtnis geblieben, zu merkwürdig war dieser Film, als das ich ihn so einfach aus dem Gedächtnis hätte löschen können, zu groß war das Bedürfnis, ihn mit anderem Background und einem größeren Filmwissen noch einmal zu sehen. Ausgerechnet im sonnigen Teneriffa fiel mir dann die ramschige spanische Billig-DVD für einen entsprechenden Minibetrag in die Hände, kurioserweise genauso mit Sandra Bullock auf dem Cover wie die US-DVD, obwohl ihre Rolle a) eher marginal ist und b) HANGMEN wohl jeden Bullock-Fan, der sich die DVD in der Hoffnung kauft, eine vergessene Perle seines Lieblings zu bergen, die Wände hochtreiben dürfte. Ich hingegen wusste ja in etwa, worauf ich mich mit dem Kauf einließ und so kann ich heute eine Frage beantworten, die mich fast zwei Drittel meines Lebens beschäftigt hat. Ja, HANGMEN ist tatsächlich ein unglaublich trostloser, deprimierender und seltsam befremdlicher Film, der in seiner Gestaltung teilweise fast avantgardistisch anmutet und stilistisch eher dem Horror- als dem Actionfilm verpflichtet ist.

630519943401_sclzzzzzzz_1Regisseur Ingvordsen (der auch die Rolle des Bone Conn übernimmt) arbeitet mit krassen Nahaufnahmen, filmt seine Akteure in Halbtotalen fast ausschließlich aus der Untersicht und bevorzugt verkeilte Blickwinkel.  Für den Zuschauer resultiert diese visuelle Gestaltung in einer Verunsicherung, die mit zunehmender Spieldauer immer unangenehmer wird und mit dem Geschehen auf der Inhaltsebene korrespondiert, auf der Zivilbürger als ahnungslose Labortiere gezeichnet werden, die von geheimen Staatsapparaten ohne zu Zögern umgemäht werden, wenn es die Situation erfordert. Hierin ist HANGMEN dann wieder beinahe typisch: Der Staat ist, wie in anderen Filmen seiner Zeit, verrottet, er begreift sich nicht mehr als Instrument seiner Bürger, sondern als Mittel der Mächtigen, sie zu knechten. Die Brachialität, mit der Ingvordsen diese Ansicht in HANGMEN vertritt, lässt einen aber schon nicht mehr nur frösteln. In der Szene, in der Connellys Schergen Dannys Mutter überfallen und sie und ihren Geliebten eiskalt hinrichten, fühlt man sich nicht wenig an die Slasherfilme der Achtzigerjahre erinnert, nur dass diese meist leichtfüßiger waren, weil sie nicht in der Realität verortet waren. HANGMEN geht jede Ironie vollkommen ab, es gibt keine Brüche in seiner Vision einer Welt, in der jeder entweder Opfer oder Henker ist. Es ist die Hölle auf Erden: Wenn Ingvordsen sich dem Treiben Connellys zuwendet – den man bis zum Schluss ausschließlich in Ultra-Nahaufnahmen zu Gesicht bekommen hat – doppelt er dessen Stimme, pitcht aber eine Spur extrem nach unten, sodass er wie ein vom Teufel besessener Roboter klingt. Ähnlich maschinelle Züge trägt auch der Score, der Assoziationen zu den Klangwelten von Tangerine Dream oder Simon Boswell weckt und kaum etwas mit den sonst üblichen, militärisch-hymnisch klingenden Actionfilm-Scores gemeinsam hat. Auf der Erzählebene setzt sich der so entstandene kalte und lebensfeindliche Eindruck nahtlos fort: Die Charaktere bleiben leere Hüllen, flüchtige Erscheinungen in einer Welt des Verrats und der Lüge. Die Exposition wird pflichtbewusst abgehakt, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen, die Versuche der Figuren, gegen ihre Leere anzukämpfen, bleiben erfolglos, letztlich fügt sich jeder in seine Rolle, auch wenn sie ihn das Leben kostet. Bei so viel Illusionslosigkeit und Gefühlskälte ist es kaum ein Wunder, dass HANGMEN kein besonders involvierendes Erlebnis ist, über seine Dauer von 90 Minuten ermüdend wirkt. Es liegt zudem der Verdacht nah, dass seine Wirkung weniger „geplant“ war, sondern auf das erzählerische Unvermögen seines Regisseurs zurückgeht, dem gar nicht so klar war, was für ein Gefrierfach von einem Film er da im Begriff war, zusammenzubasteln. Aber noch ein anderer Schluss ist möglich: Ingvordsen ist ein Genie, weil er wusste, dass er den ganzen Multimillionen-Dollar-Spektakeln seiner Zeit mit seinen Mitteln nicht entgegenzusetzen hatte und deshalb andere Wege beschreiten musste. Letzten Endes ist die Frage nach der Intention aber (wie immer) nicht von Interesse: HANGMEN ist formal einer der radikalsten und ungewöhnlichsten Actionfilme, die ich kenne, und eine Herausforderung, der man sich als am Genre Interessierter stellen sollte. Trister, eisiger, fieser und bleicher geht’s nicht mehr.

PS: In einer Nebenrolle ist der Italo-Veteran Johnny Loffredo zu sehen, hier gecredited als „Joshua Sinclair“.

Kommentare
  1. […] überführt. WAR DOG schaut man sich am besten im Doppelpack mit dem kaum weniger unangenehmen HANGMEN an und freundet sich mit der Erkenntnis an, dass diese Welt schlecht ist. Der Mensch ist des […]

  2. […] seinem Jahrhundert-Actioner HANGMEN, der in einer gerechten Welt in einer prächtigen Special Edition mit Soundtrack erschiene, […]

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