live free or die hard (len wiseman, usa 2007)

Veröffentlicht: November 24, 2008 in Film
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diehard_posterZweitsichtung. Nach meinem Verständnis des Actionfilms gründet sich die Anziehungskraft des Genres auf den Zuschauer in dem Verzicht des Protagonisten auf übermäßige Kontemplation und seinem kurz entschlossenen, beherzten Sprung in die Aktion: Der Held agiert, während der Zuschauer passiv ist. Von der postmodernen Krise und der mit dieser um sich greifenden Passivität ist aber auch der Actionhelden nicht verschont worden: Auch Rambo war von der Erkenntnis, dass seine Auftraggeber nur ihre Sache im Sinn hatten und sich einen Dreck um die Moral scherten, nicht gefeit. In seinem bislang letzten Einsatz lässt sich seine Philosophie deshalb auch so paraphrasieren: Geh nach Hause, du kannst den Lauf der Dinge nicht verändern. Die Aktion, die der Actionfilm feiern möchte, ist anrüchig geworden. Wer sich für die eine Sache einsetzt, muss damit rechnen, einer ganz anderen zum Sieg zu verhelfen. Besser also, man bleibt zu Hause. Es ist eh alles egal. Wenn aber die Passivität gewonnen hat, was wird dann aus dem Actionhelden?

Len Wiseman gelingt es mit LIVE FREE OR DIE HARD ausgezeichnet, diese innere Krise des Actionfilms in einer zeitgenössische Ängste thematisierenden Story auf die Inhaltsebene zu heben und so auch eine Rettung des Actionhelden anzudeuten. Beherrschendes Thema des Films ist logischerweise die Ohnmacht: Dem Oberschurken Thomas Gabriel ist es mithilfe unzähliger kleiner Hacker gelungen, einen „Fire Sale“ durchzuführen und die Vereinigten Staaten ins absolute Chaos zu stürzen: Sämtliche computergesteuerten Systeme befinden sich in seiner Gewalt, der Staat ist ihm hilflos ausgeliefert. Der Einzige, der sich anschickt, seinen Plan zu durchkreuzen, ist John McClane, der wieder einmal „zur falschen Zeit am falschen Ort“ ist und wider Willen in Aktion treten muss. Doch halt: Allzu widerwillig ist John McClane in dieser dritten Fortsetzung von McTiernans Endachtziger-Actionklassiker DIE HARD gar nicht. Relativ schnell ergreift er die Initiative und es scheint so, als habe er die Action in all den Jahren der Abwesenheit vermisst (die lange Pause zwischen DIE HARD WITH A VENGEANCE und LIVE FREE OR DIE HARD wird auch in der Diegese verortet). So wird ein Zug an ihm stärker betont, der schon in den Vorgängern implizit war: McClane ist ein Verrückter, der es insgeheim liebt, sich in Lebensgefahr zu begeben, Autos zu Schrott zu fahren, bad guys umzunieten und Dinge in die Luft zu jagen. Dem asketischen Professionalismus eines John Rambo, Scott McCoy (DELTA FORCE) oder John Matrix (COMMANDO) setzt er unbändige Kreativität, ein Übermaß an Lebensmüdigkeit und kindliche Zerstörungswut entgegen und spiegelt so all die unerfüllten Wünsche und Bedürfnisse seines Publikums wider: Nachdem er sich wieder einmal auf originelle Art und Weise eines Schurken entledigt hat und sein Sidekick, der Computerhacker Matt Farrell (Justin Long), ihn ent- und begeistert fragt, ob er das gesehen habe, antwortet McClane nur euphorisiert: „Yeah I saw it, I did it!“ und bringt die Dichotmie von Zuschauer und Actionheld auf den Punkt. Immer wieder entfährt ihm ein freudig-erregtes Glucksen, wenn er sich um Haaresbreite aus einer tödlichen Situation befreit, ein Laut der ungläubigen Freude, wenn er sich in einem übermenschlichen Kraft- und Willensakt eines Feindes entledigt hat. Seine Tollkühnheit erreicht zum Showdown ihren Höhepunkt, als er sich selbst erschießt, um damit seinen Gegner zu besiegen, der hinter ihm steht. McClanes Körperlichkeit geht über den eigenen Körper hinaus.

Und sie wird besonders betont, weil sein Widerpart ein reiner Kopfmensch ist. Gabriel befindet sich während des ganzen Films in seiner Kommandozentrale, in der er die zu erledigenden Aufgaben delegiert, die korrekte Ausführung seiner Aufträge nur überwacht. Er macht sich nicht selbst die Hände schmutzig, ist Vertreter einer Welt, in der man sich nicht mehr physisch betätigen muss, um etwas zu leisten. Gabriel ist ein Schreibtischtäter, ein Programmierer, der sich kaum von den Computer-Geeks Matt Farrell oder dem „Warlock“, der zwar einen legendären Ruf in der Hackergemeinde genießt, aber noch mit Ende 30 bei seiner Mama lebt, unterscheidet und dessen Errungenschaften eher virtueller Natur sind. Sein Akt des Terrors ist dann auch nicht die Sprengung eines Gebäudes oder der Überfall auf eine Bank: „Everything I’ve broken can be fixed.“ Letztlich ist es der Kollateralschaden, den er verursacht, mit dem der den Zorn McClanes auf sich zieht. Doch dieser ist noch unvermeidlich: Thomas Gabriel braucht die Killer, die die Drecksarbeit für ihn machen, auch er kann sich nicht vollständig auf eine virtuelle Ebene zurückziehen: Und so ist auch ein Held alter Schule wie John McClane noch nicht überkommen. Gabriel muss letztlich mit seinem Körper für die Verbrechen bezahlen, die sein Hirn erdacht hat. Und McClane bringt ihm die Rechnung.

Kommentare
  1. Der Außenseiter sagt:

    Klasse!

  2. funkhundd sagt:

    Herzlichen Dank, Lob lese ich immer gern. Und wenn’s von dir kommt, ganz besonders.:)

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