death sentence (james wan, usa 2007)

Veröffentlicht: Dezember 3, 2008 in Film
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Nick Hume (Kevin Bacon) ist erfolgreicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet mit Helen (Kelly Preston) und stolzer Vater zweier jugendlicher Söhne. Umso härter trifft es ihn, als er hilflos zusehen muss, wie sein älterer Sprössling beim spätabendlichen Stopp an einer Tankstelle dem Überfall und gleichzeitigem Initiationsritus einer Bande jugendlicher Krimineller zum Opfer fällt und seinen Verletzungen erliegt. Als auch die Anwälte ihm jegliche Hoffnung auf eine „gerechte“ Bestrafung des Schuldigen nehmen, beschließt Hume für diese selbst Sorge zu tragen. Doch nicht nur die Verbrecher fallen seinem Rachefeldzug zum Opfer …

deathsentenceposter1Mit der Rückbesinnung des Actionfilms vom bombastisch-hochglanzpolierten Eventkino der Neunzigerjahre auf die Essenz des Genres und zu die einfachen Konzepte und basalen Konflikte, die den künstlerisch wieder erstarkten, aber damit auch weit gehend vom Mainstream abgekoppelten Actionfilm der vergangenen Jahre wieder prägen, war eine Neuauflage des Urvaters des urbanen Rachefilms, Michael Winners DEATH WISH, eigentlich nur eine Frage der Zeit. DEATH SENTENCE wird jedoch nicht als Remake des Seventies-Klassikers präsentiert, sondern namentlich als Verfilmung des gleichnamigen Romans von Brian Garfield, der wiederum eine Fortsetzung von dessen Erfolgsroman „Death Wish“ darstellt, mit dem sie aber dem Vernehmen nach nur den Titel teilt. Die Geschichte eines Selbstjustiz übenden und damit die sicheren Grenzen seines bürgerlichen Daseins verlassenden Ottonormalverbrauchers birgt auch 35 Jahre nach Winners Film noch genügend skandalöses Potenzial, sodass es nicht ganz verwunderlich ist, dass man mit SAW-Regisseur und Torture-Porn-Vorreiter James Wan einen Mann für diesen Film gewann, der sich gut auf kalkulierte Tabubrüche versteht. Aber ein solcher war ja schließlich auch Michael Winner …

Was DEATH SENTENCE von DEATH WISH unterscheidet, ist seine Klarheit. Wo Winners Film auch heute noch in seiner Verweigerung verstört, sich zum dargestellten Geschehen entschlossen zu positionieren, wo er auch heute noch größtmögliche Konzentration und Aufmerksamkeit fordert in seiner Stringenz, die ihn paradoxerweise in zwei Teile reißt, da begnügt sich Wan damit, seine Geschichte zu erzählen und die nötigen Assoziationen anzustoßen. So sehr er das Leid seines Protagonisten auch nachvollziehbar macht, so sehr er Verständnis für dessen Rachewunsch erzeugt und letztlich auch die Rache zum kathartischen Erlebnis macht, so wenig lässt er doch einen Zweifel daran, dass Humes Verhalten falsch ist. Als Manipulator steht Wan Winner in nichts nach, aber es fehlt ihm dessen Mut, sich freimütig ins gesellschaftliche Abseits zu stellen, dem Zuschauer seinen Brocken Film kommentarlos hinzuwerfen und dann mit diebischer Freude darauf zu warten, wie dieser ihn gierig verschlingt. DEATH WISH ist auch heute noch ein gefährlicher Film, weil er einen verantwortungsbewussten, mündigen Zuschauer voraussetzt. DEATH SENTENCE hingegen nimmt den Zuschauer bei der Hand und lässt ihn bis zum Schluss nicht los. Die Geschichte von Nick Hume betrachtet man aus sicherer Distanz wie ein Raubtier im Zoo, man hat nichts mit dem Geschehen zu tun. Oder: Bei DEATH WISH schaut man in den Spiegel, bei DEATH SENTENCE durch eine Scheibe. Das liegt zum einen daran, dass Wan darauf verzichtet, seinen Film als gesellschaftskritisches Statement zu formulieren. Es gibt zwar kurze Verweise auf die Laxheit der Gerichte, die Untauglichkeit des Gesetzes und den irgendwie desaströsen Zustand der Gesellschaft, diese bleiben aber diffus und unspezifisch, sind eher als Wegweiser zu verstehen, die dem Zuschauer ein Zurechtfinden ermöglichen sollen, als dass sie tatsächlich eine Bedeutung darüber hinaus tragen würden (man könnte sagen, dass in Wans Filmen Semiotik vor Semantik geht, aber das ginge vielleicht auch zu weit). Zum anderen trägt die Ästhetik des Films zur Distanzierung bei. Auch Winner verzeichnete das New York seines Films zur chaotischen Vorhölle, doch bediente er sich dafür der visuellen Gestaltung des Straßenwesterns und Kriminalfilms der Siebzigerjahre, die immer auch mit der Suggestion von Authentizität einhergeht. Bei Wan ist alles so sehr ins Extrem stilisiert, dass die Bilder schon in ein Raster fallen, bevor eine tiefere  Reflektion einsetzen könnte: Die Farbpalette reicht von den ausgeblutet wirkenden Farben des kurz vor der Auslöschung stehenden Familienidylls  bis zum übersättigt-sumpfigen Schwarz der Verbrecherhölle. Und passend dazu tragen jugendlichen Gewalttäter kahlrasierte und tätowierte Schädel zur Schau, fahren aufgemotzte und mit Tribals bemalte muscle cars, deren Motoren die Lautsprecher erzittern lassen. Der Vater des Bandenchefs ist ein fetter, schmieriger Waffenhändler, der aus einem dämmrigen Loch heraus seine Waffen verhökert und dem sein Sohn nach eigenem Bekunden scheißegal ist (John Goodman spielt die Rolle im Tiefschlaf). Das Versteck der Bande wiederum ist ein versifftes Rattenloch, in dem das Equipment zur Crackherstellung das einzige dekorative Element ist. Auch Wans größter gestalterischer Wurf – die Parallelisierung von Humes Familie und der Gang -, aus der DEATH SENTENCE seinen erzählerischen Drive bezieht und die den Plot antreibt, ist letztlich alles andere als subtil.

Diese Mängel lassen sich aber auch anders werten: Wan geht es nicht allein um den Sündenfall desdeath_sentence_111 unbescholtenen Bürgers oder um eine gesellschaftliche Dystopie. Im Kern seines Films stehen die archaischen Triebe, die der Verlust der Familie freisetzt, passend zur Tagline des Films: „Protect what’s yours“. Die zivile Fassade bröckelt beängstigend schnell, wenn man uns etwas wegnimmt, was uns gehört. Dann sind die ganze über Jahrtausende entwickelte Vernunft und Intelligenz nichts mehr wert, weil uns dann doch wieder der nackte Blutdurst packt, der uns unsere Bildung und all die klugen Sätze, die wir vor uns hersagen, wenn es uns gut geht, vergessen lässt. Wenn wir diesem Blutdurst und Rachehunger nachgeben, ist es nur noch ein kleiner Schritt in die Steinzeit. Hume verliert schließlich seine ganze Familie, weil er vergisst, dass auch seine Feinde durch Blutsbande verknüpft sind und jeder Gewaltakt eine Vergeltungsaktion unweigerlich nach sich zieht. So gelesen geht Wans DEATH SENTENCE noch weiter als Winners Film: War der noch als düstere Prophezeiung für die spätkapitalistische Gesellschaft zu verstehen, so ist Wans Fokus weniger eng: Er fällt seine Diagnose für die ganze menschliche Rasse.

Kommentare
  1. […] und ihren misslungenen Schöpfungen. Nun steht James Wan, Regisseur von u. a. SAW, DEAD SILENCE, DEATH SENTENCE, INSIDIOUS und THE CONJURING ganz gewiss nicht im Verdacht, ein großer Meister zu sein. […]

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