urban justice (don e. fauntleroy, usa 2007)

Veröffentlicht: Dezember 4, 2008 in Film
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urban_justice1Word on the street sagt, dies sei der beste Seagal-Film seitdem der selbsternannte „Shadow Man“ sich Mitte der Neunzigerjahre, kurz nachdem er mit UNDER SIEGE den Zenith seiner Laufbahn erreicht und mit ON DEADLY GROUND gar sein Regiedebüt vorgelegt hatte, in die Niederungen des DTV-Actionfilms verabschiedete. Mit Ausnahme von GLIMMER MAN und dem späten Ausflug ins Blockbusterkino namens EXIT WOUNDS gab es für den Seagal-Freund nur wenig Anlass, zu feiern. Seine meist preisgünstig in Bulgarien produzierten Filme der vergangenen Jahre krankten vor allem an ihren überkomplizierten Scripts, die in völliger Missachtung dessen zusammengeschustert worden waren, was Seagal überhaupt erst populär gemacht hatte, der zunehmenden Unbeweglichkeit des Stars, die nur unzureichend durch den übermäßigen und ungeschickten Einsatz von Doubles kaschiert werden konnte, und ihren durchweg effekthascherischen Inszenierungen, die in keinerlei Relation zum zugrundeliegenden Budget standen. Im Grunde stellen diese Filme – all die OUT FOR A KILLs, OUT OF REACHs, MERCENARY FOR JUSTICEs, TODAY YOU DIEs und BLACK DAWNs – die komplette Antithese zu dem dar, wofür das Actionkino gemeinhin steht: die radikale Kürzung der Handlung auf einen einfachen Grundkonflikt bei gleichzeitiger Emphase der Bewegung. Dass ausgerechnet diese inhaltlich wie formal unzulänglichen Filme sich anstrengten, die ehedem schon verschwommene Grenze zwischen Seagals realem Ich und seiner Filmpersona nun endgültig aufzulösen und ihn so endgültig zum Mythos aufzublähen, hatte genau den gegenteiligen Effekt: Sie gaben ihn vollkommen der Lächerlichkeit preis.

Mit URBAN JUSTICE wird nun endlich der längst überfällige und dringend notwendige Schritt zurück gemacht. Ausgerechnet FauntLeRoy, der doch mit TODAY YOU DIE und MERCENARY FOR JUSTICE zwei der schlimmsten DTV-Seagals verbrochen hatte, schmeißt den überkandidelten Spionagequatsch, der nahezu alle Seagals der letzten zehn Jahre zum Absaufen gebracht hatte, über Bord und serviert eine düstere Rachegeschichte, die ihre hellsten, strahlendsten Momente bezeichnenderweise immer dann hat, wenn sie sich von jeglichem überflüssigen Ballast befreit. Der erste Auftritt von Seagals alter ego Ballister am Grab seines ermordeten Sohnes – eines Polizisten – ist bezeichnend: Wortlos und ohne angesehen zu werden, empfängt er von seiner Exfrau den Auftrag, die Mörders seines Sohnes zu richten. Danach begibt er sich in eine verkommene Absteige in einem der übelsten Ghettos von L. A., von wo aus er seine Ermittlungen beginnt. Es gibt in der Folge – endlich wieder – reichlich Gelegenheit für Seagal, seine Aikido-Künste zu präsentieren, Arme zu brechen und Schädel einzuschlagen und wenn dann die Schusswaffen zum Einsatz kommen, spritzen die Blutfontänen so weit, dass selbst ein John Woo in Bestzeiten vor Neid erblasst wäre. Doch etwas ist dennoch anders und das liegt längst nicht nur an der Inszenierung, die zwar versucht, teuer auszusehen, aber doch nur nach Videoware ausschaut: Der Spaß und die Schadenfreude, die man bei den Ur-Seagals empfinden konnte und die sie gegenüber den Filmen seiner Kollegen trotz des hohen Gewaltpotenzials immer als vergleichsweise harmlos erscheinen ließ, sind einer spürbaren Müdigkeit und Emotionslosigkeit gewichen. Seagal, der sich immer viel zu wichtig und ernst nahm, um seinen Figuren Brüche zu erlauben, stattet seinen Charakter hier zum ersten Mal mit jener Zerrissenheit und den Zweifeln aus, die Stallone zuletzt ein solch fulminantes Comeback ermöglichten. Als er dem mexikanischen Zuhälter Chino (Danny Trejo) gegenüber sitzt, sagt er – völlig entgegen seiner sonst immer so überzogenen Rechtschaffenheit: „We have a lot in common: We are both bad persons with good intentions.“ Das Finale ist dann nicht weniger als sensationell, weil die Macher hier endlich einmal genau das realisiert haben, wovor so viele vor ihnen zugunsten der Konvention zurückgeschreckt waren. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber URBAN JUSTICE nennt eines der konsequentesten und niederschmetterndsten Enden des Actionfilms sein eigen.

Dass es nicht für die höchsten Weihen reicht, die meinetwegen THE MECHANIK, WAKE OF DEATH, UNTIL DEATH, RAMBO, UNDISPUTED 2 oder IN HELL zukommen, liegt an der schon angesprochenen formalen Profillosigkeit (der Score etwa klingt unfassbar generisch mit seinen klischeehaften Hip-Hop-Anleihen) und an der Performance von Comedian Eddie Griffin als Ghetto-Don, dessen Overacting einfach nicht zum Ton des Films passen will. Die Szenen mit ihm fallen aus dem sonst sehr homogenen Werk heraus und erinnern unangenehm an die Schauspielsünden aus den Seagal-Filmen der vergangenen Jahre. Dennoch: Der beste Seagal-Film seit Jahren und vielleicht der erste von ihm, der auch jenen gefallen könnte, die ihn bisher – nicht ganz zu Unrecht – für den blödesten aller Actionhelden hielten.

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