missing in action 2: the beginning (lance hool, usa 1985)

Veröffentlicht: Dezember 9, 2008 in Film
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missing20in20action20220the20beginning2019851Auch wenn es wahrscheinlich übertrieben wäre, zu behaupten, die MISSING IN ACTION-Reihe sei vergessen worden, so muss man doch konstatieren, dass sie in ihrem Genre im Schatten anderer – meist größerer – Filme steht. Zu Unrecht: Denn die Reihe der Cannon stellt einen wichtigen Beitrag zum Actionfilm ihres Jahrzehnts dar und ist  Zeugnis für die Geschäftstüchtigkeit und Gerissenheit von Menahem Golan und Yoram Globus. Diese hatten nämlich nicht nur erkannt, was für ein heißes Eisen die Viertnam-Kriegsgefangenen-Thematik darstellte, sie wussten auch, dass es wichtig war, noch vor RAMBO: FIRST BLOOD PART 2 einen Film zu diesem Thema in den Kinos zu haben. Kurzerhand wurde die Reihenfolge der Back-to-Back gedrehten ersten beiden MISSING IN ACTION-Filme vertauscht. Mit Erfolg: Der zornige Veteranenactioner traf den Nerv der Zeit, sprach weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung, die mit den Spätfolgen des verlorenen Krieges zu kämpfen hatten und die Verdrängungshaltung ihrer Regierung nicht länger tolerieren wollte, aus der Seele und entpuppte sich folgerichtig als Überraschungshit und einer der größten finanziellen Erfolge in der Produktionsgeschichte der Cannon.

MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING erzählt die Vorgeschichte von Josephs Zitos Film, stellt also ein waschechtes Prequel dar. Bei einem Hubschraubereinsatz werden Colonel Braddock (Chuck Norris) und seine vier Gefährten von Vietcong abgeschossen und geraten in Gefangenschaft. Dort sind sie auch Jahre später – der Krieg ist längst vorbei – immer noch. Der fiese Menschenquäler und Lagerleiter Colonel Yin (Soon Teck-Oh) will die Amerikaner erst entlassen, wenn Braddock ein Geständnis unterzeichnet, das ihn als Kriegsverbrecher ausweist. Natürlich weigert sich der tapfere Amerikaner und so werden er und seine Männer Opfer von Folter, Quälerei und Demütigung, bis schließlich irgendwann die Grenze des Erträglichen überschritten ist …

Gegenüber MISSING IN ACTION, der den durch die jahrelange Kriegsgefangenschaft gebrochenen und psychisch labilen Charakter des Colonel Braddock als Identifikationsfigur für das Publikum und Repräsentant kollektiver Überzeugungen einsetzte, ihn genau das sagen und tun ließ, was sich so viele Amerikaner wünschten, dabei aber nie seinen erzählerischen Charakter aufgab, inszeniert Regisseur Lance Hool das Prequel als reinen Affektfilm, der in Reinform verkörpert, was so vielen seiner „Verwandten“ höchst einseitig, übereilt und unter Ausblendung vieler verzeichnender Elemente nachgesagt wird Das beginnt schon bei seinen nur mit viel Wohlwollen als solchen zu bezeichnenenden Charakteren: Die amerikanischen Gis – höchst praktisch verschiedenen sozialen Gruppen zuordenbar –  sind allesamt aufrechte Kerle und Kameraden, denen sich selbst der notwendige Verräter nicht dauerhaft entziehen kann; der vietnamesische Lagerleiter ist ein effeminierter und wohlartikulierter Sadist, der sich von seinen Untergebenen wie ein König hofieren lässt und die sexuelle Erregung, die die Aussicht, die Amerikaner in die Knie zu zwingen, bei ihm auslöst, kaum verbergen kann; der Franzose – eigentlich ja eh der Schuldige an der ganzen Misere – ist der gewissenlos-opportunistische Profiteur des Krieges, weil er für den Nuttennachschub in den Kriegsgefangenenlagern sorgt und dabei das Leid der Amerikaner billigend in Kauf nimmt. Die formelhafte Aufbereitung von MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING rückt ihn in die Nähe des Rape-and-Revenge-Films: Die ganze erste Hälfte erfüllt keine andere Funktion, als möglichst viel Leid aufseiten der Protagonisten anzuhäufen und so die Rache in der zweiten Filmhälfte zu legitimieren – sowohl für die Charaktere als auch für die Zuschauer. Das geht so weit, dass nicht einmal der flugs eingeführte deus ex machina den Helden helfen kann, sondern nach knapp zehn Minuten äußerst unsanft aus dem Film gerissen wird. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der die Rache schließlich in der zweiten Filmhälfte vollzogen wird, wird wiederum durch den lustvollen Sadismus der Antagonisten, den diese zuvor zeigten, abgeschwächt. Die geradezu mechanische Konstruiertheit des Films spiegelt sich auch in seinem Setting wider: Das Gefangenenlager liegt auf einer Lichtung im Urwald, der einzige Fluchtweg führt über eine Hängebrücke, die sich über eine klaffende Schlucht spannt. Diese isolierte Lage ist längst nicht nur der Diegese geschuldet: In ihr offenbart sich auch der parabelhafte Charakter des Films, der nicht eine wie auch immer geartete Realität abbilden will, sondern diese vielmehr ins Extrem verdichtet, um den Zuschauers noch stärker zu affizieren.     

Hools ausgesprochen perfider Film kann über seine wahre Intention kaum hinwegtäuschen: Der Film blendet nach den Credits Aufnahmen der Rede Reagans am Grab des unbekannten Soldaten ein, die dieser anlässlich des zehnjährigen Jahrestags des Kriegsendes hielt. Sein gefasst formuliertes Versprechen, keine zurückgebliebenen Gefangenen zu vergessen, steht nicht nur in kaum zu übersehender Diskrepanz zu der Haudrauf-Mentalität, der im Folgenden gehuldigt wird: Der Präsident wird in MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING mehr oder weniger offen der Lüge bezichtigt, was den agitatorischen Charakter des Films noch unterstreicht. So lässt sich auch der Schluss, der in seiner Ikonizität an sozialistische Propaganda-Kunst erinnert, kaum anders als programmatisch lesen: Nachdem Braddock Yin mitsamt seiner Behausung in die Luft gejagt hat, blickt er in die Kamera, hinter sich die tosenden Flammen des Explosion und sagt: „Das war meine Rache!“ Die Verbrüderung Braddocks mit dem Publikum ist damit perfekt. Trotz dieser ideologischen Unverzeihlichkeiten ist MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING ein bemerkenswerter Vertreter seines Genres. Nur selten wurde dort einer solchen filmischen Drastik und Radikalität Politik betrieben, wurde so die eingeschlagene Linie so zielstrebig verfolgt, so unverblümt der Meinung des Mannes von der Straße zugearbeitet. Gemessen an dem, was er ist und sein will, ist MISSING IN ACTION II: THE BEGINNING eine Meisterleistung, gemessen am gesunden Menschenverstand ein hasserfülltes Hetzwerk erster Güte.

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