vice squad (gary sherman, usa 1982)

Veröffentlicht: Dezember 17, 2008 in Film
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„You belong to the city/You belong to the night“ singt Glenn Frey in einem Song vom Soundtrack zur Serie MIAMI VICE und stellt so eine direkte Beziehung zwischen zwei Begriffen/Motiven her, die sowohl im Kino der Achtziger als auch in der Popmusik dieses Jahrzehnts ein Wiedererstarken erlebten. Klar, die Nacht ist spätestens seit dem Film Noir ein elementares Kinobild, die Stadt war es wahrscheinlich schon deutlich früher: In den Achtzigern jedoch scheint die symbiotische Verbindung von Stadt und Nacht noch stärker an die Essenz des Jahrzehnts zu rühren, sowohl auf einer rein bildlichen wie auch auf einer symbolischen Ebene. Die nächtliche Stadt ist der Ort, an dem die Ideale und die Schattenseiten der Achtzigerjahre direkt aufeinanderprallen, an dem sich beweist, wer das Zeug zum Aufstieg hat und wer untergehen muss. Vor der elementaren Schwärze des Himmels zeichnet sich das bunte Leuchten der Werbetafeln, der Leuchtreklamen und der Kino-Marquees ab, schallt die pulsierende Musik aus den Diskotheken und Nachtclubs auf den Gehsteig und verspricht Abenteuer, materielle und sexuelle Erleuchtung – oder aber das Ende. Nur wer sich im städtischen Nachtleben behauptet, erblickt am nächsten Morgen das Licht der Sonne, geht gereinigt und bereichert aus der Nacht hervor. All dies bündelt und bestätigt auch Gary Shermans VICE SQUAD, allerdings auf besonders pessimistische Art und Weise.

51xn9h8rrbl_sl5001Der Film kreist um drei Personen: Tom Walsh (Gary Swanson) ist beim Sittendezernat und eifrig bemüht, die Straßen von Prostituierten und Zuhältern zu befreien – ein aussichtsloser Kampf. „Princess“ (Season Hubley) ist eine liebende Mutter, die sich ihr Geld als Prostituierte verdient und sich den Luxus leistet, unabhängig, sprich ohne Zuhälter, anschaffen zu gehen. Dritter im Bunde ist der brutale Zuhälter Ramrod (Wings Hauser), der widerwillige oder abtrünnige Frauen ohne Rücksicht auf Verluste zusammenschlägt und misshandelt. Als er auf diese Weise Ginger, eine gute Freundin von Princess, umbringt, überzeugt Walsh diese, sich Ramrod als potenzielle neue „Angestellte“ zu nähern und eine belastende Aussage von ihm aufzunehmen. Der Coup gelingt: Der erzürnte Ramrod wird verhaftet, Princess setzt ihre Nachtschicht fort. Doch dem Zuhälter gelingt die Flucht und Walsh hat nun alle Hände voll zu tun, Ramrods Rache an der ahnungslosen Princess zuvorzukommen …

Vordergründig ist Shermans Film typischer Exploitation-Stoff: Die Story kreist um das Rotlicht-Milieu, um Gewalt und Sex und hat einen ausgesprochen geradlinigen Plot, der sich keine ornamentalen Schlenker gestattet, aber einen auffallend episodischen Verlauf nimmt. Die Figuren sind zwar glaubwürdig und lebendig, weil sie Typen sind: Es gibt den kernigen Bullen, hinter dessen durch zahlreiche Enttäuschungen und die Frustration über den Job hart gewordener Schaler sich ein weicher Kern verbirgt, die brave Prostituierte, die durch die Fährnisse des Schicksals zu ihrem Job gezwungen wurde, und den miesen Ramrod, dessen wenigen zunächst positiv erscheinenden Eigenschaften sich als allesamt gespielt entpuppen. Aber Sherman transzendiert das Trash-Potenzial seines Filmes, indem er seine Geschichte auf eine einzige Nacht, einen kleinen Personenkreis und wenige Schauplätze und so zur existenzialistischen Parabel verdichtet – siehe erster Absatz. Mehr als mit den unzähligen Rache- und Gewaltkrimis mit ähnlichem Hintergrund erinnert sein Film so an John Landis’ INTO THE NIGHT und Scorseses AFTER HOURS: Zwei Filme die ebenfalls vom Nachtleben handeln und jeweils einer Stadt – L.A. und New York – ihre Referenz erweisen. VICE SQUAD geht zwar deren surrealer Zug ab, dafür ist er zu sehr in der Realität verhaftet, aber in seiner Rastlosigkeit und seiner Beweglichkeit teilt er dennoch viel mit diesen beiden Filmen. Das eigentlich Erstaunliche ist aber, dass  Sherman sich mit VICE SQUAD nicht dem voyeuristischen Bedürfnis seiner Zuschauer beugt, sondern stattdessen sowohl die menschliche Seite seiner Geschichte betont,  echtes Mitgefühl für seine Protagonisten evoziert, ohne sie dafür zu verraten (bemerkenswert, dass die Profession der weiblichen Hauptfigur hier keinen Schmähungen oder falschen Moralvorstellungen unterworfen wird), als auch atemlose Spannung schafft, indem er den Wettlauf der Polizei gegen den Killer beinahe in Realzeit erzählt. Während andere Filme unter dem Deckmantel der Authentizität doch wieder nur der Befriedigung niederer Triebe frönen, schlägt VICE SQUAD niemals in Sadismus oder Exhibitionismus um. Er ist hart und düster, ohne dafür über die Stränge schlagen zu müssen. Eigentlich die größte Leistung Shermans, der selbst dann noch gescmackssicher bleibt, wenn er zeigt, wie Ramrod Ginger mit einem aufgebogenen Kleiderhaken züchtigt.

Starke Szenen gibt es zuhauf. Besonders beeindruckt hat mich eine kurze Kamerafahrt: Wir blicken in das Fahrerfenster von Ramrods Truck, hören die Musik aus seinem Autoradio. Als er losfährt, bewegen wir uns mit der Kamera zurück auf die andere Straßenseite, während die Musik stetig leiser wird. Wir beobachten nun wie Ramrod in einiger Entfernung einen U-Turn macht und wieder auf uns zufährt – bei nun wieder stetig lauter werdender Musik – bis er uns schließlich passiert und die Szene beendet ist. Sherman wendet mehrerer solcher inszenatorischer Kniffe an, um die Figur des Ramrod bedrohlich zu machen, zu suggerieren, dass man dieser Person nicht so einfach entgeht, man sich nie vor ihm in Sicherheit wiegen darf. Auch am Schluss gelingen Shermaneinge solcher Momente, wenn Ramrod Princess ausfindig gemacht hat und als drohender Schatten im Bildhintergrund lauert, gut sichtbar für den Zuschauer, aber unbeachtet von seinem Opfer. Demgegenüber stehen aber auch einige auflockernde Szenen: Zwei als Comic Relief dienende Polizeibeantem muten eher plump an, aber die Sequenz, in der Princess einen wohlhabenden Kunden mit sehr exotischen Fantasien aufsucht, stellt in ihrer Konstruktion einen absoluten Höhepunkt und auch einen der wenigen Augenblicke, in dem VICE SQUAD an den Surrealismus der genannten Filme Landis‘ und Scorseses anknüpft, dar.  Eine weitere wunderschöne Szene steht exemplarisch für Shermans Stellung zu Princess: Wie sei einem unscheinbaren, braven älteren Mann mit masochistischen Fantasien gegenübertritt und wie dieser wiederum auf sie reagiert, ist beinahe anrührend. Ein Drecksfilm wie 8MM wirkt da im direkten Vergleich gleich noch einmal so verlogen, spießig und verkommen wie er sowieso schon ist.

Nuff said, VICE SQUAD ist  ein absolut bemerkenswerter Film, einer der besten, die ich dieses Jahr gesehen habe. Wie im Booklet der DVD steht: Man darf argwöhnen, dass VICE SQUAD auch auf einflussreiche Mainstream-Werke wie etwa Walter Hills 48 HRS. einigen Einfluss gehabt haben dürfte. Aus der Entfernung von über zwei Jahrzehnten ist eine solche Aussage natürlich recht spekulativ, aber man sollte Shermans Film definitiv nicht unterschätzen. Wer sich anschickt, das in den Achtzigerjahren populäre Subgenre des Neo Noir zu erkunden, kommt an ihm eh nicht vorbei.

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