Archiv für Februar, 2009

Antoine und Christine sind mittlerweile glücklich verheiratet und führen ein einfaches, aber beschwingtes Dasein in einer kleinen Mietwohnung. Antoine ist sich treu geblieben und verdient sein Geld mit harmlosen (und meist absurden) kleinen Jobs, während Christine Musikunterricht gibt. Als Christine ein Kind bekommt, tritt der bisher ungekannte Ernst in ihr Leben: Antoine übernimmt eine sinnlose Stelle in einem großen amerikanischen Wirtschaftsunternehmen, wo er die attraktive Japanerin Kyoko kennen lernt und mit ihr eine Liebesbeziehung eingeht. Die Ehe mit Christine steht vor dem Aus …

71560ce98c8250ce57a6a970c9991a5f1Manchmal sollte man sich mit Prognosen zurückhalten: Nach BAISERS VOLÈS hatte ich für DOMICILE CONJUGAL prophezeit, dass Antoine seine Leichtigkeit und Sorglosigkeit vollkommen verlieren und endgültig in der Nüchternheit des Erwachsenenlebens ankommen würde. Vor dem geistigen Auge sah ich statt der episodischen Leichtigkeit der bisherigen Doinel-Filme ein schweres Ehedrama komponiert in steifen, symmetrischen Bildern, aus denen jegliche Freude und Sponatneität gewichen ist. Diese Ahnung hat sich jedoch nur zur Hälfte bestätigt. Wie schon in der Inhaltsanagbe erwähnt sind Antoine und Christine zwar im „Ernst des Lebens“ angekommen, sind beide nicht mehr nur für sich verantwortlich, stellen sich zum ersten Mal echte Probleme ein und entpuppt sich vor allem Antoines vagabundenhafter Charakter als deren Ursache; dennoch vermeidet Truffaut es, den Ton der Vorgänger gänzlich zu verraten. Immer noch gibt es diese unverwechselbar leichten, euphorischen Momente, etwa wenn Antoine auf einem Bahnsteig dem tolpatschigen Monsieur Hulot aus den Filmen Tatis begegnet, der unheimliche, von den Nachbarn schon als „Würger“ titulierte Bewohner sich als talentierter, freundlicher Schauspieler herausstellt. Ob man das Leben als schwer und dramatisch oder aber als leicht und komisch betrachtet, hängt wohl von der eigenen Perspektive ab. Für Antoine wird die zunächst als Abenteuer begonnene Liason zu der exotischen Japanerin zum Albtraum: Die devote Frau sagt kein Wort, es gibt keinerlei Gemeinsamkeiten, der Reiz des Neuen und Anderen hat sich für Antoine schon bald abgenutzt. Geopfert hat er dafür seinen Sohn und seine Frau, deren Bedeutung ihm umso drastischer vor Augen geführt wird. Doch als  Zuschauer kann man sich das Schmunzeln nur schwer verkneifen, zu unbeholfen und naiv agiert Atoine, zu deutlich ist sein Fehlgriff, zu klar, dass die von beiden eilig, aber ohne rechte Überzeugung vollzogene Trennung auch nur ein Spiel ist, das Christine und Antoine spielen. Wie ihr gesamtes Leben als „Erwachsene“: So richtig passen ihnen die neuen Kleider noch nicht. Aber eines ist sonnenklar in diesem nur vordergründig tristgrauen Film: Beide werden es lernen.

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zohan1Zohan Dvir (Adam Sandler) wird am Strand von Tel Aviv gefeiert wie ein Popstar. Kein Wunder, er sieht umwerfend gut aus, seine Tanzmoves sind nicht von dieser Welt und er kann einfach alles. Dies macht ihn auch zu einem unverzichtbaren Diener seines Staates: Zohan ist Soldat und wird von seiner israelischen Regierung als Kontraterrorist eingesetzt. Doch eigentlich sind ihm das Kämpfen und der nicht enden wollende Konflikt zuwider: Er träumt von einem Leben als Hairstylist, wofür er aber überall verlacht wird. Als er gegen den gefährlichen Terroristen „Phantom“ (John Turturro) antreten muss, nutzt er die sich ihm bietende Chance, seinen Tod zu fingieren und sich nach New York abzusetzen. Dort entpuppt es sich aber als schwieriger als erwartet, im Friseurgeschäft Fuß zu fassen, zumal auch in den Straßen Manhattans der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis schwelt. Und natürlich bleibt Zohans wahre Identität nicht lange unerkannt …

Die Inhaltsangabe legt nah, dass es sich bei YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN um eine der seit einigen Jahren die Komödienlandschaft bestimmenden Figuren-zentrierten Komödien handelt: Wie in diesen steht auch hier steht eine möglichst absurde Figur im Zentrum, die dem Film die marginale Handlung diktiert, die vor allem darin besteht, der Figur möglichst viele auf den Leib geschneiderte Situationen zu liefern. Doch die eigentlichen Stärken von YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN liegen woanders, weshalb der Film auch eine Weile braucht, um auf Touren zu kommen. Adam Sandler ist kein Will Ferrell (und selbst dessen Masche nutzt sich langsam aber sicher ab, siehe SEMI-PRO), der kaum mehr tun muss, als seine Dialogzeilen aufzusagen, um lustig zu sein. Adam Sandler hat nicht diesen Appeal, man macht sich nicht schon vor Lachen in die Hose, wenn er nur auftritt. Im Gegenteil, eigentlich ist Sandler selbst ziemlich durchschnittlich. Ein guter Schauspieler, aber eben einer, der eher für den „Regular Joe“ geeignet ist. Auch wenn er mit grellem Kasperkram wie HAPPY GILMORE berühmt wurde: Eigentlich ist Sandler ein später Nachkomme Frank Capras, seine Filme haben allesamt einen moralischen, märchenhaften Kern. Das gilt auch für YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN, der deshalb seine stärksten Momente immer dann hat, wenn er den Zuschauer mit seinem Titelhelden und nicht über ihn lachen lässt. Sequenzen wie jene, in denen Zohan mit seinen Frisier- und Liebeskünsten Legionen älterer, durchschnittlicher Hausfrauen beglückt, werden hier nicht etwa auf den Ekelfaktor abgeklopft, sondern sind sehr deutlich als Ode an die Weiblichkeit zu verstehen. Zohan liebt alle Frauen: nicht als Sexobjekte, sondern als Menschen, Individuen. Die billige Phrase, nach der die Schönheit von innen kommt, die Hollywood zwar gern vor sich herträgt, aber dennoch nicht beherzigt, findet hier ausnahmsweise eine sehr aufrichtige und ehrliche Interpretation. Dass Zohan am Schluss natürlich doch die knackige Dahlia (Emmanuelle Chriqui) bekommt, steht dieser Aussage nicht im Wege: Eigentlich vermisst er es, seine von ihm zu neuem Leben erweckten Hausfrauen im Hinterzimmer durchzuorgeln. Das bringt uns zum nächsten Punkt, denn in YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN geht es um Toleranz, darum, dem Gegenüber die Hände zu reichen. Nicht aus einem aufgeblasenen spirituellen oder religiösen Ideal heraus, sondern einfach deshalb, weil die Gemeinsamkeiten bei genauerem Hinschauen die Differenzen überwiegen. Der Streit zwischen den in Manhattan lebenden Israelis und Palästinensern, der dort, in den USA, jeder Grundlage entbehrt, ist hinfällig, sobald beide Seiten sich einander annähern. Sofort ist dann die Einigkeit da, entsteht ganz selbstverständlich ein Gespräch, ist jeder Streit hinfällig. Man begegnet sich nur noch als Menschen. Was diese grundlegende Einigkeit stört, sind von außen aufgepropfte Paradigmen, die an sich lebensfeindlich sind. In YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN ist das vor allem das Kapital (man merkt dem Film an, dass man sich in den konservativen USA an das Thema „Religion“ nicht ganz herangetraut hat). Das ist eine vereinfachende und vielleicht auch naive Sicht der Dinge, die aber in dieser Form wirklich herzerfrischend ist. Adam Sandler ist perfekt für diese naiven Simpletons, die ohne jede Boshaftigkeit „right through the bullshit“ blicken und ihr Gegenüber vorurteilsfrei und offen betrachten. Und es ist durchaus eine Gabe, an der man sich vielleicht orientieren sollte. All diese Aspekte – und die Tatsache, dass YOU DON’T MESS WITH THE ZOHAN ein paar herrlich beknackte Gags zu bieten hat sowie einen Gastauftritt von Mariah Carey, der ungeahnet Sympathien für die zur Brühwurst mutierten Popdiva weckt – machen Dennis Dugans Film sehenswert und heben ihn weit über den durchschnittlichen Partyfilm. Über die Schwächen – die lieblos wirkenden CGIs, manchen allzu einfältigen Kalauer – sieht man da nur allzu gern hinweg. Wie bei einem Freund mit einer blöden Angewohnheit.

baisers_voles1Nachdem das berühmte – und filmgeschichtlich bedeutsame: ich sage nur Freeze Frame – Ende von QUATRE CENTS COUPS seinen Helden, den jungen Antoine Doinel (Jean Pierre Léaud) am Scheideweg zeigte, die endlosen Möglichkeiten der Freiheit auf der einen und der vorgezeichnete Weg der Kriminalität auf der anderen, vermeidet Truffaut mit seinen nächsten beiden Einträgen in die Doinel-Biografie jede existenzielle Schwere. Der Kurzfilm ANTOINE & COLETTE, ein Segment des Films L’AMOUR À VINGT ANS, erzählt eine kurze, willkürliche erscheinende Anekdote aus Antoines Teenagerleben, die vollkommen kontextlos im Raum steht und damit an die beschwingten Momente kindlicher Sorglosigkeit des Vorgängers anknüpft. Antoine hat sich für die Freiheit entschieden: Sein Job in einer Schallplattenfabrik bereitet keinen Ärger, verschafft ihm aber Zugang zu Musik und Freikarten für Konzerte. Mit 17 ist er aber nur fast ein Erwachsener, denn in Liebesdingen fehlt ihm noch die Erfahrung und damit die nötige Souveränität. Bei der angebeteten Colette (Marie-France Pisier) kann er nicht landen – wohl aber bei ihren Eltern, bei denen er bald ein und aus geht. Sechs Jahre später begegnen wir Antoine in BAISERS VOLÈS wieder und die „Gesetztheit“, das Bewusstsein, angekommen zu sein und einen Platz in der Welt zu haben, die ihn in ANTOINE & COLETTE auszeichneten, sind einer neuen Orientierungslosigkeit gewichen. In dem Antoine, dem es bei seiner Entlassung aus dem Militär nicht gelingt, Betroffenheit zu heucheln, meint man den Lausbuben aus QUATRE CENTS COUPS wiederzuerkennen. Doch wenn Antoine dann mit einer fast unverschämten Lockerheit neuen Betätigungen entgegengeht, sich vom Lauf des Lebens treiben lässt, wissend, dass sich jederzeit eine Gelegenheit auftun kann, die es zu ergreifen gilt, dann wird deutlich, dass diese Orientierungslosigkeit nicht Makel, sondern Stil ist. Antoine lässt sich von den Eltern seiner Freundin Christine (Claude Jade) – die Beziehung zu diesen erinnert an jene aus ANTOINE & COLETTE – einen Job als Nachtportier in einem Hotel vermitteln, den er jedoch prompt wieder verliert, als er einem Privatdetektiv hilft, einen Gast beim Ehebruch zu ertappen. Egal, denn seine Entlassung ist noch keine zwei Minuten alt, da gehört er auf Empfehlung eben jenes Detektivs bereits zum Personal von dessen Detektei, für die er für den Rest des Films mehr schlecht als recht auf Beschattungstouren geht. Doch aus dieser Beschäftigung ergeben sich wieder neue Chancen …

So wie sich Antoine treiben lässt, so scheinbar ziellos mäandert auch Truffauts Film. Man weiß als Zuschauer nie genau, was man als nächstes erwarten soll, welche Bedeutung einzelnen Szenen und Sequenzen zukommt, was wichtig ist und was lediglich anekdotisch bleibt. Der Film hat keinen zwingenden Anfang und ebenso wenig ein echtes Ende. Allenfalls bietet der Schluss von BAISERS VOLÈS die Möglichkeit, eine Prognose über Antoines weiteren Werdegang abzugeben: Nach seiner kurzen Affäre mit der reifen Fabienne Tabard (Delphine Seyrig) bekennt sich Antoine zu Christine – ob ihre Liebe von Bestand ist, wird jedoch erst der nächste Doinel-Film, DOMICILE CONJUGAL, zeigen (ein Blick auf IMDb verrät: Ja, sie wird.) BAISERS VOLÈS erzählt keine Geschichte im herkömmlichen Sinn, er beobachtet und überlässt es seiner Hauptfigur, den Weg vorzugeben. Antoine ist es, der mit seiner entspannten Getriebenheit Tempo und Struktur des Films vorgibt. Wie auch schon in den beiden Vorgängern wird viel gelaufen, spaziert und geschlendert und nicht selten verändert sich während des Gehens die ursprüngliche Intention, erhält ein zunächst zielloser Spaziergang plötzlich ein Ziel und eine Bedeutung. Man wünscht sich, dass es für Antoine immer so weitergeht, aber dann erkennt man auch wieder, wie unreif dieses Leben ohne jede Konsequenz ist: Wann immer es für Antoine unangenehm wird, entzieht er sich. Als er glaubt, sich vor der angebeteten Fabienne Tabard verraten zu haben, rennt er Hals über Kopf davon wie ein verängstigtes Kind; als sich die zögerliche Christine zu ihm bekennt, erfindet er haarsträubende Gründe, warum er nicht mit ihr zusammen sein kann. Die Unabhängigkeit, die Antoine noch in ANTOINE & COLETTE als das Maß aller Dinge preist, entpuppt sich als Fassade, denn Antoine ist seinen Neigungen vollkommen ausgeliefert. Ich bin gespannt, wie es für Antoine weitergeht, wie er sich im Eheleben zurechtfindet und welche Form Truffaut für diesen neuen Lebensabschnitt findet. Ich vermute, dass DOMICILE CONJUGAL nicht mehr ganz so locker und flockig strukturiert ist wie BAISERS VOLÈS. Schon im Titel schwingt eine gewisse Strenge mit, die in der deutschen Übersetzung BETT UND TISCH noch deutlicher auf den Punkt gebracht wird. Ich werde diesen sorglosen Antoine vermissen.

nixon (oliver stone, usa 1995)

Veröffentlicht: Februar 9, 2009 in Film
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nixon1„Jeder ist politisch.“ Das ist einer der Schlüsselsätze aus Oliver Stones zweitem „Präsidentenfilm“ nach JFK (den ich hier zugegeben recht frei aus dem Gedächtnis zitiere) . Ausgesprochen wird er von Richard Nixon (Anthony Hopkins) als Entgegnung auf seine Ehfrau Pat (Joan Allen), die nach der Wahlniederlage ihres Gatten in der Präsidentschaftswahl gegen John F. Kennedy genug vom Politgeschäft hat – noch mehr aber von den Selbstzerfleischungen ihres Ehemannes, die unweigerlich auf jeden Rückschlag folgen. Die Aussage, alles sei politisch, ist nun keine Erfindung Stones, sie gehört vielmehr zu den Allgemeinplätzen politischer Diskussion und will meist sagen: Alles, was wir tun, hat weitreichende Konsequenzen. Wer diesen Satz in aufklärerischer Manier äußert, will den Gegenüber an seine staatsbürgerliche Verantwortung in der Demokratie erinnern, ihn zu reflektiertem Handeln ermahnen. In Stones NIXON wird dieser Satz nun bis zur äußersten Konsequenz gedacht: Der Mensch ist nicht nur auch dann politisch, wenn er es gar nicht sein will, er sich nicht darüber bewusst ist, politisch zu sein, er ist vielmehr mit jeder Faser ein Mitglied des Staates, auch mit jener, die er am liebsten verbergen möchte. Als Individuum ist jeder unentwirrbar an seine Herkunft, seinen Staat und damit auch an das politische Handeln gebunden. Der Staat als Konstrukt und der Mensch als dessen kleinster Bestandteil stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung, sie befruchten sich ständig gegenseitig, ob sie das nun wollen oder nicht. Politisch zu sein, ist keine freiwiliige Aktivität: Es ist eine dem Menschen eingeschriebene Eigenschaft, eine Eigenschaft die ihn grundlegend konstituiert. Nixon hat als Politiker – als Präsident der USA, als wichtigster Staatsmann der Welt also!  – gehandelt und Entscheidungen getroffen, politische Relevanz hat Nixon nach Stones Film aber vor allem aufgrund seines Wesens. Oder in den Worten seines Nixons: „Wenn ihr JFK anseht, seht ihr, was ihr gern wärt, seht ihr mich an, seht ihr, was ihr seid.“

Stones Nixon ist ein von Minderwertigkeitsgefühlen getriebener Wadenbeißer. Ein Mann aus einfachen Verhältnissen, erzogen in einer streng religiösen Familie, früh mit einem Schuldkomplex beladen und sich immer der Tatsache bewusst, nur zweitklassig zu sein und somit für jeden Erfolg doppelt so hart arbeiten zu müssen. Dass er es dennoch zum Präsidenten gebracht hat, erfüllt ihn nicht mit Stolz, es ist ihm unangenehm – auch weil dafür der Tod seiner Mitkonkurrenten nötig war: Erst starben seine beiden Brüder an TBC, dann wurden sowohl John F. Kennedy als auch dessen Bruder Bobby ermordet. Und diese Komplexe beeinflussen auch seine Entscheidungen. Die Liebe der Massen ist es, die er sucht und die sein gesamtes Handeln bestimmt, die er jedoch nie bekommt, egal, was er tut. Je stärker sein Drängen wird, umso härter trifft ihn die Ablehnung. Während sein großer Konkurrent John F. Kennedy das Glück hatte, dass jede seiner Entscheidungen im Glanze seines Ansehens erstrahlen konnte, mithin auch seine Fehler noch den Anschein von Heldentaten hatten, musste Nixon stets damit leben, dass sein Handeln von seiner unpopulären Erscheinung überschattet wurde. Das hat sich bis heute nicht geändert: Erinnern wird man sich an ihn nicht etwa, weil er erste wichtige Schritte hin zu einer Entspannung des Kalten Krieges machte, sondern weil er untrennbar mit dem Watergate-Skandal verbunden ist. „Tricky Dick“ ist der große Verräter im Weißen Haus, der Schurke shakespeareschen Ausmaßes. Stone versucht auch, diesem Schurken die Menschlichkeit zurückzugeben: Tatsächlich ist Hopkins’ Nixon ein mitleiderregender Charakter, der noch nicht einmal von seinen eigenen Untergebenen Respekt bekommt, ein tragischer Held, der einen aussichtslosen Kampf mit sich selbst führt.

Aber es geht Oliver Stone in NIXON nicht allein darum, diesem Nixon, der die USA in die größte Verfassungskrise seiner Geschichte stürzte, die Absolution zu erteilen. Wie auch JFK ist NIXON hochgradig spekulativ und suggestiv; Stone tützt sich zwar auf Fakten und Zeitzeugenberichte, knüpft diese aber zu einer sich jeglicher Chronologie verweigernden Assoziationskette, die man nicht mit der Realität verwechseln sollte. Unzweifelhaft bleibt nach Betrachtung seines in jeder Hinsicht beeindruckenden und buchstäblich überwältigenden Films, der in der letzten halben Stunde von seiner eigenen Komplexität vollkommen zerrissen wird und harscharf am Rande des Scheiterns wandelt, aber die Erkenntnis, dass der Anstoß für jegliches politisches Wirken nicht im Individuum allein zu suchen ist. Auch der mächtigste Mann der Welt ist nicht die erste Ursache, sondern vor allen Dingen Wirkung. Er ist nur der Repräsentant dessen, was ist, ein Vertreter eines unbeherrschbaren, unberechenbaren Systems, das in einer schönen Sequenz als wildes, unzähmbares Tier beschrieben wird. Es konnte damals keinen anderen Präsidenten geben als Nixon. Die USA brauchten ihn, den Schurken.  Nixon ist ebenso sehr Opfer seiner eigenen Disposition wie der seines Landes, ein Mann der all die Widersprüche in sich vereinte, die die USA zu zerreißen drohten; ein Mann, der diesen Widersprüchen eine Gestalt gab und sie somit bannte: ein Monster dem ursprünglichen Wortsinn nach. Somit hallen in NIXON auch die Worte wider, die Stone zehn Jahre zuvor in seinem Drehbuch zu De Palmas SCARFACE Tony Montana in den Mund legte: „You need people like me. You need people like me so you can point your fuckin‘ fingers and say, ,That’s the bad guy.‘ Die Nation bekommt immer den Präsidenten, den sie verdient: So konnte dann auch ein halbes Jahrzehnt später mit Ronald Reagan ein ehemaliger Westernheld Präsident werden, um der Nation das verlorene Selbstbewusstsein zurückzugeben. Dass dessen Politik des Kalten Krieges und der Aufrüstung weit hinter die des verhassten Nixons zurückfiel, tat seinem Erfolg keinen Abbruch.

Himmelhunde 2009

Veröffentlicht: Februar 9, 2009 in Film, Movie Blogs

Auf Sauft Benzin, Ihr Himmelhunde haben der Außenseiter und ich unseren ersten Text des Jahres 2009 veröffentlicht. Es handelt sich um den Startschuss zu unserem kleinen vierteiligen Serienexkurs, der sich exemplarisch mit dem Pilotfilm zu DAS A-TEAM befasst. In Kürze folgen Besprechungen zu den Pilotfilmen von AIRWOLF, MIAMI VICE und STINGRAY. Viel Vergnügen!

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