baisers volés (francois truffaut, frankreich 1968)

Veröffentlicht: Februar 11, 2009 in Film
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baisers_voles1Nachdem das berühmte – und filmgeschichtlich bedeutsame: ich sage nur Freeze Frame – Ende von QUATRE CENTS COUPS seinen Helden, den jungen Antoine Doinel (Jean Pierre Léaud) am Scheideweg zeigte, die endlosen Möglichkeiten der Freiheit auf der einen und der vorgezeichnete Weg der Kriminalität auf der anderen, vermeidet Truffaut mit seinen nächsten beiden Einträgen in die Doinel-Biografie jede existenzielle Schwere. Der Kurzfilm ANTOINE & COLETTE, ein Segment des Films L’AMOUR À VINGT ANS, erzählt eine kurze, willkürliche erscheinende Anekdote aus Antoines Teenagerleben, die vollkommen kontextlos im Raum steht und damit an die beschwingten Momente kindlicher Sorglosigkeit des Vorgängers anknüpft. Antoine hat sich für die Freiheit entschieden: Sein Job in einer Schallplattenfabrik bereitet keinen Ärger, verschafft ihm aber Zugang zu Musik und Freikarten für Konzerte. Mit 17 ist er aber nur fast ein Erwachsener, denn in Liebesdingen fehlt ihm noch die Erfahrung und damit die nötige Souveränität. Bei der angebeteten Colette (Marie-France Pisier) kann er nicht landen – wohl aber bei ihren Eltern, bei denen er bald ein und aus geht. Sechs Jahre später begegnen wir Antoine in BAISERS VOLÈS wieder und die „Gesetztheit“, das Bewusstsein, angekommen zu sein und einen Platz in der Welt zu haben, die ihn in ANTOINE & COLETTE auszeichneten, sind einer neuen Orientierungslosigkeit gewichen. In dem Antoine, dem es bei seiner Entlassung aus dem Militär nicht gelingt, Betroffenheit zu heucheln, meint man den Lausbuben aus QUATRE CENTS COUPS wiederzuerkennen. Doch wenn Antoine dann mit einer fast unverschämten Lockerheit neuen Betätigungen entgegengeht, sich vom Lauf des Lebens treiben lässt, wissend, dass sich jederzeit eine Gelegenheit auftun kann, die es zu ergreifen gilt, dann wird deutlich, dass diese Orientierungslosigkeit nicht Makel, sondern Stil ist. Antoine lässt sich von den Eltern seiner Freundin Christine (Claude Jade) – die Beziehung zu diesen erinnert an jene aus ANTOINE & COLETTE – einen Job als Nachtportier in einem Hotel vermitteln, den er jedoch prompt wieder verliert, als er einem Privatdetektiv hilft, einen Gast beim Ehebruch zu ertappen. Egal, denn seine Entlassung ist noch keine zwei Minuten alt, da gehört er auf Empfehlung eben jenes Detektivs bereits zum Personal von dessen Detektei, für die er für den Rest des Films mehr schlecht als recht auf Beschattungstouren geht. Doch aus dieser Beschäftigung ergeben sich wieder neue Chancen …

So wie sich Antoine treiben lässt, so scheinbar ziellos mäandert auch Truffauts Film. Man weiß als Zuschauer nie genau, was man als nächstes erwarten soll, welche Bedeutung einzelnen Szenen und Sequenzen zukommt, was wichtig ist und was lediglich anekdotisch bleibt. Der Film hat keinen zwingenden Anfang und ebenso wenig ein echtes Ende. Allenfalls bietet der Schluss von BAISERS VOLÈS die Möglichkeit, eine Prognose über Antoines weiteren Werdegang abzugeben: Nach seiner kurzen Affäre mit der reifen Fabienne Tabard (Delphine Seyrig) bekennt sich Antoine zu Christine – ob ihre Liebe von Bestand ist, wird jedoch erst der nächste Doinel-Film, DOMICILE CONJUGAL, zeigen (ein Blick auf IMDb verrät: Ja, sie wird.) BAISERS VOLÈS erzählt keine Geschichte im herkömmlichen Sinn, er beobachtet und überlässt es seiner Hauptfigur, den Weg vorzugeben. Antoine ist es, der mit seiner entspannten Getriebenheit Tempo und Struktur des Films vorgibt. Wie auch schon in den beiden Vorgängern wird viel gelaufen, spaziert und geschlendert und nicht selten verändert sich während des Gehens die ursprüngliche Intention, erhält ein zunächst zielloser Spaziergang plötzlich ein Ziel und eine Bedeutung. Man wünscht sich, dass es für Antoine immer so weitergeht, aber dann erkennt man auch wieder, wie unreif dieses Leben ohne jede Konsequenz ist: Wann immer es für Antoine unangenehm wird, entzieht er sich. Als er glaubt, sich vor der angebeteten Fabienne Tabard verraten zu haben, rennt er Hals über Kopf davon wie ein verängstigtes Kind; als sich die zögerliche Christine zu ihm bekennt, erfindet er haarsträubende Gründe, warum er nicht mit ihr zusammen sein kann. Die Unabhängigkeit, die Antoine noch in ANTOINE & COLETTE als das Maß aller Dinge preist, entpuppt sich als Fassade, denn Antoine ist seinen Neigungen vollkommen ausgeliefert. Ich bin gespannt, wie es für Antoine weitergeht, wie er sich im Eheleben zurechtfindet und welche Form Truffaut für diesen neuen Lebensabschnitt findet. Ich vermute, dass DOMICILE CONJUGAL nicht mehr ganz so locker und flockig strukturiert ist wie BAISERS VOLÈS. Schon im Titel schwingt eine gewisse Strenge mit, die in der deutschen Übersetzung BETT UND TISCH noch deutlicher auf den Punkt gebracht wird. Ich werde diesen sorglosen Antoine vermissen.

Kommentare
  1. […] sollte man sich mit Prognosen zurückhalten: Nach BAISERS VOLÈS hatte ich für DOMICILE CONJUGAL prophezeit, dass Antoine seine Leichtigkeit und Sorglosigkeit […]

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