southland tales (richard kelly, deutschland/usa/frankreich 2006)

Veröffentlicht: März 4, 2009 in Film
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southland_tales_r1-5bcdcovers_cc5d-front1SOUTHLAND TALES gehörte schon zu den großen, epischen Flops, den sagenhaften Rohrkrepierern, bevor er überhaupt einem breiten öffentlichen Publikum zugänglich gemacht worden war. Während der Filmfestspiele in Cannes geriet die Aufführung der Urfassung zu einem Fiasko, das Regisseur Kelly zu einem Umschnitt und der Hinzufügung weiterer Special Effects verleitete – Maßnahmen, die die erneute kritische Geißelung aber auch nicht mehr abwenden konnten. Die Kenntnis dieser Vorgeschichte und der Bedingungen, unter denen die nun veröffentlichte 140-Minuten-Fassung entstanden ist, ist ausgesprochen hilfreich bei der Betrachtung des Films: Man weiß, dass man einen „runden“ Film eher nicht erwarten sollte. Doch es darf zumindest bezweifelt werden, dass SOUTHLAND TALES in der vom Regisseur ursprünglich intendierten Fassung diesem Ideal näher gekommen wäre. Schon DONNIE DARKO, mit dem Kelly über Mund-zu-Mund-Propaganda zum neuen Regiewunderkind avancierte, war ein einigermaßen verschrobener und an seinem Debütstatus gemessen überambitionierter Film, der jedoch aufgrund seiner narrativen Klammer – eines recht typischen Coming-of-Age-Dramas – trotzdem universell verständlich war und seine Zuschauer damit ermutigte, sich auch den verquasten philosophischen Diskursen des Films zu öffnen. Mit SOUTHLAND TALES spannt Kelly nun aber einen deutlich größeren Rahmen, fokussiert nicht auf ein Individualschicksal, sondern macht zumindest vordergründig Ernst: Hier geht es nun wirklich um das Ende der ganzen Welt, steht nicht nur ein Junge als Identifikationsfigur zur Verfügung, sondern gleich eine ganze Armee verschrobener Charaktere, die sich in einem entsprechend verschachtelten Plot die Klinke in die Hand geben. Die Überambitioniertheit und Konfusion, die man bei DONNIE DARKO noch einer gewissen Unreife und bei Tony Scotts DOMINO, zu dem Kelly das Drehbuch beisteuerte, dem fragmentarisierenden Regiestil des Briten zuschreiben konnte, entpuppt sich bei SOUTHLAND TALES als größtes Manko des Regisseurs, der geradezu versessen darauf scheint, noch jede bei Verfassen des Drehbuchs entstandene Idee auch in den fertigen Film zu retten. Dass SOUTHLAND TALES darüber hinaus als filmisches Ende einer Geschichte konzipiert ist, deren Anfang und Mittelteil Gegenstand einer vom Regisseur verfassten Graphic Novel sind, macht die Sache nicht einfacher. SOUTHLAND TALES ist ein reichlich inkonsistentes Ideensammelsurium, dessen Sinn sich so nicht ganz erschließen will. Der für eine Dystopie typische Bezug zur gegenwärtigen Realität reduziert sich auf ein paar reichlich naiv anmutende Anspielungen auf Irakkrieg, schwankende Ölpreise, Product Placement und Pornokult und jeglicher kritische Impetus hat rein simulativen Charakter. Man könnte SOUTHLAND TALES also durchaus so einhellig abfertigen, wie dies in der Rezeption überwiegend geschehen ist.

Doch irgendwie fällt das trotz aller wirklich offenkundigen Schwächen nicht so leicht. Erstens ist SOUTHLAND TALES – und das grenzt beinahe an ein Wunder – ein in jeder Sekunde unterhaltsames und auf seine eigene, quasilogische Art und Weise auch durchaus nachvollziehbares Spektakel, dessen Volten, Twists und Turns sich niemals vorhersagen lassen, zum anderen ist Kellys Film eine willkommene Abwechslung zum sonstigen Mainstreameinerlei. Schon möglich, dass das vermeintliche Wunderkind mit solch aufgeblasenem Mummenschanz nur darüber hinwegtäuschen möchte, dass es zum Verrecken keine konzise Geschichte erzählen kann, die Frage ist aber, ob das angesichts des quietschbunten, zwischen greller Groteske, kitschiger Nerd-Fiction, augenzwinkernder Selbstreflexivität und überproduziertem Clusterfuck pendelnden Tohuwabohus überhaupt wünschenswert wäre. Mit SOUTHLAND TALES hat Kelly jedenfalls einen Film gedreht, der seinen Urheber zu jeder Sekunde erkennen lässt (nicht nur wegen des wiederkehrenden Zeitreisethemas) und absolut unverwechselbar ist.  Eine nicht zu verachtende Leistung, wie ich finde. Kein „guter“ Film im klassischen Sinn, aber einer, der mir auf seine sehr eigene Art und Weise gefallen hat.

Kommentare
  1. Tim sagt:

    Hi,
    die Beschreibung von Southland Tales ist sehr gut getroffen, dennoch finde ich, dass die Bildgewalt mit der Kelly in der letzten Hälfte des Films vorgeht, noch einen genaueren Blick verdient hätte. Genauso der Soundtrack, aber das sind letztendlich auch meine persönlichen Vorlieben. 😉

    Obwohl ich immernoch versuche, den Film zu verstehen, beziehungsweise die Handlungstränge in meinem Kopf zu ordnen. Sind die Comicbände da wohl eine Bereicherung? Wäre ein Investition wert…

    Nochmal spreche ich mein Lob aus, aber ich hoffe, die Kritik nützt mehr,
    netten Gruß,
    Tim

    • funkhundd sagt:

      Hallo Tim,

      zunächst mal danke für deinen Kommentar!

      Was deine Kritik angeht: Es gibt ja in solchen Filmtexten immer Dinge, auf die man hätte mehr eingehen können und andere, auf die man zugunsten dieser vielleicht besser verzichtet hätte. Insofern: Klar, ich habe nicht den Anspruch erhoben, SOUTHLAND TALES rundum erfasst zu haben.

      Zu den Comics kann ich leider nichts sagen, weil ich sie selbst nicht kenne. Ich gehe wohl davon aus, dass man den Film nach der Lektüre besser versteht, glaube aber nicht, dass Kelly alle Fragen beantworten kann – noch, dass er das überhaupt wollte.

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