L’amour l’aprés-midi (eric rohmer, frankreich 1972)

Veröffentlicht: März 11, 2009 in Film
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Frédéric (Bernard Verley) ist glücklich verheiratet mit Hélène (Francoise Verley), die gerade das zweite gemeinsame Kind erwartet, und auch beruflich erfolgreich. Als plötzlich und unvermittelt Chloe (Zouzou) in seinem Büro auftaucht, die Exfreundin eines ehemaligen Freundes, die er seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hat, ist er zunächst vor allem verwirrt. Doch mit der steigenden Häufigkeit ihrer Besuche wächst auch sein Interesse an ihr …

157252243701lzzzzzzz1Von den Rohmer-Filmen, die ich vor ungefähr einem Jahr gesehen habe, unterscheidet sich L’AMOUR vor allem darin, dass seine Hauptfigur in einer festen Beziehung steht und auch sonst seinen Platz im Leben schon gefunden zu haben scheint. Umso mehr werden Frédérics Grundfesten erschüttert als er bemerkt, dass er sich dem Reiz Chloes nicht entziehen kann, seine unzweifelhaft bestehende Liebe zu seiner Ehefrau ihn nicht davor schützt, auch von einer anderen Frau angezogen zu werden. Rohmers Film dreht sich unschwer erkennbar um die Unfähigkeit der Männer, sich der gesellschaftlichen Konvention der Monogamie vollständig zu unterwerfen, bzw. mit dem moralischen Dilemma, in das sie geraten, wenn sie bemerken, dass sie es nicht können. Frédéric lässt sich gern treiben: Er erklärt in für Rohmer typischen Monologen, wie sehr er es genießt, in den Fußgängerströmen von Paris zu verschwinden, Teil der Welle zu werden, sie aber immer auch wie ein Wellenreiter zu benutzen, um an sein Ziel zu gelangen. Während eines Einkaufsbummels, bei dem er einen Pullover sucht, lässt er sich von der Verkäuferin ein Hemd aufschwatzen, obwohl er gar keins haben will. Doch es sind längst nicht nur ihre Schmeicheleien, die ihn verleiten: Er kauft das Hemd, weil es ihm gefällt, seinen spontanen Neigungen nachzugeben, Dinge zu tun, die er nicht tun muss, die „unlogisch“ scheinen, keiner inneren Notwendigkeit  folgen. Gern sieht er sich in seinen Tagträumen als Verkörperung des männlichen Prinzips, das er nur sehr unzureichend verkörpert: Eine seiner anhaltenden Fantasien dreht sich um ein Amulett, das ihn zur Ursache jedweder weiblichen Eigenschaft macht, ihn in die Lage versetzt, den Willen der Frauen komplett beugen zu können. Doch schon in diesen Träumen macht ihm eine Frau einen Strich durch die Rechnung, versagt das Amulett seinen Dienst und auch in der Beziehung zu Chloe gerät er, der erfolgreiche Geschäftsmann mit der adretten Ehefrau, dem Eigenheim und den zauberhaften Kindern, mehr und mehr in die Rolle des hilflosen Opfers. Zwar will er zunächst gar keine Liebschaft, doch als Chloe diesem „Wunsch“ von sich aus zu entsprechen scheint, fühlt er sich von ihr betrogen und wird eifersüchtig. Letztlich wird er von ihr in die Rolle des Liebhabers gezwungen, auch wenn das nicht unbedingt ihre Intention sein mag. Wie alle Rohmer-Charaktere Verfügt auch Frédéric über ein sehr genaues Wissen über seine inneren Wünsche, Bedürfnisse und Wertvorstellungen, doch entpuppt sich dieses vermeintlich objektive Wissen immer wieder als  idealisiertes. Frédéric ist gleichzeitig mehr und weniger als das, was er von sich weiß. Das Leben bezieht seine Spannung letztlich daraus, dass man sich in seinen Einzelsituationen wie in einem Experiment immer wieder erproben muss. Nur sind die Voraussetzungen bei jedem Experiment andere. 

L’AMOUR L’APRES-MIDI, der letzte Teil von Rohmers sechsteiligem Zyklus der „Moralischen Geschichten“, entstand ca. zehn Jahre vor dem von mir vor einem Jahr gesehenen, ebenfalls sechsteiligen Zyklus „Comedies et Proverbs“. Anders als jene funktioniert dieser Film stärker auf einer psychologischen Ebene: Die Dialoge, im Vergleich zu herkömmlichen (sprich: nicht-rohmerschen) Filmen immer noch ausschweifend, muten sparsamer und realistischer an, die Selbstbeobachtungen der Figuren sind weniger verquast und durch ihre partielle Verlegung auf die Voice-Over-Spur von ihrer Gespreiztheit befreit. Das macht L’AMOUR zunächst „leichter“, nachvollziehbarer, nimmt ihm aber auch einiges vom Zauber, den Filme wie LA RAYON VERT oder PAULINE A LA PLAGE versprühten. Im Vergleich zu jenen mutet dieser beinahe depressiv an: Die „Farben“ sind dunkel, es dominieren Erdtöne, ein Grauschleier liegt über dem ganzen Film und die wenigen Farbflecken, die hier vor allem der Garderobe Chloes zuzuordnen sind, scheinen vor dem Hintergrund der Narration eher wie eine Bedrohung als wie ein Zeichen von Lebenfreude. Überhaupt diese Chloe: Wenn sie zum ersten Mal auftritt, in einen eng anliegenden Rollkragenpullover und eine Jeans gekleidet, ihre prägnante, zwar sinnliche, aber auch irgendwie aggressive Physiognomie durch das ostentative Rauchen einer Zigarette noch unterstrichen, bekommt man beinahe Angst vor ihr. Ihre langsam voranschreitende Verwandlung zur verletzbaren Frau, die erst beginnt Damenblusen und dann schließlich Kleider zu tragen, bevor sie bei ihrem letzten Auftritt schließlich nackt in ihrem Bett liegt und Frédéric erwartet, zeichnet sie erst recht ambivalent: Sie ist bestimmt kein männermordender Vamp, aber gerade das unterstreicht die Gefahr, die von ihr für Frédéric ausgeht.

Wenn man sich über Rohmer unterhält, dann scheint selbst das größte Wohlwollen irgendwann auf inneren Widerstand zu stoßen: Rohmer, das ist der Inbegriff dessen, was gern peiorativ (und in vollkommener Unkenntnis) als „Franzosenkino“ bezeichnet wird. Seine Filme sind „Kunst“, sicherlich, aber damit geht eben auch einher, dass sie geschwätzig, sentimental, langweilig und eben nicht für jede Tageszeit, jede Laune geeignet sind. Mir sind seine Filme aber ganz im Gegenteil allesamt sehr gut „reingelaufen“: Ich habe sie nicht als schwierig empfunden und die meisten von ihnen haben einen durchaus bleibenden Eindruck hinterlassen. Sie drängen sich mir immer wieder sehr lebhaft ins Gedächtnis. L’AMOUR hat mich nicht ganz so stark getroffen, vielleicht auch, weil er, wie schon erwähnt, thematisch etwas gewöhnlicher wirkt, leichter zuordenbar ist. Aber auch hier gibt es Momente, die schlicht wunderbar sind: das Amulett, das Hemd, Chloe im Badezimmer, das nackte Kindermädchen … Und letztlich ist es dieser unaufgeregte Rhythmus, der vorurteilsfreie und neugierige Blick des Regisseurs, der mich gefangen nimmt.

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