l’amour en fuite (francois truffaut, frankreich 1979)

Veröffentlicht: März 31, 2009 in Film
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00790464-photo-affiche-l-amour-en-fuite1L’AMOUR EN FUITE, der letzte Film des Antoine-Doinel-Zyklus, ist ein streitbarer Film, dem man anmerkt, dass Truffaut sein Experiment nur noch zu einem Abschluss bringen wollte. Wie er in dem Interview sagt, das im Bonusmaterial der DVD enthalten ist, betrachtete er sein Experiment, eine Filmfigur über 20 Jahre zu beobachten und sie darüber für den Zuschauer zu einem echten Menschen zu machen, als gescheitert. Sein Doinel war in seinen Augen kaum mehr als eine Comicfigur, die sich durch einige überzeichnete Eigenschaften auszeichnete, aber ansonsten leer blieb. Eine übermäßig harte Einschätzung, auch wenn sie im Kern richtig ist. L’AMOUR EN FUITE wirkt dann auch wie eine Pflichtübung, so als habe sich Truffaut nur noch ein Problem vom Hals schaffen wollen, ohne jedoch seine Skrupel, sein Schuldgefühl gegenüber seiner Schöpfung völlig ablegen zu können. Das macht L’AMOUR EN FUITE letztlich – trotz des teilweise fühlbaren Desinteresses, des spürbaren Unwillens, der Distanz des Regisseurs zu seiner Schöpfung – zu einem ungemein menschlichen Film, der belegt, was für ein besonderer Filmemacher Truffaut tatsächlich war, was Film ihm bedeutete. Truffaut erlöst seinen Protagonisten, ermöglicht ihm die Selbsterkenntnis, die er braucht, um auf eigenen Füßen stehen, ein Leben ohne ihn führen zu können. Dazu führt er ihn noch einmal mit verschiedenen Charakteren der ersten Filme zusammen, die, mittlerweile selbst gereift bzw. gealtert, Antoine gegenüber ihre Einschätzung von ihm abgeben, ihm erklären, wieso sie sich ihm gegenüber so verhielten, wie sie das taten, oder ihn mit anderen neuen Erkenntnissen konfrontieren. Und so wie Antoine im Verlauf des Films und seiner Episoden mehr und mehr ein Licht aufgeht, so setzen sich die einzelnen Segmente auch für den Zuschauer zu einem Ganzen zusammen, erhalten Szenen aus früheren Filmen plötzlich einen neuen Sinn, erscheinen in einem andere Licht.
 
Nach der Leichtigkeit der ersten Einträge in den Doinel-Zyklus verwundern, ja irritieren die deutlich sichtbaren Schwierigkeiten Truffauts. L’AMOUR EN FUITE ist im Gegensatz zu seinen Vorgängern nur aus dem Zusammenhang heraus zu begreifen, ein Epilog, der für sich allein genommen kaum eigenen Wert hat. Formal und als Experiment ist er natürlich trotzdem interessant, aber seinen größten Reiz erlangt der Film aus seinem Scheitern heraus, das man nur verstehen kann, wenn man die Beziehung zwischen Truffaut und seinem Antoine Doinel kennt und die Filme gesehen hat, die aus dieser entstanden sind. Man muss Doinel verstehen, um seine Geschichte zu verstehen.

Kommentare
  1. Camillo sagt:

    Ein Hauptproblem des letzten Doinels, L’AMOUR EN FUITE, ist die neue Romanze Antoines. Denn mit der Einführung Dorothées als Sabine unter den Titeln und der Bettwäsche geben wir ihr – unbewusst und zuletzt unbegründet – Mitschuld an der Trennung des Paares Antoine (Jean-Pierre Léaud) und Christine (Claude Jade), den bezaubernden Protagonisten von BAISERS VOLES und DOMICILE CONJUGAL. In seinem letzten Film gibt es keine Sympathie mehr für den Jungen aus LES QUATRE CENTS COUPS. Hier bleibt Christine Doinel, die sich nun wieder Darbon nennt und für ihren Ex-Mann bei dessen neuem Problem in die Bresche springt, einig sympathische Hauptfigur. Colette wirkt überstrapaziert, Sabine zu ungenau und Liliane ist eh ein kleines Biest.

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