léon morin, prêtre (jean-pierre melville, frankreich/italien 1961)

Veröffentlicht: April 18, 2009 in Film
Schlagwörter:, , , ,

da4f21d00b1992e0b25f463b722dcc6aFrankreich während des Zweiten Weltkriegs: Die junge Barny (Emmanuelle Riva), alleinerziehende Mutter, lebt in einem von den Italienern besetzten Dorf, aus dem fast alle Männer verschwunden sind. Eines Tages zieht es sie in die verhasste Kirche,wo sie einen Priester mit ihren kritischen Fragen konfrontieren will. Doch dem Priester, Léon Morin (Jean-Paul Belmondo), gelingt es vielmehr, den Spieß umzudrehen und Barny mit ihren eigenen Schwächen zu konfrontieren. Es entwickelt sich eine komplizierte platonische Beziehung …

LÈON MORIN, PRÊTRE gilt als erster großer Film Melvilles: Carlo Ponti fungierte als Produzent, mit Bebel und Emmanuelle Riva konnten zwei Stars gewonnen werden, die eng mit der Nouvelle Vague verknüpft waren. Auf den ersten Blick mag MORIN aus Melvilles Schaffen etwas herausstechen – es ist sein einziger Film mit einer weiblichen Hauptfigur –, auf den zweiten jedoch relativiert sich diese Ansicht: Wie in seinem Debüt LA SILENCE DE LA MER beschäftigt sich Melville mit der Zeit der Besatzung, der er 1969 in L’ARMÈE DES OMBES nocheinmal widmen sollte. Und wie in seinen Gangsterfilmen geht es auch hier um eine Freundschaft unter widrigen Umständen, um moralische Kodizes, die sich nicht aufbrechen lassen. Morin, der jedem Zweifel mit seinem unbedingten Glauben an Gott begegnet, beeindruckt Eva tief und verleiht ihr einen Halt, den das Leben in Kriegszeiten ihr nicht zu geben vermag. In einer Welt ohne Männer, in der Evas körperliches Begehren unbefriedigt bleiben muss, sofern es sich nicht auf das eigene Geschlecht richtet – Eva entwickelt eine Faszination für eine Arbeitskollegin –, wird Léon Morin trotz aller Widerstände  zu Evas Traummann. Die Frau, die sich in einen Gottesmann verliebt: Das ist ein Topos, das vor allem das Melodram und der Liebesfilm für sich annektiert haben. Doch bei Melville ist es von jeglicher Sentimentalität und falscher Romantik befreit. Die Konflikte werden in Dialogen und kurzen, prägnanten Gesten ausgetragen – einmal etwa streift Morin das Gesicht Evas während einer Predigt mit seinem Priestergewand. Von Beginn an kann es keinen Zweifel geben, dass Eva und Morin niemals mehr als Freunde sein können, auch wenn sie sich noch so nah kommen: Ihre Welten bleiben getrennt und auch das sie verbindende Element – nagende existenzielle Fragen, der Wunsch nach transzendentaler Verbundenheit – kann sie nicht vereinen. LÈON MORIN, PRÊTRE ist – das ist typisch für Melville – kein Film der großen Momente: Er entfaltet sich gemächlich und gleichmäßig, läuft sehr zielstrebig auf sein Ende zu, das letztlich nur bestätigt, was eigentlich die ganze Zeit klar war. So tritt eher das „Wie“ ins Zentrum seines Films als das „Was“: MORIN splittet sich in viele kleine Episoden, die die Schwierigkeiten des Lebens einer jungen Frau in Kriegszeiten beleuchten, das Absurde der Situation hervorkehren und vor allem durch ihren leisen Humor Melvilles Verwurzelung im Existenzialismus illustrieren: Der Krieg bleibt unsichtbar, nur manchmal wird Eva nachts vom Gefechtsfeuer geweckt, die Besatzer sind Touristen, mit denen man sich arrangiert hat. Und als der Feind dann endlich vertrieben ist, benehmen sich die amerikanischen Retter alles andere als heldenhaft. Sicherheit gibt es nicht, nur Vetrauen und Hoffnung. Und die bleibt auch, wenn Léon Morjn weiterzieht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.