the general idi amin dada: a self-portrait (barbet schroeder, frankreich/schweiz 1974)

Veröffentlicht: April 24, 2009 in Film
Schlagwörter:,

af_1041Wenn es Idi Amin Dada nicht wirklich gegeben hätte, ein Filmemacher hätte ihn erfinden müssen. Der ehemalige Schwergewichtsboxer und General der ugandischen Armee, der durch einen Putsch im Jahr 1971 die Macht an sich riss, in den folgenden Jahren ein blutiges Regime aufbaute und sein Land darüber in eine schwere wirtschaftliche Krise stürzte, bevor er 1978, als die Geduld seiner Landsleute und Nachbarn endgültig aufgebraucht war, schließlich fliehen musste, verkörperte den tyrannischen, größenwahnsinnigen und narzisstischen Despoten in den wenigen Jahren seiner Herrschaft nahezu in Reinkultur. Dada geriet so geradezu zwangsläufig in den Blick des öffentlichen Interesses: Mit THE RISE AND FALL OF IDI AMIN widmete sich einer der schönsten Exploiter der Siebziger- und Achtzigerjahre dem selbsternannten „Conqueror of the British Empire“, gleich mehrere Filme thematisierten die Ereignisse auf dem Rollfeld in Entebbe, als ein israelisches Sonderkommando Geiseln aus der Hand palästinensischer Flugzeugentführer befreite und den Antisemiten Idi Amin international blamierte, zahlreiche Bücher kolportierten Gerüchte darüber, dass Amin ein Kannibale und Frauenmörder sei und trugen so ihren Teil dazu bei, den Herrscher eines weltpolitisch eigentlich unbedeutenden afrikanischen Staates auf Überlebensgröße aufzublasen und an der Legendenbildung zu stricken.

Barbet Schroeders Dokumentation zeigt aber, dass Idi Amin durchaus auch selbst daran interessiert war, sich zum großen Filmschurken zu stilisieren und es ist dieses Interesse Amins, dass Schroeders Film zu einem solch faszinierenden Erlebnis macht, mehr als jedes inszenatorische Geschick des Regisseurs. Im Untertitel heißt Schroeders Film „Selbstporträt“ und das ist kaum gelogen: Der Regisseur begnügt sich damit, Idi Amin die Plattform für dessen Selbstdarstellung zu liefern, ihm das Gefühl zu geben, sich so präsentieren zu können, wie er sich selbst gern sehen würde, greift nur an ein, zwei Stellen kommentierend ein und bringt den Despoten so letztlich dazu, sich selbst zu demontieren. Idi Amin präsentiert im schicken Tarnfleckanzug ein Militärmanöver, bei dem die Eroberung der israelischen Golanhöhen geübt wird; er lacht, als er auf seine Äußerung, Hitler habe zu wenig Juden umgebracht, angesprochen wird, und sagt, man solle doch lieber in die Zukunft als in die Vergangenheit schauen; er lädt palästinensische Flugzeugentführer und Terroristen zu sich ein und verspricht ihnen Amnestie; er behauptet, jeder, der eine israelische oder US-amerikanische Maschine besteigt, sei selbst Schuld, wenn er Opfer einer Entführung werde; er mahnt seine eifrig mitschreibenden Minister in einer Kabinettsitzung dazu, das eigene Volk zu lieben; er lobt die Wirtschaftsmacht seines längst am Boden liegenden Staates; er spielt bei einem Fest Akkordeon und liefert den Soundtrack zu Schroeders Film. Das Gruselige an Schroeders Film: Amin ist nicht unsympathisch. Seiner tiefen, aber weichen Stimme mit dem afrikanischen Akzent hört man gern zu, auch wenn einem das, was er sagt, die Kinnade herunterklappen lässt. Sein Lachen ist ansteckend, er verfügt über Humor und versteht es, sich zu verkaufen. Mit seiner imposanten Erscheinung und den riesigen Händen wirkt er manchmal wie ein knurriger Tanzbär. Doch über all dem schwebt die Auftaktszene von Schroeders Film, in der eine Erschießung gezeigt wird. Mehrere 100.000 Menschen sollen Amins Regime zum Opfer gefallen sein. Während der Kabinettsitzung beklagt sich Amin über Fehler seiner Minister. Eine Einblendung verrät, dass einer der Anwesenden dieser Sitzung wenige Wochen später tot sein wird.

Schroeders Film ist nicht nur ein Film über eine offen ausgeübte Militärdiktatur, er behandelt vor allem das Klima der Angst, einer Angst, die sich hinter einem aufgesetzten Lächeln verbirgt. Die ugandischen Bürger, die Amins Anwesenheit bei einem öffentlichen Auftritt feiern, sind nicht freiwillig dort, wie wir erfahren. Der Blick der Piloten von Ugandas kläglicher Luftwaffe bei einer Ansprache Amins verrät, dass sie hoffen, niemals einen Befehl ihres Führers ausführen zu müssen. Doch die Angst breitet sich in einer Diktatur nicht nur in eine Rcihtung aus: Am Ende zeigt Schroeder Amin bei einer Diskussionsrunde mit ugandischen Ärzten, der intellektuellen Elite seines Landes, und zum ersten Mal während der 90 Minuten weicht das selbstzufriedene Lächeln aus dem Gesicht des Popanzes. Amin rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum, sein Blick zuckt gehetzt im Saal umher, seine Finger verkrampfen sich ineinander. Er weiß: Diese Menschen kann er nicht für dumm verkaufen. Er weiß: Diese Menschen sind klüger als er. Er weiß: Sein Land und er sind auf ihr Wissen, ihre Bildung und ihr Handwerk angewiesen. Er weiß: Sie sehen geradewegs hindurch durch seine Fassade. Wir hören seinen Atem. Er hat Angst. Der stolze „Eroberer“ ist zum Opfer der eigenen Macht geworden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.