Archiv für April, 2009

alcatraz1Vor etwa einem Jahr etwa ward meine Don-Siegel-Retrospektive jäh unterbrochen. Warum genau, weiß ich eigentlich nicht. Nach Sichtung von Siegels drittletztem Film – man mag durchaus Argumente dafür finden, ihn als seinen „wahren“ letzten Film zu betrachten – drängen sich mir aber einige Gründe auf, die damals vielleicht ausschlaggebend für den Abbruch waren, ohne dass mir das einsichtig gewesen wäre. ESCAPE FROM ALCATRAZ ist vielleicht die Kulmination von Siegels Schaffen, ein Film, in dem alles, was Siegels Kino auszeichnet, in höchstem Maße verdichtet und transzendiert wird. Bei der Erstsichtung vor etlichen Jahren hatte mich ESCAPE FROM ALCATRAZ selbst förmlich gefangen genommen, hatten mir seine Spannungsmomente den Puls in die Höhe getrieben.  Heute geht der Blick am Gefängnisausbruchs-Plot und der Thrillerdramaturgie vorbei auf die existenzialistische Weltsicht Siegels, auf den unverkennbar symbolischen Gehalt seines Films und den in diesem Kontext endlich seiner Bestimmung zugeführten Stil des Regisseurs, dessen Sinn für inszenatorische Ökonomie, für eine saubere, ja fast mechanistisch anmutende Konstruktion und Komposition, der hier nicht mehr länger nur erzählerisches Mittel, sondern selbst Bestandteil der Erzählung wird.

Die Auftaktsequenz ist reinster Kafka: Siegel zeigt den Transport seiner Hauptfigur Frank Morris (Clint Eastwood) nach Alcatraz. Aber schon die Eckdaten dieses Satzes entziehen sich der Kenntnis des Zuschauers, der quasi ins kalte Wasser geschubst wird. Der Prozess der Entmündigung, der Entindividualisierung, des Identitätsverlusts wird nachvollziehbar – der Aufhänger von Siegels Film. Morris wird von schweigsamen Männern durch die Gegend geschubst, von einem Auto auf ein Boot verfrachtet. Schweigend lässt er die Strapazen und Demütigungen seiner langen die Reise durch die Nacht über sich ergehen, bis er schließlich nackt in einer dunklen Zelle landet. Die ersten Worte des Films werden vom Wärter an Morris gerichtet, nachdem die Tür ins Schloss fällt: „Welcome to Alcatraz!“  Neben Kafka fällt unweigerlich Morrisons berühmter, von Sartre entlehnter Vers aus „Riders on the Strom“ ein: „Into this world we’re thrown/like a dog without a bone“. Alcatraz, von Insassen und Wärtern gleichermaßen ehrfürchtig „The Rock“ genannt, ist ein Mikrokosmos, eine in sich geschlossene Welt, die kein Außen braucht. Und in der das Absurde regiert: Es gibt kein „richtiges“ Verhalten auf Alcatraz, weil der Gefängnisdirektor (ohne Rollennamen: Patrick McGoohan) über seine Insassen verfügt wie der Biologe über seine Ameisenfarm. Er stellt Regeln nach Belieben auf und lässt sie wieder fallen, wenn es ihm angemessen erscheint. Die Gesetze der Logik und der Kausalität, sie gelten an diesem Ort nicht, der dazu gemacht ist, seine Bewohner zu zerbrechen. Es gibt kein selbstbestimmtes Leben auf Alcatraz und die Hoffnung auf das Danach, das Draußen scheint vergebens, weil Alcatraz nicht endet. Selbst wenn man es irgendwann hinter sich lässt, man nimmt es mit nach draußen, wenn man sich ihm vorher nicht entgegenstellt.

Siegel erzählt seine Geschichte vom existenzialistischen Kampf und vom Triumph in der Revolte mit eisiger Nüchternheit und ohne jedes falsches Pathos. Es ist nichts weniger als beeindruckend, zu beobachten wie in diesem Film jedes Rädchen ins nächste greift, wie jedes Bild, jede Szene „richtig“ und keine einzige Einstellung zu viel sind. Wie alles folgerichtig ist und sich der Film langsam, aber unaufhaltsam auf seine konsequentes Ende zubewegt, ohne auch nur einmal vom Weg abzukommen. Diese Präzision kennt man von Siegel, doch in THE BLACK WINDMILL etwa sorgte gerade sie für einen Ausschluss des Zuschauers aus dem Film, weil sie in einem Spionagethriller um eine Kindesentführung unangenehm zynisch wirkte, zum bloßen Thrillvehikel verkam. In ESCAPE nun verhilft sie zu größerer Erkenntnis, weil sie die Ruhe, Konzentration, die Introspektion Morris‘ und seinen Realismus unterstreicht. Morris weiß, dass sein Unterfangen hoffnungslos ist. Aber er muss handeln wie er es tut, um Mensch zu bleiben. Die Form mag den Menschen unterjochen, aber anstatt beim Versuch, sie zu durchbrechen, unterzugehen, muss man sich ihren Beschränkungen unterwerfen, um letztlich triumphieren zu können.

Es lässt sich nur so wenig Schlaues zu ESCAPE sagen, weil er mit offenen Karten spielt und von kristalliner Klarheit ist. Die Bilder lassen wenig Raum für Interpretation, zumal das Subgenre des Gefängnisfilms selbst inhaltlich schon relativ festgelegt ist. Weniger als ein Erlebnis ist ESCAPE ROM ALCATRAZ ein Zustand, eine Einsicht. Ein Film, mit dem Siegel ein für allemal zu sagen scheint: „Das ist mein Leben, so sehe ich die Welt. Nehmt es oder lasst es.“ Das Evangelium nach Don, sozusagen. Oder, wie es einst in der Splatting Image stand: „Größter existenzialistischer Film aller Zeiten.“  Es hätte vielleicht Siegels letzter bleiben sollen.