speed racer (andy & larry wachowski, usa/deutschland 2008)

Veröffentlicht: Mai 12, 2009 in Film
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SpeedRacerPoster01[1]Wenn man diesem Film an den Kragen will, gibt es gleich dutzende von möglichen Ansatzpunkten für vernichtende Kritik. Und das sympathische an SPEED RACER: Seine Macher scheinen das gewusst und drauf geschissen zu haben. Schon die MATRIX-Trilogie handelte den Regisseuren nach anfänglicher Euphorie später nur noch Häme und Spott ein, so als könnten sie etwas dafür, dass sich die Antinomien unserer Welt nicht mehr befriedigend auflösen, nicht alle Fragen endgültig beantworten ließen. Dass MATRIX REVOLUTIONS nach der idealistischen Aufbruchsstimmung des ersten Teils in eine Zerstörungsorgie mündete, ist vielleicht ernüchternd, entbehrt aber nicht einer gewissen grausamen Logik und einer tieferen Einsicht in den Status quo. Es mag durchaus sein, dass die beiden Regie-Exzentriker sich auf dem Weg durch die Philosophieabteilung ihrer Bibliothek etwas vom Weg abgekommen waren, sie letzten Endes doch mehr mit japanischer Animation, Kung-Fu-Schnickschnack und Ray-Bans anzufangen wussten als mit Baudrillards „Simulacra and Simulation“ und sie weniger ein postmodernes Spiel mit Verweisen und Zitaten spielten als vielmehr bloßes Namedropping zu betreiben. Meines Erachtens spielt das aber bei der Bewertung der Filme keine Rolle, weil es Spekulation bleibt. Die Kritik an der MATRIX-Trilogie sagt m. E. weit mehr darüber aus, was wir uns von unserer Welt zu Unrecht erhoffen, als über die Filme der Wachoskis, ohne deren Einfallsreichtum die Filmwelt heute im Jahre 10 nach THE MATRIX definitv anders aussähe – im Positiven wie auch im Negativen.

Das bringt mich wieder zu SPEED RACER, an dem man wunderbar seine ideologiekritischen Messer wetzen könnte, wenn man denn ein humorloser Griesgram wäre. Aber mal ehrlich: Will man sich wirklich noch darüber aufregen, dass ein von einem Multimillionen-Dollar-Konzern produzierter Film, der natürlich in erster Linie eine gewisse Rendite einfahren soll, das Hohelied auf Integrität und Ehrlichkeit singt und einen rücksichtslosen Kapitalisten als Schurken aufbietet? Ist das billige Ironie, echte Subversion oder einfach schlichte Konvention? Sollte man darüber wirklich auch nur noch eine Silbe verlieren? Möchte man SPEED RACER, der von der ersten Sekunde an sämtliche Sinneskanäle seiner Zuschauer mit Eindrücken förmlich bombardiert, sich dabei erst in zweiter Linie für Narration, Nachvollziehbarkeit und Logik interessiert, als böse Überrumpelungsmaschine ohne Herz und Seele bezeichnen oder sieht man dahinter doch eher den gelungenen Versuch, eine hyperrealistische Entsprechung der ihm zugrundeliegenden Animeserie zu schaffen? Betrachtet man die schiere Lust am Blödsinn und Krawall, die SPEED RACER förmlich überquellen lässt, als nur das und nicht mehr oder sieht man in seinem infantilen Überschwang nicht doch auch etwas sehr Befreiendes, eine Abkehr von augenzwinkernder Ironie und überlegener Cleverness, die stets darauf bedacht ist, sich keine Blöße zu geben?

Mir hat SPEED RACER auch deshalb gefallen, weil ich mir diese Fragen seit der Sichtung unaufhörlich selbst stelle. Weil SPEED RACER voller Einfälle und Ideen steckt, die munter die ganze Bandbreite von debil bis grandios abdecken. Weil SPEED RACER zwar komplett aus der Retorte kommt, aber der gern genommene Vorwurf der „Seelenlosigkeit“ hier einfach nicht greift. Weil ich seit Tsui Harks LEGEND OF ZU keinen Film mehr gesehen habe, der so versessen darauf war, dass totale Bild zu malen. Weil SPEED RACER das immense Kunststück gelingt, einen Schimpansen zu seinen Protagonisten zu zählen, dessen Zoten ich tatsächlich lustig fand. Vor allem aber, weil mir der Verriss, den ich oben skizziert habe, als viel zu einfach und billig erscheint …

Kommentare
  1. Thies sagt:

    Ich hatte damals beim Einlass in den Kinosaal meinen Verriss bereits fertig im Kopf formuliert. Aber die Wucht der optischen Eindrücke und die jede Prätention vermissen lassende Erzählweise des Films liess mich vollkommen wehrlos im Sessel versinken und mich ganz der Pracht hingeben. Diese Erfahrung war dann aber leider im Heimkino nicht mehr wiederholbar. Denn einen entscheidenden Nachteil hat „Speed Racer“: er ist viel zu lang. Bei der Erstsichtung hat mich das noch nicht gestört, aber ich hab es jetzt schon dreimal mit der BluRay versucht, aber spätestens nach dem zweiten Rennen bin ich optisch gesättigt und habe keine Kraft mehr dem Geschehen zu folgen.

    Ich bewundere die Wachovskis durchaus – ich sollte mir endlich mal die Zeit nehmen mir „Cloud Atlas“ anzusehen – und ich habe inzwischen auch meinen Frieden mit den „Matrix“-Sequels geschlossen, aber sie scheinen, wie heutzutage viele andere Genre-Regisseure auch, ihre Filme lieber bis zum gehtnichtmehr auszuformulieren, anstatt sie auf eine gesündere Größe einzudampfen. Vielleicht ist die immer knapper werdende Zeit zwischen Produktion und Kinostart ein diesen Trend unterstützender Faktor. Es gibt doch dieses geflügelte Wort : „Ich hatte leider keine Zeit mich kürzer zu fassen.“

    • Oliver sagt:

      Ja, das Problem mit den ausufernden Laufzeiten ist eine generelle Plage. Die Zeit der knackigen 90-Minüter ist jedenfalls vorbei, heute muss ein Film anscheinend per se mindestens 120 Minuten dauern. Das geflügelte Wort geht angeblich auf Goethe zurück, der in einem Brief schrieb: „Entschuldigen Sie, dass der Brief so lang geworden ist, ich hatte keine Zeit für einen Kürzeren.“

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