black book (paul verhoeven, niederlande/deutschland/belgien 2006)

Veröffentlicht: Mai 21, 2009 in Film
Schlagwörter:, , ,

untitledDie Niederlande im letzten Kriegsjahr: Die Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) flüchtet sich vor den Nazis von einem Unterschlupf in den nächsten, bis ihr ein Schlepper den Transport nach Belgien verspricht. Doch das Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen soll, wird von den Nazis überfallen und nur Rachel überlebt. Wenig später findet sie Anschluss an ein Gruppe niederländischer Widerstandskämpfer. Unter dem Decknamen Ellis de Vries begegnet Rachel zufällig dem Obersturmführer Müntze (Sebastian Koch), der sofort Gefallen an der attraktiven Frau findet. Diesen Kontakt soll Ellis nun für den Widerstand nutzen. Doch nachdem sie sich das Vertrauen der Nazis erschlichen hat, muss sie feststellen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse längst nicht so klar verlaufen, wie sie das bisher angenommen hat …

Paul Verhoevens Filme der vergangenen 20 Jahre (mit seinem niederländischen Frühwerk bin ich kaum vertraut) tendierten bei aller formalen Brillanz immer auch ein wenig hin zum Sleaze und zum Trash. Daher rührt auch Verhoevens Ruf als Provokateur: Wenn nicht schon die ganze Prämisse seiner Filme darauf abzielte, die Sehgewohnheiten und Wertvorstellungen eines Mainstreampublikums zu torpedieren (BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS), so waren es die drastischen Gewaltdarstellungen – ROBOCOP galt seinerzeit als einer der brutalsten Filme überhaupt, TOTAL RECALL wusste diesen noch zu toppen und STARSHIP TROOPERS schließlich legte die Messlatte nocheimal ein Stück höher – und wohldosierten Anzüglichkeiten, die offen ließen, ob Verhoeven in aufklärerischer Funktion den Voyeurismus seiner Zuschauer offenlegen oder doch nur seine eigenen erotischen Fantasien verfilmen wollte (HOLLOW MAN etwa). Und genau diese Offenheit machte sie auch zu einer solchen Herausforderung für den Zuschauer. Eine Herausforderung, der sich längst nicht alle stellen wollen: Es ist eine triste Welt voller Dilettanten, in der ein Film wie SHOWGIRLS als Baddie verlacht wird.

BLACK BOOK eilte somit ein gewisser, mit seinem Regisseur verbundener Ruf voraus. Umso überraschter war ich festzstellen, wie es Verhoeven gelungen ist, sich hier zurückzunehmen. Die vereinzelten Szenen, mit denen er Assoziationen an sein restliches Oeuvre weckt, fallen nie aus dem Rahmen des Films, der sehr ausgewogen und, ja, warm und menschlich wirkt. Der ätzende Zynismus, dem man sich bei seinen Filmen sonst immer stellen musste, tritt hier gegenüber einem humanistischen Ansatz und einer tiefen Empathie zurück. Ich weiß nicht, wie BLACK BOOK in den Niederlanden aufgenommen wurde, wie Verhoeven dort überhaupt angesehen ist. Ein Volk, das nach eigenem Selbstbild geschlossen im Widerstand gegen die Nazis tätig war, dürfte  Verhoevens Film aber wenn schon nicht als Affront, so doch als unangenehme Backpfeife empfunden haben. In BLACK BOOK sind nicht ausschließlich die Nazis das Böse: Es ist der Krieg selbst, der in den Menschen das Schlechte hervorkehrt. Angesichts der drohenden Gefahr ist sich jeder selbst der Nächste: Der eine hasst die Juden, weil sie ihn selbst in Gefahr bringen, der andere verhökert sie an die Nazis, um sich mit denen die Beute zu teilen, wieder eine andere rettet ihre Haut, indem sie sich den Nazis als Lustobjekt andient, und auch die hehren Widerstandskämpfer arbeiten zum Teil mit verdeckter Agenda. Im Hass sind sie alle gleich: Als der Krieg vorbei ist, wird Ellis von ihren aufgebrachten Landsleuten als „Moffenhoer“ („Deutschenhure“) gedemütigt und misshandelt. Ihr „Verbrechen“: mit Müntze einen Nazi geliebt zu haben, der seine Position dafür nutzte, die Katastrophe einzudämmen.

Verhoevens Film spielt im Zweiten Weltkrieg, aber seine Aussage ist universal, und es gelingt ihm, das jüdische Leid in eindrucksvolle, aber niemals abgenutzte Bilder zu kleiden. Die letzte Szene zeigt Rachel, mehrere Jahre nach dem Krieg. Sie lebt nun in einem Kibbuz in Israel, sie ist dem Grauen wie durch ein Wunder entgangen, langsam verheilen ihre Wunden. Doch ein hoher Stacheldrahtzaun umgibt ihre neue Heimat und Düsenjäger fliegen regelmäßig über sie hinweg. Dem Hass der anderen wird Rachel nie ganz entkommen …

Kommentare
  1. Kozure Okami sagt:

    Den fand ich bereits im Kino und bei der kürzlichen Sichtung im TV immer noch sehr enttäuschend. Im Kino hatte ich vermutlich noch falsche Erwartungen an den Film, bei der zweiten Sichtung fand ich ihn, glaube ich, zu unfokussiert, bzw. zu unausgearbeitet (in meinem Kurzreview im Blog, das zeitlich ja etwas näher dran war, habe ich geschrieben, dass mir viele Charaktere zu flach und der Film thematisch zu weitläufig war, manchmal weiß ich indes selbst nicht mehr, was genau ich mit meinem Geschreibsel meinte). Finde es schwer, das in Worte zu fassen. Jedenfalls hat mich Verhoevens frühere Behandlung des Themas „Der Soldat von Oranien“ (1977) wesentlich tiefer beeindruckt (und ich würde immer noch gerne eine für mich verständliche Fassung der längeren, 4-teiligen niederländischen TV-Fassung in die Finger bekommen).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.