gimme shelter (albert maysles/david maysles/charlotte zwerin, usa 1970)

Veröffentlicht: Mai 27, 2009 in Film
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A70-10818[1]Das Altamont-Festival, das während des Auftritts der Rolling Stones  in einem durch ein Hell’s-Angels-Mitglied verübten Mord an einem Schwarzen kulminierte, stellt in der Rezeptions- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts so etwas wie den Sündenfall der Hippiebewegung dar. All die Hoffnungen auf ein friedliches Miteinander, die diese Bewegung einten, zerbrachen (spätestens) an diesem Tag und läuteten den Niedergang der in den Sechzigerjahren begonnenen Friedensbewegung ein. Freie Liebe, Halluzinogene, Blumen, Love-ins und Meditation konnten nichts an der Tatsache ändern, dass der Mensch des Menschen Wolf ist, der an diesem Tag im Winter 1969 seine Zähne zeigte.

Für die Dokumentarfilmer Albert und David Maysles sowie Charlotte Zwerin dürfte das Altamont-Festival aber noch aus einem anderen Grund eine einschneidende Bedeutung einnehmen: Der Auftritt der Stones in Altamont, mit dem die seinerzeit größte Rockband der Welt ihre US-Tour beenden wollte, sollte den triumphalen Höhepunkt ihres Films bilden. Stattdessen änderten der Auftritt der Stones und die mit diesem einhergehenden Ereignisse die Konzeption des Films, stellten die ursprüngliche Intention der Filmemacher in Frage und machten ein komplettes Umdenken erforderlich. Es ist nur einer der faszinierendsten Aspekte von GIMME SHELTER, zu betrachten, wie Szenen, die im Moment ihrer Entstehung vollkommen neutral oder gar positiv konnotiert gewesen sein mögen, mit dem Wissen über den weiteren Verlauf der Dinge in einem gänzlich anderen Licht erscheinen und beinahe prophetisch-drohend anmuten. GIMME SHELTER ist ein Film bitter schmeckender Erkenntnis. Er ist das Äquivalent zum Kater am Morgen und der langsam Konturen annehmenden Ahnung, dass man es am Vorabend entschieden zu weit getrieben hat. Es steckt eine tiefe Scham und Resignation in den Bildern von der Rockband, die Begeisterung und Ekstase auslösen will, aber Chaos und Tod verursacht.

Als Zuschauer hat man einen ständigen Wissensvorsprung vor den Akteuren, die ja noch nicht wissen, was ihnen bervorsteht, und deren Aussagen daher eine naiv-leichtsinnige Note erhalten. Der aufreizend-provokant herumtänzelnde, um keinen markigen Spruch verlegene Mick Jagger der ersten 80 Minuten blickt am Schluss, nachdem ihm die Filmemacher das Material des Festivals vorgeführt haben, geradezu beschämt in die Kamera. Er steht als enttarnter Lügner da: Nicht nur konnte er sein Versprechen an die Fans nicht einlösen, die Ereignisse des Abends führten dieses Versprechen vollkommen ad absurdum. Dass er die schon während des ganzen Tages schwelenden und immer wieder in kleineren Scharmützeln ausbrechenden Aggressionen der Menge ausgerechnet mit „Under my Thumb“ (in einer grauenhaft lahmen Version, die die ganze Verunsicherung und das Unbehagen der Band hörbar macht) abkühlen will, zeigt, wie überfordert der Frontmann mit seiner Rolle ist: Darauf hat ihn niemand vorbereitet. GIMME SHELTER macht Schluss mit einem Irrglauben der Popkultur: Der Rockmusiker ist kein genialer Marionettenspieler, der sein Publikum in der Hand hat. Er ist nur derjenige, der den ersten Dominostein umstößt und dann hofft, dass die restlichen Steine so fallen, wie er das geplant hat. Die Regeln des Spiels, auf das er sich eingelassen hat, sind ihm nicht vollständig bekannt. Dass man ihn in dem Glauben lässt, alles unter Kontrolle zu haben, gehört zum faustischen Vertrag, den er unterzeichnet hat und der ihn nun in Ketten schlägt.

Es ist angesichts der Umstände kaum verwunderlich, dass GIMME SHELTER eine denkbar unorthodoxe Rockmusik-Dokumentation ist. Anstatt ungezügelter Begeisterung und dionysischen Taumels löst er ein Gefühl des Unbehagens aus. Dazu passt es, dass mir während der Betrachtung spontan Assoziationen zu zwei Horrorfilmen kamen, die sich jeweils mit den zweifelhaften Errungenschaften einer aus dem Ruder gelaufenen Konsumgesellschaft und der Frage nach Moral und Verantwortung in einer medial geprägten Welt befassen. Das Finale von GIMME SHELTER – die mit dem Helikopter fluchtartig das Festivalgelände verlassenen Stones und das Bild der im Gegenlicht der aufgehenden Sonne über einen Hügel wankenden Silhouetten der Fans – verweisen auf Romeros DAWN OF THE DEAD (schon vorher trägt ein offensichtlich unter dem Einfluss diverser Drogen stehender Fan die Züge eines Zombies), die Szenen, in denen die Musiker gemeinsam mit den Filmemachern das Material betrachten und kommentieren und man aus ihrem Blick die Ohnmacht lesen kann, lässt unweigerlich an CANNIBAL HOLOCAUST denken. In jenem Moment, in dem Jagger sich den Hergang des Mordes ansieht, der Regisseur das Material zurückspult, um durch Einzelbildschaltung sowohl die Waffe des Schwarzen als auch den folgenden tödlichen Messerstich sichtbar zu machen, erreicht der Filme seine volle Wirkung, sein volles kritisches Potenzial. Es ist der Moment, in dem der Film von der Leinwand kriecht: Passenderweise ertappte ich mich dabei, natürlich genau jene Szene ebenfalls zurückzuspulen.

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Kommentare
  1. Alex sagt:

    Sehr schöner Text! Mich hat der Film auch tief beeindruckt, das „Gefühl des Unbehagens“ stellte sich bei mir besonders bei den Konzertszenen ein, bei denen man beobachten kann, wie Jaggers Mimik mit und mit an Selbstbewußtsein verliert und man ihm Unsicherheit und sogar Angst ansehen kann. Definitiv ein einzigartiges Dokument.

  2. funkhundd sagt:

    Vielen Dank fürs Lob, dass ich mit dir einer Meinung bin ist ja klar.

    Die letzte halbe Stunde des Films, also die Szenen während des Festivals, sind unheimlich dicht. Besonders spannend fand ich es, dass einige der Festivalbesucher tatsächlich zu so etwas wie Charakteren werden, weil sie mehrfach auftauchen. Auch das spätere Mordopfer sieht man ja vorher schon einmal ausgelassen tanzen. Das gibt dem Ganzen etwas sehr Unmittelbares, finde ich.

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