mishima: a life in four chapters (paul schrader, usa 1985)

Veröffentlicht: Mai 27, 2009 in Film
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Paul Schrader ist es mit seinem Film gelungen, dass ich Yukio Mishima nun mit anderen Augen sehe.

991914887_0b568456_Mishima-A%2BLife%2BIn%2BFour%2BChapters28198529[1]Das erste Mal las ich über Mishima in Javier Marias‘ ausgezeichnetem und hiermit empfohlenem Buch „Geschriebenes Leben“: Der kurze Text über den japanischen Dichter faszinierte mich so sehr, dass ich mir direkt im Anschluss Mishimas autobiografischen Roman „Geständnis einer Maske“ zu Gemüte führte. Die Geschichte dieses radikalen Ästheten, der eine Einheit von Leben und Werk anstrebte, sein Leben dazu permanent ästhetisierte und 1970 im Alter von 45 Jahren mit dem Ritual des Seppuku aus dem Leben schied, nachdem er mit seiner Privatarmee in eine japanische Kaserne eingedrungen war, mutet wie die Geschichte eines Irren an, dient als eindrückliches Beispiel dafür, welche kuriosen Blüten eine fehlgeleitete Sozialisation treiben kann. Mishima übte auf mich die Faszination aus, die auch Tyrannen oder Serienmörder auslösen. Und ich fand die Vorstellung eines Intellektuellen, der seinen Körper stählt, sich auf homoerotischen Fotos in Szene setzen lässt und eine Privatarmee williger Jünger unterhält, mit der er Japan zu verbessern gedenkt, geradezu haarsträubend komisch.

Schrader gelingt das angesichts dieser Prämisse keineswegs kleine Kunststück, mit seinem Film ein tieferes Verständnis für diesen Mann zu wecken und die seiner Geschichte inhärente Tragik greifbar zu machen. Dennoch ist MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS mehr als ein vermeintlich sichere biografische Daten sinnstiftend aneinanderreihendes  Biopic. Schraders Film besteht aus drei Erzählsträngen, die kunstvoll ineinander verwoben sind, sich gegenseitig spiegeln, kommentieren und ergänzen und so ein kaleidoskopartig fragmentiertes Bild von Mishima zeichnen. Der Gegenwartsstrang verfolgt Mishima während jenes denkwürdigen letzten Tages seines Lebens; ein in schwarzweiß gehaltener Strang zeigt uns Schlüsselereignisse aus Mishimas Leben und gibt Hinweise, wie dieser Mann zu dem werden konnte, was er war; der dritte Strang schließlich, in prächtigen Farben gehalten und in artifiziellen, theaterhaft anmutenden Settings spielend, visualisiert Szenen dreier Werke Mishimas („Temple of the Golden Pavillion“, „Kyoto’s House“ und „Runaway Horses“), deren Protagonisten ihren Schöpfer auf bestimmten persönlichen Entwicklungsstufen repräsentieren und deren Handlung entscheidende Ereignisse seines Lebens vorwegnimmt. Schrader zollt mit dieser Verquickung der Ebenen Mishimas eigentlichem Antrieb Tribut, eins mit seinem Werk zu werden: Er schrieb sein Leben in seinen Büchern fort, lebte nach denselben ästhetischen Prinzipien, nach denen er auch seine Romane verfasste. Und auch in Schraders Film gibt es kein „innen“ und kein „außen“, alles ist eins; das Große ist im Kleinen enthalten und umgekehrt.

Mishima ist aber auch die für das 20. Jahrhundert so typische Geschichte eines Mannes, der zu spät geboren und von der Zeit überholt wurde. Der strenge Kodex der Samurai, nach dem Mishima lebt, ist im modernen Japan ein Anachronismus. Als er den Soldaten am Ende seine Vorstellung von der japanischen Armee vorträgt, sie als den Hüter im Untergang begriffener japanischer Werte  beschreibt, wird er verlacht und beschimpft. Für die radikale Konsequenz, mit der Mishima sein Leben lebt, ist einfach kein Platz mehr. Sein Schicksal erinnert so an die zahlreichen Helden des Spätwesterns, des Gangster-, Polizei- und Actionfilms (Mishima selbst inszenierte solche und agierte in ihnen) – und natürlich an andere Charaktere aus Schraders Filmen. Dass MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS ästhetisch dennoch aus seinem Werk hervorsticht, betont die Bedeutung des japanischen Dichters für den US-Regisseur und lässt seinem Film eine für sein Schaffen paradigmatische Rolle zukommen.

Kommentare
  1. […] der das Drehbuch zusammen mit Robert Towne verfasste und damit wichtige Vorarbeit für den eigenen MISHIMA: A LIFE IN FOUR CHAPTERS leistete, der sich erneut mit der japanischen Ritterlichkeit auseinandersetzen sollte. THE YAKUZA […]

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