tirez sur le pianiste (francois truffaut, frankreich 1960)

Veröffentlicht: Mai 28, 2009 in Film
Schlagwörter:, ,

74961657ae02e93fc17be9d9fc864620[1]Charlie (Charles Aznavour) verdient sein Geld als Pianist in einem kleinen Pariser Tanzschuppen und nur sein krimineller Bruder Chico (Albert Remy) erinnert ihn manchmal noch an die große Musikerkarriere, die ihm einst unter seinem echten Namen Edouard Saroyan bevorstand, bevor ihn der Selbstmord seiner Frau Therese (Nicole Berger) aus der Bahn warf. Die Beziehung zur Kellnerin Léna (Marie Dubois) bringt neue Hoffnung in Charlies Leben, doch dann kommt ihm wieder einmal Chico in die Quere: Der steckt in Schwierigkeiten und sucht vor seinen Verfolgern Unterschlupf im abgelegenen Landhaus der Familie Saroyan. Doch weil Charlie das Versteck kennt, klopfen die Verbrecher bald schon bei ihm an …

Nach der doch eher melancholischen Stimmung des triumphalen Debüts LE QUATRE CENTS COUPS mutet TIREZ SUR LE PIANISTE trotz des tragischen Endes und der Noir-Referenzen beinahe beschwingt an. Das liegt vor allem daran, dass sich Truffaut mit seinem Zweitlingswerk auf spielerische Art den eigenen filmischen Einflüssen widmet, anstatt seine Biografie aufzuarbeiten. Neben den schon erwähnten, recht offenkundigen Anleihen beim Film Noir und dessen französischer Rezeption etwa durch Melville, vermag man Hitchcock (der Unschuldige, der in ein Verbrechen hineingezogen wird) und Slapstickfilme (die beiden Verbrecher, die Chico auf den Fersen sind) als Haupteinflüsse zu erkennen. Das Finale in und um das eingeschneite Landhaus wiederum gemahnt an das Ende von Truffauts neun Jahre später entstandenem LA SIRÉNE DU MISSISSIPPI. Diese stilistische Vielfalt steht aber einer wirklich emotionalen Anbindung etwas im Weg. TIREZ wirkt abstrakt, wie auf einer Metaebene angesiedelt. Das liegt nicht zuletzt auch in der Besetzung mit Charles Aznavour begründet, dessen stoische Miene und Schicksal bloß Symbol und Hommage sind, seelischen Schmerz nur noch kennzeichnen, anstatt diesen wirklich auszudrücken. Er ist eher Projektionsfläche als Charakter. Und auch die Regiekniffe der Nouvelle Vague, die in LE QUATRE CENTS COUP untrennbar mit ihrem Inhalt verbunden waren (man denke an das berühmte abschließende Freeze Frame), sind hier eher von ornamentaler Funktion: Wenn Charlie an einer Unbekannten vorbeigeht und die Kamera daraufhin ihr statt ihm folgt, nur um sie kurze Zeit später wieder aus den Augen zu verlieren, hat das kaum erzählerische Funktion, zumindest keine, die sich bei erstem Sehen erschließt. Das alles soll nicht heißen, dass TIREZ SUR LE PIANISTE mir nicht gefallen hat: Truffauts Film ist viel zu einfallsreich, als dass er ernsthaft enttäuschen könnte. Außerdem erscheint es mir geradezu als tröstend, dass der Franzose nach einem Film, bei dem wirklich alles stimmte und funktionierte, hier wieder auf die Größe eines Normalsterblichen schrumpft, der doch eben immer noch ein „Neuling“ im Regiefach ist. Mit TIREZ ist ihm ungemein unterhaltsamer Film gelungen, der jedoch nicht als rundes Ganzes funktioniert, sondern der eher als eine Kollektion sehr guter bis weniger guter Szenen im Gedächtnis bleibt. Das ist zumindest mein jetziges Urteil. Bis zur Zweitsichtung, Charlie!

Kommentare
  1. […] der Nouvelle Vague ganz entscheidend mitprägte, dafür sorgte, dass Filme wie A BOUT DE SOUFFLE, TIREZ SUR LE PIANISTE, UNE FEMME EST UNE FEMME, JULES ET JIM, LE MEPRIS, BANDE À PART, PIERROT LE FOU und zahreiche […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.