Archiv für Mai, 2009

untitledDie Niederlande im letzten Kriegsjahr: Die Jüdin Rachel Stein (Carice van Houten) flüchtet sich vor den Nazis von einem Unterschlupf in den nächsten, bis ihr ein Schlepper den Transport nach Belgien verspricht. Doch das Schiff, das sie und ihre Familie in Sicherheit bringen soll, wird von den Nazis überfallen und nur Rachel überlebt. Wenig später findet sie Anschluss an ein Gruppe niederländischer Widerstandskämpfer. Unter dem Decknamen Ellis de Vries begegnet Rachel zufällig dem Obersturmführer Müntze (Sebastian Koch), der sofort Gefallen an der attraktiven Frau findet. Diesen Kontakt soll Ellis nun für den Widerstand nutzen. Doch nachdem sie sich das Vertrauen der Nazis erschlichen hat, muss sie feststellen, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse längst nicht so klar verlaufen, wie sie das bisher angenommen hat …

Paul Verhoevens Filme der vergangenen 20 Jahre (mit seinem niederländischen Frühwerk bin ich kaum vertraut) tendierten bei aller formalen Brillanz immer auch ein wenig hin zum Sleaze und zum Trash. Daher rührt auch Verhoevens Ruf als Provokateur: Wenn nicht schon die ganze Prämisse seiner Filme darauf abzielte, die Sehgewohnheiten und Wertvorstellungen eines Mainstreampublikums zu torpedieren (BASIC INSTINCT, SHOWGIRLS), so waren es die drastischen Gewaltdarstellungen – ROBOCOP galt seinerzeit als einer der brutalsten Filme überhaupt, TOTAL RECALL wusste diesen noch zu toppen und STARSHIP TROOPERS schließlich legte die Messlatte nocheimal ein Stück höher – und wohldosierten Anzüglichkeiten, die offen ließen, ob Verhoeven in aufklärerischer Funktion den Voyeurismus seiner Zuschauer offenlegen oder doch nur seine eigenen erotischen Fantasien verfilmen wollte (HOLLOW MAN etwa). Und genau diese Offenheit machte sie auch zu einer solchen Herausforderung für den Zuschauer. Eine Herausforderung, der sich längst nicht alle stellen wollen: Es ist eine triste Welt voller Dilettanten, in der ein Film wie SHOWGIRLS als Baddie verlacht wird.

BLACK BOOK eilte somit ein gewisser, mit seinem Regisseur verbundener Ruf voraus. Umso überraschter war ich festzstellen, wie es Verhoeven gelungen ist, sich hier zurückzunehmen. Die vereinzelten Szenen, mit denen er Assoziationen an sein restliches Oeuvre weckt, fallen nie aus dem Rahmen des Films, der sehr ausgewogen und, ja, warm und menschlich wirkt. Der ätzende Zynismus, dem man sich bei seinen Filmen sonst immer stellen musste, tritt hier gegenüber einem humanistischen Ansatz und einer tiefen Empathie zurück. Ich weiß nicht, wie BLACK BOOK in den Niederlanden aufgenommen wurde, wie Verhoeven dort überhaupt angesehen ist. Ein Volk, das nach eigenem Selbstbild geschlossen im Widerstand gegen die Nazis tätig war, dürfte  Verhoevens Film aber wenn schon nicht als Affront, so doch als unangenehme Backpfeife empfunden haben. In BLACK BOOK sind nicht ausschließlich die Nazis das Böse: Es ist der Krieg selbst, der in den Menschen das Schlechte hervorkehrt. Angesichts der drohenden Gefahr ist sich jeder selbst der Nächste: Der eine hasst die Juden, weil sie ihn selbst in Gefahr bringen, der andere verhökert sie an die Nazis, um sich mit denen die Beute zu teilen, wieder eine andere rettet ihre Haut, indem sie sich den Nazis als Lustobjekt andient, und auch die hehren Widerstandskämpfer arbeiten zum Teil mit verdeckter Agenda. Im Hass sind sie alle gleich: Als der Krieg vorbei ist, wird Ellis von ihren aufgebrachten Landsleuten als „Moffenhoer“ („Deutschenhure“) gedemütigt und misshandelt. Ihr „Verbrechen“: mit Müntze einen Nazi geliebt zu haben, der seine Position dafür nutzte, die Katastrophe einzudämmen.

Verhoevens Film spielt im Zweiten Weltkrieg, aber seine Aussage ist universal, und es gelingt ihm, das jüdische Leid in eindrucksvolle, aber niemals abgenutzte Bilder zu kleiden. Die letzte Szene zeigt Rachel, mehrere Jahre nach dem Krieg. Sie lebt nun in einem Kibbuz in Israel, sie ist dem Grauen wie durch ein Wunder entgangen, langsam verheilen ihre Wunden. Doch ein hoher Stacheldrahtzaun umgibt ihre neue Heimat und Düsenjäger fliegen regelmäßig über sie hinweg. Dem Hass der anderen wird Rachel nie ganz entkommen …

terrorquienpuedematarTom (Lewis Fiander) und seine schwangere Ehefrau Evelyn (Prunella Ransome) planen einen erholsamen Urlaub auf der spanischen Mittelmeerinsel Almanzora, die Tom, ein Biologe, vor Jahren schon einmal besucht und als überaus ruhig und idyllisch in Erinnerung behalten hat. Doch schon kurz nach der Ankunft wird beiden klar, dass hier etwas sehr, sehr Merkwürdiges vor sich geht: Abgesehen von ein paar Kindern ist die Insel vollkommen ausgestorben. Es wirkt fast so, als sei sie von den Erwachsenen geradezu fluchtartig verlassen worden. Doch die Wahrheit ist deutlich schlimmer: Wie von einer unbekannten Macht gesteuert haben die Kinder die Macht ergriffen und alle erwachsenen Bewohner ermordet. Tom und Evelyn müssen um ihr Leben fürchten …

Die schöne deutsche DVD-Edition (mitsamt einem feinen Text von Filmforist Michael Schleeh) hat eine nagende Lücke geschlossen, steht dieser spanische Horrorfilm doch schon seit Jahren auf meiner imaginären Liste dringend zu schauender Filme. „Horrorfilm“ beschreibt ¿QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO allerdings nur sehr unzureichend, ist er doch viel eher eine Meditation zur moralphilosophischen Frage, ob und wenn ja, unter welchen Umständen es gestattet ist, ein Kind zu töten. Dies wird durch die äußere Klammer des Films noch bekräftigt: ¿QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO beginnt mit einem siebenminütigen Prolog, der den Zuschauer auf das Kommende einstimmt. Sieben Minuten lang sieht man Wochenschaubilder aus verschiedenen Kriegen und erfährt, was diese vor allem für die Kinder für Folgen hatten. Leichen in Massengräbern, tote Kinderaugen, ausgemergelte und verstümmelte Körper: Die Bilder sind nur schwer zu ertragen. Immer wieder nennt der Sprecher aus dem Off die Zahlen der Kinder, die dem Treiben der Erwachsenen zum Opfer gefallen sind und zieht somit den Rahmen auf, vor dem Serradors Film seine ganze Kraft entfaltet. Kinder sind die Leidtragenden der Konflikte Erwachsener, sie werden vom eitlen und meist dummen Kriegstreiben am härtesten getroffen und haben keinerlei Chance, sich in irgendeiner Form zur Wehr zu setzen oder auch nur Gehör zu verschaffen. Wäre es unter diesen Umständen nicht gerecht bzw. wenigstens nachvollziehbar, wenn sie irgendwann zurückschlagen würden? Auf dem isolierten Eiland Almanzora erhalten sie nun Gelegenheit dazu. Was der Auslöser für ihr aggressives Verhalten ist, lässt Serrador offen (und gab damit dem deutschen Verleih die Möglichkeit, per Titel eine außerirdische Macht einzuführen, die als Erklärung herhalten musste – eine ähnliche Strategie fuhr man auch bei Wes Cravens THE HILLS HAVE EYES), erhöht so nicht nur den Druck auf sein Protagonistenpaar, sondern betont auch das Parabelhafte seines Stoffes. ¿QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO? läuft ab wie ein wissenschaftlicher Versuch, was durch die glasklaren, von der glühenden Mittagssonne durchfluteten und aufgeheizten Bilder noch unterstrichen wird.

Die Idee des Spießumdrehens“ allein böte schon genug Stoff für einen exzellenten Film, doch Serrador geht noch einen Schritt weiter, indem er sein Augenmerk auf die Frage nach der moralisch richtigen Reaktion auf die Bedrohung richtet. Dürfen Tom und Evelyn die Kinder unter den gegebenen Umständen aus dem Weg räumen? Können sie es? Und sollte es ihnen gelingen: Ist es ihnen danach noch möglich, ein normales Leben zu führen? ¿QUIEN PUEDE MATAR A UN NINO? gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen. Aber man ahnt, dass „die Erwachsenen“ mit dem millionenfachen Kindermord bereits eine Kollektivschuld auf sich geladen haben, von der sie sich nicht mehr reinwaschen können.

LeSamourai_Rep[1]„Der Herr dort, in dem beigefarbenen Trenchcoat und dem dunkelgrauen Hut, das ist mein Nachbar, Herr Costello. Eine interessante Person. Freunde nennen ihn Jef, aber allzu viele hat er nicht. Das bringt wohl der Beruf mit sich: Herr Costello ist nämlich Auftragskiller, müssen Sie wissen. Ja, Auftragskiller, wenn ich es Ihnen doch sage! Wie er zu diesem Beruf gekommen ist? Ehrlich gesagt, weiß ich das selbst nicht. Ich bezweifle auch, dass Herr Costello Ihnen diese Frage beantworten kann. Es scheint fast so, als habe nicht er diesen Beruf ergriffen, sondern als habe der Beruf ihn ausgewählt. Das erklärt vielleicht auch, warum er so blass wirkt. Finden Sie nicht auch, er sieht doch wirklich ungesund aus. Dabei hat er eigentlich ein sehr schönes, feines Gesicht. Ich sage immer, dass er ein bisschen wie ein Engel aussieht. Wie ein Todesengel, hahaha. Entschuldigen Sie, das war wirklich geschmacklos. Aber wenn Sie ihn näher kennen würden, würden Sie verstehen, was ich meine. Es ist die Art, wie er seinem Beruf nachgeht. So ruhig und konzentriert, trotzdem fast mühelos. Würdevoll, das trifft es. Aber ohne selbstgefälligen Stolz. Ich glaube, jeder Chef würde sich glücklich schätzen, einen so diskreten, zuverlässigen und pflichtbewussten Angestellten zu haben. Aber da ist noch mehr: Herr Costello übt seinen Beruf mit solcher Perfektion aus, dass man ihn von seiner Tätigkeit gar nicht mehr trennen kann. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass er etwas anderes tun könnte. Verstehen Sie jetzt, wieso ich ihn eben als Engel bezeichnet habe? Er vollführt seine Beruf, als habe er eine höhere Aufgabe erhalten. Da, schauen Sie hin! Sehen Sie, wie er mit seinen Fingernüber seine Hutkrempe streicht? Haben Sie es gesehen? Das ist der einzige Individualismus, den er sich gönnt. Soll ich Ihnen etwas sagen? Wenn Herr Costello nicht ab und zu über seine Hutkrempe streichen würde, könnte man meinen, er sei gar nicht da.

Sie sollten mal seine Wohnung sehen: Herr Costello lebt wie ein Mönch. ein Bett, zwei Stühle – dabei hat er noch nie Besuch gehabt -, ein Schrank. Und einen Vogelkäfig. Ja, Sie haben richtig gehört, er hält sich einen kleinen Vogel, manchmal höre ich ihn zwitschern. Die Wände sind extrem dünn, müssen Sie wissen. Der Vogel ist sein einziger Vertrauter. Wenn man einen solch gefährlichen Beruf hat, dann braucht man wahrscheinlich jemanden, auf den man sich bedingungslos verlassen kann. Der Vogel ist immer loyal und er braucht nicht viel zum Leben, wie Herr Costello selbst. Es mag sich komisch anhören, aber ich glaube, dass … Wie soll ich mich ausdrücken? Nun, dass die beiden miteinander verbunden sind … Verstehen Sie, was ich meine? Ich glaube, dass, wenn der Vogel eines Tages stirbt, dass dann auch Costello sterben wird … Ich weiß, was Sie jetzt denken. In der Gegenwart einer solch außergewöhnlichen Person kommt man wirklich auf die verrücktesten Ideen, hahaha. Ob ich Angst vor ihm habe, wollen Sie wissen? Nein, ich habe ja niemandem etwas getan. Wenn ich allerdings etwas auf dem Kerbholz hätte, mir jemand etwas Böses wollte, dann könnte es durchaus sein, dass irgendwann Costello bei mir vor der Tür stünde. Das würde ich meinem ärgsten Feind nicht wünschen. Aber Costello selbst ist harmlos. Ich weiß nicht, ob in ihm überhaupt etwas vorgeht, ob er so etwas wie Gefühle hat. Oder auch nur Gedanken. Er wirkt so … neutral, das ist das Wort. Ich habe ihn noch nie zornig gesehen. Noch nie sein Lachen gehört, nichtmal ein Lächeln habe ich gesehen. Schauen Sie ihn sich doch an: Er sieht fast grau aus, sehen Sie das? Er verschmilzt fast mit der Häuserwand hinter ihm. Je mehr ich darüber nachdenke, umso mehr Mitleid habe ich mit ihm. Dieser Beruf muss wirklich schrecklich sein. Wahrscheinlich ist es besser für ihn, rein gar nichts zu fühlen, keine Hoffnungen oder Träume zu haben. Es ist doch so: Wenn man in diesem Geschäft zu viel nachdenkt, dann wird man entweder verrückt oder man macht einen Fehler. Wofür er dann überhaupt arbeitet? Das ist wirklich eine gute Frage, eine sehr gute Frage. Geld ist es jedenfalls nicht. So wie er lebt … Aber ich vermute, die Antwort auf Ihre Frage ist einfacher als Sie denken: Herr Costello kann einfach nichts anderes. Er ist gut in seinem Beruf, warum sollte er also etwas anderes tun? Man sollte das tun, was man am besten kann, meinen Sie nicht? Nein, ich weiß nichts über seine Vergangenheit. Manchmal frage ich mich, ob er überhaupt eine Vergangenheit hat, ob er jemals Kind war, Eltern und Familie hatte. Mit Spielzeug gespielt oder auch nur gelacht hat. Das kann ich mir kaum vorstellen. Es scheint fast so, als war er schon immer da. Ja, jetzt wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf. Er sieht wirklich sehr, sehr müde aus. „

tw_PlakatZitat_0701.inddSchwierig. Zunächst mal: Ich mochte den Film. Ehrlich. Ich mag Mickey Rourke und Marisa Tomei, ich habe ein Faible für diese tragischen Underdog-Geschichten, ich liebe den Soundtrack, der vollgepackt ist mit 80er-Hardrock, und es hat mir imponiert, wie der Film die Eighties thematisiert – meiner Ansicht nach der spannendste Aspekt dieses Films. Abseits dieses subjektiven Gefallens drängt sich aber die berechtigte Frage auf, was die Kritikergilde, die diesen Film vollkommen über jedes vernünftige Maß abgefeiert hat, hier gesehen haben will, das diesen Film so bemerkenswert macht.

Randy „The Ram“ Robinson war einst ein Held der Massen, heute lebt er in einem vergammelten Trailer. Sein kärgliches Geld verdient er mit schlecht besuchten Conventions und Schaukämpfen gegen seine ähnlich ramponierten Gegner von damals. Seine Schmerzen stillt er mit allerhand Drogen und Medikamenten und die Lichtblicke seines Lebens sind die Besuche in der Stripbar, wo er „Cassidy“ besucht. Nach einer Herzattacke darf er nicht mehr kämpfen, doch ein normales Dasein ist für ihn nicht mehr lebbar – schon gar nicht, als sowohl die geliebte Cassidy als auch seine Tochter ihn zum Teufel schicken. Also wählt er den Freitod im Ring …

Das miserable Gedächtnis des Publikums dürfte zum Erfolg von THE WRESTLER nicht gerade wenig beigetragen haben. Rourkes fulminantes Comeback wurde überall beschrien, ganz so, als habe es SIN CITY nie gegeben (und die anderen Filme, die er gemacht hat, auch nicht). Klar, Rourke erhält hier mehr Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen und man merkt, dass ihm diese Rolle geradezu auf den Leib geschneidert wurde, aber ansonsten äußert sich in dieser Starfixierung doch nur, dass THE WRESTLER der ideale Film ist, um Leuten, die keinen blassen Dunst haben, das Gefühl zu geben, echte Kunstkenner zu sein. Hier ist alles so auf Arthouse gebürstet, dass es schon ein bisschen wehtut: Die Bilder sind trist, die Protagonisten verhökern ihre Leiber an sabbernde Idioten und haben keinerlei Perspektive mehr. Und wenn es dann doch ein bisschen aufwärts geht, folgt der nächste Tiefschlag auf dem Fuße. Es gibt ein bisschen nackte Haut (edgy!) und ein bisschen Gewalt (intense!). Klar, das ist durchaus überzeugend umgesetzt und gespielt, aber eben auch über Gebühr konstruiert: THE WRESTLER ist ein Tearjerker für ein Publikum, das nie auf die Idee käme, sich ein Melodram anzuschauen, weil es dafür zu cool ist.

Ein bisschen enttäuscht bin ich schon, hatte ich doch große Stücke auf Aronofsky gehalten. Doch THE WRESTLER legt den Schluss nahe, dass es mit dessen vermeintlichem Genie nicht halb so weit her ist, wie man zuvor angenommen hatte. Die Verschrobenheit von PI mutet nachträglich an wie das, was rauskommt, wenn Nerds versuchen, Lynch zu kopieren, REQUIEM FOR A DREAM erscheint so subtil wie ein Plattencover von Cannibal Corpse und THE FOUNTAIN war dann vielleicht doch nur verquaster Esokitsch.

OK, einen Gang zurück, denn schlecht fand ich THE WRESTLER nun auch wieder nicht: Vielleicht wollte Aronofsky nach dem Flop mit THE FOUNTAIN auch nur auf Nummer sicher gehen. Dann darf man ihn zu seinem Erfolg beglückwünschen und hoffen, dass es demnächst wieder einen etwas mutigeren Film von ihm zu bestaunen gibt. Ansätze sind auch hier da: Wenn er Randy als Kind der Achtziger zeichnet, den damaligen Zeitgeist durch den herrlichen Glamrock von Ratt und Konsorten heraufbeschwört und die Achtzigerjahre als eine Zeit beschreibt, in der ein Körper eine konkrete Sache war, ein Instrument, das Tatsachen schuf, während in der Gegenwart alles zigfach kodiert ist und ein Körper nur noch ein paar Dollar wert, sieht man am Horizont einen Actionfilm unter seiner Regie heraufziehen. Das käme Aronofsy auch deshalb entgegen, weil er definitiv kein Mann für leise Zwischentöne ist. Auch in THE WRESTLER neigt er dazu, seinen Punkt selbst dann noch nach Hause zu hämmern, wenn doch eigentlich alles längst klar ist.

Je mehr ich darüber nachdenke, umso besser gefällt mir die Idee mit dem Actionfilm …

angel eyes (luis mandoki, usa 2001)

Veröffentlicht: Mai 15, 2009 in Film
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mov_angel_eyes[1]Die Polizistin Sharon Pogue (Jennifer Lopez) scheint nur auf den ersten Blick glücklich: Auf den zweiten erkennt man, dass ihr Single-Dasein sie ebenso belastet wie ein ungelöster Konflikt mit ihrem Vater (Victor Argo), den sie einst wegen der Misshandlung ihrer Mutter persönlich verhaftete. Plötzlich tritt ein mysteriöser Fremder namens Catch (Jim Caviezel) in ihr Leben: Wie aus dem Nichts rettet er sie vor einem Verbrecher, schließlich entsteht eine Freundschaft zwischen den beiden, dann Liebe. Doch wann immer Sharon versucht, etwas über Catch herauszufinden, blockt der ab. Nur eins scheint gewiss: Er ist ihr irgendwann schon einmal begegnet …

Ich meine mich an eine positive Besprechung dieses Films in der SZ zu erinnern, die mich damals überraschte – dass ein Lopez-Vehikel im Feuilleton gelobt wird, dürfte schließlich nicht allzu oft vorkommen – und dazu führte, dass dieser Titel irgendwie hängengeblieben ist. Als ANGEL EYES mir dann für einen Heiermann in die Hände fiel, habe ich spontan zugegriffen, in dem Glauben, es mit einem Mystery-Thriller zu tun zu haben. Tatsächlich lässt Regisseur Mandoki lange unklar, was es mit Catch auf sich hat – ist er ein Geist oder gar ein Engel? – und diese Ungewissheit macht einen beträchtlichen Teil der Spannung des Films aus, ohne dass Mandoki seinen Film diesem Gimmick vollständig unterordnen würde. Stattdessen ist ANGEL EYES tatsächlich ausgesprochen rund, lebt von einem angenehmen Understatement, dass man so von Hollywood nicht kennt, Charakteren, die nicht nur aus Fassade bestehen, und den exzellenten Leistungen der beiden Hauptdarsteller. Vor allem Jennifer Lopez, die ich nur allzu gern in die Schublade „Plastikdiva ohne echtes Talent“ einordne, beweist, dass sie für diesen Rollentyp – das tomboyhafte Mädchen von nebenan („Jenny from da block“ eben)  – schlicht perfekt ist. Die Chemie zwischen ihr und Caviezel stimmt und so ist das ständige Auf und Ab der Gefühle, durch das ihre Charaktere hier geschickt werden, im Gegensatz zu anderen Liebesfilmen sehr glaubwürdig und keinesfalls bloßes Plotvehikel. Ja richtig, Liebesfilm: Ein solcher ist ANGEL EYES und hätte ich vor dem Kauf der DVD einen Blick auf Mandokis Filmografie geworfen, wäre mir das schneller bewusst geworden – allerdings hätte ich ANGEL EYES dann wohl nicht gekauft. Um Sachen wie MESSAGE IN A BOTTLE oder WHEN A MAN LOVES A WOMAN mache ich nach wie vor einen großen Bogen, die Sichtung dieses Films hat sich aber durchaus gelohnt, auch wenn die Produzenten Mandoki hier und da dann doch ins Handwerk gepfuscht haben. Der Musikeinsatz ist teilweise arg hausfrauenhaft und das Happy End ein Stück zu affirmativ für einen Film, der sich sonst mit seinen Gefühlsausbrüchen so im Zaum hält. Wie der Konflikt zwischen Sharon und ihrem Vater aufgelöst oder vielmehr nicht aufgelöst wird, ist etwa durchaus bemerkenswert und macht diese Romanze dann auch für Mannsbilder goutierbar, die mit ihrer weiblichen Seite im Reinen sind. Die wunderschöne Kameraarbeit rundet eine unerwartet positive Überraschung ab.  So, jetzt aber genug geschleimt!

Defender2004dvd[1]Lance Rockford (Dolph Lundgren) ist Sicherheitsbeamter des NSA. Als seine Chefin Roberta Jones (Caroline Lee-Johnson) zu einem Sicherheitsgipfel nach Europa gerufen wird, sind Lance und sein Team zur Stelle. Doch der Gipfel ist nur Vorwand für eine viel wichtigere Mission: In einem leerstehenden Hotel in der Nähe von Bukarest soll ein Treffen mit dem Anführer der größten muslimischen Terrororganisation stattfinden. Und natürlich gibt es bald schon Schwierigkeiten …

Lundgrens Regiedebüt lässt erahnen, was den Machern all der miesen DTV-Seagals der letzten zehn Jahre vorschwebte, ohne dass es ihnen gelungen wäre, diese Vision auch auf die Leinwand/den Bildschirm zu retten. Wie diese begibt sich auch THE DEFENDER auf das gefährliche Terrain des Agententhrillers und also in eine Welt des Verrats und Doppelverrats, der Lüge und Täuschung, in der das Interesse des Einzelnen und das der großen, schweigenden Mehrheit selten miteinander vereinbar sind. Der Agententhriller feierte seine Hochzeit in den Siebzigerjahren, als das Vertrauen der amerikanischen Bevölkerung in ihre Regierung einen herben Schlag erlitten hatte und Watergate den damaligen Präsidenten Nixon in die gefährliche Nähe ganz ordinärer Verbrecher rückte. Aus dieser Zeit, die von Regisseuren wie Pollack (THREE DAYS OF THE CONDOR) oder Pakula (THE PARALLAX VIEW) geprägt wurde, ist heute kaum mehr als ein vages, beinahe leeres, aber immer schön volksnah anmutendes und deshalb beliebtes Ressentiment gegen „die da oben“ übrig geblieben. Dieses Ressentiment zu vermeiden, eine Ahnung zu vermitteln von den komplexen diplomatischen Verwicklungen zwischen den obersten Regierungsorganen, ohne diese einerseits zu romantisieren noch sich andererseits in der bloßen filmischen Verdopplung dieser Komplexität zu verlieren, sie vielmehr in griffige Bilder und Geschichten zu übertragen, sind die Herausforderungen, denen sich der Regisseur eines Agenthrillers stellen muss. Anhand der oben genannten Seagals sieht man gut, was passiert, wenn man diesen Herausforderungen nicht gewachsen ist: Heraus kommen umständliche, unverständliche und schlicht zerredete Filme, deren zahlreichen unvorhersehbaren Twists und Turns eher albern als realistisch anmuten und die es einem als Zuschauer nahezu unmöglich machen, sich mit ihnen zu identifizieren. Es liegt längst nicht nur an Seagal, dass die fraglichen Filme von ihm wirken, als seien sie zu seinem Privatvergnügen gedreht worden. Lundgren hingegen, der mit den beiden Nachfolgern THE MECHANIK und MISSIONARY MAN schon bewiesen hat, wozu er in der Lage ist, meidet all diese Fallstricke, indem er seine ebenfalls kaum tiefstapelnde Geschichte auf ein ganz einfaches Belagerungsszenario herunterbricht und so komplexen Sachverhalten ein ganz konkretes Gesicht gibt, den Terror als Bedrohung greifbar macht und die Einsamkeit seiner Protagonisten betont. Lundgren selbst gibt dieser Einsamkeit, dem Schmerz des im Dienste der größeren Sache Agierenden ein eingefallenes, sprödes und mitgenommenes Gesicht, das sich dem Zuschauer offenbart, statt ihn auszuschließen.  

Weil THE DEFENDER ein Debüt ist, sieht man ihm auch seine Schwächen gern nach: Die Hatz durch Flure und unterirdische Gänge ermüdet nach einiger Zeit und die sich zum Finale häufenden Überraschungen sind (zumindest nach Erstsichtung) längst nicht alle plausibel. Dennoch muss man THE DEFENDER als gelungen, ja vielleicht sogar als beachtlich bezeichnen. Und das liegt nicht zuletzt daran, dass Lundgren einfach ein Gespür für Actionstoffe hat, weiß, wie man diese visuell umsetzt, und spürbar mit Leib und Seele bei der Sache ist. Wenn er und sein Team zu Beginn ernst dreinblickend über die Rollbahn zum Flugzeug marschieren und sich plötzlich mit einsetzender Zeitlupe auch die Gesichtszüge merklich aufhellen, ja ihnen gar ein entspanntes Lachen entweicht, weil sie zusammengehören, weil sie Profis sind, die sich nur in ihrem Job wirklich wohl fühlen, dann ist das schlicht und ergreifend ein Moment voller Kinomagie.

street_fighter[1]Der südostasiatische Staat Shadaloo wird vom Tyrannen General M. Bison (Raul Julia) geknechtet. Die in Shadaloo stationierten UN-Blauhelme unter der Führung von Colonel William Guile (Jean-Claude Van Damme) versucht der größenwahnsinnige Herrscher mittels Erpressung zu vertreiben: Eine Gruppe von Touristen befindet sich in seiner Gewalt und soll ermordet werden, wenn die Truppen nicht abziehen. Doch da hat Bison die Rechnung ohne Colonel Guile gemacht: Der versammelt entgegen der Befehle von oben seine Leute um sich und bläst zur Attacke …

STREET FIGHTER gehört zur ersten Welle des bis heute andauernden und stetig populärer werdenden Trends, Video- und Computerspiele für die Leinwand zu adaptieren (ungefähr zur selben Zeit erfuhren die Super Mario Bros. sowie Mortal Kombat ihre Verfilmung) – und auch die mehr als verhaltenen Reaktionen, die er erntete, dürfen bis heute als repräsentativ für die Rezeption dieses „Genres“ angesehen werden. Auch ich war damals, als ich STREET FIGHTER pünktlich zu seinem Erscheinen auf Video begutachtete, vor allem enttäuscht. Das Super-Nintendo-Spiel gleichen Namens hatte mich monatelang an die Konsole gefesselt, seine Charaktere waren mir sehr ans Herz gewachsen, obwohl oder gerade weil sie lediglich mit einer wenige Zeilen umfassenden Biografie ausgestattet waren, die viel Platz für eigene Ausschmückung ließ. De Souza, einer der renommiertesten Drehbuchautoren der 80er- und 90er-Jahre und ausgewiesener Actionspezialist (u. a. 48 HRS., COMMANDO, THE RUNNING MAN, DIE HARD), hatte sich eine denkbar schwierig zu adaptierende Vorlage ausgesucht: Für ihn ergab sich vor allem das Problem, dass das seinem Film zugrunde liegende Videospiel auf eine Narration fast komplett verzichtete, somit ein Großteil „hinzugedichtet“ werden musste, um daraus einen Film zu machen; gleichzeitig durften die Fans des Spiels natürlich nicht vollkommen verprellt werden. Die Balance zwischen diesen beiden Aspekten zu finden, scheint nicht erst aus heutiger Sicht nahezu unmöglich, denn mit der „Filmisierung“ dieses Spiels musste man letztlich genau das zerstören, was es in erster Linie ausgezeichnet hatte. STREET FIGHTER verlor also an beiden Fronten: Der Fan des Spiels konnte die Demontage geliebter Figuren nur schwer ertragen, allen anderen dürfte das bunte Treiben auf der Leinwand kaum mehr als infantil erschienen sein. De Souzas Film ist somit ein in jeder Hinsicht schizophrenes Erlebnis, weil man einerseits merkt, dass er auf Gedeih und Verderb an die Vorlage gebunden war – wirklich jeder Charakter des Spiels taucht auf, auch wenn er mit seiner Pixelvorlage nicht mehr als den Namen teilt -, sein Film letzten Endes mit diesem dennoch kaum etwas gemein hat. Schon der Titel läuft vollkommen ins Leere, weil die Straßen-Zweikämpfe des Spiels hier durch wilde Kriegswirren und Schlachtengetümmel ausgetauscht werden. Und um das konzeptionelle Durcheinander perfekt zu machen, treffen in STREET FIGHTER Bilder aufeinander, die beim besten Willen nicht vereinbar sind: Terror, Armut, Aufruhr und die einem mittlerweile aus Nachrichtensendungen sehr vertrauten Blauhelme auf der einen, der irre Bison mit seiner Fantasieuniform und bondschurkenhaften Weltbeherrschungsplänen sowie die restliche Schar depperter Charaktere auf der anderen. In seiner irrwitzigen Kombination von realen Elementen und vollkommen infantilem Schnickschnack ist STREET FIGHTER nur schwer zu toppen.

Und hier eröffnet sich dann auch die Möglichkeit, De Souzas Film wirklich zu mögen: Ich müsste lange überlegen, um mich an einen Film zu erinnern, den ich als ähnlich kurzweilig empfunden habe. Im Grunde ist STREET FIGHTER sowas wie die Apotheose des Gebrauchsfilms: Die 95 Minuten fliegen nur so vorüber und kaum sind die Credits abgelaufen, hat man ihn auch schon wieder vergessen. Das heißt nicht, dass er keinerlei Qualität hat: Raul Julia, vom Krebs, der sein Leben kurze Zeit später beenden sollte, schwer gezeichnet, gibt den Tyrannen mit Verve und erfüllt die Plastikfigur mit Leben; Settings und Kostüme lassen das Kinderherz höher schlagen und – so plump die Geschichte auch ist – De Souzas Talent scheint dann doch immer wieder durch. Herrlich der Austausch zwischen dem Computerxperten und dem tumben Henchman Bisons als das Imperium ihres Chefs den Bach runtergeht: Letzterer will erst gar nicht glauben, dass er für  „den Bösen“  gearbeitet hat, und fällt endgültig aus allen Wolken, als er erfährt, dass er der einzige aus dessen Stab war, der keinerlei Bezahlung erhalten hat: „You got paid?“ Da merkt man dann schon, das De Souza über die Strukturen des Actionfilms ganz gut Bescheid weiß und Freude daran hat, mit ihnen zu spielen. Leider hat er nach diesem Flop nicht mehr allzu viel Gelegenheit erhalten, sich im Regiefach zu versuchen. Da hilft es also nur, STREET FIGHTER eine neue Chance zu geben und sich an handgemachtem Unfug zu berauschen.

SpeedRacerPoster01[1]Wenn man diesem Film an den Kragen will, gibt es gleich dutzende von möglichen Ansatzpunkten für vernichtende Kritik. Und das sympathische an SPEED RACER: Seine Macher scheinen das gewusst und drauf geschissen zu haben. Schon die MATRIX-Trilogie handelte den Regisseuren nach anfänglicher Euphorie später nur noch Häme und Spott ein, so als könnten sie etwas dafür, dass sich die Antinomien unserer Welt nicht mehr befriedigend auflösen, nicht alle Fragen endgültig beantworten ließen. Dass MATRIX REVOLUTIONS nach der idealistischen Aufbruchsstimmung des ersten Teils in eine Zerstörungsorgie mündete, ist vielleicht ernüchternd, entbehrt aber nicht einer gewissen grausamen Logik und einer tieferen Einsicht in den Status quo. Es mag durchaus sein, dass die beiden Regie-Exzentriker sich auf dem Weg durch die Philosophieabteilung ihrer Bibliothek etwas vom Weg abgekommen waren, sie letzten Endes doch mehr mit japanischer Animation, Kung-Fu-Schnickschnack und Ray-Bans anzufangen wussten als mit Baudrillards „Simulacra and Simulation“ und sie weniger ein postmodernes Spiel mit Verweisen und Zitaten spielten als vielmehr bloßes Namedropping zu betreiben. Meines Erachtens spielt das aber bei der Bewertung der Filme keine Rolle, weil es Spekulation bleibt. Die Kritik an der MATRIX-Trilogie sagt m. E. weit mehr darüber aus, was wir uns von unserer Welt zu Unrecht erhoffen, als über die Filme der Wachoskis, ohne deren Einfallsreichtum die Filmwelt heute im Jahre 10 nach THE MATRIX definitv anders aussähe – im Positiven wie auch im Negativen.

Das bringt mich wieder zu SPEED RACER, an dem man wunderbar seine ideologiekritischen Messer wetzen könnte, wenn man denn ein humorloser Griesgram wäre. Aber mal ehrlich: Will man sich wirklich noch darüber aufregen, dass ein von einem Multimillionen-Dollar-Konzern produzierter Film, der natürlich in erster Linie eine gewisse Rendite einfahren soll, das Hohelied auf Integrität und Ehrlichkeit singt und einen rücksichtslosen Kapitalisten als Schurken aufbietet? Ist das billige Ironie, echte Subversion oder einfach schlichte Konvention? Sollte man darüber wirklich auch nur noch eine Silbe verlieren? Möchte man SPEED RACER, der von der ersten Sekunde an sämtliche Sinneskanäle seiner Zuschauer mit Eindrücken förmlich bombardiert, sich dabei erst in zweiter Linie für Narration, Nachvollziehbarkeit und Logik interessiert, als böse Überrumpelungsmaschine ohne Herz und Seele bezeichnen oder sieht man dahinter doch eher den gelungenen Versuch, eine hyperrealistische Entsprechung der ihm zugrundeliegenden Animeserie zu schaffen? Betrachtet man die schiere Lust am Blödsinn und Krawall, die SPEED RACER förmlich überquellen lässt, als nur das und nicht mehr oder sieht man in seinem infantilen Überschwang nicht doch auch etwas sehr Befreiendes, eine Abkehr von augenzwinkernder Ironie und überlegener Cleverness, die stets darauf bedacht ist, sich keine Blöße zu geben?

Mir hat SPEED RACER auch deshalb gefallen, weil ich mir diese Fragen seit der Sichtung unaufhörlich selbst stelle. Weil SPEED RACER voller Einfälle und Ideen steckt, die munter die ganze Bandbreite von debil bis grandios abdecken. Weil SPEED RACER zwar komplett aus der Retorte kommt, aber der gern genommene Vorwurf der „Seelenlosigkeit“ hier einfach nicht greift. Weil ich seit Tsui Harks LEGEND OF ZU keinen Film mehr gesehen habe, der so versessen darauf war, dass totale Bild zu malen. Weil SPEED RACER das immense Kunststück gelingt, einen Schimpansen zu seinen Protagonisten zu zählen, dessen Zoten ich tatsächlich lustig fand. Vor allem aber, weil mir der Verriss, den ich oben skizziert habe, als viel zu einfach und billig erscheint …

deuxieme_souffle[1]In der Pariser Unterwelt verbreitet sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, dass Gustave „Gu“ Minda (Lino Ventura), der einst an einem spektakulären Goldraub beteiligt war, die Flucht aus dem Knast gelungen ist. Und weil Gu mitten in einen schwelenden Konflikt konkurrierender Unterweltler hineinplatzt, in den auch seine Geliebte Manouche (Christine Fabréga) verwickelt ist, ist ihm bald schon der gewiefte Kommissar Blot (Paul Meurisse) auf den Fersen. Gu will nur noch weg, ins Ausland, doch dazu braucht er Geld. Es kommt ihm gerade recht, dass sein alter Kumpel Paul Ricci (Raymond Pellegrin) einen Überfall auf einen Platintransport plant und dafür noch Leute sucht …

LE DEUXIÈME SOUFFLE beginnt mit einem Aphorismus, der besagt, dass jeder Mensch das Recht habe, den Zeitpunkt seines Todes frei zu wählen. Wer jedoch aus reiner Lebensmüdigkeit den Freitod wähle, erkläre damit seine ganze Existenz für sinnlos. Die Flucht von Gu, seine Versuche, sich dem Zugriff von Polizei und Feinden zu entziehen und ein neues Leben zu beginnen, erscheinen nach diesem Aphorismus zwangsläufig in einem anderen Licht, machen jede vage Zuschauerhoffnung auf ein Happy End schon zunichte, bevor Gu überhaupt zum ersten Mal auftritt: Gus Flucht ist keine Suche nach Freiheit, sondern die nach einem akzeptablen Tod.

LE DEUXIÈME SOUFFLE markiert einen Punkt in Melvilles Schaffen, an dem sich seine existenzialistische Philosophie, seine Weltanschauung und seine Bildsprache radikalisieren sollten. Die Vorgänger erzählten zwar ähnliche Geschichten, doch gab es dort immer auch noch einen Anflug leisen Humors, der dem Geschehen die Schwere nahm. Und man konnte mit Melvilles Protagonisten mitleiden, mitfiebern, sich mit ihnen freuen: Gu und seine Nachfolger kann man nur noch akzeptieren. Sie sind einfach da und wir beobachten sie für die Dauer eines Films. Trotz seines komplizierten Handlungsverlaufs – wer da mit wem warum eine Allianz gegen wen bildet, ist nicht immer nachvollziehbar – bleibt LE DEUXIÈME SOUFFLE stets seltsam statisch: Das beginnt schon beim Ausbruch zum Auftakt, der in wenigen unbewegten, flächigen Bildern und ohne jegliche Musikuntermalung aufgelöst ist, setzt sich fort in den beengten Settings, die Gus Verstecke ausmachen, sowie den in Zwielicht getauchten Räuberhöhlen, Nachtclubs und Polizeirevieren und findet seinen krönenden Abschluss während des Raubüberfalls in einer zerklüfteten, windgepeitschten Berglandschaft, bei dem jede Bewegung, jede Handlung wie einem inneren Zwang folgend in die nächste greift. Hier wird nicht bloß ein verbrecherischer Coup gelandet, hier werden ganz existenzielle Konflikte in einer Landschaft geronnener Symbolik ausgetragen.

Man kennt das aus anderen, späteren Filmen von Melville, etwa aus LE SAMOURAI oder LE CERCLE ROUGE: Die Welt ist in ihrer Zweiteilung in Ober- und Unterwelt fest gefügt, die Zugehörigkeit zu einer der beiden Seiten wird schon mit der Geburt festgelegt, jeder Versuch, aus diesem Gefüge auszubrechen, die Seiten zu wechseln, muss scheitern. So besteht das Dasein von Melvilles Protagonisten darin, ihre Bestimmung mit ihrem ganzen Sein anzuerkennen, anstatt sie nur mangels einer Alternative zu erfüllen. Und ihre einzige Freiheit wiederum besteht eben darin, über den eigenen Tod zu verfügen. Die Handlungen der Charaktere sind in Ritualen und Codes erstarrt, die einen letzten Rest von Sicherheit gewähren sollen, aber kaum mehr sind als verblasste Wegweiser, deren ursprüngliche Bedeutung längst verloren ist. So bestimmt und selbstbewusst Gu und seine „Berufsgenossen“ also auch ihres Weges gehen und ihr Handwerk ausüben, letztlich ist ihr Ziel schon vorgeschrieben. Das weiß auch Gu. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als den Zeitpunkt seines Todes so lang herauszuzögern, bis er sich mit dessen Umständen einigermaßen arrangieren kann. Der zweite Atem des Titels ist ein langer. Aber eben auch der letzte …

the ruins (carter smith, australien/usa 2008)

Veröffentlicht: Mai 11, 2009 in Film
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ruins-poster-2[1]Als ich THE RUINS in meinen Player schob, erhoffte ich mir nicht viel mehr einen kurzweiligen Pocorn-Horrorfilm, also eigentlich genau das, was man bei solch nominell unambitionierter Genreware maximal erwartet und was ein Film wie GHOST SHIP dennoch um mehrere Kreuzfahrtschifflängen zu verpassen schafft.  THE RUINS legt dann auch entsprechend schematisch los, präsentiert die üblichen Twens, die im Mexikourlaub tun, was sie zu Hause nicht tun dürfen und dabei einem zwielichtigen Deutschen begegnen, der ihnen am letzten Tag vor der Abreise endlich etwas Kultur vermitteln soll.  Auf geht’s zur titelgebenden und vom Tourismus bislang unentdeckten Ruine. Schon auf dem Weg häufen sich die Warnsignale, die natürlich allesamt missachtet werden, sich aber dann schon kurz nach dem Erreichen des Ziels konkretisieren. „Been there, seen that“, möchte man meinen. Doch obacht: THE RUINS verlässt die ausgetretenen Pfade des Zehn-kleine-Negerlein-Horrors, wenn er zum Hauptteil kommt.

THE RUINS ist von der Fanboy-Gemeinde, für die solche Filme in erster Linie gedreht werden, nur mäßig aufgenommen worden. Das verwundert kaum: THE RUINS geht fast aufreizend lässig mit seinem Potenzial um, gönnt sich den Luxus, sein „Monster“ sehr ökonomisch einzusetzen, anstatt die Überwältigungsmasche anzuwerfen, und nicht jede Zuschauererwartungen zu befriedigen oder gar zu übertreffen. THE RUINS bezieht seine Spannung und seinen Reiz tatsächlich weder vordergründig aus seinem Monster oder seinen Effekten noch aus dem Grad der zur Schau gestellten Grausamkeiten, vielmehr bemüht sich Smith erfolgreich, klassische Suspense zu erzeugen und seinen Zuschauern zu suggerieren, dass da auch noch eine Geschichte hinter den Bildern ist. Was mich an THE RUINS mehr als bei anderen vergleichbaren Filmen über seine Spielzeit hinaus beschäftigt hat, war all das, was Smith nicht zeigt, was er nicht erzählt, sondern bestenfalls andeutet. Auch wenn der gezeigte Aderlass heftig und die Zahl der Überlebenden gering ist: Man wird den Eindruck nicht los, dass es diesmal noch einigermaßen glimpflich abgelaufen ist, man nicht dem absoluten Ernstfall beigewohnt hat, die Ruinen (und ihr Einwohner) noch zu ganz anderem fähig sind. Zu dieser suggestiven Ebene gesellen sich eine sympathische und vor allem glaubwürdig agierende Protagonistenschar, die ausnahmsweise einmal nicht ausschließlich aus hilf- und ahnungslosen Hedonisten besteht, und eine gelungene Inszenierung, der es gelingt, das Unsichtbare manifest zu machen. Eine drückende Stimmung lastet auf dem Film und rückt THE RUINS sogar in die Nähe von eher erwachsenen Horrorfilmen wie etwa WOLF CREEK. Na klar, inhaltlich ist das ganze auf dem Niveau eines grellen Horrorcomics angesiedelt und THE RUINS alles andere als ein filmisches Meisterwerk: Aber sein Regisseur beweist recht eindrücklich, dass effektives Genrekino keines visuellen und technischen Overkills bedarf, sondern die guten, alten Methoden der Spannungserzeugung immer noch weitaus nachhaltiger wirken. Das ist, wie ich finde, eine durchaus respektable Leistung.