tunes of glory (ronald neame, großbritannien 1960)

Veröffentlicht: Juni 3, 2009 in Film
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tunes_of_glory[1]Major Jock Sinclair (Alec Guinness) wurde zum Soldaten geboren: Das trinkfeste Raubein stammt aus einer langen Ahnenreihe von Kämpfern, eine andere Tätigkeit, als Soldat zu werden, kam für ihn nie in Frage. Umso mehr wurmt es ihn, dass er als Kommandant seines auf einer Festung in Schottland stationierten Regiments von einem sprichwörtlichen Paragrafenreiter abgelöst werden soll: Lieutenant Basil Barrow (John Mills) ist das komplette Gegenteil Sinclairs, ein kultivierter Mann aus gutem Haus, mit abgeschlossener Hochschulausbildung, besten Referenzen und einer Abneigung gegen Alkohol und Männerbünde. Mills bricht in das gut funktionierende Gefüge mit dem Willen ein, sich durchzusetzen und seine Regeln zu etablieren und ruft damit den Unmut der Männer hervor. Sinclair geht auf Konfrontationskurs …

Trotz der Besetzung mit zwei der größten Stars, die das britische Kino im vergangenen Jahrhundert zu bieten hatte – Mills und Guinness agierten bereits in David Leans GREAT EXPECTATIONS nebeneinander -, war TUNES OF GLORY an der Kinokasse kein großer Erfolg beschieden. Erschien er seinem Publikum damals als altmodisch, so kann man ihm heute durchaus bescheinigen, „zeitlos“ zu sein; eine Qualität, die auch andere Filme von Neame aufweisen. Im auf der Criterion-DVD enthaltenen Interview beschreibt sich Neame selbst als zurückhaltenden Regisseur, der lieber seinen Schauspielern den Vortritt lässt, anstatt sich selbst aufzudrängen: Diese Strategie hat sich für ihn auch in TUNES OF GLORY ausgezahlt, dem man trotz des mäßigen Erzähltempos und der Abwesenheit von Actionsequenzen oder Spezialeffekten gebannt folgt. Das liegt natürlich nicht zuletzt am Hauptdarstellergespann: Guinness beweist, dass er auch gegen den Strich besetzt werden kann, Mills verleiht der deutlich schwieriger zu spielenden Figur des Barrow viel stille Würde, ohne dafür gespreizte Szenen zu benötigen. Diese Qualitätsarbeit setzt sich auch in der Riege der ausgezeichneten Nebendarsteller fort, zu der u. a. Dennis Price in einer ungemein spannenden Rolle sowie Gordon Jackson oder Susannah York gehören. Zurück zum Film: Der Konflikt von TUNES OF GLORY gründet auf dem in Großbritannien noch stärker vorhandenen Klassenbewusstsein. Sinclair und Barrow hassen sich schon deshalb, weil sie anderer sozialer Herkunft sind. Der aus einfachen Verhältnissen kommende Sinclair fühlt sich durch seine Abberufung verraten, ihm wird etwas weggenommen, was rechtmäßig ihm gehört. Und das ausgerechnet von einem Mann wie Barrow, dem – so glaubt Sinclair – doch alles immer nur in den Schoß gefallen ist, der sich noch nie durch Taten bewähren musste (in einer bezeichnenden Szene suggeriert Sinclair, dass seine wegen eines kleineren Delikts abgesessene Haftstrafe härter war, als die Monate der Kriegsgefangenschaft, die Barrow durchlitten hat). Barrow hingegen weiß ganz genau, dass ihm der „Stallgeruch“ fehlt, der ihm bei den Männern erst den Respekt einbringen würde, den er vom Rang her verdient. Diesen Mangel versucht er durch Strenge wettzumachen, doch erreicht er damit natürlich genau das Gegenteil. Barrows Kampf ist auch eine verzweifelte Suche nach Anerkennung. Das Duell zwischen diesen beiden Kontrahenten nutzt Neame für einen Film, der seine Spannung aus einer ständig im Wanken begriffenen Zuschauersympathie bezieht: Meint man zunächst, der chauvinistische Sinclair benötige dringend eine verdiente Abreibung, so entpuppt sich Barrow bald schon als unberechenbarer Kleingeist mit einigen auffälligen psychischen Aussetzern. Freut man sich über seine anstehende Demontage, offenbart er eine verwundbare Seite, die Empathie für ihn weckt und ihn als Menschen transparent macht. Der Kampf zwischen dem ungehobelten Sinclair und dem feingeistigen Barrow, dem Bauch- und dem Kopfmenschen, dem Arbeiter und dem Intellektuellen – ein Konflikt, der zu den Konstanten des Kinos und vor allem des „Männerfilms“ gehört – kann nicht entschieden werden. Es ist nur folgerichtig, dass am Ende beide auf ihre Weise verlieren. TUNES OF GLORY ist auch ein Film über das Ende einer Zeit und einer damit verbundenen Tradition: Auf ihrer schottischen Festung eingeschlossen frönen die Männer um Sinclair einem Leben, das außerhalb der Mauern kaum noch Bestand hat und dessen Fortbestehen sie verteidigen müssen, um ihre eigene Existenz zu wahren. TUNES OF GLORY lässt sich somit durchaus in eine Filmtradition eingliedern, zu der solch unterschiedliche Autoren gehören wie Peckinpah, Siegel, Chang Cheh, Melville, mit der Ausnahme, dass Neame sich ganz der Innenseite des Konflikts annimmt. Seine Pistolenkugeln sind Worte und Blicke. Am Ende fügen diese aber kaum weniger schmerzhafte Wunden zu. Und töten können sie auch.

TUNES OF GLORY lohnt – wie das Werk Neames generell – eine Wiederentdeckung. Sieht man über ein heute vielleicht etwas zu theatralisch anmutendes Ende hinweg, hat man es hier mit einem Film zu tun, der einen noch lange beschäftigt.

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