l’armée des ombres (jean-pierre melville, frankreich/italien 1969)

Veröffentlicht: Juni 8, 2009 in Film
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2uyk60j[1]Nachdem Philippe Gerbier (Lino Ventura), einem Mitglied der französischen Resistance, die Flucht aus deutscher Gefangenschaft gelungen ist, schließt er sich wieder seiner Gruppe an, die von dem Philosophen Luc Jardie (Paul Meurisse) angeführt wird. Ihre gemeinsame Arbeit wird immer wieder von neuen Hiobsbotschaften unterbrochen: Mitglieder und Freunde werden verhaftet und müssen entweder gerettet oder aber von den eigenen Leuten exekutiert werden, bevor sie wichtige Informationen preisgeben können. Alle Widerstandskämpfer scheinen einen Pakt mit dem Tod abgeschlossen zu haben …

Mein verzweifelter und kläglich gescheiterter Versuch einer Inhaltsangabe deutet es schon an: L’ARMÈE DES OMBRES, so etwas wie Melvilles persönlichster Film – er war während des Zweiten Weltkriegs selbst Mitglied der von de Gaulle angeführten Resistance -, lässt sich nicht auf herkömmliche Art und Weise beschreiben, steht er doch geradezu monolithisch vor seinem Betrachter: von beeindruckender, überwältigender Größe und mit einer Oberfläche versehen, an der nicht nur sämtliche hermeneutischen Widerhaken abprallen, sondern beinahe auch der Blick. In kargen, in Melvilles typischer Farbpalette aus in Braun- und Grautönen gehaltenen Bildern malt der Regisseur das Bild eines zwar heroischen, aber auch schier hoffnungslosen, tragischen Kampfes. Seine Helden sind – wie auch schon Gu Minda in LE DEUXIEME SOUFFLE und Jef Costello in LE SAMOURAI – bereits tot, bevor der Film begonnen hat: In diesem Wissen planen sie ihre Schritte, widmen ihre verbleibende Zeit selbstlos der gerechten Sache, sich immer darüber bewusst, dass sie nicht mehr da sein werden, wenn die Früchte ihres Einsatzes geerntet werden. Sie führen ein Leben auf Abruf, Ihre Zeit ist nur geliehen, einen Aufschub wird es nicht geben – ein typisches Sujet Melvilles, dessen Filme in einem Zustand des suspendierten Ablebens angesiedelt zu sein scheinen. Und so heroisch diese Selbstaufgabe auch ist, ihre Taten sind es nicht: Ihr Kampf gegen die Naziokkupation unterscheidet sich in seinen Mitteln kaum von dem des verhassten Gegners. Gerbier und seine Kameraden machen eine schmutzige Arbeit. Auf Absolution können sie dabei nicht hoffen: Sie sind letztlich Mörder wie ihre Gegner, aber sie sind bereit, Schuld auf sich zu laden, um ihr Volk und ihr Land zu befreien. Doch diese Verantwortung lastet schwer auf ihnen: Der Blick in ihre Augen zeigt keinen heldischen Stolz, sondern nackte Angst, ihre Bewegungen wirken verzögert, wie von einem unsichtbaren Gewicht beschwert. Weder wissen sie, ob ihr Kampf zum Ziel führen wird, noch, ob ihnen nicht wie ihren Feinden die ewige Verdammnis blüht.

Ganz deutlich wird das in einer Szene zu Beginn. Der Verräter, der für Gerbiers Inhaftierung verantwortlich war, wird von den Männern in eine verlassenes Haus gebracht. Es ist klar, dass sie ihn dort hinrichten werden. Ganz nüchtern sprechen sie darüber, dass sie ihn nicht wie geplant werden erschießen können: Die Wände seien zu dünn, man würde die Schüsse hören. In der Gegenwart des Verräters, einem beinahe noch Jugendlichen, beschließen sie, dass sie ihn erdrosseln müssen. Und das tun sie dann auch; sachlich, ohne jegliche Emotion. Es gefällt ihnen nicht, aber es gehört zu der Rolle, die sie angenommen haben. Und der junge Mann lässt alles regungslos mit sich geschehen: Es gehört zu dem Spiel, dessen Regeln sie schweigend anerkennen.

Melvilles Film trägt alle Züge eines Mahnmals: Er erklärt nichts, versucht gar nicht erst, das Unbegreifliche begreifbar zu machen, begnügt sich in Andeutungen und Momentaufnahmen, die erahnen lassen, was es bedeutete, sich bis zur Selbstaufgabe für die gemeinsame Sache einzusetzen. Einen Plot im herkömmlichen Sinne gibt es nicht: Es dauert beinahe 90 Minuten, bis die Sammlung elliptischer, fragmentarischer Episoden, deren Kontextlosigkeit ihnen einen teilweise fast surrealen Zug verleiht, einen größeren, übergeordneten Bogen erhält. Es gibt keine Katharsis am Ende, kein pathetisches Schlussbild, keine lang ausgewalzte Trauerszene, keinen auflockernden Humor – noch nicht einmal die Gewalt wird gezeigt, nur ihr Resultat. Es ist die Flüchtigkeit des Lebens, die überwiegt und erschreckt, die schreiende Leere, die bleibt, wenn die Helden verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen, die stumme Regungslosigkeit, mit der sie ihr unausweichliches Schicksal annehmen.

Da ist die Episode um Jean Francois (Jean-Pierre Cassel), der sich selbst ausliefert, um dem inhaftierten Freund Felix (Paul Crauchet) beistehen zu können. Um seine Kameraden nicht zu gefährden, verschweigt er den Nazis seinen wahren Namen. Ob er wisse, was es bedeute, wenn er seine wahre Identität verschweige, fragt ihn der Nazi, der ihn verhört. Jean Francois weiß es. Es bedeutet, dass er sterben wird, ohne dass irgendjemand jemals davon erfahren wird. Er wird einfach verschwinden, ohne eine Spur, ohne Grab. Als wäre er niemals dagewesen. Er bleibt stumm. Als auch die letzte Chance auf Rettung dahin ist, bietet er dem halbtot geprügelten Felix, mit dem er sich ein dreckiges Kerkerloch teilt, eine Zyankali-Kapsel an. „Möchtest du eine meiner Kapseln haben?“ Er verschweigt, dass er nur noch eine einzige besitzt.

Melvilles Helden lassen jeden Esprit, jede sichtbare Begeisterung vermissen. Es sind Profis, denen ihre Tätigkeit so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie sich nicht mehr von ihrer Person trennen lässt. Sie sind, was sie tun, nicht mehr. Handlungen werden schweigend und mit schlafwandlerischer Sicherheit und fast um ihrer selbst Willen ausgeführt. Es geht nicht mehr um das „Warum“ oder das „Dazu“: Die Handlung steht für sich allein, ist Ritual geworden. Alles was getan wird, wird getan, um einen letzten Rest von Sinn aufrechtzuerhalten, in einer Welt die in Auflösung begriffen ist. Und so lassen sich auch Melvilles Filme eher instinktiv als rational begreifen: Was die Protagonisten seines Kinos tun, warum sie sich so verhalten und nicht anders, bleibt dem Betrachter oft verborgen. Aber wir verstehen sie durch und in ihren Handlungen. In L’ARMÈE DES OMBRES überträgt sich dieses Rituelle auf die gesamte Struktur des Films, dessen Szenenabfolge einer inhärenten Logik geschuldet scheint, die sich dem Zuschauer hermetisch verschließt. Bernd Kiefer bezeichnet Melvilles Oeuvre als „eine filmische Mythologie der Leere“. Ich würde L’ARMÈE DES OMBRES in Anlehnung an diesen Begriff als „Kino des Verschwindens“ bezeichnen: Seine Protagonisten verschwinden ins Nichts (einmal wird ein Nebencharakter schmucklos und unvermittelt per Off-Kommentar verabschiedet: „Drei Tage später wurde er erschossen.“), das Schicksal seiner Protagonisten wird am Ende knapp per Schrifteinblendungen verkündet – sie bestätigen nur, was schon besiegelt war -, Handlungsfäden laufen ins Leere, selbst die Settings erinnern in ihrer Aufgeräumtheit an die Bühnenbilder eines absurden Theaterstücks, eine Parallelwelt, in die sich die Abwesenheit jeglicher verräterischer Emotion eingeschrieben hat. „Verschwinden“, das suggeriert ein schleichendes Auflösen in Stille, ein harmonisches, lautloses Fließen ins Limbo. Tatsächlich: Welche emotionalen Erdbeben dieses Verschwinden auslöst, lässt sich nur erahnen, nicht mehr erleben. Melvilles Helden schreien nicht und sie vergießen auch keine Tränen mehr. In einer Szene fordert Philippe seine Kameradin Mathilde (Simone Signoret) dazu auf, das Foto ihrer Tochter, dass sie bei sich trägt, zu vernichten. Sie mache sich damit angreifbar, sollte sie in Gefangenschaft geraten. Am Ende erfahren wir, dass Mathilde tatsächlich gefasst wurde, sie das Foto gegen jede Vernunft behalten hat und die Existenz der Tochter nun als Druckmittel gegen sie verwendet wird. Mathilde ist bereit zu gehen, sich aufzulösen. Das Foto aber braucht sie, um sich daran zu erinnern, wer sie war.

Kommentare
  1. […] Debüt LA SILENCE DE LA MER beschäftigt sich Melville mit der Zeit der Besatzung, der er 1969 in L’ARMÈE DES OMBES nocheinmal widmen sollte. Und wie in seinen Gangsterfilmen geht es auch hier um eine Freundschaft […]

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