band of the hand (paul michael glaser, usa 1986)

Veröffentlicht: Juni 12, 2009 in Film
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band_of_the_hand[1]Fünf jugendliche Straftäter, allesamt mit äußerst bescheidenen Chancen auf Rehabilitation und Reintegration, werden aus ihren Zellen geholt und in ein neues staatliches Erziehungsprogramm gesteckt: Unter der Obhut des Miccosukee-Indianers Joe (Stephen Lang) sollen sie ein Überlebenstraining in der Wildnis der Everglades absolvieren und damit sowohl Selbstachtung als auch Respekt vor anderen lernen. Im zweiten Schritt ihrer „Ausbildung“ geht es für sie darum, das Gelernte in der Realität umzusetzen: Dazu beziehen sie gemeinsam ein heruntergekommenes Haus in einem von Drogendealern und -abhängigen bewohnten Viertel Miamis. Hier sollen sie nun nicht nur ihren Lebensraum verteidigen, sondern auch selbst positiven Einfluss auf ihr Umfeld nehmen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan, denn dem Drogenzar Nestor (James Remar) sind die Jungs ein absolutes Dorn im Auge …

BAND OF THE HAND ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Er stellt wohl den besten Beitrag zum Mini-Subgenre des Jugendliche-Actionhelden-Subgenres dar (andere Titel sind etwa NEVER TOO YOUNG TO DIE oder TOY SOLDIERS) und wurde von Michael Mann produziert, der damals mit MIAMI VICE das Fernsehen revolutionierte und diesen Film visuell deutlich an die Erfolgsserie anlehnte. Paul Michael Glaser, der Starsky von STARSKY & HUTCH, dürfte als Regisseur auf die Rolle des Befehlsausführers reduziert gewesen sein, so überdeutlich ist die Handschrift Manns erkennbar. In erlesenen Bildern, die vor allem den ausgeprägten Sinn Manns für ästhetisch aufregend anzuschauende Lichtspiele und seine Vorliebe für pastellfarbenen Pop-Chic widerspiegeln, wird dem Zuschauer hier eine Geschichte aufgetischt, die den unglaublichen Spagat zwischen Achtzigerjahre-Empowerment-Fabel mit sozialkritischem Anspruch und tolldreistem Teenie-Gewaltepos versucht – und dies ohne jeglichen Anflug von relativierendem Humor. Dieser Spagat wird auch in der auffälligen Zweiteilung des Films sichtbar. Nach dem Survivaltraining in den endlosen Sümpfen Floridas – hier nimmt BAND OF THE HAND lustigerweise die heute das Privatfernsehen füllenden Realitysoaps um schwer erziehbare Jugendliche voweg -, kommt der Sprung in die Metropole Miami sehr unvermittelt, ebenso wie die eben noch recht realistischen sozialpädagogischen Konzepte Joes plözlich eine Wendung zum Radikalen nehmen. Wie es Joe formuliert: Um ein (moralisch) gutes Leben zu führen, muss man erst das Umfeld dafür schaffen. Im Film sieht das freilich etwas weniger harmlos aus, als es sich anhört. Ging es eben noch darum, Respekt vor dem anderen zu haben, so lautet die Devise plötzlich, den anderen im Notfall auch mit Gewalt daran zu erinnern, dass er diesen Respekt im Gegenzug ebenfalls schuldig ist. Nach der eher realistisch anmutenden ersten Hälfte macht Glasers Film mit seinem Wandel zum Action- und Selbstjustiz-Kracher einen gewaltigen Sprung, der auf diegetischer Ebene kaum begründet werden kann. Diesen Sprung und die durch ihn repräsentierte moralphilosophische Antinomie aber nur als ideologischen Offenbarungseid zu werten, griffe zu kurz. In der konfligierenden Gegenüberstellung von Lebensentwürfen – den beiden Hälften des Films – behandelt BAND OF THE HAND das Dilemma, das der Actionfilm immer thematisiert hat und das ihm immer wieder als Zynismus ausgelegt wird, lediglich auf besonders grafische Art und Weise. BAND OF THE HAND besagt richtig: Wer Pazifismus und Gewaltlosigkeit predigt, vergisst, dass diese Haltungen lediglich aus einer Position der Macht heraus eingenommen werden können. Wer nichts besitzt, muss zum Täter werden, wenn er nicht Opfer sein will. Für die fünf Rehabilitierten bedeutet dies, dass sie erst die Welt schaffen müssen, in der sie ihr neues Leben leben können. Der Staat wartet nur darauf, dass sie sich den ersten Fehltritt leisten, um sie wieder in die Strafanstalt zurückzuschicken, aus der sie gekommen sind. Und in einem Umfeld sozialen Elends ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zu einem solchen Fehltritt kommt. Das Paradox kann natürlich niemals aufgelöst werden: Wenn die „Band of the Hand“ (so genannt, weil alle Fünf zusammenhalten müssen wie die Finger einer Hand) den Drogenbaron Nestor und seine Fabrik am Ende ausgelöscht haben, ist das unschuldige Lächeln, das sie einem Polizisten entgegnen, der sie anhält, nur gespielt. Es verdeckt das Wissen, dass sie nie wieder in einen Zustand der Unschuld zurückgelangen werden. Ihre Fahrt in die Nacht führt sie nicht in den Schoß der Gesellschaft zurück, sondern in die Emigration. Wie der Westernheld, der keine Belohnung annimmt und in den Sonnenuntergang reitet, wissen sie: Diese Welt ist nicht mehr die ihre.

Kommentare
  1. Der Außenseiter sagt:

    Toller Eintrag zu einem wirklich ungewöhnlichen Film. 🙂

    • funkhundd sagt:

      Dankeschön!

      Ja, der ist wirklich was Besonderes und ich bin mir sicher, dass er auch bei mehrmaligem Ansehen noch neue Erkenntnisse bringt.

      Schade, dass ich ihn erst jetzt gesehen habe. Wäre er mir in meiner Jugend begegnet, würde ich ihn heute in- und auswendig kennen. 🙂

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