the long goodbye (robert altman, usa 1973)

Veröffentlicht: Juli 22, 2009 in Film
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Privatdetektiv Philip Marlowe (Elliott Gould) will seinem Freund Terry nur einen Gefallen tun, als er ihn über die mexikanische Grenze nach Tijuana bringt, doch zum Dank steht am nächsten Morgen die Polizei bei ihm vor der Tür: Terrys Ehefrau wurde ermordet, ihr Gatte steht unter dringendem Tatverdacht und Marlowe nun als möglicher Mittäter da. Ihm bleibt aber nicht viel Zeit darüber nachzudenken, denn es wartet schon der nächste Auftrag auf ihn: Der berühmte Schriftsteller Roger Wade (Sterling Hayden), ein Alkoholiker, ist wieder einmal abgetaucht, seine Gattin Eileen (Nina Van Pallandt) vermutet ihn in der Entzugsklinik von Dr. Verringer (Henry Gibson). Marlowe bringt den bärbeißigen Säufer nach Hause und lernt das Ehepaar besser kennen. Und plötzlich ergibt sich eine unerwartete Verbindung zu Terry …

long_goodbye_ver2Mit dem Privatdetektiv Philip Marlowe, neben Hammetts Sam Spade vielleicht der berühmteste US-amerikanische Romandetektiv des vergangenen Jahrhunderts, schuf der Schriftsteller Raymond Chandler einen Charakter, der gut sichtbare Spuren in der Populärkultur hinterließ: Chandler inspirierte das Genre des Film Noir mit seinen Romanen maßgeblich, seine Figur wurde durch die Verkörperung Humphrey Bogarts in Howard Hawks‘ THE BIG SLEEP weltberühmt und geradezu zur Ikone erhoben. Robert Altmans Verfilmung transportiert diese Figur mit THE LONG GOODBYE in das Los Angeles der Siebzigerjahre und unterzieht den Film Noir damit einer Verjüngungskur, ohne jedoch dessen existenzialistischen Kern anzugreifen. Auffällig ist zunächst einmal, das Altmans Film über weite Strecken am Tag spielt, geradezu sonnig ist und somit auf eines der definitorischen Merkmale des Film Noir, die Nacht, verzichtet. Während der Film Noir diese zum Leitmotiv erhebt – sie repräsentiert sowohl das nach außen gekehrte Innere des Private Eye, für den es weder Zukunft noch Vergangenheit, sondern nur ein ewiges, suspendiertes Jetzt gibt, sowie den Status Quo der menschlichen Gesellschaft und ihre moralische Verkommenheit – akzentuiert Altman eher das Traumartig-Skurrile, das er dann aber immer wieder gezielt aufbricht. Sein Film beginnt damit, dass Marlowe mitten in der Nacht von seiner hungrigen Katze geweckt wird und daraufhin einen 24-Stunden-Supermarkt aufsucht, um ihr ihr Lieblingsfutter zu kaufen. Die Stimmung dieser Auftaktepisode, das Dem-Schlaf-Entrissen-Werden, eine Mischung aus Schlaflosigkeit, Schlafwandlerei und Traum, zieht sich in der Folge durch den ganzen Film, der auch in seinen Sonnenszenen von dieser gewissen Milchigkeit durchtränkt ist, die darauf schließen lässt, dass die Sinne Marlowes vernebelt sind bzw. wir uns in einer Welt bewegen, in der die Kontraste unscharf, die Grenzen durchlässig geworden sind. Marlowe fungiert weniger als Detektiv und gewiefter Ermittler, sondern vielmehr als Führer: Er ist der lakonische Beobachter des Absurden, der dieses nur noch müde belustigt  als unumstößliches Faktum hinnehmen kann und schon längst nicht mehr versucht, die Welt zu verbessern. Nur am Schluss, wenn er erkennt, dass er hintergangen wurde, greift er noch einmal wirklich aktiv in den Lauf der Dinge ein, aber es ist eine Handlung ohne jegliche Theatralik, weniger diktiert von überbordendem Gefühl als von kalter Pragmatik und dem Wunsch, einmal den Unterschied zu machen. THE LONG GOODBYE ist ein Film der seltsam unterdrückten Gefühle: Alles wirkt gedämpft, gebremst, betäubt. Selbst eine Szene wie jene, in der der unberechenbare Gangster Marty Augustine (Mark Rydell) seine Männer – unter ihnen ein noch junger Arnold Schwarzenegger in seinem zweiten Spielfilm – dazu auffordert, sich vor Marlowe zu entkleiden, damit er sieht, dass sie nichts vor ihm zu verbergen haben, wirkt trotz aller vordergründigen goofiness unterkühlt. Man möchte lachen, aber man weiß, dass ein Gewaltausbruch die Vorzeichen der Szene jederzeit umkehren könnte. Zu dieser ambivalenten Atmosphäre trägt auch Altmans gewohnt eigenwilliges Spiel mit der Tonspur bei. Den im Private-Eye-Movie sonst gängigen Voice Over ersetzt er durch eine Art externalisierten inneren Monolog: Marlowe nuschelt beständig vor sich hin, oft ist nicht klar, ob seine Äußerungen für andere gedacht sind oder ob er nur mit sich selbst redet. Immer wieder begegnet ihm und dem Zuschauer der titelgebende Song „The Long Goodbye“ und unterstreicht den Eindruck, einem Traum beizuwohnen, in dem alles Zeichen ist und nur darauf wartet, decodiert zu werden. Wenn Marlowe doch nur einmal genau hinhören würde, er wüsste, dass diese Geschichte von (seinen) verpassten Gelegenheiten erzählt und davon, dass er am Ende doch immer zu spät kommt:

„Even as she smiles
a quick hello
You’ve let her go
You’ve let the moment fly
Too late you’d turn your head
You’d know you’ve said
the long goodbye“

Und so ist es am Ende kaum verwunderlich, dass es nicht Marlowes Geschick ist, das die Auflösung bringt: Der Nebel lichtet sich von ganz allein, so wie den Aufwachenden am Morgen der Schlaf verlässt.

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Kommentare
  1. Marcos sagt:

    Altman ließ das Filmmaterial so häufig waschen, bis kaum noch Farbe darstellbar war. Manchmal war es auch nicht mehr zu verwenden. Er wollte wirklich jeglichen Anflug von Licht aus seinem farbigen film noir herauswaschen. Überall wird CHINATOWN so gelobt, aber ist der eine brillante Farbwiedergabe des film noir, welcher mehr Eigenständigkeit zu besitzen scheint als seine Vorbilder, ist DER TOD KENNT KEINE WIEDERKEHR nicht nur das, sondern führt in eine völlig neue Dimension der Ausweglosigkeit. Marlowe kann am Schluss nur noch ein Tänzchen aufführen. Ähnlich wie Friedkins BRENNPUNKT BROOKLYN, Peckinpahs BRING MIR DEN KOPF VON ALFREDO GARCIA oder Hoopers BLUTGERICHT IN TEXAS werden hier Endpunkte definiert, über die es nicht mehr hinausgehen kann. Eigentlich sehr Dekaden gebunden, denn das man es doch kann, beweisen Regisseure wie Mann mit DER EINZELGÄNGER oder Friedkin mit LEBEN UND STERBEN IN L.A.

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