carne per frankenstein (paul morrissey, frankreich/italien/usa 1973)

Veröffentlicht: Juli 30, 2009 in Film
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chair-pour-frankenstein-R[1]Dem Baron Frankenstein (Udo Kier) graut vor dem Menschen: In seinen Augen ist die menschliche Rasse nicht mehr als Müll und Abschaum, der ausgerottet gehört. Deshalb träumt er von einer Superrasse, einem nach dem serbischen Schönheitsideal – denn die Serben stammen wie er weiß, von den antiken Griechen ab – gebildeten Pärchen, das ihm gottgleiche Kinder und also eine neue Menschheit gebären soll. Auf der Suche nach einem Männerkopf, der über eine dem Ideal entsprechende „nasum“ verfügt und außerdem zu einem virilen Körper gehört, unterläuft ihm leider ein Fehler: Statt dem umtriebigen Stallburschen Nicholas (Joe Dallessandro) den Kopf abzuschneiden, erwischt er das Haupt des impotenten Sacha (Srdjan Zelenovic), der eigentlich Mönch werden will. Die Katastrophe naht mit großen Schritten als Nicholas seinen verschwundenen Freund im Schloss des Barons wiedertrifft …

Zu CARNE PER FRANKENSTEIN gibt es eine schöne autobiografische Anekdote: Ich sah diesen Film zum ersten Mal bei meinem leider verstorbenen Großonkel, einem Videoveteran der ersten Stunde. In seiner Sammlung befanden sich damals etliche Schätze, deren Wert ich damals noch gar nicht ermessen konnte und die ich – altersbedingt – auch noch nicht sehen durfte. Eigentlich. Denn es gibt zwei Ereignisse, bei denen ich, in Unkenntnis darüber, was es für verkommene Filme gibt und also vollkommen ohne Hintergedanken, beherzt zugriff: So wurde ich im zarten Alter von etwa zwölf des NEW YORK RIPPER ansichtig – ein Sichtungserlebnis, das ich nach wenigen Minuten freiwillig und etwas verstört abbrach – und zu einer anderen Gelegenheit eben dieser grotesken Frankenstein-Adaption, die ich – der Name Andy Warhol sagte mir noch nichts – für den alten Universal-Film mit Boris Karloff hielt. Mir ist mein Irrtum wohl relativ bald aufgefallen und nachdem Frankenstein dem armen Sacha den Kopf mit der Heckenschere abgetrennt hatte, entschloss ich mich dann dazu, meine Sichtung zu beenden. Die Eltern saßen im Nebenzimmer und irgendwie hatte ich die Befürchtung, sie würden mich beim Betrachten dieses merkwürdigen Films ertappen, was ich unbedingt vermeiden wollte. So einen Film hatte ich noch nie gesehen. Kein Wunder, denn auch heute, 20 Jahre  und etliche abstruse Filme später, muss ich einräumen, dass CARNE PER FRANKENSTEIN ein ziemliches Unikat darstellt. Klar, trashige, mit Sexeinlagen garnierte Horrofilme gibt es wie Sand am Meer, aber der Begriff „Trash“ allein trifft das Wesen von Morrisseys Film einfach nicht. Die Bilder sind von einiger Eleganz und Schönheit, die Kulissen und Settings alles andere als billig und die Klaviermusik, die das groteske Treiben untermalt, verleiht dem Film einen barocken, opulenten Anstrich, der das saftige Geschehen nur vordergründig zu kontrastieren scheint, eigentlich aber perfekt dazu passt. Neben den überspitzten Splattereinlagen, bei denen sehr großzügig mit frischen Eingeweiden vom Metzger und knätschrotem Kunstblut um sich geschmissen wird, sticht natürlich vor allem Udo Kier als Frankenstein heraus, der seine Rolle bei der Gurgel packt und sie bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Mit seinem herrlichen deutschen Akzent ausgestattet spielt er sich förmlich in Ekstase und spricht Dialogzeilen für die Ewigkeit: „Tu noh dess, Otto … ju häff tu fack leif … in se gall blädder!“ Wenn ihm einer abgeht, während er die Organe im aufgeschnittenen Torso seines weiblichen Monsters betastet, oder er sich auf dem Operationstisch an ihr vergeht, eine Hand immer in der offenen  Bauchhöhle, dann sind das auch mehr als 30 Jahre nach Veröffentlichung immer noch unerreichte Sternstunden des Exploitationkinos. Doch CARNE PER FRANKENSTEIN darauf zu reduzieren, hieße zu verkennen, das er Ideen des Wiener Aktionismus, des absurden Theaters und des Surrealismus aufgreift und mit den Mitteln des Schunds zu einer höchst originellen Melange verbindet, um seine „Botschaft“ unters Volk zu bringen.  

CARNE PER FRANKENSTEIN darf nämlich durchaus auch als komische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Rassenphilosophie verstanden werden, die ja in den späten Sechziger- und Siebzigerjahren von linksintellektuellen Künstlern verstärkt als sexualpathologische Disposition gelesen wurde (man denke in dieser Hinsicht nur an den wohl berühmtesten Film dieser Strömung, Pasolinis SALÒ O LE 120 GIORNATE DI SODOMA). Morrisseys Frankenstein ist nach diesem Verständnis ein „Nazi“, besessen von dem Gedanken, die „Unreinheit“ zu besiegen und den Übermenschen zu kreieren. Sein Schönheitsideal ist zwar nicht arisch, sondern serbisch, aber der Verweis auf die griechische Antike spricht Bände. Gekoppelt ist sein Experiment an eine unübersehbare sexuelle Störung: Frankensteins Ehefrau ist gleichzeitig seine Schwester, die gemeinsamen Kinder wirken demzufolge etwas derangiert (sie setzen am Schluss des Films das Werk des Vaters fort) und die Leidenschaft, mit der er sich den toten Körpern widmet und dabei jegliche gebotene wissenschaftliche Sachlichkeit verliert, lässt sich mit dem Begriff „Nekrophilie“ treffend umschreiben. Aus dieser Perspektive lässt sich dann auch die Wildheit von Morrisseys Film erklären: Er ist ein beherzter Hieb, eine heftige Polemik gegen eine Elterngeneration, die sich damals noch nicht vollständig verabschiedet hatte, steht ganz in der Tradition der in den späten Sechzigerjahren erzwungenen Aufarbeitung der Vergangenheit. Dass er diese Polemik nicht im Gewand eines zerebralen Avantgarde-Kunstfilms für die Intellektuellen kleidet, sondern als Softsex-Splattergroteske, die jedem Bahnhofskino eingeheizt haben dürfte, verleiht dem Film seine unwiderstehliche subversive Note.

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