the hitman (aaron norris, usa 1991)

Veröffentlicht: August 5, 2009 in Film
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Garret (Chuck Norris), ein tougher Cop, wird bei einer Razzia von seinem verräterischen Partner Delaney (Michael Parks) erschossen. Wie durch ein Wunder überlebt der Polizist und wird einige Jahre später mit neuer Identität ausgestattet in die Organisation des Mafiabosses Luganni (Al Waxman) eingeschleust, wo er unter dem Namen Grogan nicht nur dessen Vertrauen, sondern bald auch eine entsprechend verantwortungsvolle Position einnimmt. Als ein Krieg zwischen den italienischen, französischen und iranischen Organisationen entbrennt, ist Grogan mittendrin und trifft bald schon auf seinen einstigen Partner, der es ebenfalls weit gebracht hat …

501811[1]Der Actionheld schwankt stets zwischen zwei Polen: der inneren Lähmung, die die ständige Konfrontation mit Grausamkeiten, Tod und Verbrechen und die Resignation gegenüber der Unveränderbarkeit der Welt nach sich ziehen, und dem stetigen Lauerzustand, der der körperlichen Explosion vorausgeht, ihn die Fesseln der Lähmung reflexartig und impulsiv abwerfen lässt. Chuck Norris kann das eine perfekt verkörpern, das andere überhaupt nicht: Selbst im größten Schlachtgetümmel, auf dem Sattel eines mit Raketenwerfern ausgestatteten Motorrads, Auge in Auge mit dem verhassten Schurken und im Hand-to-Hand-Combat strahlt er nüchtern-sachliches, fast protestantisches Pflichtbewusstsein aus, anstatt in ekstatische Rauschzustände zu geraten. Sein Kampfstil ist Ausdruck einer roboterhaften Ökonomie, der jeder Anflug von ornamentaler Individualität zuwider ist. Chuck Norris würde nie einen Spagat machen, wie sein Kollege Van Damme, er würde nie weinen wie Stallone oder selbstsicher prahlen wie Seagal: Er ist ein Arbeiter, ein Handwerker, befähigt und „auserwählt“ nicht durch ein übermenschliches Talent, eine göttliche Gabe, Vision und Inspiration, sondern durch Disziplin und Selbstbeschränkung. Deshalb ist er auch der perfekte Mann für Figuren wie Garret/Grogan, für jeder Emotion beraubter Zombies, für Männer, die über die ewige Routine zu Stein geworden sind, seelenlose Hüllen, die sich damit begnügen, die ihnen zugedachte Rolle einzunehmen. Gleich zu Beginn pustet Grogan einen von Lugannis Männern einfach so, ohne Vorwarnung, ohne jede Emphase weg, weil dieser ihn beschimpft hatte, und versetzt mit dieser Art des bedingungslosen commitments sogar seinen Boss in Erstaunen. „Du brauchst noch nicht mal einen Grund! Er war doch nur ein Arschloch!“, sagt er, nicht wissend, ob er sich wirklich darüber freuen soll, diesen Grogan zu kennen. THE HITMAN, wahrscheinlich Aaron Norris‘ bester Film, schlägt volles Kapital aus den Limitierungen seines Hauptdarstellers, lässt ihn in den minimalistischen Actionsequenzen mit der Unaufhaltsamkeit des Sensenmanns (der großzügige Einsatz von Trockeneisnebel akzentuiert noch das Unterweltliche der Figur) durch die Feindeslinien schreiten, Leichen links und rechts zu seinen Füßen sinken. Diese Analogie rückt THE HITMAN natürlich in die Nähe solch metaphysisch angehauchter Western wie etwa Corbuccis DJANGO oder Eastwoods HIGH PLAINS DRIFTER, in denen jeweils offen bleibt, ob die rechtsprechende Urgewalt in Menschengestalt ein Besucher aus dem Jenseits ist. Grogan, meist in einen langen schwarzen Mantel gekleidet, mit Vollbart und langen Haaren sowie einer altertümlichen Waffe ausgestattet und auf dem Soundtrack gern mit dem Einsatz von Bläsern akzentuiert, die sowohl ans Westerngenre als auch an Trauermärsche denken lassen, ist in jeder Hinsicht ein Wiedergänger, ein Zombie: weil er bereits klinisch tot war, weil er Relikt einer vergangenen Zeit ist und weil er nichts mehr zu verlieren hat. In der Spätphase von Norris‘ Filmkarriere setzte er sich mit THE HITMAN und der Darstellung des Grogan selbst ein Denkmal, bevor er dann seine gescheiterten Crossover-Versuche in Richtung Familienunterhaltung unternahm. Dieser Schritt deutet sich aber – der Fleck auf der ansonsten reinen Weste dieses Films – hier schon an in dem Subplot um Grogans braven Nachbarsjungen Tim, dem er hilft, sich gegen den Bully von gegenüber durchzusetzen. Wäre dieser Strang nicht, der sich in diesen Film einfach nicht einfügen will, mit seinem gutmenschlich-naiven Humanismus wie eine lieblich-melodisches Säuseln in einer ansonsten brachialen Kakophonie der Gewalt und des Todes wirkt und damit vollkommen deplatziert ist, ich würde von einem Meisterwerk sprechen. So ist THE HITMAN einfach nur ein filmgewordenes Kantholz, perfekt dazu geeignet, einem Ahnungslosen ins ungeschützte Kreuz geworfen zu werden.

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